Inhalt
Vorwort S.1
1. Begriffsklärung und Vorbetrachtung S.2
2. Goethes Individualitätsbegriff (nach Georg Simmel) S.5
3. Simmels Sicht auf den Individualismus S.7
4. Die Bildung der Ich-Identität nach Erikson S.9
5. Die Problematik der postmoderne Identitäten S.14
5.1 Der Zustand der Gesellschaft als Ursache der Identitätssuche S.14
5.2 Die Forderung der Gesellschaft nach Identität S.16
5.3 Identitätsbildung durch Konstruktion der Biographie S.18
5.4 Patchwork-Identität S.20
5.5 Identität und Anerkennung S.22
5.6 Rückzug in vorgefertigte Identitäten S.24
6. Resümee S.27
Prim ärquellen und Literaturhinweise S.29
II
Vorwort
Die vorliegende Arbeit wurde im Rahmen des Seminars "Identitätskonstruktionen in der Netzwerkgesellschaft" verfasst.
Um sich mit der Konstruktion von Identitäten zu beschäftigen, muss man zuerst erforschen, was "Identität" überhaupt bedeutet, welche Rolle sie früher und heute gespielt hat bzw. spielt und welchen Einflüssen Individuen als auch Gesellschaft ausgesetzt sind, die durch verschiedene Identitäten erzeugt werden oder aber selbst verschiedene Identitäten erzeugen.
Zuvorderst werde ich mich mit der rein formalen Begrifflichkeit der "Individualität" und der "Identität" sowie weiterer, im Rahmen meiner Untersuchung immer wieder auftauchender Begriffe befassen, da es durchaus verschiedene Vorstellungen und Auffassungen vor allem im alltäglichen Sprachgebrauch gibt.
Nachdem die "Formalitäten" geklärt sind, werde ich kurz in die Geschichte eintauchen, um zu erkunden, welche Vorstellungen und Theorien Goethe (betrachtet durch die Augen Georg Simmels) und Simmel selbst von "Individualität" und "Individualismus" hatten. Auf den ersten Blick ein verschiedenes Thema, auf den zweiten erkennt man schnell, dass man "Identität" gar nicht erst zu diskutieren braucht, wenn man Individualität und das damit einhergehende Spektrum von Entwicklungsmöglichkeiten außer Acht lässt. Danach werde ich auf Erik H. Eriksons Theorie der Identitätsbildung eingehen, die zu den Grundlagen der gegenwärtigen Identitätsforschung zählt.
Es folgt eine kurze Zustandsbeschreibung der heutigen Gesellschaft und ihrer Probleme, kurz, weil diese schon an vielen anderen Stellen und oft genug beschrieben und beklagt worden sind.
Nach einem kurzen Exkurs zu Herbert G. Meads komme ich dann endlich zum Diskurs der Identität in der Postmoderne, allerdings auch hier nicht erschöpfend, da der Begriff spätestens seit Beginn der 1990er Jahre Hochkonjunktur hatte und entsprechend viel Literatur produziert wurde. Ich glaube jedoch die wesentlichen Gesichtspunkte herausgegriffen zu haben
Einen wichtigen Punkt der Identitätsbildung, die Anerkennung, werde ich noch gesondert behandeln, bevor ich mich mit bereits vorgefertigten Identitäten ("von der Stange"
1
sozusagen) beschäftige, die hochgradig attraktiv erscheinen für Individuen, denen die "postmodernen" Vorschläge einer Eigenkonstruktion zu anstrengend sind. Am Ende folgen eine Zusammenfassung sowie eine Schlussfolgerung. Die Arbeit deckt ein weites Spektrum ab, muss sie notwendigerweise auch, da die Identitätsforschung so populär ist. Es ist jedoch unmöglich, in einem solchen Rahmen einen wirklichen Gesamtüberblick zu schaffen, es wird nur ein Ausschnitt bleiben, welcher Aspekte enthält, die ich persönlich als besonders erwähnenswert und diskussionswürdig empfinde.
