Inhaltsverzeichnis
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1 Einleitung
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2 Jane Austen: Anmerkungen zu Person und Werk
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2.1 Die unsichtbare Jane 6
2.2 Lebensstationen 7
2.2.1 Die Position in der Familie 7
2.2.2 Erste Schritte als Autorin 10
2.2.3 Bath und die literarische Dürreperiode 13
2.2.4 Von Beruf Schriftstellerin 15
3 Die Romane Austens
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3.1 Pride and Prejudice 22
3.3.1 Zusammenfassung 22
3.1.2 Über den Roman 26
3.1.3 Elizabeth und Mr Darcy 29
3.1.4 Die Bedeutung der Ehe 32
3.1.5 Der Gebrauch von Ironie 34
3.1.6 Kontraste und Parallelen 35
3.2 37
3.2.1 Zusammenfassung 37
3.2.2 Über den Roman 40
3.2.3 Emma als Romanfigur 43
3.2.4 Mr Knightley versus Frank Churchill 46
3.2.5 Highbury als Mikrokosmos 48
3.2.6 Liebesverwirrungen 50
3.3 Persuasion 53
3.3.1 Zusammenfassung 53
3.3.2 Über den Roman 56
3.3.3 Ein neuer Typ Heldin 58
3.3.4 Die Wiederannäherung 61
3.3.5 Adel versus Bürgertum 64
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1 EINLEITUNG
Seit der Durchsetzung des Tonfilms Anfang der 30er Jahre 1 entstanden bisher über zwanzig Filmadaptationen von Janes Austens Romanen. "The interest in Austen and in adapting her novels has […] been operative all through this century" 2 , erklären die Herausgeber des Buches "Jane Austen in Hollywood" Linda Troost und Sayre Greenfield. "In less than two hundred years, the cultural enviroment has altered enough to require considerable adaptation of the novels." 3 1940 entstand in Hollywood die erste Adaptation eines Austen-Romans, die sowohl in Amerika als auch in Europa große Erfolge feiern durfte. Nach einigen Jahrzehnten der Ruhe folgten schließlich zwischen 1970 und 1986 die ersten britischen Antworten: sieben Fernseh-Filme und Mini-Serien, hauptsächlich von der BBC produziert.
Das Interesse an Jane Austens Romanen und deren Adaptationsmöglichkeiten stieg weiterhin an, und so wurden allein zwischen 1995 und 1996 sechs weitere Filme produziert, davon drei aus Amerika, die restlichen aus England. Diese neue Welle von Adaptationen, die von Troost/Greenfield als "film phenomenon" 4 bezeichnet worden ist, trug dazu bei, die Jane Austen-Kritik auf andere mediale Formen ausdehnen zu können.
Drei dieser Produktionen erreichten einen hohen Grad an kommerziellem Erfolg: die BBC-A&E Miniserie "Pride and Prejudice" (September 1995, Davies/ Langton), die Mirage-Columbia Verfilmung "Sense and Sensibility" (Dezember 1995, Thompson/Lee) und die Miramax-Produktion "Emma" (Juli 1996, McGrath). Auch die eher ein jüngeres Publikum ansprechende, moderne Adaptation von Emma unter dem Titel "Clueless" (Juli 1995, Heckerling) von
1 Obwohl die einzelnen Verfahren zur Herstellung und Vorführung von Tonfilmen bereits länger bekannt waren und 1926 bereits in einem Film der Warner Brothers eingesetzt wurden, vollzog sich, trotz des durchschlagenden Erfolges, der Umstellungsprozess u.a. aus finanziellen und organisatorischen Gründen schleppend bis in die 30er Jahre.
2 Troost, Linda/Greenfield, Sayre: Watching Ourselves Watching, in: Troost, Linda/Greenfield, Sayre (Hrsg): Jane Austen in Hollywood, 1. Aufl., Kentucky 1998, S. 2 3 Ebd., S. 6 4 Ebd., S. 3
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Paramount Pictures zeigte, dass Austens Roman "proves itself to be surprisingly malleable and readily adaptable to the contemporary period." 5 Weitere Austen-Adaptationen, die nicht an dem Erfolg ihrer Vorgänger anschließen konnten, aber doch die positive Aufmerksamkeit der Kritiker auf sich zogen, waren die BBC-Verfilmung "Persuasion" (April 1995, Dear/Michell) und die Meridian-A&E Miniserie "Emma" (November 1996, Davies/Lawrence), die im britischen Fernsehen ausgestrahlt wurde.
"As a result of the manifold productions, Jane Austen becomes even more popular." 6 Die Verfilmung ihrer Werke hatte natürlich auch eine Rückwirkung auf den Buchmarkt zur Folge. Bei der britischen Presse wurde das steigende Interesse an Austen, ihren Romanen, den filmischen Adaptationen sowie der dadurch entstehenden Produktpalette (Bücher zum Film, Videokassetten, Soundtrack-CDs, u.a.) bald als "Austen mania" 7 bezeichnet, die man mit einer Vielzahl möglicher Theorien zu erklären versuchte. Auf dieses Phänomen wird in einem gesonderten Kapitel 8 einzugehen sein.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Film als Rezeptionsform von Literatur ins Blickfeld zu rücken. Dabei gilt zu beachten, dass eine Transformation von einem Medium in ein anderes grundsätzlich nicht ohne Kompromisse abläuft. "Changes to Austen's texts made for the differing tastes and politics of the modern audience bring out the conflict not only between two discrete eras of philosophical stances but between two modes of reception: reading versus watching." 9 Ein wichtiger Aspekt für eine erfolgreiche Umsetzung ist die Glaubwürdigkeit der Adaptation. Dabei muss von dem Begriff der 'Werktreue' Abstand genommen werden, da diese nicht ausschlaggebend für eine erfolgreiche Literaturverfilmung ist. Der Film ist als "unabhängiges Werk auf das Prestige der literarischen Vorlage
5 Ferriss, Susann: Emma Becomes Clueless, in: Troost/ Greenfield (Hrsg): Jane Austen in Hollywood, S. 123 6 Troost, Linda/Greenfield, Sayre: Watching Ourselves Watching, in: Troost/Greenfield (Hrsg): Jane Austen in Hollywood, S. 1 7 Simons, Judy: Classic and Trash: Reading Austen in the 1990s, in: Women's Writing, Vol.5, Nr.
1, 1998 8 Vlg. dazu 5.1 9 Troost, Linda/Greenfield, Sayre: Watching Ourselves Watching, in: Troost/Greenfield (Hrsg): Jane Austen in Hollywood, S. 8
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nicht angewiesen [...]." 10 Ein Film kann sich präsentieren als eine visuelle und dramatische Repräsentation bzw. Interpretation eines Romans, und somit die Erfahrungen, die ein Rezipient durch das lesen des Romans hat, bereichern. Nicht immer stimmt der Rezipient jedoch mit dem ihm dargebotenen überein: "Watching a film almost inevitably presents the viewer with a denser texture than does reading. As we read, we fill in the spaces that the text leaves blank, and we do not all fill them in the same ways.[…] [A]ny film production of a well-loved novel runs the risk of not conforming to what we may have imagined." 11
Aufgrunddessen wird in dieser Arbeit ein Vergleich zwischen drei Romanen Jane Austens und jeweils einer filmischen Umsetzung gezogen, wobei die Analyse der Werke und Adaptationen größtenteils auf die inhaltlichen Aspekte beschränkt werden soll.
Durch nähere Betrachtung der Romane Pride and Prejudice, Emma und Persuasion sowie deren Adaptation soll die Problematik bei Verfilmungen erzählender Werke gezeigt werden, und ob die jeweilige filmische Bearbeitung glaubwürdig, bzw. erfolgreich verlaufen ist. Bei den Verfilmungen handelt es sich um die erste filmische Adaptation eines Austen-Romans überhaupt, die "Pride and Prejudice"-Version von 1940 unter der Regie von Robert Z. Leonard, die "Emma"-Version von 1996 von Diarmuid Lawrence und "Persuasion" unter Regisseur Roger Michell aus dem Jahr 1995. Abschließend soll neben der Untersuchung von möglichen Unterschieden zwischen britischen und amerikanischen Austen-Adaptationen auch noch eine Antwort auf die Frage gefunden werden, ob eine Veränderung im Laufe der Zeit bei Austen- Adaptationen stattgefunden hat und warum Jane Austen in den 90er Jahren einen so hohen Popularitätsgrad erreichte.
10 Albersmeier, Franz-Josef: Einleitung: Von der Literatur zum Film. Zur Geschichte der Adaptationsproblematik, in: Albersmeier, Franz-Josef/Roloff, Volker (Hrsg):
Literaturverfilmungen, Frankfurt a.M 1989., S. 18 11 Troost/Greenfield: Watching Ourselves Watching, in: Troost/Greenfield (Hrsg): Jane Austen in Hollywood, S. 10
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2 Jane Austen: Anmerkungen zu Person und Werk
2.1 Die unsichtbare Jane
Obwohl mittlerweile über 160 ihrer Briefe 12 publiziert wurden, und ihre Nachfahren Erinnerungen und Dokumente vorweisen können, gehört Jane Austen immer noch zu den unbekannteren Gestalten der Literaturgeschichte. Auch die zahlreichen Biographien halfen bisher nicht, ihrem Bild klarere Konturen zu verschaffen.
Um 1800 las das englische Publikum bereits Austens Werke, ohne die Identität der Autorin zu kennen. Ihr erstes Buch wurde lediglich mit dem Hinweis "By a
Lady" 13 publiziert. Erst nach ihrem Tod wurde ihr literarisches Werk mit ihrem Namen in Verbindung gebracht. Jane Austen verstand ihre Anonymität jedoch nicht als Verurteilung, wie andere Schriftstellerinnen ihrer Zeit. In den meisten Biographien des 20. Jahrhunderts, wie die von Jan Aiken Hodge, David Cecil
oder John Halperin, wurde von einem "double life" 14 gesprochen, dass sie führte. "She is both artistic genius and ordinary woman, two strikingly discrete
identities." 15 Dieses Doppelleben verschaffte ihr Freiheit und Überlegenheit, die sie zum Schreiben brauchte.
