Inhaltsverzeichnis
1. Das Verhältnis von Musik und Theologie: Komposition
als Ausdruck religiöser Verkündigung?
Eine Einleitung 5
2. Johann Sebastian Bach 8
2.1 Das Leben des Musikers unter besonderer Berücksichtigung
seines musikalisch-theologischen Werdegangs 8
2.1.1 Eisenach (1685-1695) 9
2.1.2 Ohrdruf (1695-1700) 11
2.1.3 Lüneburg (1700-1702) 13
2.1.4 Weimar I (1703) 15
2.1.5 Arnstadt (1703-1707) 16
2.1.6 Mühlhausen (1707-1708) 19
2.1.7 Weimar II (1708-1717) 21
2.1.8 Köthen (1717-1723) 22
2.1.9 Leipzig (1723-1750) 24
2.1.9.1 Leipzig I (1723-1729) 25
2.1.9.2 Leipzig II (1729-1741 1744) 25
2.1.9.3 Leipzig III (1745 - 1750).....................................................................................26
2.2 Bach im Zeitalter des Barock 28
2.2.1 Der Barock als musikgeschichtlich-historische Epoche 28
2.2.2 Die Bedeutung Johann Sebastian Bachs im Barockzeitalter 33
2.3 Bach als Komponist und Theologe
Zur Möglichkeit einer musikalisch-theologischen Deutung
der bachschen Kompositionen 34
2.3.1 Anhaltspunkte im Leben und in den Werken Bachs als Gründe für
eine theologische Beleuchtung des Komponisten und seiner Werke 34
2.3.1.1 Bach als gläubiger Christ 34
2.3.1.2 Bachs theologische Bibliothek 35
2.3.1.3 Das Soli Deo Gratias 37
2.3.2 Verhältnisbestimmung der Einzelwissenschaften:
Musikwissenschaften und Theologie innerhalb theologischer Bachfor-
schung..................................................................................................38
3. Die Hohe Messe 40
3.1 Die Entstehung der Messe 40
3.1.1 Die Entstehung der unterschiedlichen Messteile 40
3.1.2 Die Hohe Messe Einheitliches Werk oder Einzelkompositionen
42
3.1.3 Hohe Messe oder h-moll Messe Zur Entstehung der
Begrifflichkeit......................................................................................43
2
3.2 Einordnung der Messe in das Gesamtwerk Bachs 43
4.Das Credo der h-moll Messe 45
4.1 Einordnung in die Messe 45
4.2 Zum Text des Credos 45
4.2.1 Die Gliederung des Textes und der daraus entstehende musikalische
Aufbau des Credos 45
4.2.2 Theologische Bedeutung des Textes 47
4.2.2.1 Credo in unum deum 48
4.2.2.2 Patrem omnipotentem factorem coeli et terrae visibilium omnium
et invisibilium 50
4.2.2.3 Et in unum Dominum Jesum Christum Filium Dei unigenitum et ex
patre natum ante omnia saecula Deum de Deo lumen de lumine
Deum verum de Deo vero genitum non factum consubstantialem
Patri per quem omnia facta sunt Qui propter nos homines et prop-
ter nostram salutem descendit de coelis 52
4.2.2.4 Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine et homo factus
est........................................................................................................................52
4.2.2.5 Crucifixus etiam pro nobis sub Pontio Pilato passus et sepultus
est........................................................................................................................53
4.2.2.6 Et resurrexit tertia die secundum scripturas et ascendit in coelum
sedet ad dexteram Dei Patris Et iterum venturus est cum gloria
judicare vivos et mortuos cujus regni non erit finis 54
4.2.2.7 Et in Spiritum sanctum Dominum et vivificantem qui ex Patre
Filioque procedet qui cum Patre et Filio simul adoratur et
conglorificatur qui locutus est per Prophetas Et unam sanctam
catholicam et apostolicam ecclesiam 56
4.2.2.8 Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum 57
4.2.2.9 Et expecto resurrectionem mortuorum et vitam venturi saeculi
amen.....................................................................................................................57
4.3 Harmonisch-Melodische Analyse mit Interpretation
unter besonderer Berücksichtigung des Wort-Ton
Verhältnisses.............................................................................59
4.3.1 Erster Satz 60
4.3.2 Zweiter Satz 63
4.3.3 Dritter Satz 68
4.3.4 Vierter Satz 71
4.3.5 Fünfter Satz 74
4.3.6 Sechster Satz 77
4.3.7 Siebter Satz 84
4.3.8 Achter Satz 87
4.3.9 Neunter Satz 94
5. Zum Verhältnis von Musik und Theologie innerhalb der
Bachschen Kompositionen dargestellt am Credo der Hohen
Messe“...............................................................................................97
3
6. Musik als Möglichkeit theologischer Verkündigung
Vergangenheit Gegenwart oder Zukunft Ein Ausblick 102
Bibliographie 105
4
"Und zuletzt ist die wahre Versenkung in Bach auch ein Stück Theologie." 1
1. Das Verhältnis von Musik und Theologie: Komposition
als Ausdruck religiöser Verkündigung?
– Eine Einleitung –
Das Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach, exempla- risch dargestellt am Credo der „Hohen Messe“ – ein Thema, welches auf den ersten Blick einen relativ engen Ausschnitt innerhalb der Musikgeschichte erfasst. Es ergibt sich die Frage, warum ein solches Thema für den modernen Menschen der Gegenwart noch interessant sein kann, besonders vor dem Hintergrund der un- zähligen bereits vorhandenen Abhandlungen über Johann Sebastian Bach und seine Kompositionen.
Musik und Theologie – zwei Einzelwissenschaften, die in der Kirchenmusik mit- einander verbunden werden.
So lag es für mich als Studentin der Musikpädagogik und der katholischen Theo- logie nahe, den Schnittpunkt der beiden Wissenschaften im Rahmen dieser Arbeit einmal näher zu beleuchten.
Ich möchte untersuchen, ob und wie in der „Hohen Messe“ Johann Sebastian Bachs theologische Texte (in diesem Fall der Wortlaut des Credos) innerhalb einer Komposition einen Mehrwert durch musikalische Unterlegung bekommen können.
Im Rahmen einer ersten Literatursichtung, in der ich mit einer Fülle von unter- schiedlichsten Büchern über Johann Sebastian Bach konfrontiert wurde (von unzähligen Biographien bis hin zu detaillierten Analysen und Interpretationsver- suchen einzelner Bachwerke), konnte ich mit Erstaunen feststellen, dass zwar einige theologische Untersuchungen im Rahmen von theologischer Bachfor- schung 2 über die Werke Johann Sebastian Bachs vorhanden, diese allerdings fast
1 Jacobi, E. R.: Zur Entstehung des Bach-Buches von Albert Schweitzer, aufgrund unveröffent- lichter Briefe, in: Bach Jahrbuch 61, 1. Auflage, 1975; hier: S. 160 2 Die Wurzeln der theologischen Bachforschung sind etwa ab dem Jahr 1950 zu suchen. Ziel der theologischen Bachforschung ist es, vor allem wortgebundene Kompositionen Bachs näher auf das Verhältnis von Theologie und Musik hin zu untersuchen.