1. Begriffsklärung und Vorbetrachtung
Quelle: Duden, Fremdwörterbuch, Mannheim 1997
I|den|ti|tät
i|den|ti|fi|zie|ren: 1. genau wieder erkennen; die Identität, Echtheit einer Person od. Sache feststellen. 2. a) mit einem anderen als dasselbe betrachten, gleichsetzen; b) sich -: jmds. Anliegen o. Ä. zu seiner eigenen Sache machen; aus innerer Überzeugung ganz mit jmdm., etw. übereinstimen; c) sich -: sich mit einer anderen Person od. Gruppe emotional gleichsetzen u. ihre Motive u. Ideale in das eigene Ich übernehmen
Schon hier ergeben sich erste Probleme: auf den ersten Blick erkennt man den vollkommenen Widerspruch - einerseits bedeutet Identität, dass jemand oder etwas absolut unverwechselbar, einzigartig, eindeutig sei, andererseits soll es Gleichheit oder Übereinstimmung bedeuten. Wie geht das zusammen? Wie wir später feststellen werden, ist "Identität" eine durchaus zweiseitige, wenn nicht zweischneidige Sache, einerseits etwas höchst individuelles, andererseits etwas unabdingbar kollektives. Man kann also von einer personalen und einer sozialen Identität sprechen, die in einem Individuum vereint sind (oder sein sollten), vereinfacht gesagt: einerseits wie ich mich sehe oder gern
2
hätte und andererseits wie mich die anderen sehen oder gern hätten. Das bringt genau die Probleme hervor, die in der Arbeit behandelt werden sollen, denn selbst im günstigsten Falle können die beiden Identitäten nicht übereinstimmen, können nicht identisch sein. Sind sie es dennoch, liegt mit Sicherheit ein krankhafter Zustand vor, weswegen sich neben Philosophen vor allem Psychologen des Themas angenommen haben; Ziel ist und bleibt jedoch immer, diese beiden einander anzunähern, um das innewohnende Konfliktpotential zu verringern.
In|di|vi|du|um
in|di|vi|du|a|li|sie|ren
In|di|vi|du|a|lis|mus
In|di|vi|du|a|list der; -en:, -en: 1. Vertreter des Individualismus. 2. jmd., der einen ganz persönlichen, eigenwilligen Lebensstil entwickelt hat u. sich dadurch von anderen, ihren Verhaltens- u. Denkweisen abhebt.
In|di|vi|du|a|tion
Auch hier verbergen sich unterschiedliche Bedeutungen in ein und demselben Wortstamm, besonders die "Individuation" wird gern mit "Individualisierung" verwechselt oder - bewusst oder unbewusst - gleichgesetzt. Erstere jedoch ist eine ausschließlich authentische Angelegenheit, während man letztere - entsprechend seinen Fähigkeitenleicht fälschen oder vortäuschen kann.
"Individuation" wurde vor allem von Carl Gustav Jung geprägt; in seiner Theorie
3
bezeichnet der Begriff eine Form des Zu-Sich-Selbst-Findens durch Vereinigung von Anima und Animus, des weiblichen und des männlichen Aspektes jedes Individuums, sowie bewusste Konfrontation mit verdrängten Konflikten, um diese in sein Selbstbild einzubeziehen - ein mitunter äußerst schmerzhafter Prozess. "Individuum" und "Indivdualismus" haben immer auch einen negativen Beigeschmacksicher aus Zeiten, in denen dem Kollektiv der Vorrang eingeräumt wurde (vornehmlich die kollektiven Wahnideen Faschismus und Kommunismus) und in denen "Individualisten" als Abweichler betrachtet wurden, ihnen Misstrauen, Verachtung oder offener Hass entgegenschlug.