"It was a curious, though understandable, contradiction in Jane Austen's character that she passionately wished to remain anonymous and at the same time was just as passionately interested in what people thought of her books." 16 Schon in der ersten zusammenhängenden biographischen Darstellung ihres Neffen James Edward Austen-Leigh, die 1870 unter dem Titel Memoir erschien, wurden Daten und Fakten zu einer Legende versponnen, welche die biographische
Forschung nachhaltig geprägt hat. Es entstand das Bild von "dear Aunt Jane" 17 , die in ihrem idyllischen Leben zum Zeitvertreib Romane verfasste. Erst in den
12 Die von Cassandra Austen zensierten Briefe wurden 1932 erstmals von R.W. Chapman publiziert und 1995 in einer überarbeiteten Fassung von Deirdre Le Faye herausgegeben. 13 Rees, Joan: Jane Austen: Woman and Writer, London/New York 1976, S. 129 14 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, London 1972, S. 137 15 Kaplan, Deborah: Jane Austen among Women, London 1992, S.89 16 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 131 17 Ebd., S. 125
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letzten Jahrzehnten wurde dieses Bild, insbesondere unter dem Einfluss moderner soziologischer und feministischer Theorien, mehr und mehr in Zweifel gezogen. "Austen's critical attitude was neither recognized nor studied until the 1970s and 1980s: the discovery of Austen's 'feminism' under the ambiguous representation of gender-bound
ideologies is an accomplishment of modern feminist scholarship." 18 Heutzutage wird sie als unbestechliche Autorin und als feinfühlige Kritikerin der Gesellschaft gesehen, die in ihren Werken auf subtile Weise zum sozialen Wandel Stellung bezieht. Dieser entmystifizierende Blick läuft jedoch wiederum Gefahr, seinerseits den Gegenstand zu verfehlen und in eine andere Art der Mystifizierung umzuschlagen, zumal er nicht neue Daten und Fakten, sondern nur eine neue Lektüre des Werks und des entstellten biographischen Materials bietet. Wer sich heute mit Jane Austen beschäftigt, sieht sich mit diesen beiden Seiten konfrontiert.
2.2 Lebensstationen
2.2.1 Die Position in der Familie
Am 16. Dezember 1775 als siebentes von acht Kindern eines Pfarrers in Steventon, Hampshire (Südengland) geboren, führte Jane Austen ein ruhiges, von den Ereignissen der Zeit 19 nur wenig berührtes Leben im Kreis der Familie als zweite Tochter neben sechs Brüdern.
Von der beginnenden Frauenemanzipation war in ihrem konservativem Elternhaus nichts zu spüren. 1792 veröffentlichte Mary Wollstonecraft ihr feministisches Werk A Vindication of the Rights of Women, in dem sie sich mit der traditionellen Vorstellung der Frauenrolle auseinandersetzt und eine maskulinere Frau fordert, die sich auch in der Welt der Männer bewähren kann.
"Although we have no proof of Austen's acquaintance with contemporary developing female consciousness, we may yet assume that she was critical of the position of women
in a patriarchal society." 20
18 Berendsen, Marjet: Reading Characters in Jane Austen's Emma, Assen/Maastricht 1991, S. 23
19 Die Französische Revolution mit ihren Auswirkungen, die Umgestaltung Englands durch die
Industrielle Revolution, die Napoleonischen Kriege.
20 Berendsen, Marjet: Reading Character in Jane Austen's Emma, S. 23
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In ihren Romanen ist der Einfluss Wollstonecrafts auf Austens Zeit spürbar. Einige ihrer Protagonistinnen wurden mit eher maskulinen Zügen ausstattet, wie zum Beispiel Elinor in Sense and Sensibility, dem ersten veröffentlichten Roman. Bemerkenswert ist jedoch, dass Austen nicht die Vermännlichung der Frau zeigte, sondern mit den geschlechtsspezifischen Attributen, mit männlich definierten Rollen und den Klischees weiblicher Tugenden und Eigenschaften eher spielerisch umging.
Der Anspruch von Jane und ihrer zwei Jahre älteren Schwester Cassandra auf Bildung lag Mr. Austen weitaus weniger am Herzen als der seiner Söhne. Obwohl er in vielen Punkten sehr aufgeschlossen war, blieb er in dieser Hinsicht ein Kind seiner Zeit. "Since a woman's only future was matrimony, education in the academic sense was comparatively unimportant" 21 , betont Aiken in ihrer Biographie über Jane Austen. Frauen wie Madame de Stael wurden zwar als Exoten vorgezeigt und hofiert, aber für gebildete Frauen war es schwierig, einen geeigneten Platz in der Gesellschaft zu finden.
"For the reasonably educated, there were the usually dreaded roles of governess and companion, or, depending on available capital, the possibility of starting a school." 22 Eine Position in der sozialen Hierarchie war damit nicht zu erobern und die Chancen auf dem Heiratsmarkt verbesserten sich durch Bildung nicht – eher im Gegenteil.
"A woman can never be seen in a more ridiculous light, than when she appears to govern her husband because to do so invert[s] the order of nature, and counteract[s] the design of providence." 23 So blieb Jane Austen und ihrer Schwester Cassandra nach einer anfänglichen Ausbildung durch den Vater und einer kurzen Schulzeit - unüblich genug für die damalige Zeit - nur die traditionelle Beschäftigung mit Haushaltsführung, Näharbeit, Musik und Zeichnen. Diese nahm sie, wie ihre Pflichten als Tochter, Schwester und Tante, ebenso ernst wie ihre literarische Betätigung. "The Austen's
21 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S.33
22 Rees, Joan: Woman and Writer, S.48 23 Zitat aus "Lady Pennington's Advice to her Daughter", Angelica's Ladies Library, S. 148, übernommen aus: Monagham, David: Jane Austen in a Social Context, New Jersey 1981, S. 106
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were unusually literary and did provide a stimulating setting for Jane Austen's girlhood writing." 24 Über ihre Erziehung und die verpassten Bildungschancen zu klagen hätte sie als Schwäche empfunden, da ihr jegliche Form von Selbstmitleid zuwider waren. In seinem Essay Jane Austen and the position of women wundert sich Autor David Monaghan über die Tatsache:
"[...] While she rejected many of her society's feminine stereotypes […] Austen appears to have been almost entirely satisfied with the restriction of women to domestic and polite functions." 25 Dass die Eltern für ihre beiden Töchter – wie damals üblich – nichts anderes als eine möglichst vorteilhafte Heirat vorgesehen hatten und ihre Ausbildung mehr nebenbei betrieben, empfand Jane Austen teilweise sogar als Vorteil. Abgesehen von den alltäglichen Hausarbeitspflichten konnte sie so den größeren Teil des Tages in der häuslichen Bibliothek verbringen, um dort ihre Bildung und ihr Wissen zu bereichern. "In fact, she and Cassandra had the kind of education she preferred for her own heroines: plenty of books, plenty of time, and plenty of good talk." 26 Die Austens stammten aus der oberen Mittelschicht und gehörten damit der Gentry an, einer Gesellschaftsschicht, die vielfach von ihrem ererbten Besitz leben konnte und sich durch kultivierte und gepflegte Umgangsformen gegenüber dem Adel wie dem Bürgertum abzugrenzen versuchte.
Sie verkehrten gesellschaftlich mit den herrschaftlichen Familien der Umgebung, wurden zu Festen und Bällen eingeladen. Ab und zu fuhr man zu einer der zahlreichen und wohlhabenden Familien der Verwandtschaft. Jane Austen hatte so Gelegenheit, sich innerhalb der Grenzen ihres Milieus eine vorzügliche Menschenkenntnis zu verschaffen.
"Luckily for her, she belonged to a family that almost certainly cared nothing for the elaborate rules of elegant society, by which a young lady could not appear in public until her older sisters were married and she was ,out' […] and when Jane Austen wrote of enough private balls […], she wrote from experience." 27
24 Kaplan, Deborah: Jane Austen among Women, S. 92
25 Monaghan, David: Jane Austen and the Position of Women, in: Monghan, David(Hrsg): Jane Austen in a Social Context, S. 106/107 26 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S.23 27 Ebd., S. 34
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Durch intensive Lektüre ergänzte sie ihre Bildung. Ihre Menschenkenntnis erwarb sie jedoch mehr durch eigene Beobachtungen.
"Much of the work is based on her reading, but it also demonstrates her acute sensitivity to the fine differences of human relationships, her witt and humour, and her exceptional
intelligence, all qualities which must have been observable in her life." 28
2.2.2 Erste Schritte als Autorin
Schon früh begann Jane Austen kurze Skizzen und Erzählungen – angeregt von häuslichen Theateraufführungen der Geschwister – sowie dramatische Szenen niederzuschreiben. Drei Manuskriptbände füllten diese Arbeiten, die zwischen ihrem 15. und 18. Lebensjahr entstanden. Bald stellte sie sich größeren Aufgaben und in den folgenden fünf Jahren schrieb sie, zunächst nur zur Unterhaltung der Familie, der sie jedes neue Kapitel vorlas, die Romane Elinor and Marianne (1795, später umbenannt in Sense and Sensibility), First Impressions (1796, später unter dem Titel Pride and Prejudice) und Susan (1798, posthum erschienen als Northanger Abbey). "It seems to have been at this time that Jane Austen took a vital Stepp forward in her career as an author. She stopped writing for the whole family and started writing for herself." 29 Die Möglichkeit einer Veröffentlichung ihrer Schriften zog sie zu dieser Zeit noch nicht in Betracht. Sie arbeitete an ihren Romanen nur zu bestimmten Tageszeiten, wo sie sicher war, nicht gestört zu werden. Zum schreiben benutzte sie Papier von kleinem Format. "Granted her good manners and her intense feeling about privacy, the pieces of paper she pushed out of sight when guests called just as well have been letters to Cassandra." 30 Niemand außerhalb des engsten Familienkreises sollte von ihren schriftstellerischen Versuchen erfahren, die zwar wohlwollende Duldung fanden, aber zunächst nicht sehr ernst genommen wurden. Jane Austens Vater unternahm zwar 1797 den ersten Versuch, einen Verleger für First Impressions zu finden, blieb aber erfolglos. Dennoch zeigt diese Bemühung
28 Rees, Joan: Jane Austen, Woman and Writer, S. 45
29 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 40
30 Ebd., S. 133
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deutlich, dass Janes schriftstellerische Ambitionen zu dieser Zeit bereits von der Familie unterstützt wurden.
