In seinem Buch „Das Erstinterview in der Psychotherapie“ macht Argelander (1970) deutlich, wie gerade in diesem Erstgespräch die Kompetenz des Analytikers gefordert ist, der in kürzester Zeit die unbewussten Konflikte des Patienten erfassen muß. Er muß also unbewusste aktuelle Beziehungssituationen erfassen und diese ggf. schon im Erstgespräch deuten. Dabei ist er ganz auf sich gestellt: er kann sich weder beraten, noch kann er Testverfahren hinzuziehen oder Reflexionen außerhalb der Situation anstellen (Laimböck 2000).
Das psychoanalytische Erstinterview stellt neben der psychologischen Testuntersuchung das einzige diagnostische Verfahren dar, mit dessen Hilfe die Indikation für eine Psychotherapie gestellt, die Wahl einer spezifischen Behandlungsmethode getroffen und die Prognose abgeschätzt wird (Argelander 1970).
2. Historischer Überblick
Vorläufer des psychoanalytischen Erstinterviews existierten schon in den fünfziger Jahren, z.B. in den Konzepten des „psychiatrischen Interviews“ von Sullivan (1953) und des „Erstinterviews in der psychiatrischen Praxis“ von Gill et al. (1954) in den USA; oder auch bei Balint und Balint (1961), die das „diagnostische Interview“ entwickelten, das bereits das Ineinandergreifen von Übertragung und Gegenübertragung berücksichtigte. Als erste umfassende und überzeugende Fundierung können Argelanders Beiträge (1966, 1970) zur Konzeptualisierung betrachtet werden.
Freud hat -nach Argelander (1978)- bereits bei der Darstellung seines Gesprächs mit dem Bauernmädchen „Katharina“ (1895) den unbewussten szenischen Sinn als wichtig erachtet. Und in Zusammenarbeit mit dem Fall „Dora“ stellt Freud (1905 d) fest, dass die Lücken und Unbeständigkeiten in den Erzählungen der Patienten große Aufmerksamkeit verdienen: „..Ich beginne dann zwar die Behandlung mit der Aufforderung, mir die ganze Krankengeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht genügend...Sie können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt ausreichend und zusammenhängend informieren, dann folgt aber eine andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht werden, Lücken und Rätsel lassen, und ein andermal steht man wieder vor ganz dunklen, durch keine brauchbare Mitteilung erhellten Zeiten.“ (Freud, 1905 d, S. 173).
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Nach Freud lassen sich diese Lücken und auch Widerstände darauf zurückführen, dass Patienten zum einen Erinnerungen bewusst zurück halten, zum anderen wirkliche Amnesien und Erinnerungstäuschungen aufweisen.
Eine Probeanalyse von ein bis zwei Wochen Dauer empfiehlt Freud (1913 e) in „Zur Einleitung der Behandlung“: „Bricht man innerhalb dieser Zeit ab, so erspart man dem Kranken den peinlichen Eindruck eines verunglückten Heilungsversuches. Man hat eben nur eine Sondierung vorgenommen, um den Fall kennen zu lernen und um zu entscheiden, ob er für die Analyse geeignet ist“ (Freud 1913 e, S. 455).
Stekel (1938) folgte den Optionen Freuds im psychoanalytischen Erstinterview, indem er eine „Versuchswoche“ mit seinen Patienten vereinbarte.
Die „Associative Anamnesis“, eine kennzeichnende Interviewtechnik, wurde von Deutsch (1939, 1954, 1955) entwickelt. Hierbei war es schon von Bedeutung, dass sich der Analytiker passiv und zuhörend verhalten hat, um dem Patienten Gelegenheit zur inneren Konfliktentfaltung zu geben.
Gill, Newman und Redlich (1954) konzipierten dann das Erstgespräch als abgetrennte, eigenständige Untersuchungseinheit, bei welcher der Psychoanalytiker ein in die Interaktion einbezogener Teilnehmer ist. Für sie stand fest, dass das zentrale Thema des Interviews die Beziehung zwischen Patient und Analytiker wird.
Der bisher überzeugendste Versuch jedoch, die Erkenntnismöglichkeiten des Erstgesprächs zu betrachten, ist die Arbeit von Argelander Ende der sechziger Jahre (s.o.).
3. Informationsquellen
Das Resultat eines Erstinterviews ist das Ergebnis einer Materialsammlung und -verarbeitung von Informationen von dem bzw. über den Patienten. Diese Informationen stammen aus drei unterschiedlichen Quellen: aus den objektiven, den subjektiven und den szenischen bzw. situativen Informationen.
Bei den objektiven Informationen handelt es sich um vom Patienten mitgeteilte, jederzeit nachprüfbare Daten und Tatsachen wie z.B. biographische Fakten, Bedingungen der frühen Kindheit, subjektives Erleben der wichtigsten prägenden Beziehungspersonen,
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Traumatisierungen wie z.B. Verluste durch Tod oder Trennung, Verhaltensstörungen und Persönlichkeitseigenschaften. Sie werden im Laufe des Gesprächs geliefert, erweisen sich für wissenschaftliche Zwecke als hilfreich, sind für die Voraussage eines individuellen Behandlungsprozesses aber nicht von Bedeutung (Argelander 1970, Dilling/Reimer 1990). Für die subjektiven Informationen ist allein die Bedeutung ausschlaggebend, die der Patient ihnen verleiht. Der Therapeut kann die Informationen nicht allein erschließen, sondern muß sie in Zusammenarbeit mit dem Patienten heraus arbeiten.
Die so einmal gewonnenen Informationen sind zwar eindeutig, aber schwer überprüfbar. Der Maßstab für ihre Verlässlichkeit ist die situative Evidenz, d.h. das Gefühl von Übereinstimmung von Informationen und dem Geschehen in der Situation. Das Bild, das vom Patienten entsteht, ist zwar lebendig und sehr hilfreich für Voraussagen des Behandlungsprozesses, eignet sich aber aufgrund seiner Individualität nicht zum Vergleich mit anderen Persönlichkeiten (Argelander 1970).
Die szenischen oder situativen Informationen sind die situativen Erlebnisse des Analytikers mit allen Gefühlsregungen, mit Vorstellungen oder auch mit Schweigen des Patienten. Wie inszeniert der Patient das Gespräch, wie erlebt er sein Gegenüber, wie werden Aktivität und Passivität zwischen den Gesprächspartnern hergestellt usf. (Argelander 1970, Dilling/Reimer 1990)?
Diese Informationen sind einmalig, sehr persönlich und werden häufig verschwiegen. Sie haben einen hohen diagnostischen Wert und eine starke Voraussagekraft für den Behandlungsverlauf, sind aber nicht nachprüfbar. Verbindet sich eine subjektive Behauptung mit einer szenischen Information, erreicht sie eine szenische oder situative Evidenz. D.h., „das Gefühl einer prägnanten Übereinstimmung zwischen der Information und dem Geschehen in der Situation“ (Argelander 1970, S. 14).
Aus diesen drei Informationsquellen wächst die Zuverlässigkeit des so gewonnenen Persönlichkeitsbildes mit seinen psychischen Störungen (Argelander 1970, Laimböck 2000).
4. Die Gesprächssituation
Unter einem Erstinterview versteht der Therapeut eine erste, einmalige und zeitlich begrenzte Gesprächssituation.
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Kerstin Schulte, 2001, Analytisches Erstinterview nach Argelander, Munich, GRIN Publishing GmbH
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