Auch in der heutigen Zeit, in der Individualisierung vom Markt und der Gesellschaft geradezu gefordert und auch gefördert wird, werden Subjekte argwöhnisch betrachtet, wenn sie sich nicht bestimmten Vorgaben und Vorstellungen gemäß individualisieren. Zu stark oder zu eigenwillig individualisierte Personen stehen immer im Verdacht, die Gesellschaft subversiv untergraben zu wollen, weil sie diese in ihrer bestehenden Form ablehnen. Die Personen selbst verdächtigen, oftmals an der Grenze zum paranoiden oder bereits darüber hinaus, dass die Gesellschaft sich ihrer bemächtigen will, um ihnen mittels Gehirnwäsche oder Resozialisierung oder ähnlichen Maßnahmen die Flausen auszutreiben und sie zu einem funktionierenden Rädchen umprogrammieren will. Wie so oft haben natürlich beide Parteien Recht (übertreiben aber auch beide), wir werden später sehen, welche sozialen Mechanismen dafür verantwortlich sind. Der Individualist muss aber auch die Gesellschaft ablehnen (erst recht, wenn er seine Individualität durch ein Mindestmaß an Individuation erlangt hat), da er erkennt, dass der größte Teil der Gesellschaft nur über eine Pseudo-Individualität verfügt. Er kann jedoch nicht ohne die Gesellschaft leben, und auch das weiß er. Deshalb trachtet er nicht selten bewusst nach einem ausgleichenden Verhalten, welches ihm das alltägliche Leben erträglich erscheinen lässt.
Die Gesellschaft wiederum muss sich vor dem Einzelgänger fürchten, weil er einen Alternativweg aufzeigt, der das Potential hat, den Weg der anderen existentiell in Frage zu stellen - und somit eine echte Bedrohung darstellt. Solange diese Alternative sich jedoch marktkonform verwerten lässt, sich also Geld damit verdienen lässt, ist auch diese Form der Individualisierung erwünscht - die Bedrohung wird als "Thrill" empfunden, welchem sich nach und nach weitere Individuen der Gesellschaft aussetzen (seien es Moden wie Bungee-Jumping, Tattoos oder Piercing). Dabei tritt der synergetische Effekt ein, dass die
4
Arbeit zitieren:
Falko Neubert, 2003, Individualität und Identität. Zum aktuellen Diskurs der Identitätsproblematik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Aspekte des Menschenbildes seit der Moderne
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Spuren der Sehnsucht - Erkundungen eines vernachlässigten Phänomens in...
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Diplomarbeit, 160 Seiten
Stille-Übungen mit Klangschalen
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Hausarbeit, 23 Seiten
Identität und Selbst: Persönlichkeits- und sozialpsychologische Aspekt...
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit, 29 Seiten
Entspannungstrainer progressive Muskelrelaxation
Seminar zur Gewichtsreduktion ...
Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung
Hausarbeit, 14 Seiten
The discovery of theory from data - Grounded Theory als methodologisch...
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Interkulturelle Kompetenz und deren Bedeutung für die Entwicklung inte...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit, 25 Seiten
Interkulturelles Bildverstehen
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Hausarbeit, 36 Seiten
Die Scheidung der Eltern im Erleben von Kindern und Jugendlichen
Examensarbeit, 103 Seiten
Leben in Stieffamilien unter besonderer Berücksichtigung der Situation...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Seminararbeit, 29 Seiten
Identitätskonstruktionen in modernen Gesellschaftsstrukturen
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 15 Seiten
Identität und Ideal. Zur Ich-Bildung in der Psychoanalyse
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Die Rolle des Interviewers in narrativen Interviews
Soziologie - Methodologie und Methoden
Hausarbeit, 27 Seiten
Das klientenzentrierte Beratungskonzept nach Carl R. Rogers und daraus...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 24 Seiten
Wandel des Generationenverhältnisses - Die postmoderne These vom Ende ...
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Darstellung und Diskussion zu George Herbert Meads 'Die Entstehung...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Seminararbeit, 15 Seiten
Falko Neubert hat den Text Individualität und Identität. Zum aktuellen Diskurs der Identitätsproblematik veröffentlicht
Falko Neubert hat einen neuen Text hochgeladen
Das Patchwork der Identitäten ...
Heiner Keupp, Thomas Ahbe, Wolfgang Gmür
Töchter und Mütter: Weibliche Identität, Sexualität und Individualität
Janneke van Mens-Verhulst, Karlein Schreurs, Liesbeth Woertman
Diskurs - Politik - Identität Discourse - Politics - Identity
Festschrift für Ruth Wodak
Rudolf de Cillia, Helmut Gruber, Michal Krzyzanowski, Florian Menz
Orientierung & Identität | Orientation and Identity
Porträts internationaler Leits...
Dieter Mayer, Erwin Bauer
0 Kommentare