(Vgl.: Walter, Meinrad: Musik – Sprache des Glaubens: Zum geistlichen Vokalwerk Bachs. Frankfurt am Main: Knecht, 1. Auflage, 1994; hier: S. 13) (Walter)
5
ausschließlich als geschichtliche Abhandlungen zum Verhältnis Johann Sebastian
Bachs zur Theologie gestaltet sind. 3 Ich denke allerdings, dass sich auch heute innerhalb kirchenmusikalischer Praxis immer wieder die Frage stellt, ob und wie die Musik als besonderes Ausdrucks- mittel menschlicher Gefühle, neben der Verkündigung des Wortes Gottes durch die Sprache und durch die darstellende Kunst ein Mittel zur religiösen Verkündi- gung sein kann.
Es soll in dieser Arbeit folglich neben der Beschäftigung mit dem historischen Werk der „Hohen Messe“ Johann Sebastian Bachs auch abschließend eine Über- tragungsmöglichkeit auf die Gegenwart gesucht werden: Wie kann unter den heutigen Bedingungen das Verhältnis von Theologie und Musik aussehen? Gibt es Anknüpfungspunkte durch die Wiedererinnerung an historisch sinnvolle Ver- knüpfungen von Theologie und Musik innerhalb von Kompositionen für die Gegenwart?
Besonders zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wo aus unterschiedlichen Gründen die sprachliche Verkündigung des Wortes Gottes teilweise vor unüberwindlichen Barrieren zu stehen scheint, kann die Beschäftigung mit einem geschichtlichen Beispiel von musikalischer Verkündigung daran erinnern, dass es nicht aus- schließlich den Weg der Wort-, sondern auch andere Wege der Glaubensverkündigung geben kann.
Ich möchte hier an einige Fragen Meinrad Walters anknüpfen, deren Beantwor- tung er zu Beginn seines Buches als Zielvorstellungen angibt:
„Inwiefern ist Bachs Verkündigung ein Zusammenspiel von begrifflicher und musikalischer Sprache? Was sagt sie aus, was gibt sie zu verstehen und wie ist diese spezifische Wort-Ton-Sprache noch verstehbar? Inwiefern ist sie überhaupt eine Sprache des Glaubens? (...) Kann die Sprache einer ver- gangenen Epoche über ihre Zeit hinaus überhaupt verkündigen oder kann das immer nur die gegenwärtige Sprache? (...) Warum spricht sie (diese Sprache) so viele an, die ihrerseits diese Sprache nicht mehr sprechen, weder dem Begriff noch der Musik nach?“ 4
Auch ich möchte mich diesen Fragen stellen, und versuchen mich ihren Ant- worten durch Untersuchung des Credos aus der „Hohen Messe“ zu nähern.
3 Mit Ausnahme der Arbeit Meinrad Walters, der sich der Frage der Gegenwartsbedeutung Johann Sebastian Bachs stellt.
4 Walter; hier: S. 47
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Im Folgenden beschreibe ich die Aufteilung und thematische Akzentuierung der Kapitel meiner Arbeit.
Um das Werk Bachs besser zu verstehen, wird zunächst Bachs Biographie und die Bedeutung des Komponisten innerhalb seiner Zeitepoche dargestellt. (Kapitel 2) Daran schließt sich eine allgemeine Einführung zur „Hohen Messe“ an, welche vor allem die Entstehung der Komposition beleuchtet. (Kapitel 3) Im Hauptteil meiner Arbeit (Kapitel 4 und 5) soll das Credo der h-Moll Messe näher untersucht werden. Vor allem die Analyse und die Interpretation – unter der besonderen Berücksichtigung des Wort-Ton-Verhältnisses (innerhalb des vierten Kapitels) machen einen zentralen Teil der Arbeit aus. Das Verhältnis zwischen dem theologischen Text des Credos und der von Bach komponierten Musik wird herausgearbeitet.
Im sechsten Kapitel werde ich abschließend eine Übertragung auf die heutige Zeit wagen, und kurz auf einige Konsequenzen und Möglichkeiten für den Umgang mit Musik im Bereich der Theologie und mit Theologie im Bereich von Komposi- tion verweisen. So soll durch das Verstehen des Zusammenhangs zwischen Musik und Theologie, welches exemplarisch am Credo der „Hohen Messe“ Johann Se- bastian Bachs gezeigt wird, nicht nur eine sicherlich einmalige historische Komposition in das Blickfeld genommen, sondern abschließend auch Möglich- keiten theologischer Verkündigung durch Musik in der Gegenwart kurz beleuchtet werden.
7
2. Johann Sebastian Bach
Um die Werke Johann Sebastian Bachs in ihrer ganzen Dimension verstehen zu können, liegt es nahe, sich zunächst mit dem Werdegang des Komponisten und Musikers vertraut zu machen.
Die Beschäftigung mit der Biographie Bachs lässt Einflüsse der Erziehung und des gesamten Umfelds erkennen, welche sicherlich nicht nur das Leben, sondern auch die Werke des Komponisten wesentlich prägen.
2.1 Das Leben des Musikers unter besonderer Berücksichtigung
seines „musikalisch-theologischen“ Werdegangs
Betrachtet man das Leben Johann Sebastian Bachs, so wird deutlich, dass es sich grob in neun unterschiedliche Phasen aufteilen lässt. Diese Phaseneinteilung nach dem jeweiligen Schaffensort des Musikers ist in den gängigen Biographien über
Bach üblich. 1 Es scheint sinnvoll diese Lebensabschnittseinteilung zu übernehmen, da die unter- schiedlichen Lebensorte des Musikers jeweils an ganz konkrete Tätigkeitsbereiche gebunden sind, welche das Leben und Handeln Johann Sebas- tian Bachs deutlich prägen und beeinflussen.
Folgt man der Reihenfolge der einzelnen Orte, in denen Bach sich alleine oder auch mit seiner Familie niedergelassen hat, so ergeben sich hieraus neun Haupt- schaffensstätten des Musikers.
