Inhalt
1 Einleitung 1
2 Sozialkapital 2
2.1 Begriffsbestimmung 2
2.2 Putnam s Konzept 3
2.3 Bourdieu s Konzept 6
2.4 Synopse der Konzepte 8
3 Vereine im Dritten Sektor 9
3.1 Das Modell des Dritten Sektors 9
3.2 Freiwillige Vereinigungen 10
4 Die Rolle von Vereinen bei der (Re )Produktion von Sozialkapital 13
4.1 Rolle von Vereinen bei Putnam 13
4.2 Exkurs: Bürgerschaftliches Engagement 14
4.3 Rolle von Vereinen bei Bourdieu 15
4.4 Fazit: Bedeutung von Vereinen zur Bildung von sozialem Kapital 16
5 Fazit und kritische Anmerkungen 19
6 Literaturverzeichnis 21
1
1 Einleitung
Im Rahmen sozialwissenschaftlicher Auseinandersetzungen um Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft ist das vorliegende Thema angesiedelt. In diesen Debatten werden Funktionen und Aufgaben von Vereinen zur Lösung gesellschaftspolitischer Problemlagen diskutiert. Diese Diskurse erstrecken sich von der Krise des Wohlfahrtsstaates über die Krise der Erwerbsgesellschaft bis hin zur Erosion des sozialen Zusammenhalts und der Krise der Demokratie. So bestehen z.B. Besorgnisse über das Ende des Sozialstaats, die Dominanz ökonomischer Prinzipien oder/und die fortschreitende Individualisierung und deren Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben.
Den Hintergrund der Ausführungen bildet der Komplex um den Verfall sozialen Zusammenhalts. Soziales Kapital gilt in diesen Diskursen als Mittel der Sozialintegration, um so soziale Beziehungen zu stärken und damit die Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Bürger zu erhöhen. Vertreter der kritischen These sehen dagegen in den Debatten um Sozialkapital den „Ausdruck eines Gemenges aus politischen Erwartungen, mehr oder minder theoretisch gehaltvollen Gegenwartsdiagnosen und sozialwissenschaftlicher Forschung“ 1 . Als Teil einer Sphäre, die weder zu Staat, Markt oder der Privatsphäre zählt, sind Vereine den Organisationen der Zivilgesellschaft zuzuordnen. Vereinen kommt die Bedeutung zu, dass in ihnen soziales Kapital vorhanden und messbar ist. Aus diesem Grund soll das Verhältnis zwischen Sozialkapital und Vereinigungen näher betrachtet werden, wobei die zentrale Frage aufgeworfen wird, ob Vereinigungen soziales Kapital produzieren und reproduzieren.
An den Begriff „Sozialkapital“ soll sich durch zwei verschiedene Ansätze angenähert werden. Anschließend werden Vereine als Organisationen im Dritten Sektor verortet sowie die Differenzierung zu freiwilligen Vereinigungen dargelegt und definiert. In der Zusammenführung der Termini Sozialkapital und Vereinigung soll der Rolle von Vereinen in den beiden Konzepten von sozialem Kapital nachgegangen werden. Ein Exkurs zum bürgerschaftlichen Engagement soll dieses nicht nur definieren, sondern auch einen Einblick in den politisch motivierten Hintergrund der Diskussion um das Sozialkapital geben. Schließlich geht es um die Bedeutung, die Vereinigungen bei der Produktion und Reproduktion sozialen Kapitals erlangen.
1 vgl. Braun, 2003a: 33
2
2 Sozialkapital
2.1 Begriffsbestimmung
In der Forschung existieren eine Reihe von Interpretationen, Deutungen und Verwendungen des Begriffs „Sozialkapital“, die im Kontext unterschiedlicher theoretischer Ansätze und Forschungsdisziplinen stehen.
Aus historischer Perspektive läßt sich die erstmalige Verwendung des Terminus „Sozialkapital“ am Beginn des 20. Jahrhunderts verorten. Lydia Judson Hanifan prägte den Begriff zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen Gemeinschaftsengagement und Demokratie. 2 Mehrfach wurde seitdem der Terminus von diversen Forschern „unabhängig voneinander [...] wieder erfunden“ 3 . So differenzieren sich die unterschiedlichen Dimensionen vor allem in politische, soziologische und ökonomische Konzepte, die jeweils verschiedene Aspekte des Begriffs in den Vordergrund rücken 4 . Meier beschreibt beispielsweise das allgemeine Ziel des Konzepts vom sozialen Kapital als „primäre Analyse der Funktionsvoraussetzungen von Systemen und Strukturen“ 5 und bezieht sich damit auf einen systemtheoretisch-strukturfunktionalen Ansatz. Um sich dem Terminus „Sozialkapital“ zu nähern, muss auch die Debatte um das Wort „Kapital“ berücksichtigt werden. Der Kapitalbegriff definiert sich durch vier ökonomische Kriterien: Erstens ist dann von Kapital die Rede, wenn es einen Eigentümer mit juristischen Rechten gibt, der zweitens mit dem Kapital Erträge erzielen will. Drittens ist es möglich in dieses Kapital zu investieren, um die Erträge zu steigern. Viertens sinkt mit dem Ver-/Gebrauch des Kapitals dessen Wert (sog. Abschreibung) 6 . Die vier ökonomischen Bestimmungen sind nach Claus Offe bei sozialem Kapital nicht zutreffend. Es handelt sich daher bei dem Begriff „Sozialkapital“ um eine „irreführende Metapher“ 7 . Wie Offe aufzeigt, gibt es keinen Eigentümer, keine Erträge, keine Investitionen und auch keine Abschreibung des Sozialkapitals. Der alleinige Grund der Verwendung des Kapitalbegriffs sei der Beitrag, den soziales Kapital für die kollektive Wohlfahrt leistet. Daher wird von ihm empfohlen den Terminus „Sozialvermögen“ zu
2 vgl. Putnam/Goss, 2001; vgl. Keupp, 2001
3 vgl. Putnam/Goss, 2001: 17 4 Zwei Aufsätze geben einen kurzen, aber prägnanten Überblick:
Putnam/Goss, 2001; Herrmann-Pillath/Lies, 2001a 5 vgl. Meier, 1996: 12 6 vgl. Offe, 1999
3 benutzen, „also einer wohlfahrtssteigernden sozialen und moralischen Kompetenz, mit der Gesellschaften oder Teile ausgestattet sein können“ 8 . Obwohl in der vorliegenden Ausarbeitung die Erklärung von Offe unterstützt wird, soll hier der Begriff „Sozialkapital“ bzw. „soziales Kapital“ beibehalten werden, weil er die Forschungsdiskussionen dominiert.