Die Inhalte der ersten drei Romane mit den Arbeitstiteln Elinor and Marianne, First Impressions und Susan sind nicht bekannt. "Jane Austen seems to have destroyed her original texts when she was satisfied with her revision." 31 Jedoch ist aus der Thematik der endgültigen Fassungen zu schließen, dass sie sich in dieser Zeit mit ihren Arbeiten auf einen bestimmten Typus des zeitgenössischen Romans bezog. Die sogenannte "novel of manners" wurde u.a. von der damals populären Schriftstellerin Fanny Burney 32 geprägt, deren Werke Jane Austen in jungen Jahren schätzte. Sie griff also eine Thematik auf, die bereits in der Literatur ihrer Zeit existierte. Marilyn Butlers Meinung nach unterscheiden sich ihre Werke jedoch von denen Fanny Burneys. "While Jane Austen was verbally more discriminating than any of them, she was even more willing to use conventional plot situations." 33 Dennoch finden sich in Austens frühen Romanen wie Pride and Prejudice typische Themen der "novel of manners", die den Einfluss Burneys auf ihr Frühwerk verdeutlichen.
"[It] was typical of the subjective, individualistic manner of the 1770s: the heroine ist a strong focus for the audience's sympathy, and in her very artlessness she acts (though not very consistently) as a critic of oversophisticated society." 34 Die Thematik ihrer Werke, wie z.B. Liebe, Heirat, Erwachsenwerden, Generationskonflikte, war nicht losgelöst von der persönlichen Situation der Schriftstellerin zu dieser Zeit. Bei der Entstehung der ersten Fassungen ihrer Romane war sie bereits eine, in die Gesellschaft eingeführte, junge Dame, die ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und den damit möglichen verbundenen Enttäuschungen erlebt hatte. Dazu wuchs die Sorge um ihre Zukunft. Nach der Einführung in die Gesellschaft blieben der Frau in der Regel fünf bis acht Jahre, um einen Ehemann zu finden. Danach standen die Chancen schlecht.
31 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 40/41
32 Burney, Fanny. 1752 – 1840. Englische Schriftstellerin, verfasste zahlreiche weibliche Bildungsromane. Wurde bekannt durch den Briefroman „Evelina“ von 1779. Durch ihren satirisch-abgeklärten Erzählton erhalten ihre Romane über den Aufstieg junger Mädchen aus der Provinz eine für Burney typische, leicht gesellschaftskritische Note.
33 Butler, Marilyn: Jane Austen and the War of Ideas, 2., New York 1987, S. 200 34 Ebd., S. 200
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"Of those member's of Austen's community who married, some did so at ages well beyond twenty-three, the mean age of marriage for all British women at the start of the nineteenth century." 35 Zwar gab es Ausnahmen, dass Frauen auch in fortgeschrittenem Alter heirateten - häufig Witwer mit mehreren Kindern - aber solche Fälle waren rar. Unverheiratete Frauen waren oft der Willkür der Familien ausgeliefert, von denen sie materiell abhängig waren. "Unmarried women were also involved in the reproduction of the gentry's cultural identity, helping female relatives who had children." 36 In Pride and Prejudice spricht Lydia Bennet aus, was Jane Austens Eltern nicht zu sagen wagen: "Jane will be quiete an old maid soon, I declare. She is almost three-and-twenty! Lord, how ashamed I should be of not being married before three-and-twenty!" 37 Als Jane Austen diesen Satz schrieb, war sie beinahe genauso alt. Zwar setzte sie bewusst die Altersgrenze herab und legte den Satz einer einfältigen Figur in den Mund, um der Sache den Ernst zu nehmen und Distanz zu ermöglichen. Dennoch spürte sie die Erwartungen und den Druck innerhalb und außerhalb der Familie.
Zu ihrem Vater hatte Jane Austen stets ein besseres Verhältnis als zu ihrer Mutter, die zu Hypochondrie neigte. Damit umzugehen fiel Jane nicht leicht, wie sie oft in Briefen an ihre Schwester Cassandra betonte. "She [Mrs. Austen] would tell you herself that she has a very dreadful cold; but I have not much compassion for colds in the head without fever or sore throat." 38 Die stärkere Neigung zum Vater zeigt sich in den Vaterfiguren ihrer Romane: Sie werden mit äußerer Nachsicht behandelt. Häufig sind es etwas schrullige, exzentrische Wesen, ruhig und konfliktscheu, wie Mr. Bennet in Pride and Prejudice oder Mr. Woodhouse in Emma, denen die Familienangelegenheiten relativ gleichgültig sind. Mütter dagegen schneiden bei Jane Austen schlechter ab. Entweder sind sie eitel und töricht wie Mrs. Dashwood in Sense and Sensibility, klatschsüchtig und intrigant wie Mrs. Bennet oder einfältig und ungebildet wie Lady Bertram in Mansfield Park.
35 Kaplan, Deborah: Jane Austen among Women, S. 24
36 Ebd., S. 32 37 Austen, Jane: Pride and Prejudice, London 1994, S. 171 38 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen's Letters, Oxford 1995, Nr. 18, S. 38
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2.2.3 Bath und die literarische Dürreperiode
Nachdem Janes ältester Bruder 1801 den Vater im Amt abgelöst hatte, zog das Ehepaar Austen aus gesundheitlichen Gründen mit beiden Töchtern nach Bath. Das mondäne Modebad im England des 18. Jahrhunderts war neben seinen heißen Quellen, Kurangeboten und zahlreichen Möglichkeiten zur Zerstreuung (wie Konzerten und Bälle) auch als Heiratsmarkt bekannt. Bath war ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und wer etwas auf sich hielt, der fuhr, so wie man die Wintersaison in London verbrachte, einmal im Jahr dorthin.
Jane Austen, die stets das ländliche Milieu bevorzugte, verabscheute das snobistische Treiben der Stadt, und ohne eine gehörige Portion Zynismus, der aus ihren Briefen spricht, hätte sie das Leben dort wohl nicht ertragen. Ihre literarische Schaffenskraft versiegte nahezu für zehn Jahre. Lediglich einige Fragmente und Umarbeitungen liegen aus dieser Zeit vor, unter anderem von Susan und The Watsons. "Life in Bath stopped Jane writing, but it provided her lavishly with material for the future.[…] There were other characters to be observed." 39 Die früheren Freiheiten fielen in Bath den gesellschaftlichen Konventionen zum Opfer, da Jane die herausgeputzte Dame spielen musste. "She threw herself with a slightly unconvincing gusto into elderly but extensive social life […]. 40 Ein weiterer Grund der Eltern für den Umzug nach Bath bestand in der Hoffnung, die beiden Töchter doch noch verheiraten zu können, allerdings ohne Erfolg. Jane erhielt zwar im Dezember 1802 einen Heiratsantrag von einem sechs Jahre jüngeren Sohn einer befreundeten Familie, Harris Bigg Wither, den sie zunächst auch annahm. Sie widerrief ihn aber bereits am nächsten Morgen, da sie selbst nicht von dieser Heirat überzeugt war. "It was a drastic action for a young woman of her day, but probably an extremely sensible one." 41 Zwar hätte diese Verbindung sie von der unangenehmen Gesellschaft in Bath erlöst, aber der Kandidat entsprach wohl nicht ihren Wünschen. Aus Bath konnte man wieder wegziehen, während es aus einer Ehe in der Regel kein Entkommen gab. Zudem hätte eine Heirat aus strategischen Gründen sie völlig aus dem Gleichgewicht
39 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 78
40 Ebd., S. 79
41 Ebd., S. 82
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ihrer Überzeugungen gebracht. Wer immer in ihren Romanen ohne Liebe heiratet, dem galt ihre ganze Verachtung. 1804 bearbeitete sie die Fragmente von The Watsons und die Aussage der Protaginistin Emma Watson über Heirat ist auch Austens Meinung:
"To be so bent on marriage - to pursue a man merely for the sake of situation - is a sort of thing that shocks me; I cannot understand it. Poverty is a great evil, but to a woman of education and feeling it ought not, it cannot be the greatest - I would rather be a teacher at a school (and I can think of nothing worse) than marry a man I did not like." 42 Der Tod ihres Vaters 1805 war für Jane Austen ein schwerer Schlag, seelisch wie finanziell. Der Unterhalt von Mrs. Austen reduzierte sich durch den Tod ihres Mannes so drastisch, dass sie und ihre beiden unverheirateten Töchter ab diesem Zeitpunkt von den Söhnen der Familie abhängig waren. Aus diesem Grund zogen sie 1806 schließlich nach Southampton zu Francis Austen und dessen Frau. Für Jane Austen war die Hafenstadt eine erhebliche Verbesserung zu Bath - "We left Bath [...] with what happy feelings of Escape!" 43 - aber auch hier war sie nicht wirklich glücklich. Francis Austen verkehrte als Kapitän in Southampton mit vielen Kollegen aus der Marine und seine Schwester Jane begleitete ihn oft zu gesellschaftlichen Anlässen. Doch sie empfand bei diesen Gelegenheiten die materiellen Beschränkungen, in denen die Familie seit dem Tod des Vaters leben musste, als besonders schmerzlich. Ihr Zustand in diesen Jahren muss melancholisch gewesen sein.
"As a woman of her time she could be said to be a failure. She was poor, and unmarried, and could look forward, apparently, to nothing but decline and fall. Worst of all, […] was the fact that she [was] bound, for her lifetime, to old Mrs. Austen." 44 Nicht zufällig vernichtete ihre Schwester Cassandra nach Janes Tod zahlreiche Briefe aus dieser Zeit, in denen sie vermutlich offen von ihren Gefühlen sprach. Ihre literarische Arbeit stellte sie in Southampton völlig ein.
42 Austen, Jane: The Watsons, Zitat entnommen aus: Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane
Austen, S. 85
43 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen's Letters, Nr. 55, S. 138
44 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 111
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2.2.4 Von Beruf Schriftstellerin
Die Erlösung kam, als Janes Bruder Henry Austen, der von Verwandten Grundbesitz geerbt hatte, 1809 seiner Mutter und seinen beiden Schwestern ein Häuschen in Hampshire - Chawton Cottage - in der Nähe von Winchester anbot. Hier begann Jane Austen wieder zu schreiben.
