Inhalt
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4
2.1 Die Erkrankung 4
2.1.1 Die Wende in Heinrichs Leben (V. 1 132 ) 4
2.1.2. Heinrichs Suche nach Heilung (V. 133 266 ) 6
2.2 Handlungsantrieb: Das namenlose Mädchen 8
2.2.1 Der Meiershof: Heinrichs Selbstdeutung (V. 267 458 ) 8
2.3 Die Heilung 10
2.3.1 Der Entschluß zum Opfer (V. 459 1026 ) 10
2.3.2 Die Reise nach Salerno (V. 1027 1386 ) 11
2.3.3 Die Genesung (V. 1387 1520 ) 13
3. Schluß 14
Literaturverzeichnis 15
2
1. Einleitung
Die epische Dichtung der arme Heinrich gilt als eines der letzten Werke Hartmanns von Aue, entstanden nach seiner inneren Umkehr zur Zeit der hochhöfischen Literaturepoche. Weder eine Urkunde, noch die Biographie Hartmanns liegen vor, doch er stellt sich in seiner Lyrik und Epik mehrfach vor. Zu Beginn des armen Heinrich spricht Hartmann von sich. Für den armen Heinrich gibt es keine sichere Quellen, doch die Erzählung weist auf die beiden Grundtypen der Aussatzgeschichten des Mittelalters hin: der Sylvesterlegende aus dem 5. Jahrhundert und der Freundschaftssage. Beide Geschichten besagen, daß der Aussätzige nur durch das Blut eines Kindes errettet werden kann.
Vielfältige religiöse Symbole, Motive und Bilder weisen auf die Verwurzelung des armen Heinrich im religiösen Denken des Mittelalters. Die Vermischung der Sphären des Menschlichen und des Göttlichen ist in dem ganzen Gedicht zu beobachten. Hartmann verwendet Motive aus verschiedenen literarischen Bereichen, die er künstlerisch zu einer Einheit verbindet. Legende, Märchen und religiöse Dichtung sind Muster, die sich im Verlauf der Handlung, abwechselnd und auch einheitlich, bemerkbar machen. Trotz seines geringen Umfangs weist das Gedicht eine poetische Dichte auf, die über den knappen Rahmen und Zusammenhang des Erzählten weit hinausgeht. 1
Hauptmotive im armen Heinrich sind Aussatz und Aussatzheilung, die im Mittelalter tabuisierte Krankheit und das magische Rezept. Der Werdegang eines Aussätzigen und die Geschichte einer opferbereiten Jungfrau - und schließlich beider Wandlung - bestimmen die relativ handlungsarme Erzählung. Das innere Geschehen, psychische Vorgänge werden in den Mittelpunkt gerückt. Anfangs bestimmt Heinrich den Erzählablauf. Im Mittelteil tritt das Mädchen erheblich in den Vordergrund, Heinrich bleibt passiv. Am Ende treten beide als Einheit hervor.
In der vorliegenden Arbeit wird die Frage nach der Bedeutung, Funktion und Symbolik der schrecklichen Krankheit gestellt und untersucht. Die kontroversen Thesen einer Strafe Gottes und einer göttlichen Prüfung werden in den kritischen Blickpunkt gegenwärtiger Betrachtung gerückt. Das Mädchen spielt hierbei eine entscheidende Rolle, ihre Gestalt treibt Heinrich zu seiner Wandlung. Der arme Heinrich widerspiegelt biblische Motive, die Konfrontation zwischen gut und böse, das Symbol der Liebe und Selbstaufgabe, und das zentrale Thema der Erlösung.
1 Kuhn, Hugo und Cormeau, Cristoph: Hartmann von Aue, Darmstadt 1973, S. 151.
3
2. Hauptteil
2.1 Die Erkrankung
Hartmann schafft in seinem Helden eine Idealgestalt, die beispielhaft wirken soll. Heinrich verkörpert höchste menschliche Eigenschaften, die im Prolog zur Entfaltung kommen. Er fällt von der Scheinhöhe seines Daseins, sein Leben verändert sich schlagartig.