Bach hält sich während seiner Jugendzeit (1685-1703) zunächst in Eisenach, Ohr-
druf, Lüneburg und Weimar auf. 2 Es schließen sich vierzehn Jahre (1703-1717) an, in denen Bach überwiegend als
1 Vgl.: Wolff, Christian: Johann Sebastian Bach. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag; 1. Auf- lage, 2000. (Wolff) Vgl.: Geck, Martin: Bach: Leben und Werk. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag; 1. Auflage, 2000. (Geck) Vgl.: Korff, Malte: Johann Sebastian Bach. München: Deutscher Taschenbuch Verlag; 1. Auf- lage, 2000. (Korff) 2 Die Gründe des Musikers für das Wechseln zu den jeweiligen Orten, werden im Verlauf der Darstellung der Lebensgeschichte noch verdeutlicht.
8
Organist seinen Lebensunterhalt verdient (Arnstadt, Mühlhausen und Weimar). 1717 bis 1723 ist der Musiker als Hofkapellmeister in Köthen tätig. Im Alter von
38 Jahren begibt Bach sich gemeinsam mit seiner Frau und seinen Kindern an
seinen letzten Wirkungsort: Bis zu seinem Tod im Jahre 1750 arbeitet er als Tho-
maskantor und Musikdirektor der Stadt Leipzig. 3 Auffällig ist, dass sich Bachs Leben, trotz der häufigen berufsbedingten Orts- wechsel und vieler Reisen, nur in einem sehr engen geographischen Raum abspielt: Der Komponist bewegt sich ausschließlich im Gebiet der Staaten Kur-
sachsen, Brandenburg-Preußen und Hannover. 4 Es liegt nahe anzunehmen, dass sich dieser enge geographische Raum aus den Schwierigkeiten der damaligen Zeit – größere Ortswechsel vorzunehmen – ergibt. (Es waren entweder viel Zeit oder sehr viel Geld dafür zu investieren.)
2.1.1 Eisenach (1685-1695)
„Es steht fest, daß keine geistige Begabung sich früher zeigt und entwickelt als die musikalische.“ 5
Johann Sebastian Bach wird am 21. März 1685 im thüringischen Eisenach als jüngstes von drei überlebenden Geschwistern geboren.
Bereits zwei Tage nach der Geburt findet die Taufe Johann Sebastians in der Georgenkirche zu Eisenach statt, in der sein Onkel Johann Christoph als Organist tätig ist. Das Kind erhält seinen Namen vom Vater (Johann Ambrosius) und von seinem Patenonkel (Sebastian Nagel), einem aus Gotha stammenden Kollegen des
Vaters. 6
Sein erstes Lebensjahrzehnt verbringt der junge Johann Sebastian in seiner Hei-
3 Vgl.: Otterbach, Friedemann: Johann Sebastian Bach: Leben und Werk. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH und Co; 2. Auflage, 1999; hier S. 9-50. (Otterbach) 4 Vgl.: Rueger, Christoph: Soli Deo Gloria. Johann Sebastian Bach: Eine Biographie von Christoph Rueger. Berlin: Erika Klopp Verlag; 5. Auflage, 1989; hier S. 16. (Rueger) 5 Nach Ferdinand von Hiller (Skupy, Hans-Horst: Das Grosse Handbuch der Zitate. Gütersloh/ München: Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH; 1. Auflage, 1993; hier: S. 671.) (Skupy) 6 Vgl.: Wolff; hier S. 13-15
9
matstadt Eisenach. 7 Den Alltag in der Fleischergasse, in der sein Elternhaus bis heute steht, prägen der
Glaube und die Musik. 8 So ist bereits hier der Ursprung für die außergewöhnliche Musikalität des späteren Komponisten, Musikers und Lehrers zu suchen. Bach erhält bei seinem Vater, der als Stadtmusiker arbeitet, den ersten Geigenun- terricht. Wahrscheinlich unternimmt er auch, von seinem Onkel, dem
Georgsorganisten unterrichtet, erste Spielversuche an der Orgel. 9 Im Alter von sechs bis zehn Jahren besucht Johann Sebastian die lutherische La- teinschule seiner Heimatstadt. Wie bereits im Elternhaus werden hier einerseits die musikalischen Grundfertigkeiten des Kindes ausgebildet, gleichzeitig wird aber auch auf die Vermittlung von Glaubenswissen besonderer Wert gelegt. Die Kinder der Lateinschule erhalten Katechismusunterricht und lernen biblische Ge- schichten, vorzugsweise die vier Evangelien, in deutscher und lateinischer
Sprache. 10 Johann Sebastian fällt durch überdurchschnittlich gute Schulleistungen auf. Schon zu Schulbeginn ist der zukünftige Musiker beinahe zwei Jahre jünger als der Klassendurchschnitt. Dieser Altersabstand vergrößert sich während seiner Schulzeit noch, sodass er als Achtjähriger, trotz häufiger Fehlstunden aufgrund
von Kirchendiensten, bereits die Quinta besucht. 11 Johann Sebastian singt zunächst im Kurrendechor seiner Schule. Als der Schul- leiter das musikalische Talent des Jungen erkennt, schickt er Bach in den Chorus
Symphonicus, den „Vorzeigechor“ der Schule. 12 Nachdem bereits am 3. Mai 1694 Johann Sebastians Mutter, die geborene Elisa- beth Lämmerhirt, gestorben ist, folgt nur ein dreiviertel Jahr später (am 20. Februar 1695) der Tod des erst fünfzigjährigen Johann Ambrosius Bachs. Obwohl
7 Es ist bemerkenswert, dass sich bereits in der frühen Kindheit Johann Sebastian Bachs sämt- liche Fundamente der damaligen Musikkultur in einem engen Umkreis um ihn herum vereinen: Sowohl mit Stadt (Ratsmusik-Kompagne) und Hof (Hofkapelle), als auch mit Schule (Chorus musicus) und Kirche (Orgelmusik, Chorgesang) kommt Bach in seinen ersten Lebensjahren in Berührung. (Vgl.: Wolff; S. 22ff.) Diese unterschiedlichsten Stätten der Musikausübung werden ihn nicht nur in den ersten Le- bensjahren begleiten. Vielmehr wird sein ganzes Leben vor allem von dem Wechselspiel weltlicher und geistlicher Musik – Musik und Theologie – geprägt sein.
8 Vgl.: Korff; hier: S. 9 9 Vgl.: Kolneder, Walter: J. S. Bach: Leben, Werk und Nachwirken in zeitgenössischen Doku- menten. Wilhelmshafen: Noetzel, „Heinrichshofen-Bücher“, 1. Auflage, 1991; hier S. 19 (Kolneder) 10 Vgl.: Korff; hier: S. 10 11 Vgl.: Kolneder; hier: S. 19ff.
12 Vgl.: Korff; hier: S. 10
10
dieser kurz vor seinem Tod die Witwe seines verstorbenen Vetters, die Arnstädter Bürgermeistertochter Barbara Magharetha Keul geheiratet hatte, bleiben seine Kinder nicht bei der Stiefmutter: Sie werden zum älteren Bruder Johann Christoph nach Ohrdruf, ein etwa vierzehn Kilometer südlich von Gotha gelegenes kleines Landstädtchen, geschickt.