Im Folgenden sollen zwei Konzepte von sozialem Kapital dargestellt werden. Der erste Ansatz ist mit dem Namen Robert D. Putnam verbunden, der in seinen Studien über den Verfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts in den USA ein Konzept von Sozialkapital lieferte, dass soziale Vorgänge auf der Mikroebene analysiert. Auf der Makroebene werden diese Prozesse in ökonomische und politische Perspektiven eingebunden. Das zweite Konzept ist von Pierre Bourdieu vorgelegt worden, der vor allem die objektiven Strukturen und Funktionen der gesellschaftlichen Welt beschreiben wollte.
2.2 Putnam’s Konzept
Robert D. Putnam untersuchte zunächst die Ursachen der regional unterschiedlichen Umsetzung der Kommunalreform in Italien. Die „Qualität der Verwaltungsarbeit“ 9 wird „durch dauerhafte Traditionen des Zivilengagements (oder deren Fehlen)“ 10 beeinflusst, konstatierte Putnam. Er entwickelte in dieser Studie den Begriff „Sozialkapital” als „features of social organization, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions“ 11 .
Diese Kennzeichen sozialer Organisationen, die Sozialkapital definieren, sieht Putnam in folgenden drei Komponenten 12 :
· Soziales Vertrauen
· Normen generalisierter Reziprozität
· Netzwerke zivilgesellschaftlichen Engagements.
77 vgl. Offe, 1999: 117
8 vgl. Offe, 1999: 118 9 vgl. Putnam, 1999: 27 10 vgl. Putnam, 1999: 27 11 vgl. Putnam, 1993: 167 12 vgl. Putnam, 1999; vgl. Braun, 2001
4 In einer Gemeinschaft wirkt sich ein hoher Bestand an Sozialkapital vielfach positiv auf das Zusammenleben aus. Die Netzwerke stabilisieren die Norm der Gegenseitigkeit und bilden dadurch soziales Vertrauen. Ebenso erleichtern Netzwerke die Kommunikation und Koordination zwischen den Individuen, so dass „die Dilemmata des kollektiven Handelns gelöst werden können“ 13 . Mit der Lösung kollektiver Konflikte wird auch die Notwendigkeit sozialer Kontrolle reduziert 14 .
Soziales Kapital gilt als kollektive Ressource, weil Sozialkapital in Netzwerken entsteht. Die Qualität der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebenszusammenhänge in der gesamten Gesellschaft wird durch die Existenz von Netzwerken und zivilem Engagement positiv beeinflusst 15 .
Diese Korrelation untermauert er in seinen Untersuchungen über das Niveau des Sozialkapitals in den USA 16 . Um eine Diagnose des Bestands an Sozialkapital leisten zu können, zieht Putnam „als Maßstab das Zivilengagement in formalen organisatorischen und institutionellen Kontexten heran“ 17 . D.h. Putnam misst Engagement mittels quantitativer Daten über die politische Partizipation, zivile Vereinigungen, Familien und Bindungen zur Nachbarschaft. Seine Feststellung nach den Studien lautet: Als Folge sinkenden zivilen Engagements und reduzierter sozialer Einbindung erodieren der gesellschaftliche Zusammenhalt sowie das soziale Vertrauen. Bei geringem sozialem Zusammenhalt sinkt wiederum das Niveau sozialen Kapitals 18 . Dieser Sachverhalt veranlasst Putnam zu der Schlussfolgerung, dass das „bedrohlichste soziale Phänomen im heutigen Amerika […] der Mangel an Sozialkapital (ist, d.A.), das die tiefsten Klüfte der amerikanischen Gesellschaft überbrücken könnte“ 19 .
Die Ursachen des rückläufigen Sozialkapitals erklärt er in seiner Studie durch den Eintritt der Frauen ins Erwerbsleben, die gestiegene räumliche Mobilität, demographische Transformationsprozesse und den technischen Wandel 20 . Sämtliche Veränderungen „staatlicher, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Normen – haben die Oberfläche der Bürgergesellschaft aufgewühlt“ 21 . Um die Bürgergesellschaft zu modernisieren bedarf es nach Putnam einer hohen Dichte der
13 vgl. Putnam, 1999: 29; vgl. Putnam/Goss, 2001:21
14 vgl. Braun, 2001 15 vgl. Putnam, 1999; vgl. Putnam/Goss, 2001 16 1999, 2000, 2001 17 vgl. Putnam, 1999: 30 18 vgl. Braun, 2001 19 vgl. Putnam, 1999: 66 20 vgl. Putnam, 1999 21 vgl. Putnam/Goss, 2001: 34
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Manja Wiesner, 2003, Vereine als (Re-) Produzenten sozialen Kapitals, Munich, GRIN Publishing GmbH
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