"She began, sensibly after the long silence, by revising her early work. She was always a passionate reviser and polisher.[…] The writer's block that had kept her frozen through the wandering years was dissolved." 45 Die Forschung vernachlässigte lange die Tatsache, dass sie in diesen Jahren bereits beschloss, ihre schriftstellerische Tätigkeit als Beruf auszuüben. Der Grund liegt möglicherweise an den überlieferten Erinnerungen der zahlreichen Nichten und Neffen, die selten von Jane Austen als arbeitender Schriftstellerin berichten.
Zu der Unsichtbarkeit ihres Schreibens hat nicht zuletzt auch Jane Austen selbst beigetragen. Ihr Werk wird in ihren den Briefen selten erwähnt, von der Mühsal des Schreibens erfährt man so gut wie kein Wort. 1816 schrieb sie in einem Brief an ihren Neffen über ihre Arbeit und vergleicht sie mit "the little bit (two inches wide) of Ivory on which I work with so fine a Brush, as produces little effect after
much labour." 46 Jane Austen hatte anscheinend eher ein handwerkliches Verhältnis zum Schreiben und der Leser spürt von den Anstrengungen wenig. Nur anhand von stark bearbeiteten Romanfragmenten aus dieser Zeit lässt sich erahnen, wie hart Jane Austen arbeitete. Die Atmosphäre und Dichte des Stoffes, der Reiz einer Figur entstanden bei ihr nicht beim ersten Zugriff, sondern waren das Produkt von sich wiederholenden und immer wieder neu ansetzenden
Umschriften, Veränderungen und Überarbeitungen 47 An einem Entwurf von The Watsons kann man, laut Virginia Woolf, "gewahren [...], dass sie doch am Ende
keine Zauberkünstlerin war." 48
45 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 116/117
46 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen's Letters, Nr. 146, S. 323 47 Vgl. dazu die Untersuchungen von B.C. Southam: Jane Austen's Literary Manuscripts. A Study of the Novelist's Developement through the Surviving Papers, Oxford 1964 48 Woolf, Virginia: Jane Austen, in: Klaus Reichert (Hrsg): Der gewöhnliche Leser, Essays Bd. 1, übersetzt von Hannelore Faden und Helmut Viebrock, Frankfurt a.M. 1989, S. 168
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1811 schließlich brachte Jane Austen auf eigene Kosten und mit Hilfe ihres Bruders Henry ihren ersten Roman heraus, eine überarbeitete Fassung von Elinor und Marianne, welche sie in Sense and Sensibility umbenannt hatte. Ihre anfängliche Skepsis löste sich auf, nachdem sich die erste Auflage rasch verkaufte. Der Gewinn von 140 Pfund war für ein Romandebüt ein beachtlicher Erfolg. Durch fehlende Briefen aus dieser Zeit ist nicht bekannt, wie Jane Austen auf die positiv ausfallenden Rezensionen der Zeitungen British Critic und The Critical Review reagierte. "We think so favourably of this performance", so die British Critic im Mai 1812, "that it is with some reluctance we decline inserting it among our principal articles." 49 Schon ein Jahr später begann Jane mit den Vorbereitungen zu Publikation von First Impressions, dessen Titel sie in Pride and Prejudice umändern musste, da ein Roman mit dem gleichen Titel bereits auf dem Markt war. Bereits einen Monat nach der Veröffentlichung von Pride and Prejudice (1813) erschienen die ersten lobenden Rezensionen.
"We cannot conclude, without repeating our approbation of this performance, which rises very superior to any novel we have lately met with in the delineation of domestic scenes. Nor is there one character which appears flat, or obtrudes itself upon the notice of the reader with troublesome impertinence. There is not one person in the drama with whom we could readily dispense;- they have all their proper places; and fill their several stations, with great credit to themselves, and much satisfaction to the reader." 50 Aufgrund der großen Resonanz beim Publikum war der Roman diesmal bereits nach sechs Monaten ausverkauft. In Janes Briefen an Cassandra, ihre Nichte Fanny und ihren Bruder Francis spürt man den Triumph, den ihr der Umstand bereitete, mit der Schriftstellerei Geld zu verdienen. Finanziell unabhängig geworden, konnte sie ihr Leben endlich selbst in die Hand nehmen. In den Jahren zwischen 1811 und 1815 besuchte sie häufig ihren Bruder Henry in London und berichtete ihrer Schwester ausgelassen und heiter von ihren Erlebnissen in der
49 Anonyme Rezension zu Sense and Sensibiliy, Mai 1812 in der "British Critic", in: Southam,
B.C. (Hrsg): Jane Austen. The critical heritage, Bd.1 1811-1870, London 1968, S. 40
50 Anonyme Rezension zu Pride and Prejudice, März 1813 in der "Critical Review", in: Southam,
B.C. (Hrsg): Jane Austen. The critical heritage, Bd.1, S. 43
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Londoner Gesellschaft: "I am sorry to tell you that I am getting very extravagant & spending all my Money [...]" 51 Der 1811 begonnene Roman Mansfield Park erschien 1814. Dieses Werk demonstriert, dass sich die Stimmung eines Autors nicht im Werk niederschlagen muss, sondern dass sich dessen Gefühle, der Schreibprozess und das Sujet durchaus unabhängig voneinander verhalten können. Die Protagonistin Fanny Mansfield Park - "timid, feeble, so unlike Austen herself" 52 - und die Atmosphäre des Romans haben nichts mit der Situation Jane Austens in der Zeit der Niederschrift zu tun. Nicht zuletzt deshalb hält die Autorin selbst ihr Werk, als sie es im Juli 1813 abgeschlossen hat, für wenig unterhaltsam. "I have something in hand – which I hope on the credit of P.&P. will sell well, tho’ not half so entertaining" 53 , schrieb sie kurz darauf ihrem Bruder Francis.
Im Unterschied zu ihren vorherigen Romanen, die sie mit zwanzig geschrieben hatte, wollte sie mit Mansfield Park ein ernsthaftes, durchdachtes und pädagogisches Werk veröffentlichen.
"Moral issues, in the wider sense, are part of the texture of all Jane Austen's novels, but the moral problems and messages in this novel are more detachable and paraphrasable than they are in the others." 54 Obwohl auch hier komische Situationen und Charaktere zu finden sind, herrscht über weite Strecken ein ernsterer Ton vor, was den Roman weniger amüsant macht als seine Vorgänger. Doch gegen alle Erwartungen Jane Austens verkaufte sich Mansfield Park ebenfalls gut.
Mit mittlerweile drei veröffentlichten Romanen hatte sich die Autorin einen Namen gemacht, ohne ihren eigenen preiszugeben. Durch den Erfolg ihrer Bücher ermutigt, fing Jane Austen an, zunächst im Familien- und Freundeskreis ihre Anonymität als Autorin zu lüften, was sich schnell herumsprach und auch dem Literaturbetrieb nicht verborgen blieb. Ihr zunehmender Bekanntheitsgrad
51 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen’s Letters, Nr. 70, S. 179
52 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 139 53 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen’s Letters, Nr. 86, S. 217 54 Harding, D.W.: Mansfield Park, in: Lawlor, Monica (Hrsg): Regulated Hatred and Other Essays on Jane Austen, London 1998, S. 106
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ermöglichte ihr, das vierte Werk mit dem Titel Emma 1815/16 bei einem der angesehensten Verleger ihrer Zeit, John Murray, zu veröffentlichen. "With Emma, Jane Austen seems to have taken a great Stepp forward in her confidence as a writer. [...] her most perfect, if not necessarily her most likeable book, reads as if it had been well and truly planned in advance." 55 Hier kam wieder die Moralistin und Satirikerin Austen zu Wort, deren konsequente Charakterzeichnung der Titelheldin die größte Leistung des Romans war und seinen Erfolg garantierte. Die Rezension der British Critic lautete folgendermaßen:
"Whoever is fond of an amusing, inoffensive and well principled novel, will be well pleased with the perusal of Emma. It rarely happens that in a production of this nature we have so little to find fault with." 56 Ende des Jahres 1816 beendete sie bereits den nächsten Roman unter dem Titel The Elliots, der aber erst posthum unter dem Titel Persuasion erschien. Thematisch blieb sie in dem durch ihre früheren Romane gesteckten Rahmen, wobei im Hinblick auf die Figurenkonzeption sowie in der Intention durchaus Innovationen erkennbar waren.
"If, in some ways, Persuasion harks back to the early successes, where the romantic story was the dominant motif, it also looks forward, most significantly, to Sanditon, where […] the moral theme was to be the dominant." 57 Gesundheitlich ging es Jane Austen seit längerer Zeit nicht gut. Trotz mehrerer Kuraufenthalte litt sie zunehmend an Kopfschmerzen, Appetitmangel und Erschöpfung, was sie scheinbar zunächst ignorierte. "It would have been in character for Jane Austen to make as little fuss about herself as possible." 58 Nach einer leichten Besserung des Gesundheitszustandes begann sie schließlich im Januar 1817 ihr letztes Romanprojekt, Sanditon, in dem sie in gewohnt ironischer Weise die Regency-Zeit als eine Ära des Umbruchs und Aufbruchs präsentiert und auf das Viktorianische Zeitalter vorausweist. Doch durch die
55 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 162
56 Anonyme Rezension zu "Emma", Juli 1816 in der "British Critic", in: Southam, B.C. (Hrsg):
Jane Austen. The critical heritage, Bd.1, S. 71
57 Hodge, Jane Aiken: The Double Life of Jane Austen, S. 183
58 Ebd., S. 186
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Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes musste Jane Austen bereits nach zwei Monaten ihre Arbeit daran abbrechen.