Johann Christoph hat, nach seiner dreijährigen Ausbildung bei Johann Pachelbel in Erfurt (1686-1689), gerade geheiratet und arbeitet als Organist in der St. Mi- chaelis-Kirche zu Ohrdruf. Dadurch hat der Dreiundzwanzigjährige das nötige Geld um seine beiden jüngeren Brüder Johann Sebastian und Johann Jakob,
welche er kaum kennt, bei sich aufzunehmen. 13
2.1.2 Ohrdruf (1695-1700)
Johann Jakob kehrt bereits ein Jahr später wieder nach Eisenach zurück, um bei Johann Heinrich Halle eine Ausbildung zum Stadtmusiker zu beginnen. Für Jo- hann Sebastian wird das Haus des Bruders in Ohrdruf für die nächsten fünf Jahre (bis 1700) zum Lebensort.
Der gerade Elfjährige besucht bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr das durch seinen guten Ruf bekannte Ohrdrufer Gymnasium: das Lyzeum. Auch hier fällt er weiterhin durch gute Schulleistungen auf. Bereits im Alter von vierzehn Jahren ist Johann Sebastian Primaner. Er ist durchschnittlich vier Jahre jünger als seine Mit-
schüler. 14 Die gute Ausbildung, sowohl im musikalischen als auch im religiösen Bereich, ist in Ohrdruf für den Heranwachsenden gesichert. Der Religionsunterricht des Ly- zeums wird von strenger lutherischer Orthodoxie geprägt. Hier stehen sowohl regelmäßiger Katechismus- und Bibelunterricht als auch ein zeitlich umfangrei- cher Musikunterricht (fünf Wochenstunden) auf dem Stundenplan der
Gymnasiasten. 15 Bach singt im Kurrendechor der Schule, und kann dadurch das eher bescheidene
13 Vgl.: Otterbach; hier: S. 10-11
14 Vgl.: Wolff; hier: S. 42 ff.
15 Vgl.: Korff; hier: S. 12
11
Organisteneinkommen seines Bruders aufbessern. 16
Johann Christoph erkennt schnell das überdurchschnittliche Talent seines jün-
geren Bruders und führt den Jungen in das Klavier- und Orgelspielen ein. Auch
erste Generalbassübungen und Kompositionsversuche Johann Sebastian Bachs
haben in dieser Zeit ihren Ursprung. Johann Christoph vermittelt dem heranwach-
senden Jungen erste Kenntnisse über berühmte Orgelmeister. Johann Sebastian
kann erste Bekanntschaften mit den Werken G. Frescobaldis, G. Böhms, D. Bux-
tehudes und Johann Pachelbels machen, und bekommt dadurch erste
Vorstellungen über Kontrapunktik und Methoden der Choralbearbeitungen. 17
Schenkt man den überlieferten Geschichten 18 Glauben, ist Johann Sebastian so
eifrig bei der Sache, dass es für den älteren Bruder schwer ist, ihn Schritt für
Schritt an die unterschiedlichen Bereiche der Musik heranzuführen. Der Heran-
wachsende ist so wissbegierig, dass er am liebsten alles auf einmal kennen lernen
würde.
Bach lernt in Ohrdruf einen anderen Schwerpunkt der Musikausübung kennen:
Während sein erstes Lebensjahrzehnt in Eisenach, vor allem aufgrund des Berufes
seines Vaters (Stadt,- und Ratsmusiker), überwiegend durch den bürgerlich-welt-
lichen Lebensbereich gekennzeichnet ist, konfrontiert Johann Christoph seinen
Bruder mit den Berufsaufgaben eines Kirchenmusikers.
16 Vgl.: Wolff; hier: S. 42 ff.
17 Vgl.: Korff; hier: S. 13
18 Eine Geschichte, die von Carl Philipp Emanuel Bach weitergegeben wurde, spiegelt in beson-
derer Weise die kindliche Neugier Johann Sebastians wieder:
„Die Lust unsers kleinen Johann Sebastians zur Musik, war schon in diesem zarten Alter unge- mein. In kurzer Zeit hatte er alle Stücke, die ihm sein Bruder freywillig zum Lernen aufgegeben hatte, völlig in die Faust gebracht. Ein Buch voll Clavierstücke, von den dama- ligen berühmtesten Meistern, Frobergern, Kerlen, Pachelbeln aber, welches sein Bruder besaß, wurde ihm, alles Bittens ohngeachtet wer weis aus was für Ursachen, versaget. Sein Eifer immer weiter zu kommen, gab ihm also folgenden unschuldigen Betrug ein. Das Buch lag in einem nur mit Gittertüren verschlossenen Schrancke. Er holte es also, weil er mit seinen kleinen Händen durch das Gitter langen, und das nur in Papier geheftete Buche im Schrancke zusammenrollen konnte, auf diese Art, des Nachts, wenn jedermann zu Bette war, heraus, und schrieb es, weil er auch nicht einmal des Lichtes mächtig war, bey Mondscheine, ab. Nach sechs Monaten, war diese musicalische Beute glücklich in seinen Händen. Er suchte sie sich, insgeheim mit ausnehmender Begierde, zu Nutzen zu machen, als, zu seinem größten Herze- leide, sein Bruder dessen inne wurde, und ihm seine mit so vieler Mühe verfertigte Abschrift, ohne Barmherzigkeit, wegnahm (...)“ (Kolneder; hier: S. 20) Wie auch immer die heutige Bachforschung die Authentizität dieser Geschichte beurteilt, be- steht wohl, auch unabhängig der Gültigkeit dieser Überlieferung, der Konsens, dass Bach bereits in jungen Jahren überdurchschnittlich viel Eifer und Wissbegierde, vor allem im musi- kalischen Bereich, gehabt haben muss.
12
So lernt Bach hier in Ohrdruf die Welt der evangelisch-lutherischen Kirche außer-
halb seines Religionsunterrichtes kennen. 19 Als im Jahre 1700 bereits das dritte Kind Johann Christophs und seiner Frau Jo- hanna Dorothea geboren wird, verlässt der nun fast Fünfzehnjährige Johann Sebastian – aufgrund Platzmangels – das Haus seines Bruders.
Der neue Musiklehrer und Ohrdrufer Kantor Elias Herda sorgt dafür, dass Bach eine Unterkunft findet, in der weiterhin zur Ausbildung seines Talentes beige- tragen werden kann. Herda selbst hatte die Lüneburger Michaelisschule besucht, und wusste, dass dort musikalisch talentierte Kinder armer Eltern als Chorsänger aufgenommen werden und dafür kostenlos im Internat der Schule wohnen können. Der Lehrer schickt ein Empfehlungsschreiben an diese Schule, und Bach wird aufgenommen.
