Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Geschichtswissenschaften Sommersemester 2003
HS „Marshall-Plan und Rekonstruktion Westeuropas 1947 - 1952“
Knotenpunkt dreier Systeme?
das Commonwealth und Westeuropa.
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Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
2. Knotenpunkt dreier Systeme? - Großbritannien, die USA, das Common-
wealth und Westeuropa.
2.1 Die Bedeutung von Commonwealth und Sterlingblock
f ür die britische Innenpolitik 4
2.2 Großbritannien und Europa zwischen 1945 und 1947:
Die britische Vorstellung von europäischer Integration 5
2.3 „Third Force“ und „Special Relationship“:
das britisch-amerikanische Verhältnis 1945 - 1947 3
2.4 Die Krise des Jahres 1947 und
Gro ßbritanniens Abkehr von Europa 12
2.5 Die Verhandlungen um die Europäische Zahlungsunion 16
3. Zusammenfassung 18
4. Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Mit Milliarden im Ausland verschuldet, prestigereiche Kolonien verloren, von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, den neuen Weltmächten, an den Rand gedrängt - so lässt sich die britische Position nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 kurz und knapp charakterisieren. Dabei schien die ruhmreiche Geschichte nicht mehr zu sein, als der Schatten vergangener Tage. Der Beginn einer neuen britischen Epoche und einer politischen Wende im Land wird auch durch den erdrutschartigen Wahlsieg der Labour-Partei unter Clement Attlee gegen Winston Churchills Konservative im Juli 1945 sinnbildlich. Die neue Regierung kündigte an, mit ihrem Wohlfahrtsprogramm, der größten Sozialreform in der britischen Geschichte, das Land im Inneren komplett umzustrukturieren. Anders als zu Zeiten des Empire stand Großbritannien nun nicht mehr an der Spitze der Weltpolitik, sondern war eines von vielen Ländern und zur Zusammenarbeit gezwungen. Die neue Weltlage, in der das Königreich zwischen zwei Großmächten im aufkeimenden West-Ost-Konflikt situiert war, schloss eine Isolation des Landes aus. Statt dessen stand man in einer gewissen Verantwortung, die von den Vereinigten Staaten nach dem Krieg darin artikuliert wurde, dass sie Großbritannien als Speerspitze einer (west-)europäischen Integration sehen wollten. Aber vor allem im Hinblick auf eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zeigten sich schnell Differenzen zwischen Großbritannien und seinen europäischen Nachbarn. Dies genauer zu untersuchen soll die Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein.
Zum entscheidenden Faktor für die Integration Europas mit Großbritannien sollten dabei die „Überreste“ des britischen Weltreichs, das Commonwealth und, von der Fläche nahezu identisch, der Sterlingblock, sein. Beide, obwohl aus dem politischen Blickwinkel betrachtet relativ informelle Verbunde, waren in punkto Wirtschaft für Großbritannien von besonderer Bedeutung. Zwischen den Mitgliedern des Commonwealth und des Sterlingblocks gab es einen ungehinderten Warenaustausch in einem komplizierten System von Zöllen, Einfuhrquoten und zweiseitigen Clearing- und Handelsverträgen 1 . Obwohl beispielsweise auch Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg noch Kolonien in Übersee besaß, war die britische Situation eine andere. Wie zu beweisen sein wird, war Großbritannien aufgrund seiner beispiellos hohen finanziellen Belastung und der Reformpläne der neuen Regierung auf die Privilegien des Commonwealth und des Sterlingblocks angewiesen. Anders als von vielen Zeitgenossen gesehen, musste London darin die Vorraussetzung für wirtschaftliche Rekonstruktion sehen,
1 Vgl. Cornides, Wilhelm (Hrsg.): Europa-Archiv. Erstes Jahr, Juli 1946 - Juni 1947, Oberursel 1948, S. 77 f.
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und nicht etwa das Ausleben alter Weltmachtsfantasien. Dies möchte ich im ersten Teil dieser Arbeit ausführen.
Die Verflechtung zum Commonwealth sollte die entscheidende Determinante in den britischen Integrationsvorstellungen sein - und letztlich zu einem unüberwindbaren Hindernis werden, das Großbritannien zum Außenseiter in Europa machte. Die Frage muss sein, inwieweit man sich in London eine westeuropäische Integration überhaupt vorstellen konnte (der Fokus liegt dabei auf einer wirtschaftlichen Kooperation), und daraus resultierend ob diese Vorstellungen mit den Plänen der Vereinigten Staaten und der europäischen Nachbarn überhaupt vereinbar waren.