Durch die Erkrankung wurde sie wieder von ihrer Familie abhängig, von der sie sich beinahe emanzipiert hatte. Bettlägerig geworden musste sie von ihrer Schwester Cassandra gepflegt werden. Noch in ihren letzten Briefen ist der ironische Unterton deutlich: "I am now really a very genteel, portable sort of an Invalid." 59 Die Krankheit, an der sie damals litt, konnte von den zeitgenössischen Ärzten nicht diagnostiziert werden. Heute wird angenommen, dass es sich dabei um die Addisonsche Krankheit, ein Versagen der Nebennieren, gehandelt hat. Das Erscheinen ihrer letzten beiden Romane erlebte Jane Austen nicht mehr. Sie starb am 18. Juli 1817 im Haus ihres Arztes in Winchester, im Alter von 41 Jahren. 1818 veröffentlichte ihr Bruder Henry Northanger Abbey und Persuasion zusammen mit einer biographischen Notiz über die Autorin, die sich als "idealized portrait" 60 beschreiben lassen kann. Cassandra Austen bearbeitete nach Janes Tod zahlreiche ihrer Briefen, indem sie indiskret erscheinende Stellen herausstrich oder sogar ganze Briefe vernichtete. Damit entzog sie der Forschung die einzige authentische Informationsquelle über Jane Austens wirkliches Leben.
Jane Austens ruhiger, aber sicherer Platz in der englischen Literatur braucht einige Jahre, um die Bedeutung anzunehmen, die ihm heute zuteil wird. Für eine Weile blieb sie nach ihrem Tod von einer kleinen Leserschaft favorisiert. Ihre Werke wurden das erste Mal 1833 wieder aufgelegt, es folgten Auflagen 1866, 1869 und 1878. Seit 1870 war ein wiedererwachendes Interesse sowohl an ihrer Person als auch an ihrem Werk zu beobachten, hervorgerufen durch das 1870 erschienene Werk ihres Neffen J.E. Austen-Leigh, A Memoir of Jane Austen.
59 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen's Letters, Nr. 159, S. 340
60 Rees, Joan: Jane Austen: Woman and Writer, S. 15
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3 Die Romane Jane Austens
Jane Austens Romanwerk steht zeitlich zwischen dem realistischen Roman des
18. und dem kritisch vertieften realistischen Roman des 19. Jahrhunderts. Es weist
die Ruhe und Stabilität des vorindustriellen Englands auf, die im agrarischen Süden länger zu finden waren als im industriell bereits weiterentwickelten Norden. Gewisse puritanische Traditionen setzten sich sublimiert in ihrem Werk fort. Nicht zufällig schätzte Jane Austen den Schöpfer des sentimentalen Familienromans in Briefform, Samuel Richardson 61 , besonders hoch und war mit
seinem Werk genauestens vertraut. Doch trat neben das Vorbild Richardsons die Gefühl mit Verstand mischende Empfindsamkeit Sternes 62 und die erdverbundene Heiterkeit Fieldings 63 , die Jane Austen halfen, sich über Richardson zu erheben.
Ihr Humor und ihre Gestaltungskunst machten sie frei vom Sentimentalismus und vordergründigem Moralisieren wie Edgeworth. 64 Aufs engste mit der Wirklichkeit
verbunden, grenzte sie sich ebenso gegen die illusionsreichen Familienromane von Fanny Burney 65 ab, wie gegen die Lebensfremdheit und Phantastik der Romane der Schauerromantik, vertreten durch Ann Radcliffe 66 .
Neben dem Einweben von Elementen aus dem Gesellschafts-, Bildungs- und Briefroman sowie der Gesellschaftssatire sind Austens Romane durch den
61 Richardson, Samuel ( 1689 – 1761 ), englischer Schriftsteller, Mitbegründer des neuen, „bürgerlichen“ Romans, bekannt durch seine beiden erfolgreichen Briefromane „Pamela“(1743) und „Clarissa“(1747/48), die wegen ihrer moralischen Empfindsamkeit das Publikum begeisterten und unzählige Nachahmer fanden.
62 Sterne, Laurence ( 1713 – 1768 ), englischer Schriftsteller, legendär geworden durch Romane wie „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman“(1759-67) und „A sentimental Journey through France and Italy“(1768). Prägte die Empfindsamkeit mit seinem gefühlvollen und parodistischen Schreibstil, der die traditionellen erzählerischen Regeln ablehnte.
63 Fielding, Henry ( 1707 – 1754 ), englischer Schriftsteller. Sein Frühwerk ist geprägt von karika- turistischer Persiflage ( „Shamela“, 1741, Satire von Richardsons „Pamela“), später zeichnen sich seine Werke durch die Reduktion des Sentimentalen und Elemente des Reise-, Schelmen- und Abenteuerromans aus (z. Bsp.: „The History of the Adventures of Joseph Andrews“, 1742). 64 Edgeworth, Maria (1767-1849), anglo-ir. Schriftstellerin. Ihr literarisches Werk verfolgt die durchgängige Absicht der moralisierenden Belehrung. Zu den bekanntesten Romanen zählen "Castle Rackrent"(1800), "Ormond"(1817) und "Helen"(1834), die soziales Fehlverhalten oder die richtige Erziehung und Bildung junger Menschen thematisieren.
65 Fanny Burney, vgl. dazu S. 15, Fussnote 42 66 Radcliffe, Anne ( 1764 – 1823 ), englische Schriftstellerin, wichtigste Vertreterin des englischen Schauerromans. Ihr Hauptwerk, „The Mysteries of Udolpho“(1794) erhält zudem Elemente des Bildungs- und Erziehungsromans, sowie des empfindsamen Romans.
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geistvollen Konversationsstil des literarisch gebildeten Mittelstandes geprägt. Sie verzichtete auf Dramatik, ohne dabei oberflächlich zu werden. Im Zentrum aller Romane steht eine junge Heldin auf der Suche nach dem idealen Ehemann, aus deren Perspektive der Leser den größten Teil der Ereignisse erlebt. Dabei geraten die Protagonistinnen häufig in den Zwiespalt, entweder gesellschaftlichen Konventionen zu folgen oder ihre Persönlichkeit zu wahren. Im Gegensatz zu dem damals weit verbreiteten sentimentalen Frauenromanen, treten Austens Romanheldinnen bemerkenswert selbstbewusst und entscheidungsfreudig auf. "Like Mary Wollstonecraft, for instance, Jane Austen operates on the assumption that women are inherently as intelligent and rational as men. The fact that, in the pedagogic relationship into which her lovers unusally enter, the woman is as likely to be the instructor as the man, is indicative of Jane Austens's believe in female intelligence." 67 Das menschliche Gemüt sowie die Darstellung der Frau als ein dem Mann ebenbürtiges Geschöpf waren die literarischen Hauptanliegen von Jane Austen. Dies betont sie durch ein vielseitiges, konturenreiches Sprachporträt, das zur indirekten Selbstcharakterisierung einer Romanfigur beiträgt. Es verleiht ihr Subjektivität, da es sowohl ihren geistigen Horizont, ihre charakterlich- psychologischen Eigenheiten, sowie ihre emotionale Verfassung zum Ausdruck bringt.
"At her most brilliant technically she characterizes the inner life of her heroines, using irony and verbal nuance to give her a dramatist's detachment, so that the consciousness is only one actor in a total drama.[…] Jane Austen's method of presentation is meant to explode the sentimentalist's claim that subjective experience is the individual's whole truth." 68
Ihrer Entstehungszeit nach zerfallen die sechs vollendeten Romane in zwei Gruppen: Sense and Sensiblity, Pride and Prejudice und Northanger Abbey können sich als Austens Jugendwerke bezeichnen lassen. Auch wenn sie fünfzehn bis zwanzig Jahre später erschienen sind, wurden sie doch in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben. Mansfield Park, Emma und Persuasion dagegen
67 Monaghan, David: Jane Austen and the Oosition of Women, in: Monaghan, David (Hrsg): Jane Austen in a Social Context, S. 107
68 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 292/293
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stammen aus ihrer späteren literarischen Schaffensphase, in der sie mit der Schriftstellerei Erfolge feiern durfte und sie als Beruf ausüben konnte. Im Rahmen dieser Arbeit fiel meine Wahl auf drei Romane Jane Austens aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Pride and Prejudice, da dieses Werk den Höhepunkt von Jane Austens früher literarischer Entwicklung darstellt. Der Roman Emma, der den Gipfel ihres literarischen Schaffens bildet und Persuasion, da es ihr letztes abgeschlossenes Werk ist, welches zudem einige neue und andersartige Elemente aufweist. Da eine vollständige Interpretation der Romane den Rahmen sprengen würde, sollen nach einer Zusammenfassung nur bestimmte Punkte angesprochen werden, die vielleicht auch im Hinblick auf die Verfilmungen später interessant sein können.
3.1 Pride and Prejudice
3.1.1 Zusammenfassung
"It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife." 69 Gemäss der Aussage des ersten Satzes des Romans, geht es in Pride and Prejudice variationsreich um das Thema Liebe und Ehe. Im Mittelpunkt steht Elizabeth, die zweitälteste von fünf Töchtern des Ehepaars Bennet. Da alle Töchter bisher unverheiratet sind und der Besitz der Bennets nur in männlicher Linie vererbt werden kann, liegt der törichten Mutter nichts so sehr am Herzen wie die Suche nach geeigneten Ehemännern für ihre Töchter. "The business of her life was to get her daughters married, ist solace was visiting and news." 70 Im Unterschied zu seiner Frau ist Mr. Bennet ein ironischer und kauziger Mensch, der sich lieber in seine Bibliothek zurückzieht. Als der reiche Junggeselle Mr. Bingley in der Nachbarschaft einen Landsitz bezieht, sieht Mrs. Bennet in ihm sofort einen Heiratskandidaten für ihre älteste Tochter Jane: "My dear Mr. Bennet,[...] you must know that I'm thinking of his marrying one of them." 71 Auf dem nächsten Ball erscheint Mr. Bingley unter
69 Austen, Jane: Pride and Prejudice, London 1994, S. 5
70 Ebd., S. 7
71 Ebd., S. 5
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anderem in Begleitung seines Freundes Mr. Darcy, eines reichen, adeligen und standesbewussten Gutsbesitzers, der durch sein hochmütiges Benehmen auffällt: "[...] [H]e was looked at with great admiration for about half the evening, till his manners gave a disgust which turned the tide of his popularity; for he was discovered to be proud; to be above his company, and above being pleased; and not all his large estate in Derbyshire could then save him from having a most forbidding, disagreeable
countenance, and being unworthy to be compared to his friend." 72 Während Jane und Bingley mehrmals miteinander tanzen und in den Augen von Mrs. Bennet schon ein Paar sind, wird Elizabeth von Darcy brüskiert, der sie als "tolerable, but not handsome enough" 73 bezeichnet und sich weigert, mit ihr zu tanzen. Obwohl Elizabeth Stolz verletzt ist, kann sie über diese Situation lachen und schenkt Darcy weiterhin keine Beachtung.