2.1.1 Die Wende in Heinrichs Leben (V. 1-132)
In einem statischen Bild stellt Hartmann die Titelgestalt als Vorbild höfischer Tugenden vor. Heinrich ist der vollendete Typus der höfischen Humanität, vom Glück verwöhnt, aber durch seine Qualitäten des Glückes wert. Er erscheint vorherbestimmt für ein glücklich erfülltes Leben. Dieses ideale Dasein, die werltIîche wünne ( V. 79) gerät in eine Krise. Die Verse sîn hôchmuot wart verkêret; in ein leben gar geneiget (V. 82-83) drücken aus, daß aus dem vollkommenen Ritterdasein in ein tief gedrücktes Dasein erfolgt. Vertreter der Schuld-Strafe-Theorie erstellten die These, Heinrichs Krankheit sei Gottes Strafe für eine Schuld, nämlich das Fehlen seiner Nähe zu Gott. Schmidt-Krayer schließt aus dem Tugendkatalog, daß Heinrich nicht die nötige Gottesfürchtigkeit und die daraus resultierende Demut vor Gott besitzt, obgleich diese als christliche Haupttugend angesehen wird. Heinrichs Eigenschaften scheinen seiner Eitelkeit, seinem hôchmuot (V. 82) zu entspringen. 2 Cormeau steht dieser Deutung sehr kritisch gegenüber, da der Begriff hôchmuot verschiedene Bedeutungsaspekte besitzt, die von der positiven Wertung als Ideal des höfischen Daseins bis hin ins Negative als Überheblichkeit oder „superbia“ reichen. Cormeau hingegen sieht den Begriff in diesem Kontext lediglich im Zusammenhang der voran beschriebenen positiven Werte, und nicht als Zeichen für Heinrichs Überheblichkeit. 3 Hartmann beschreibt diesen Umbruch des Glücks mit einem Zitat aus der Bibel: mêdîa vîtâ in morte sûmus ( V. 92-93). Der Mensch ist dann dem Tod am nächsten, wenn er glaubt, mitten im Leben zu stehen. Hartmann verstärkt diesen Grundwiderspruch durch das Aufführen einer Reihe von Antithesen: nû sehet, wie unser lachen
mit weinenne erlischet.
unser süeze ist gemischet
mit bitterer gallen. (V. 106 -109)
2 Schmidt-Krayer, Barbara: Kontinuum der Reflexion, Göppingen 1994, S. 53-54.
3 Cormeau, C. und Störmer, W.: Hartmann von Aue. Epoche-Werk-Wirkung, München 1993, S. 151.
4
Das strahlende Licht der Kerze verfällt von einem Moment zum nächsten zu Asche - der Mensch wird generell als gebrechliches Wesen bezeichnet, dessen süßes Leben stets von bitterer Galle durchsetzt ist. Hartmann macht deutlich, daß die offensichtliche Stabilität der Welt nicht in der Hand des Menschen liegt. Selbst ein Mensch wie Heinrich, der größtes Ansehen und Würde auf dieser Erde besitzt, hat keine Macht über sein Schicksal. In Heinrichs Schicksal (V. 84-111) hebt Hartmann die menschliche Erfahrung von der Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit alles Irdischen hervor, er spricht aber nicht von Schuld, Sünde und Bestrafung. Hartmann nennt den Wandel vom Glück zum Unglück beispielhaft wie bei Absalom, knüpft allgemeine Betrachtungen über die Nähe des Todes und der Vergänglichkeit der Welt. 4
Der Dichter tut den Schritt vom Allgemeinen zum Besonderen (V. 112-119). Der Aussatz - die Krankheit, die im Mittelalter als Zeichen seelischer Vergiftung und Strafe Gottes begriffen wurde - wird in einem einzigen knapen Satz festgestellt: in ergreif diu miselsuht (V. 119). Heinrichs Schicksal wird mit dem des biblischen Hiob verglichen. Heinrich trifft die gotes zuht (V. 120) wie Hiob den Gerechten, den Gott prüfen ließ. Durch diese Analogie macht Hartmann deutlich, daß die Krankheit in seiner Sicht keine Strafe Gottes für eine Sündenschuld ist, sondern eine Prüfung. Gott greift in das Leben der Menschen ein, er „bringt sich in Erinnerung“. Der Autor läßt von vornherein keinen Zweifel daran, daß Heinrichs Krankheit durch Gottes Hand verursacht wird: er viel von sînem gebote (V. 116) und swæren gotes zuht (V. 120). Worin der tatsächliche Grund, die Motivation für diese schwere Züchtigung Gottes liegt, läßt Hartmann offen.
Einige Interpretationsansätze berufen sich auf die mittelalterlichen Ansichten der Lepra als Zeichen der Sündhaftigkeit. So sieht Tobin Heinrichs Schuld darin, daß dieser vollkommen außer Acht läßt, wem er all seine Tugenden zu verdanken hat. Heinrichs Leben ist nur auf Erfüllung innerhalb der weltlichen Grenzen gerichtet, wobei er die notwendige Beziehung zu Gott vernachlässigt. 5 Das Fehlen von Respekt gegenüber der Allmacht Gottes ist zwar keine bewußte Handlung des Protagonisten, doch im Mittelalter galt bereits der unreine Wille als sündig und strafbar.
Eine kontemporane Sicht des Falles Heinrichs wäre, den Umsturz als ein Problem der Theodizee zu betrachten. Die „Theodizeefrage“ ist eine der Grundfragen der Theologie. Der Begriff „Theodizee“, geprägt vom deutschen Philosophen G. W. Leibniz im Jahre 1697, leitet
4 Kaiser, Erich: Das Thema der unheilbaren Krankheit, Ulm 1964, S. 3
5 Tobin, Frank J.: Gregorius and Der arme Heinrich, Bern 1973, S. 83.
5
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Emese Farkas, 2003, Die Funktion der Krankheit in Hartmanns von Aue "Der arme Heinrich", Munich, GRIN Publishing GmbH
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