Johann Sebastian begibt sich am 15. März 1700, sechs Tage vor seinem fünf- zehnten Geburtstag, auf den über 300 Kilometer langen Fußweg nach Lüneburg. Es bestehen keine gesicherten Kenntnisse darüber, ob der drei Jahre jüngere Klas- senkamerad Georg Erdmann, der sich bereits Wochen zuvor im Lyzeum
abgemeldet hatte, Bach bei dieser mühseligen Reise nach Lüneburg begleitet. 20
2.1.3 Lüneburg (1700-1702)
Bach muss spätestens im April des Jahres sein Ziel Lüneburg erreicht haben, denn Unterlagen der Michaelisschule zeugen davon, dass Johann Sebastian in diesem Monat als Sopranist in den Mettenchor der Schule aufgenommen wird. Die Schüler der St. Michaelisschule erhalten kostenlose Unterkunft mit Verpflegung im schuleigenen Internat.
Durch Kontakte zu Schülern der Ritterakademie, einem Internat für junge Ade-
19 Dieses genauere Kennenlernen des kirchlichen Bereichs im Gegensatz zum bürgerlich-weltli- chen Milieu scheint das weitere Leben Bachs sehr stark zu prägen. So fühlt Johann Sebastian Bach sich große Teile seines Lebens der geistlichen Musik verpflichtet: Er arbeitet viele Jahre als Organist in unterschiedlichen Städten und komponiert neben vielen anderen geistlichen Werken eine bedeutende Anzahl an Kantaten zu biblisch-religiösen Texten. (Vgl.: Otterbach; hier: S. 11f.) Auch die Bezeichnung „Soli Deo Gloria - Gott allein die Ehre“ über vielen Werken Bachs, zeugt von einer Verbindung zwischen Glauben und Musik, die sich wohl vor allem in der Ohrdrufer Zeit entwickelt hat.
20 Vgl.: Korff; hier: S.14f.
13
lige, welches direkt neben dem Internat der Michaelisschule liegt, hat Bach die Möglichkeit nach Celle zu reisen. Johann Sebastian lernt hier den französischen Musikstil kennen, den er später in einigen seiner eigenen Kompositionen verar- beiten wird.
Während seines Aufenthalts in Lüneburg macht der anfangs noch fünfzehnjährige Bach erste persönliche Bekanntschaften mit Georg Böhm, der zu dieser Zeit das Organistenamt in der Johanniskirche zu Lüneburg inne hat. Auch eine Verbin- dung zu Reincken, einem der angesehensten Orgelspieler Norddeutschlands und Lehrer Böhms, sind durchaus möglich. Johann Sebastian soll den sich damals in Hamburg aufhaltenden Reincken mehrmals besucht haben, um dessen Spiel zu lauschen. Bei einer dieser Hamburgreisen lernt er außerdem Vincent Lübeck, den
zweiten bedeutenden Organisten der Hansestadt, kennen. 21 In Lüneburg bildet sich der junge Bach im Bereich des Orgelbaus weiter. Seine anfänglichen Kenntnisse, die er bei seinem Onkel, dem Georgsorganisten, und bei seinem Bruder gewonnen hat, kann er durch das genaue Beobachten der Arbeit des bekannten Orgelbauers Johann Balthasar Held, der zur Restaurierung einer
Orgel nach Lüneburg kommt, erweitern. 22 Trotz weniger gesicherter Kenntnisse über das Schaffen Bachs während seines zweijährigen Aufenthalts in Lüneburg bleibt festzuhalten, dass dieser Zeitraum
durchaus Prägekraft für den weiteren Lebensweg des Musikers besitzt. 23 Johann Sebastian erhält, vor allem durch den Besuch der Michaelisschule, eine gute Allgemeinbildung, und sein bereits durch den Besuch der Lateinschulen in Eisenach und Ohrdruf vorgeformtes lutherisch-orthodoxes Weltbild wird gefes-
tigt. 24 Nachdem Bach im Frühjahr 1702 die beiden Schuljahre der Prima mit großem Er- folg abgeschlossen hat, schlägt er als siebzehnjähriger bei einem Probevorspiel um das Organistenamt in Sangershausen alle Konkurrenten. Doch erhält Johann Sebastian diese Stelle nicht, da der Landesfürst Herzog von Sachsen-Weißenfels
einen Musiker aus seiner eigenen Hofkapelle bevorzugt. 25 Dennoch bleibt Bachs
21 Vgl.: Rueger; hier: S. 40ff.
22 Vgl.: Rueger; hier: S. 41
23 Vgl.: Korff; hier: S. 19
24 Vgl.: Wolff; hier: S. 62f.
25 Vgl.: Otterbach; hier: S. 14
14
größter Wunsch, wohl vor allem bedingt durch die beim Bruder und bei Böhm und Reincken genossene Ausbildung, seine Fähigkeiten in den Dienst der Kirche
und somit in den Dienst Gottes zu stellen. 26 Bach muss sich entgegen dieser Vorliebe zur Kirchenmusik zunächst als Über- gangslösung ein anderes Aufgabenfeld suchen, da er zu dieser Zeit keine Möglichkeit sieht, im kirchlichen Dienst angestellt zu werden. In seinem Umkreis
ist keine geeignete Organistenstelle vakant. 27 Der Siebzehnjährige erinnert sich an den Werdegang seines Großvaters Christoph
Bach, welcher als Hofmusiker in Weimar tätig war. 28 Durch Zufall ist am Hof des Herzogs von Sachsen-Weißenfels in Weimar eine Stelle frei, so dass Bach sich dort der höfischen Privatkapelle des Prinzen Johann Ernst, dem Bruder des regie-
renden Herzogs, als Laquai anschließen kann. 29
2.1.4 Weimar I (1703)
Die bedeutenderen Ereignisse während Bachs kurzem Aufenthalt in Weimar sind wohl weniger in seiner Tätigkeit als Laquai in der Hofkapelle des Prinzen zu finden, sondern vielmehr in Johann Sebastians sonstigen Tätigkeiten und Begeg- nungen. Vor allem die zeitweiligen Vertretungen des Hoforganisten Effler führen dazu, dass der junge Bach immer mehr Praxis im Orgelspiel bekommt. Die Begegnung mit dem Geiger Johann Paul von Westhoff, dem wohl bedeutend- sten Vertreter der deutschen Tradition des Violinspiels, hat sicherlich Auswirkungen auf Bachs spätere Solosonaten für Violine. Bei Westhoff lernt Jo- hann Sebastian die unbegleitete mehrstimmige Violinmusik kennen, deren Kennzeichen vor allem eine weit ausgeführte Doppelgrifftechnik ist. Ob Johann
26 Vgl.: Korff; hier: S. 21
27 Es gab zu dieser Zeit drei freie Orgelstellen. Für die Dienste in Sangershausen war Bach be- reits abgelehnt worden. Weiterhin war Johann Sebastians Onkel Johann Christoph verstorben, sodass es eine freie Stelle in der St. Georgen Gemeinde zu Eisenach gab. Es bestehen keine ge- sicherten Kenntnisse darüber, ob sich Bach in seiner Heimatstadt beworben hat. Gesichert ist allerdings, dass Johann Bernhard Bach, ein älterer Verwandte Johann Sebastians, die Nach- folge Johann Christophs antritt. Die frei gewordene Orgelstelle in Arnstadt konnte noch nicht angetreten werden, da ein Brand im Jahre 1581 große Teile der Kirche zerstört hatte, und die neue Orgel noch nicht fertiggestellt war. (Vgl.: Korff; hier: S. 22) 28 Vgl.: Wolff; hier: S. 74 29 Vgl.: Kolneder; hier: S. 30f.