Kurz nach dem Ball trifft der einfältige Pfarrer Mr. Collins, "a mixture of servility and self-importance" 74 , bei den Bennets auf Longbourne ein. Der Neffe und nächste männliche Verwandte von Mr. Bennet, der einmal den Bennet'schen Besitz erben wird, sucht nach einer passenden Ehefrau. Mrs. Bennet sieht ihre Chance, eine zweite Tochter unter die Haube bringen zu können und empfiehlt ihm Elizabeth, welche jedoch den darauffolgenden Heiratsantrag zum Ärger ihrer Mutter strikt zurückweist. Aber der Pfarrer findet schnellen Ersatz in der Nachbarstochter und besten Freundin von Elizabeth, Charlotte Lucas, die ihn aber nur aus reinem Versorgungsdenken heiratet. Elizabeth ist schockiert über deren Entschluss, da sie sich geschworen hat, nur aus Liebe zu heiraten.
"She had always felt, that Charlotte's opinion of matrimony was not exactly like her own, but she could not have supposed it possible that, when called into action, she would have
sacrificed every better feeling to wordly advantage." 75
Während sich Jane und Bingley näherkommen, ändert sich auch Darcys Einstellung zu Elizabeth. Inzwischen ist er von ihrer Schönheit, Intelligenz und Schlagfertigkeit ebenso fasziniert wie von ihrem offenen und ungekünstelten
72 Pride and Prejudice, S. 10
73 Ebd., S. 11
74 Mr. Bennets treffende Beschreibung von Mr. Collins, in: Ebd., S. 52
75 Ebd., S. 101
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Benehmen. Elizabeth jedoch bemerkt in ihrem verletzten Stolz davon nichts. Ihre Abneigung gegenüber Darcy wächst noch durch die Behauptungen des charmanten Lieutnant Wickham. Dieser wuchs bei der Familie Darcy als Pflegesohn auf und erzählt Elizabeth von der niederträchtigen Behandlung, die ihm nach dem Tod seines Ziehvaters von Darcy widerfahren sei. Als alle in der Familie Bennet auf den Heiratsantrag von Bingley warten, reist dieser überraschend mit seinen Schwestern und Darcy für längere Zeit nach London. Für Jane ergibt sich jedoch kurz darauf die Möglichkeit, Verwandte in London zu besuchen. Ihre Hoffnung, dass Bingley zu ihr Kontakt aufnimmt, zerschlägt sich jedoch. Nach einem Höflichkeitsbesuch seiner Schwester schreibt Jane an Elizabeth:
"If he had at all cared about me, we must have met long, long ago. He knows of my being in town, I am certain […]. If I were not afraid of judging harshly, I should be almost tempted to say that there is a strong appearance of duplicity in all this.[…] Miss Bingley said something of his never returning to Netherfield again.[…]" 76 Zur gleichen Zeit besucht Elizabeth das erste Mal ihre verheiratete Freundin Charlotte und Mr. Collins in Hunsford. Dort lernt sie während ihrem Aufenthalt Lady Catherine de Bourgh kennen, Mr. Collins Patronin und eine Tante Darcys. "Her air was not conciliating, nor was her manner of receiving them such as to make her visitors forget their inferior rank. She was not rendered formidable by silence; but whatever she said was spoken in so authoritative a tone, as marked her self- importance.[…] she soon found some resemblance of Mr. Darcy." 77 Als dieser wenig später seiner Tante einen Besuch abstattet, ist er immer noch stark beeindruckt von Elizabeth. Er beschließt, ihr trotz der Standesunterschiede und der Abneigung gegenüber ihrer Familie einen Heiratsantrag zu machen. Die völlig überraschte Elizabeth weist den Antrag auf Grund Darcys herablassende Art als Zumutung zurück und konfrontiert ihn mit den Anschuldigungen Wickhams. Außerdem äußert sie ihren Verdacht, Darcy habe die Verbindung zwischen Bingley und Jane verhindert.
"From the very beginning [...] of my acquaintance with you, your manners, impressing me with the fullest belief of your arrogance, your conceit, and your selfish disdain of the
76 Pride and Prejudice, S. 117
77 Ebd., S. 127
25
feelings of others, were such as to form that groundwork of disapprobation in which succeeding events have built so immovable dislike; and I had not known you a month before I felt that you were the last man in the world whom I could ever be prevailed on to marry." 78 Kurze Zeit später weist Darcy in einem erklärenden Brief an Elizabeth die Anschuldigungen Wickhams als üble Verleumdung zurück, gibt jedoch zu, dass er seinem Freund aus Standesgründen von einer Verbindung mit Jane abgeraten hat. Obwohl Elizabeth die Erklärungen und Gründe einsichtig sind, fühlt sie sich durch den arroganten und hochmütigen Ton des Briefes verletzt.
Im letzten Teil des Romans reist Elizabeth mit ihren Londoner Verwandten nach Derbyshire. In dieser Grafschaft liegt Darcys Herrensitz Pemberley, den sie, da der Hausherr auf Reisen ist, besichtigen. Dort erhält Elizabeth ein sehr viel positiveres Bild von Darcy. Gerade als sie das Anwesen wieder verlassen wollen, treffen sie auf den unerwartet zurückgekehrten Hausherren, der sich gegenüber Elizabeth wie umgewandelt verhält und selbst ihre bürgerlichen Verwandten zuvorkommend behandelt. Elizabeths Gefühle für ihn verändern sich während ihres Aufenthaltes grundlegend.
"Such a change in a man of so much prideexcited not only astonishment […]. She respected, she esteemed, she was grateful to him, she felt a real interest in his welfare; and she only wanted to know how far she wished that welfare to depend upon herself, and how far it would be for the happiness of both that she should employ the power, which her fancy told her she still possessed, of bringing on the renewal of his addresses." 79 Die Annäherung zwischen Elizabeth und Darcy wird unterbrochen durch einen Brief Janes mit der Nachricht, dass ihre jüngste Schwester Lydia Bennet mit dem offenbar hoch verschuldeten Wickham durchgebrannt ist. Elizabeth erkennt, dass Darcys Vorbehalte gegenüber ihrer Familie berechtigt waren und glaubt diese für endgültig kompromitiert. Auch Darcys Liebe scheint für sie verloren: "Her power was sinking; everything must sink under such a proof of familiy weakness, such
78 Pride and Prejudice, S. 150/151
79 Ebd., S. 203
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an assurance of the deepest disgrace." 80 Sie reist mit ihren Verwandten nach Hause.
Elizabeth zuliebe springt Darcy heimlich als Helfer und Retter ein, indem er größeren Schaden von der Familie Bennet abwendet. Er spürt Wickham und Lydia in London auf, hilft ersterem aus seinen finanziellen Schwierigkeiten und leitet eine Heirat mit Lydia in die Wege. Als Elizabeth kurz darauf von ihrer Tante aus London erfährt, welche Rolle Darcy in der Geschichte gespielt hat, ist sie von seiner Aufrichtigkeit und seiner wahren Liebe überzeugt. Auch ein Besuch Lady Catherine de Bourghs, die Elizabeth eine Verbindung mit Darcy verbietet, ändert nichts an ihren Gefühlen für ihn und bestätigt seine Hoffnungen: "Lady Catherine's unjustifiable endeavours to separate us were the means of removing all my doubts." 81 Einer Verbindung zwischen den beiden steht nun nichts mehr im Weg, und da auch Bingley und Jane wieder zueinander gefunden haben, endet der Roman mit einer Doppelhochzeit.
3.1.2 Über den Roman
Pride and Prejudice ist der meistgelesenste Roman von Jane Austen. Sie selbst bezeichnete ihn kurz nach seiner Publikation 1813 in einem Brief an Cassandra als ihr "darling Child" 82 . "At any rate, generations of Jane Austens readers have agreed in finding Pride and Prejudice the lightest, most consistently entertaining, and least didactic of the novels." 83 Obwohl eine Verbindung zwischen Pride and Prejudice und anderen Romanen des 18.Jahrhunderts besteht - die Einflüsse von Burney oder Richardson sind nicht von der Hand zu weisen - gibt es doch erhebliche Unterschiede:
"The principal difference between Jane Austens's version and it's prototypes is that instead of the innocent, impulsive, fallible young girl and the model of established propriety whom she worships, the heroine of Pride and Prejudice dislikes, teases, and ends by in part debunking the hero. Where the Burney heroine was a sycophant of social and masculine prerogative, Elizabeth Bennet is fearless and independent.[…] Viewed like
80 Pride and Prejudice, S. 212
81 Ebd., S. 294
82 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen’s Letters, Nr. 79, S. 201
83 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 197
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this, Jane Austen criticizes literary convention, or social convention, or both, by siding with Elizabeth in her teasing of Darcy." 84 Im Blickpunkt des Romans stehen in gewohnter Thematik Familie, Liebe und Ehe in den Kreisen der Gentry und des oberen Bürgertums. Hervorstechend bei Pride and Prejudice ist die Klarheit der Handlungsführung, die präzise Charakterzeichnung, die virtuos gehandhabte Spritzigkeit der Dialoge, Witz und Charme der weiblichen Hauptfigur und die bald heiter-ironische, bald komisch- satirische Sicht auf die Realität.
Der Roman benötigt keine Exposition, sondern beginnt mit einem Dialog zwischen Mr. und Mrs. Bennet, "Netherfield Park is let at last." 85 Dieser Dialog enthüllt die Charaktere durch das, was sie sagen und wie sie sprechen. Die Eingriffe der übergeordneten Erzählinstanz können sich so auf ein Minimum beschränken. Jede Geste und Bemerkung, jede Aktion und Reaktion, jedes Abweichen vom gesellschaftlichen Code, jedes Übertreiben oder Vernachlässigen seiner angemessenen Erfüllung ist bedeutsam und signalisiert dem Leser Eigenschaften eines Charakters.