Das Verhältnis zu den USA, das vor allem von britischer Seite nach der engen Zusammenarbeit im Krieg oft als „Special relationship“ charakterisiert wurde, muss bei der Frage nach der europäischen Integration behandelt werden, nicht nur aufgrund der amerikanischen Pläne für Westeuropa. Sowohl im Verhältnis zu Europa als auch zu den Vereinigten Staaten lassen sich in den Jahren 1945 bis 1951, die ich in dieser Arbeit behandeln will, verschiedene Entwicklungslinien feststellen. Ähnlich wie das Commonwealth sollten auch die Vereinigten Staaten eine entscheidende Säule für die wirtschaftliche Rekonstruktion Großbritanniens darstellen. Allerdings zeigt sich in dem spannungsgeladenen Verhältnis der beiden Staaten die selbstbewusste Haltung Londons in den Nachkriegsjahren, wie ich genauer erläutern möchte. Besonders die Europäische Zahlungsunion, letztlich neben der OEEC das einzige relativ wirkungsvolle Ergebnis wirtschaftlicher Integrationsbemühungen in Westeuropa, an dem Großbritannien in der frühen Nachkriegszeit beteiligt war, beweist, wie die britische Regierung eigene Forderungen vehement verteidigte und sich Washington dazu gezwungen sah, eigene Vorstellungen von Integration gegenüber den britischen Forderungen zurückstellen zu müssen. Trotz aller finanzieller Abhängigkeit sollte sich Großbritannien nicht als unmündiger Adjutant amerikanischer Interessen darstellen.
Diese Hausarbeit beruht größtenteils auf Quellen des amerikanischen Außenministeriums und der britischen Politik, sowie auf der wichtigsten Forschungsliteratur zum Thema. Die britische Position in den Nachkriegsjahren ist oft untersucht worden, und ich habe versucht, die wichtigsten englischen (Milward, Young) und amerikanischen Forschungen (Hogan, Dulles) zu berücksichtigen. Zudem flossen neuere Arbeiten in diese Arbeit mit ein. Die Quellen sind den Sammlungen „Foreign Relations of the United States“ und den von Walter Lipgens und Wilfried Loth herausgegebenen „Documents on the History of the European Integration, 1945 - 1950“ entnommen.
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2. Knotenpunkt dreier Systeme? -
Großbritannien, die USA, das Commonwealth und Westeuropa.
2.1 Die Bedeutung von Commonwealth und Sterlingblock für die britische Innenpolitik
Großbritannien war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der weltgrößte Schuldner, und befand sich in der Zwickmühle, dass es, wollte die neue Labour-Regierung ihr Wahlversprechen umsetzen und das Wohlfahrtsprogramm im Land durchsetzen, noch mehr Geld brauchte. Ziel der Reformen war die Schaffung von mehr Stabilität im Innern, was z.B. durch die Erhaltung der Vollbeschäftigung erreicht werden sollte. Zudem wurden einige Steuern erhöht und u. a. die Bank von England sowie das Transportgewerbe verstaatlicht 2 . Die finanzielle Situation im Königreich wurde vor allem dadurch belastet, dass es im Land, wie in den europäischen Nachbarstaaten, eine große Dollarlücke gab. Dies wirkte sich, wie in Tabelle 1 ersichtlich, auf den Export amerikanischer Produkte aus, was erst nach dem Einsetzen der Marshall-Plan-Hilfen gebessert, wenn auch nicht gelöst werden konnte.
Tabelle 1: Britischer Handel mit der Dollarregion 1946 - 1952 in Millionen Pfund 3 .
Um das Wohlfahrtsprogramm realisieren zu können und die ökonomische Situation zu verbessern, brauchte es vor allem die eigene Wirtschaft. Die in der Einleitung erwähnten Privilegien im Commonwealth und Sterlingblock mussten zwangsläufig erhalten werden. Der Historiker Pollard unterstreicht: „Sollte die innere Stabilität Vorrang vor der äußeren haben, so mussten die Außenhandelspositionen überwacht und stark kontrolliert werden.“ 4 Großbritannien sprach sich gegen Lockerungen der Importkontrollen und -beschränkungen aus und führte bestimmte Subventionen, Sicherheitsbestimmungen, technische Bestimmungen, Men- 2 Vgl.Milward, Alan S.: The Reconstruction of Western Europe 1945-1951, London 1984, S. 51.
3 Vgl. Pollard, Sidney: „Struktur- und Entwicklungsprobleme der britischen Wirtschaft”, in: Hans Kastendiek, Karl Rohe,
Angelika Volle (Hrsg.): Länderbericht Großbritannien: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Bonn 1998, S. 297, dort
zitiert nach Tomlinson, John: Public Policy and the Economy since 1900, Oxford 1990, S. 208.
4 Ebd., S. 297.
Arbeit zitieren:
Bernd Evers, 2002, Knotenpunkt dreier Systeme? Großbritannien, die USA, das Commonwealth und Westeuropa, München, GRIN Verlag GmbH
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