15
Sebastian Bach ohne den Kontakt mit dem bedeutenden Violinisten jemals unbe-
gleitete Violinsonaten dieser Art geschrieben hätte, ist zu bezweifeln. 30 Anfang Juli des Jahres 1703 wird Bach in das dreißig Kilometer entfernte Arn-
stadt, die älteste Stadt Thüringens 31 zur Erprobung der neuen Orgel in der wiederaufgebauten „Neuen Kirche“ 32 eingeladen.
Die Fähigkeiten Bachs, die sich bei dieser Erprobung der Orgel zeigen, müssen bei den Arnstädtern eine bleibende Wirkung hinterlassen haben. Als nur wenige Monate nach der Erprobung die Stelle des Arnstädter Organisten neu besetzt wird, scheint klar zu sein, dass nur Johann Sebastian Bach der richtige Mann für dieses Amt sein kann. Bach wird vom Grafen zu Schwarzburg und Hohenstein, ohne an-
dere Kandidaten zum Probespiel zu laden, zum Nachfolger ernannt. 33
2.1.5 Arnstadt (1703-1707)
Am neunten April 1703 übernimmt Bach sein neues Amt als Organist in der Arn- städter „Neuen Kirche“. Da es zu Bachs Lebzeiten üblich ist, von jedem Organisten auch eigene Werke zu verlangen, ist der Musiker nun erstmals gefor-
dert, eigene Werke zu verfassen und öffentlich aufzuführen. 34 Aus diesem Schaffensanlass heraus entstehen nun eine Reihe von Kompositionen, die aller- dings noch sehr deutlich die Anregungen durch die Begegnung mit den Werken
Pachelbels (Ohrdruf), Böhms (Lüneburg) und Reinckens (Hamburg) zeigen. 35 Der vierjährige Aufenthalt in Arnstadt ist vor allem durch Konflikte zwischen Bach und seinen Vorgesetzten gekennzeichnet. Insgesamt bezahlt der junge Bach in den Arnstädter Jahren ein hohes Lehrgeld: Zwar kann Johann Sebastian in mu-
30 Vgl.: Kolneder; hier: S. 30-32
31 Vgl.: Wolff; hier: S. 85 32 Die Arnstädter Kirche heißt seit 1935 Bachkirche. (Vgl.: Rueger; hier S. 46) 33 Vgl.:Wolff; hier: S. 77ff.
34 Vgl.: Kolneder; hier: S. 37 35 Die heutige Bachforschung zeigt keine Einigkeit über die zeitlichen Anfänge der ersten Kom- positionen Johann Sebastian Bachs. Während einige Wissenschaftler die Meinung vertreten, Bach habe bereits im Hause seines Bruders erste Kompositionen niedergeschrieben, betonen andere, dass es eigentlich kaum Kompositionen des jungen Bach vor seinem Dienstantritt in Arnstadt gebe. (Vgl.: Kolneder; S.26ff) Einigkeit besteht allerdings wohl darüber, dass die Übernahme des Organistenamtes in Arn- stadt im Jahre 1703 dem jungen Bach erstmalig in seinem Leben einen Schaffensanlass bietet, der dafür sorgt, dass der Umfang der bachschen Kompositionen deutlich steigt.
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sikalischer Hinsicht in diesen Jahren immer weiterlernen, 36 da ihm viel Zeit zur
persönlichen Verfügung bleibt, 37 es ist aber zu erkennen, dass Bach mit der Rea-
lität der Arbeitspraxis in der kleinen Gemeinde überfordert ist.
Besonders im persönlichen Bereich verändert sich Bachs Leben während seiner
Dienstjahre in Arnstadt. Der Musiker lernt Maria Barbara, die Tochter eines ver-
storbenen Cousins seines Vaters, kennen. Die beiden versprechen sich in der
Verlobung die spätere Ehe, die dann auch tatsächlich einige Jahre später ge-
schlossen werden wird.
Nachdem Bach im Februar von einer Reise nach Lübeck 38 , die er eigenmächtig
von vier Wochen auf vier Monate ausgedehnt hatte, wieder in Arnstadt eintrifft,
verschlechtert sich das Verhältnis zu seinen Vorgesetzten aufgrund seiner Hals-
starrigkeit und seiner beinahe „antibürgerlichen Haltung“ 39 .
Bach beherrscht zwar die Musik, weniger aber erkennt er die Möglichkeiten und
Grenzen derselben im Einsatz des Gemeindegottesdienstes. 40
Weitere Streitigkeiten entstehen in dieser Zeit aufgrund der Unzulänglichkeiten
des Bach anvertrauten Schulchores. 41
Trotz der Geduld und der fachlichen Anerkennung seiner Vorgesetzten, lässt sich
Johann Sebastian auf keine Kompromisse ein. Bach verfolgt seine eigenen Auf-
36 Vor allem der Umstand, dass Johann Sebastian erstmals in seinem Leben Zugang zu einer
technisch fehlerfreien Orgel hat, muss ihn in besonderer Weise zum Orgelüben angespornt haben. (Vgl.: Wolff; hier: S. 88)
37 Bach hat lediglich vier Gottesdienste pro Woche zu spielen, und ansonsten auch kaum regel-
mäßige Verpflichtungen. (Vgl.: Wolff; hier: S. 87f.)