"It is in manners that Jane Austen's world exhibits greatest density, for manners are concrete, complex orderings, both personal and institutional. They are a language of gestures, for words too become gestures as they are used to sustain rapport." 86 Ein Beispiel hierfür ist Darcys erster Auftritt auf dem Ball in Meryton, der Ereignis und Figur so eng miteinander verknüpft, dass er sein Charakter sofort deutlich wird.
Gesellschaftliche Ereignisse prägen das Leben der Gestalten im Roman ebenso wie das häusliche. So entsteht im Roman ein Rhythmus von Geselligkeit und Zurückgezogenheit, die durch die Reflexion des Geschehenen im Vor- oder Rückblick miteinander verbunden werden. Zu den Techniken der Kommunikation in Pride and Prejudice gehört auch der Brief, dem eine wichtige Rolle im Roman zuteil wird. Beispiele sind Mr. Collins erster Brief an Mr. Bennet, Janes Briefe aus London oder Mr. Darcys Rechtfertigungsschreiben an Elizabeth.
84 Pride and Prejudice, S. 199
85 Ebd., S. 5 86 Price, Martin: Austen: Manners and Morals, in: Bloom, Harold (Hrsg): Jane Austen. Modern Critical Views, New York 1986, S. 166
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Pride and Prejudice verdankt zweifellos seine Beliebtheit der Heldin des Romans, Elizabeth Bennet. Dies hängt natürlich auch mit der Erzählperspektive zusammen, die in allen Romanen Jane Austens gleich ist. Zwar setzt ein allwissender Erzähler den Rahmen und gibt dem Leser den nötigen Überblick, aber von da ab wird er auf den Wissensstand der Heldin beschränkt.
"The reader cannot help admiring Elizabeth's wit and sharing her lively and satirical vision. He enjoys Pride and Prejudice largely for his caustic portraits of the servile Mr. Collins, the foolish Mrs. Bennet […] which means that he looks out on the world of the novel with the eyes of an Elizabeth." 87 Aus ihrer Sicht nimmt teil an ihren Empfindungen und Gedanken und folgt ihr zu den verschiedenen Schauplätzen. Durch Elizabeths bewundernswerten Charakter wird die Identifikation des Lesers mit der Heldin aus Pride and Prejudice noch verstärkt:
"Energetic, feeling, informal, a modern ‚personality’ rather than a pre-romantic character, Elizabeth attracts critics of diverse liberal tendencies because they are predisposed to like a heroine who champions individualism against the old social order". 88 Bei allem, was ihr passiert, lamentiert sie nicht, sondern betrachtet die Gegebenheiten und handelt. Dabei geben ihr weder die Familie, noch die gesellschaftliche Konvention Sicherheit. Ihre Autonomie leitet ihr Denken und Handeln, was sie mit anderen Heldinnen von Jane Austen gemein hat. Der Unterschied und ihre eigentliche Faszination ist Elizabeths innere Verfassung. Sie besitzt ein intensives Lebensgefühl, das Selbstgenügsamkeit, Selbstbestimmung und Aufrichtigkeit einschließt. Jane Austen selbst äußerte sich folgendermaßen über sie: "I must confess that I think her as delightful a creature as ever appeared in print, & how I shall be able to tolerate those who do not like her at least, I don’t know." 89
87 Butler, Marylin : Jane Austen and the War of Ideas, S. 216/217
88 Ebd., S. 202/203
89 Le Faye, Deirdre (Hrsg): Jane Austen’s Letters, Nr. 79, S. 201
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3.1.3 Elizabeth und Mr. Darcy
Schnell erkennt der Leser, dass sich der Titel des Romans, Pride and Prejudice, auf die ursprüngliche Haltung der beiden Hauptfiguren, Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, bezieht.
Stolz (pride), verkörpert in Darcy, und Vorurteil (prejudice), verkörpert in Elizabeth, verhindern das Erkennen des wirklichen Menschen, führen zu Fehlurteilen und inkorrekten gesellschaftlichem Verhalten. Marylin Butler erklärt dies in ihrem Werk Jane Austen and the War of Ideas:
"The subject of Pride and Prejudice is what the title indicates: the sin of pride, obnoxious to the Christian, which takes the form of a complacency about the self and a correspondingly lower opinion, or prejudice, about others. Darcy's pride is humbled mid- way through the novel, when he proposes to Elizabeth and to his astonishment is rejected.[…] Elizabeth's corresponding sin is more subtle and her enlightment requires the space of the whole book. To begin with the seems unconscious that she suffers from pride
at all." 90 Die Handlung des Romans, bestehend aus Meinungen, die sich im Spannungsverhältnis zwischen den beiden Hauptfiguren selbst und in ihrer Beziehung zueinander herausgebildet haben, wird als dynamischer Erziehungsprozess dargestellt. Elizabeth und Darcy müssen sich erst von Stolz und Vorurteil befreien, bevor sie zueinander finden.
Im Hinblick auf Elizabeths Frische und Lebhaftigkeit, gepaart mit Schönheit und Klugheit erscheint Darcy problematisch. Als "polar opposite" 91 zu Elizabeth werden im ersten Teil des Romans ausschließlich seine negativen Eigenschaften wie Arroganz und Passivität erwähnt. Der Leser hat danach Mühe, sich von Darcys gutem Charakter überzeugen zu lassen. Absichtlich führt Jane Austen den Leser in die Irre, indem sie Darcy nur mit den, von Vorurteilen getrübten, Augen Elizabeths zeigt. Dadurch wird die dramatische Enthüllung und Wende im Anschluss an die Werbeszene in Hunsford (Kap. 34/35) ermöglicht.
Darcys Stolz hat eine persönliche und eine gesellschaftliche Komponente: in ihm verbinden sich hochmütige Selbstüberschätzung mit dem Standesdünkel der
90 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 206
91 Ebd., S. 204
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Aristokraten. Die Überschätzung der eigenen Person und die Ansprüche, die er aus seinem sozialen Status ableitet, führen in einzelnen Fällen zur Geringschätzung anderer sowie Fehlurteilen. Lange glaubt er, dass der objektiv gegebene Standesunterschied zugleich Ausdruck einer entsprechenden Differenz im moralischen Verhalten bzw. in der Schicklichkeit der Manieren sei, bis ihn Elizabeth eines besseren belehrt.
"You tought me a lesson, hard indeed at first, but most advantageous.[…] You showed me how insufficient were all my pretensions to please a woman worthy of being
pleased." 92 Aus diesem Grund verkennt er jedoch die tiefe Zuneigung, die Jane und Bingley füreinander empfinden. Auch auf Elizabeths Ablehnung seines ersten Heiratsantrags reagiert er mit Erstaunen und Unverständnis.
Elizabeths Vorurteile Darcy gegenüber entstehen nicht nur aufgrund seiner anfänglichen Arroganz, sondern beruhen auch auf ihrem eigenen Stolz. "Whenever Elizabeth discusses Darcy's faults, she touches, though often unconsciously, upon her own" 93 , erklärt Marylin Butler. Jedoch aufgrund ihres blinden Vertrauens in ihre eigene Urteilsfähigkeit hält sie an ihrer ersten Meinung über Darcy fest. Dabei bemerkt sie nicht, wie sehr sie sich von Äußerlichkeiten und den Meinungsbildern anderer über Darcy (wie zum Beispiel Wickham) beeinflussen lässt.
"Quick of observation, encouraged by her father's example to take delight in the follies and vanities of others, she sees everyone's mistakes but her own.[…] Elizabeth prides herself on her individualism and trusts her perceptions, never recognizing that her judgements are really grounded in her feelings." 94
Es gehört zu der Ironie der Handlung, dass Darcy für seinen Heiratsantrag den Zeitpunkt wählt, in dem Elizabeth innerlich am weitesten von ihm entfernt ist. Er lässt sie zu sehr ihre gesellschaftliche Unterlegenheit spüren, die von Anfang an ein negatives Gegengewicht zu seinen Gefühlen der Anerkennung und Bewunderung für sie bildete. Hinzu kommt Elizabeths Fehleinschätzung
92 Darcy zu Elizabeth in: Pride and Prejudice, S. 284
93 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 205
94 Ebd., S. 206-209
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hinsichtlich seiner Interventionen zwischen Jane und Bingley und des Charakters von Wickham.
"The confrontation between these two characters naturally brings about mutual illumination, not because one has opposite qualities which the other must learn to adopt, but because each discovers the other to be worthy of respect." 95 Elizabeths Handeln gründet sich in erster Linie auf ihre Selbstachtung und bestätigt, wie wenig ihr Rang und Reichtum gelten, wenn sie sich vor eine moralische Entscheidung von solcher Tragweite gestellt sieht. Im Gegensatz zu Charlotte Lucas und ihrer Schwester Lydia vermögen weder materielle Gesichtspunkte noch vorübergehende Affekte ihr Handeln einseitig zu beeinflussen. Gesellschaftlicher Aufstieg und finanzielle Absicherung zählen nicht, so lange sie sich nicht der Achtung ihres Partners sicher sein kann. Hier ist deutlich Austens eigene Meinung vertreten:
"Jane Austen's view of marriage is also at odds with the mainstream of contemporary thought. For her, the proper marriage is one in which the two parties operate on a basis of mutual respect." 96 Elizabeths Revision ihrer Auffassung von Darcy in Pemberley, verbunden mit der demütigenden Selbsterkenntnis der eigenen Arroganz, bereiten den Boden für eine allmähliche Annäherung. Zu ihrer mittlerweile entstandenen Achtung und Wertschätzung Darcys gesellt sich ein vertieftes Interesse an seiner Person, da Darcys Verhalten nicht mehr von arroganter Distanz geprägt ist, sondern von dem offenkundigen Bemühen um Entgegenkommen und Konziliation.