38 Bach will auf dieser Reise Bekanntschaft mit dem geschätzten Dietrich Buxtehude machen.
Dieser sucht zu jener Zeit einen Nachfolger für sein Organistenamt in der Marienkirche zu Lü- beck. Die Bedingung, die an die Amtsnachfolge Buxtehudes geknüpft ist, scheint allerdings unzumutbar: Der zukünftige Organist muss die Tochter Buxtehudes, Anna Margareta, heiraten. Dies ist aufgrund der äußeren Erscheinung dieser Frau eine derart große Hürde, an der kurz zuvor auch schon Georg Friederich Händel und Johann Matthesen gescheitert waren, dass Jo- hann Sebastian die Amtsnachfolge dankend ablehnt. (Vgl.: Korff; hier: S. 28ff.)
39 Kolneder; hier: S.37
40 Bach irritiert die Gottesdienstbesucher immer mehr durch eine deutliche Aufwertung des in-
strumentalen Orgelspiels, welches zu einer deutlichen zeitlichen Verlängerung, beispielsweise der Choralvorspiele, führt. Der Musiker reißt die Orgel aus ihren bisherigen Funktionszusam- menhängen heraus: Während die Gemeinde bis zu Bachs Dienstantritt das Instrument ausschließlich in einer sich unter den Gottesdienst ordnenden Funktion kennen gelernt hatte, macht Bach nun das konzertierende Orgelspiel zu einem wesentlichen Teil des Gottesdienstes. Eine Neuheit, bei der der Streit bereits vorprogrammiert zu sein scheint, da die Arnstädter Ge- meinde einschließlich ihrer Vorgesetzen nicht für diese Neuerung bereit ist. (Vgl.: Otterbach; hier: S. 15f.)
41 Desweiteren lassen Quellen über den Umgang mit den ihm anvertrauten Schülern keinesfalls
auf ein verständnisvolles Verhalten des Musikers gegenüber seinen Schülern schließen. (Vgl.: Kolneder; hier: S. 34)
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fassungen unabhängig von den Meinungen anderer, seien es auch seine eigenen
Vorgesetzten, und reagiert mit Trotz. 42 Die unterschiedlichen Auseinandersetzungen führen dazu, dass der Musiker schnell erkennt, dass das Organistenamt in der Arnstädter Kirche nicht das Ziel seines noch jungen Lebens sein kann. Deshalb kommt es ihm gelegen, dass im Dezember des Jahres 1706 eine nicht weit entfernt liegende Organistenstelle in Mühlhausen durch den Tod des Organisten der Blasiuskirche, Johann Georg Ahle,
vakant wird. 43 Bach bewirbt sich um diese Stelle, und scheint auch gute Chancen zu haben die Nachfolge Ahles antreten zu können, da Maria Barbara, seine Verlobte, mit einem der Ratsherren in Mühlhausen verwandt ist. Trotzdem lässt man sich in Mühl- hausen mit der neuen Stellenbesetzung Zeit. Bevor man Bach am Ostersonntag, den 24. April 1707 zu einem Probespiel einlädt, hatte man bereits eine Reihe von anderen Musikern angehört.
Obwohl Bach durch sein Spiel an Ostern dieses Jahres die Mühlhausener über- zeugen kann, muss die Einstellung des Musikers wiederum verzögert werden: Ein Großbrand, der große Teile Mühlheims vernichtet, führt dazu, dass erst im Juni des Jahres der Arbeitsvertrag mit Bach geschlossen werden kann. Johann Sebastian bittet in Arnstadt um seine Entlassung. Bereits wenige Wochen
später wird die Bitte um Entlassung von den städtischen Behörden angenommen. 44
42 „Bach reagiert mit Trotz: war sein Spiel auf der Orgel zu lang, fällt es jetzt kurz, extrem kurz aus. Der Geistliche muss sich beeilen, will er die Kanzel rechtzeitig vor dem Schlussakkord er- reichen!“ (Korff; hier: S. 31) 43 Vgl.: Korff; hier: S. 31 44 Vgl.: Korff; hier: S. 31-33
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2.1.6 Mühlhausen (1707-1708)
Johann Sebastians Einkommen ist durch die Übernahme des Organistenamtes an
der Blasiuskirche gesichert, allerdings fühlt er sich recht einsam an seinem neuen
Wohnort. So holt er nur wenige Wochen nach seinem Dienstantritt (15. Juni 1707)
seine Verlobte Maria Barbara zu sich nach Mühlhausen, um diese am 17. Oktober
in der Kirche zu Dornheim zu heiraten. 45
Es scheint, dass Bach sich in Mühlhausen etablieren will. Die Bedingungen
hierfür sind zumindest gegeben. Da in Mühlhausen die Leitung eines durchaus fä-
higen Chores in den Händen Bachs liegt, verwundert es kaum, dass der junge
Musiker nun eine bedeutende Menge an Vokalwerken komponiert. 46
Doch trotz der besonderen Anerkennung des musikalischen Talentes seitens der
Obrigkeit 47 , scheint der Aufenthalt Bachs in Mühlhausen nicht von längerer Dauer
zu werden. Ein theologischer Streit unter den beiden Vorgesetzten der Mühl-
hauser Gemeinden St. Blasius und der Marienkirche führt schließlich dazu, dass
Bach keinen Weg mehr sieht, sein weiteres Leben als Organist der St. Blasius-
kirche zu verbringen. 48
Es mag auf den ersten Blick verwundern, warum ein theologischer Streit in einem
für Bach unerträglichen Maße die Ausübung der Kirchenmusik beeinflussen kann.
Doch einsichtig wird dies, wenn man den theologischen Streit näher beleuchtet.
Es ist der zur damaligen Zeit übliche Kampf zwischen den Anhängern der Ortho-
45 Vgl.: Otterbach; hier: S. 21ff.
46 Unter anderem gelten die folgenden Werke als gesicherte Kompositionen Bachs während der
Mühlhausener Zeit: Ratswahlkantate BWV 71 „Gott ist mein König“; unterschiedliche Kan- taten (z.B.: BWV 106,131,196, 223) Vgl.: Kolneder; hier: S. 49ff.
47 Besondere Anerkennung erhält der Musiker beispielsweise durch den Auftrag eine Kantate
zum Ratswechsel zu schreiben. Diese Kantate „Gott ist mein König“ wird dann am Tag des Ratswechsels am 4. Februar 1708 im Rahmen eines Festgottesdienstes erstmals öffentlich aufgeführt. Als Zeichen der Hochschätzung der Leistung Bachs veranlassen die Vorgesetzten die Kantate in Druck zu geben. Diese Kantate ist bis heute als einziges gedrucktes Dokument einer Kantatenpartitur Johann Sebastian Bachs noch erhalten. (Vgl.: Kolneder; hier: S. 47ff.)