"He who, she had been persuaded, would avoid her as his greatest enemy, seemed [...] most eager to preserve the acquaintance, and without any indelicate display of regard, or any peculiarity of manner, where their two selves only were concerned, was soliciting the good opinion of her friends, and bent on making her known to his sister. Such a change in a man of so much pride excited not only astonishment but gratitude." 97 Innerhalb des Handlungsaufbaus erfüllt die Flucht von Lydia mit Wickham und Elizabeths dadurch entstehende Sorge um eine weitere Beziehung zu Darcy eine
95 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 208
96 Monaghan, David: Jane Austen and the Position of Women, in: Monaghan, David (Hrsg): Jane Austen in a Social Context, S. 108
97 Pride and Prejudice, S. 203
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ähnliche Funktion wie das retardierende Moment im klassischen Drama. Die Ironie liegt darin, dass die Lydia-Wickham-Affäre die beiden Hauptfiguren nur scheinbar voneinander entfernt, während sie in Wirklichkeit dazu dient, die Vorraussetzungen für eine engere Bindung zu schaffen.
3.1.4 Die Bedeutung der Ehe
Aus der Sicht von Jane Austen und vieler ihrer Zeitgenossen betrachtet, bedeutete die Ehe nicht nur die Gründung einer Gemeinschaft, in der zwei Individuen auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und Liebe eine Lebensbeziehungen aufbauen. Die Ehe war zugleich auch als Basis der Familie eine gesellschaftliche Institution. Eine Heirat stellte ein Bindeglied zwischen zwei Familien dar. Man knüpfte nicht selten daran die Erwartung gesellschaftlicher und finanzieller Parität. Der in dieser Hinsicht schwächere Teil erhoffte sich materielle Absicherung und einen Aufstieg innerhalb der sozialen Hierarchie.Wie Deborah Kaplan in ihrem Buch Jane Austen among Woman betont: "Marriage was the only option that enabled women of the lesser gentry to secure their social status economically." 98 Das Thema der Partnerwahl, die im Spannungsfeld zwischen persönlichen Neigungen und gesellschaftlichen Konventionen, Gefühl und Geschäft, getroffen wird, stellt die thematische Klammer dar, die alle übrigen Handlungsstränge sowohl in Pride and Prejudice, als auch in allen anderen Jane Austen-Romanen, zusammenhält. Dieses Thema wird in vielfältigster Weise variiert und kontrastiv zur normsetzenden Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren des Romans entwickelt.
"Critics have already suggested several perspectives on the hierarchy of marriages in Pride and Prejudice; each couple seems to be yoked because both partners achieve the
same moral rank, and thus fit mates." 99 Die Entscheidung für einen Partner wird stets danach beurteilt, ob sie den Regungen des Herzens (Jane und Bingley) ebenso folgt wie den Einsichten des Verstandes (Elizabeth und Darcy), oder ob sie eher dem Bedürfnis nach
98 Kaplan, Deborah: Jane Austen among Women, S. 21
99 Weinsheimer, Joel: Chance and the Hierarchy of Marriages in Pride and Prejudice, in: Bloom,
Harald (Hrsg): Jane Austen. Modern Critical View, S. 14
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materieller Sicherheit und der Anpassung an das gesellschaftliche Dekorum verpflichtet ist. Beispiel für letzteres ist die Ehe von Mr. und Mrs. Bennet, die als reines Zweckbündnis entstanden ist und nur durch die äußeren Umstände und die Macht der Konventionen zusammengehalten wird. "Mr. and Mrs. Bennet hardly knew one another before he proposed - and he only discovered what a silly, tiresome woman she was after the event." 100 Das Opfer dieser unsäglichen Ehe sind die Töchter: das Fehlverhalten der drei Jüngeren, unter denen die beiden Älteren leiden müssen, ist auf das Fehlverhalten beider Eltern zurückzuführen. Auch die Ehe zwischen Charlotte Lucas und Mr. Collins ist eine reine Formsache, die von ihr aus materiellen Gründen und von ihm aus Berücksichtigung der Wünsche seiner Patronin, Lady Catherine, geschlossen wird. Beide treffen ihre Entscheidung zugunsten eines Status, nicht eines Partners. Charlottes Gedanken über die Ehe sachlich:
"Mr. Collins, to be sure, was neither sensible nor agreeable [...] but still he would be her husband. Without thinking highly either of men or of matrimony, marriage had always been her object; it was the only honourable provision for well-educated young women of small fortune, and however uncertain of giving happiness, must be their pleasantest preservative from want." 101 In der Beziehung zwischen Lydia und Wickham erscheint die Ehe als einzige, gesellschaftlich akzeptable Lösung einer leichtfertig und unüberlegt eingegangenen Liaison, die primär aufgrund der physischen Anziehungskraft zustande gekommen ist. Aus der Sicht von Wickham ist zudem vermutbar, dass die Aussicht auf ein finanzielles Arrangement mit der Familie Bennet seinem amourösen Abenteurertum das wirtschaftliche Kalkül lieferte. Die Darstellung dieser Beziehung lässt erkennen, dass ihr die geringsten Chancen hinsichtlich eines dauerhaften Glücks eingeräumt werden. "His affection for her soon sunk into indifference; hers lasted a little longer." 102
100 Brooke, Christopher: Jane Austen: Illusion and Reality, Cambridge 1999, S. 74
101 Charlotte zu Elizabeth, in: Pride and Prejudice, S. 98/99
102 Ebd., S. 298
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3.1.5 Der Gebrauch von Ironie
Der Prozess gegenseitigen Beurteilens und Einschätzens nach gesellschaftlichen und moralischen Maßstäben ist selten frei von Irrtümern und Missverständnissen. Der gesamte thematische Komplex, der zu den klassischen Stoffen der Komödien- und Schwankliteratur zählt, ist reich an ironischen und komischen Aspekten. Ironie und Komik sind auch die bedeutendsten Merkmale von Jane Austens Erzählkunst. Bestes Beispiel hierfür ist der bereits auf Seite 17 zitierte Einleitungssatz aus Pride and Prejudice, sentenziös in der Form und ironisch in seinem Bezug auf das folgende Geschehen. Wie jeder Leser bald merkt, sind nicht betuchte Junggesellen auf der Suche nach passenden Ehefrauen, sondern Mrs. Bennet, als Mutter von fünf heiratsfähigen Töchtern, auf der Jagd nach geeigneten Heiratskandidaten. "Little as Mrs. Bennet knew of the philpsophies of the Enlightenment, the sentiment expresses her philosophy." 103 Die einleitende Sentenz verdeutlicht früh im Roman, dass eine Ehe nicht ausschließlich als romantische Herzensangelegenheit zu sehen ist, sondern durchaus den Charakter einer geschäftlichen Transaktion annehmen kann.
Die Ironie entsteht in Pride and Prejudice aus dem vielfach gebrochenen Zusammenspiel von Sprache und Handlung sowie der variierenden Distanz zwischen dem Leser, dem implizierten Erzähler, Elizabeth und anderen Charakteren. Es besteht keine grundsätzliche Distanz zwischen Erzähler und Leser. Jane Austen muss nicht erst davon überzeugen, dass Stolz und Vorurteil nicht erstrebenswert sind. Der Leser teilt die ironische Sicht des Erzählers. Es gibt aber unterschiedliche Distanzen zwischen dem Erzähler und den Romancharakteren. Die Distanz kann geistig (wie zu Mrs. Bennet), oder moralisch sein (wie zu Wickham), oder Bezug auf die Entdeckung des wahren Gentlemans nehmen (wie bei Elizabeth). Der Gebrauch von Ironie dient als Mittel, um die Beschränkungen des Verstandes, die moralischen Schwächen der Figuren oder die Irrwege des Gefühls bloßzustellen.
"In many of Austen's novels the intellectual an/or moral excellence of the feminine protagonists also allowed the author to present a series of ironies, notably the
103 Brooke, Christopher: Jane Austen: Illusion and Reality, Cambridge 1999, S. 78
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incongruence of a social situation in which women could not assume their roles for which they seemed eminently capable." 104 Zusätzlich spielt die Ironie eine große Rolle bei der Charakterisierung. Sie ist verbunden mit einer Situation, in der der Erzähler mit dem Leser Kenntnisse über gegenwärtige oder zukünftige Umstände teilt, die aber der Figur unbekannt sind. Ein Beispiel ist hierfür Mr. Collins: "The handling of him as a caricature is a convention between author and readers; the other fictional figures are not party to it." 105 Meistens teilen Erzähler und Leser die ironische Sichtweise mit Elizabeth, vor allem, wenn es um die Bewertung anderer Charaktere geht.
"All character portrayal is selective, involving the accentuation of some features; and it produces, inevitably, an effect more condensed and more tidily organized than the impression we gain of a real companion in the undramatic and haphazard contacts of everyday life." 106
3.1.6 Kontraste und Parallelen
Neben Ironie und Komik, die in Figuren wie Mr. Collins, Mrs. Bennet und Lady Catherine zu finden sind, gehören Kontrast und Parallelität zu den auffälligsten strukturellen Kunstbegriffen, die dem Roman auf der Ebene der Handlung, der Figuren, sowie der Thematik den formalen Zusammenhalt geben.
"Like all [of] Jane Austen's fiction, Pride and Prejudice has an element of antithetical patterning.[…] Elizabeth, independent and informal, can be contrasted with Darcy, who is established and formal; Elizabeth's 'low' mother, sisters and aunt offer themselves for comparison with Darcy's haughty aunt and cousin. But, equally, Elizabeth and Darcy together, each of them complex and censorious, are balanced against the simpler Jane and Bingley, and this may prove in the long run to be the more significant comparison." 107 Wie bereits erwähnt, wird in der Handlung hauptsächlich ein Thema, nämlich Partnerwahl und Ehe, auf mehreren Ebenen kontrastiv variiert, wobei soziale Hierarchie und moralische Wertordnung miteinander verschränkt werden. Die Figuren sind nicht nur durch verwandtschaftliche Verzweigungen einander
104 Castellanos, Gabriela: Laughter, War and Feminism. Elements of Carnival in Three of Jane Austen's Novels, New York 1994, S. 44 105 Harding, D.W.: An Introduction to Persuasion, in: Lawlor, Monica (Hrsg): Regulated Hatred and Other Essays on Jane Austen, London 1998 S. 81 106 Ebd., S. 81 107 Butler, Marylin: Jane Austen and the War of Ideas, S. 203
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Vanessa Klink, 2003, Jane Austen - Verfilmungen, München, GRIN Verlag GmbH
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