48 Vgl.: Korff; hier: S. 37ff.
Christian Wolff schreibt in seiner Bachbiographie, dass die Ansicht, theologische Streitig-keiten unter Bachs Vorgesetzten seien der Anlass für den Musiker gewesen, sein Amt zu kündigen, auf einem Irrtum beruhe, da sich Johann Sebastian Bach niemals in diese Auseinandersetzung eingemischt habe. (Vgl.: Wolff; hier: S. 127) Es ist nicht mehr geschichtlich überprüfbar, ob und in welcher Weise Bach in dieser Auseinan- dersetzung Partei ergriffen hat. Da es allerdings gesichert ist, dass es diese Auseinandersetzungen gegeben hat, liegt es auf der Hand, dass diese Streitigkeiten nicht ganz an Bach vorbeiliefen, und sie für ein ungünstiges Arbeitsklima gesorgt haben, welches dann ein Grund für die Kündigung hätte sein können.
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doxie und des Pietismus. 49 Während der Superintendent der Blasiuskirche, und somit der Vorgesetzte Bachs, zum Anhänger des eher „musikfeindlichen“ Pietismus wird, vertritt der Pastor der Marienkirche, Georg Christian Eilmar, ein Freund Bachs, die Position der Ortho- doxie.
Bach komponiert seine Musik zur Ehre Gottes, um Menschen durch die Musik
den so unnahbaren und unvorstellbaren Gott näher zu bringen. 50 Johann Sebastian fühlt sich sowohl als Musiker als auch als gläubiger Mensch
(vor allem wohl aufgrund seiner Erziehung in den orthodoxen Lateinschulen 51 ) dem pietistischen Glauben des ihm vorgesetzten Superintendenten abgeneigt. 52 Nachdem Bach im Frühjahr des Jahres 1708 von der Möglichkeit einer Anstellung am Weimarer Hof als Nachfolger für den alt gewordenen Effler erfährt, kündigt er nach erfolgreichem Probespiel für das Amt des Hoforganisten am 25. Juni seine Arbeitsstelle an der Blasiuskirche zu Mühlhausen.
Als für die Kündigung ausschlaggebende Gründe nennt der Musiker einerseits sein Einkommen, dass nicht dazu ausreiche mehrere Kinder, die erst noch geboren werden sollten, zu ernähren. Andererseits betont er auch deutlich, dass es ihm durch die Streitigkeiten seiner Vorgesetzten nicht möglich sei, gute Arbeit im Be- reich der Kirchenmusik zu leisten.
49 Der Pietismus ist eine stark frömmigkeitsorientierte Bewegung des Protestantismus. Er betont vor allem, dass der Glaube sich im alltäglichen Leben zu bewähren hat, und geht somit auch von einer stark subjektiv-individualistisch geprägten Gotteserfahrung aus. Während unter den Anhängern des Pietismus die Kirchenmusik einen stark untergeordneten Charakter zugespro- chen bekommt, nur als ein Mittel der individuellen Andachtsausübung gilt und im Gottesdienst eher eine weltliche Ablenkung sei, erfüllt die Musik bei den Anhängern der Orthodoxie einen viel höheren Anspruch. Sie hat die Möglichkeit und das Ziel, Menschen Gott näher zu bringen. Sie führt zur Darstellung der Herrlichkeit Gottes, des Schöpfers. (Vgl. Korff; hier: S. 38f.) 50 Vgl. auch: Zum Verhältnis von Musik und Theologie innerhalb des Credos der „Hohen Messe“ (Kapitel fünf dieser Arbeit) 51 Vgl.: Abschnitte 2.1.1-2.1.3 dieser Arbeit 52 Vgl.: Korff; hier: S. 37f.
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2.1.7 Weimar II (1708-1717)
Bereits wenige Monate nach Bachs Dienstantritt als Hoforganist und Kammermu- siker am Hofe Weimars, wird im Dezember des Jahres 1708 Catharina Dorothea, die erste Tochter Johann Sebastian Bachs und seiner Frau Maria Barbara geboren. Noch fünf weitere Kinder wird Bachs Ehefrau während dieses zweiten dienstli-
chen Aufenthaltes ihres Mannes in Weimar zur Welt bringen. 53 Bach kann sich in den ersten Jahren seiner Dienstzeit in Weimar frei entfalten. Er
arbeitet als Orgelsachverständiger, Lehrer und Klaviervirtuose. 54 Für ein harmonisches Verhältnis zu seinem Dienstherren sind die Grundbedin- gungen gewährleistet, denn am Weimarer Hof ist kein Platz für orthodox- pietistische „Frömmigkeitszänkeleien“. Herzog Wilhelm Ernst nimmt eine streng orthodoxe Glaubenshaltung ein, die für Bach im Bereich der Kirchenmusik kaum
zu Nachteilen führen kann. 55 Trotz der durchaus annehmbaren Bedingungen am Weimarer Hof, zeigt Bach be- reits zu Beginn des Jahres 1713 Interesse für ein anderes Amt. Es ist möglich, dass die gute Orgel der Liebfrauenkirche zu Halle ihm dieses Amt der Nachfolge des Organisten Friedrich Wilhelm Zachows schmackhaft gemacht hat. Jedenfalls bewirbt sich Johann Sebastian Bach um diese freigewordene Stelle. Obwohl er die Möglichkeit bekommt seinen Dienst in der Liebfrauenkirche zu Halle anzutreten,
lehnt er dieses Angebot, wahrscheinlich aus finanziellen Gründen, wieder ab. 56 Im gleichen Atemzug bittet Bach seinen Dienstherrn, der um die Bewerbung in Halle weiß, um eine Beförderung. Dieser schätzt durchaus die Qualitäten seines Ange- stellten, und beruft Bach deshalb nur kurze Zeit später, am 2. März 1714, in das Amt des Konzertmeisters, welches mit einer deutlichen Gehaltserhöhung ver- bunden ist.
Bach erhält den Auftrag, in monatlichen Abständen eine neue Kantate zu kompo- nieren und diese auch öffentlich aufzuführen, was zur Folge hat, dass Bach in den
53 Im November 1710 wird Wilhelm Friedemann Bach, der erste Sohn geboren. Nachdem im Februar 1713 ein Zwillingspaar (Maria Sophia und Johann Christoph) kurz nach der Geburt stirbt, bringt Maria Barbara am 18. März des folgenden Jahres Carl Philipp Emanuel zur Welt. Das letzte Kind, das während der Weimarer Zeit geboren wird, ist Gottfried Bernhard, der am 11. Mai 1715 das Licht der Welt erblickt. (Vgl.: Wolff; hier: S. 131) 54 Vgl.: Wolff; hier: S. 151ff.
55 Vgl.: Korff; hier: S. 44 56 Vgl.: Otterbach; hier: S. 28
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Kerstin Topp, 2003, Zum Verhältnis von Theologie und Musik bei Johann Sebastian Bach exemplarisch dargestellt am Credo der Hohen Messe, München, GRIN Verlag GmbH
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