Inhaltsverzeichnis
1. Zur Textgenese des Jäger Gracchus
2. Jäger Gracchus bin ich. Über die Bedeutung seines Namens
3.1. bei uns in Riva Über den Ort der Handlung
3.2. ich war Jäger, ist das etwa eine Schuld? Über mögliche
Vorbilder und den Fehler des Jäger Gracchus
3.3. Der Bootsmann Über die verwendeten Motive aus der
griechischen Mythologie
3.4. Julia die Frau des Bootsführers Über literarische Parallelen
3.5. Salvatore so heiße ich Über den vermeintlichen Erlöser
und die Motive aus der christlichen Mythologie
4. Abschließende Interpretation und Schlußwort
5. Quellenverzeichnis
6. Verwendetes Material aus dem Internet
7. Anhang
1. Zur Textgenese des «Jäger Gracchus»
Bei der Untersuchung der Erzählung «Der Jäger Gracchus» von Franz Kafka, wie sie in den von Paul Raabe herausgegebenen «Sämtlichen Erzählungen» 1 auftaucht, tritt die Schwierigkeit auf, daß es sich bei dem in diese Sammlung aufgenommenen Text nicht um eine vom Dichter selbst, sondern von Max Brod, einem engen Freund und Förderer Kafkas, editierte Version handelt. Entgegen Kafkas testamentarisch festgesetzten Willen, die zu Lebzeiten nicht publizierten Werke nach seinem Tode zu verbrennen, veröffentlichte Max Brod den «Jäger Gracchus» 1931, sieben Jahre nachdem Kafka der Tuberkulose erlag, zusammen mit anderen Schriften aus dessen Nachlaß in «Beim Bau der chinesischen Mauer» 2 . Allerdings führte er vor dieser Veröffentlichung erhebliche Veränderungen an dem ursprünglichen Gracchus-Stoff durch: So erweckt die von Brod so betitelte Erzählung «Der Jäger Gracchus» in den «Sämtlichen Erzählungen» Raabes 1 zwar auf den ersten Blick den Eindruck, von Kafka so generiert worden zu sein, berücksichtigt man jedoch die handschriftlichen Gestaltungsversuche 3 des Dichters, so stellt man fest, daß Kafka selbst zwar verschiedene die Gracchus-Thematik betreffende Fragmente zu Papier gebracht, die Arbeit an diesen jedoch nie beendet hat. Vielmehr gab Max Brod vier voneinander abgesetzten und durch Trennstriche separierten Textfragmenten, die er im «Oktavheft B» Kafkas fand, eine Reihenfolge, die sich ihm als sinnvoll darstellte, fügte Absätze und fehlende Worte ein und korrigierte, was ihm als unwillkürlicher Fehler des Dichters erschien. Durch diese — zunächst zweckmäßig erscheinende — Tätigkeit Brods allerdings gingen diverse für eine Interpretation wichtige Merkmale der ursprünglichen Texte verloren.
1 Siehe: Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.285-288 (Im folgenden werde ich auf vollständige Quellenangaben im Text verzichten und verweise auf das Quellenverzeichnis.)
2 Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer.
Ungedruckte Erzählungen und Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Max Brod und Hans Joachim Schoeps. Berlin: Kiepenheuer 1931.
3 In: Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S. 40-43, 44-45. Aus Platzgründen, die ausgiebiges Zitieren und Zusammenfassen verhindern, werde ich im folgenden die Kenntnis der Originalfragmente voraussetzen müssen, das gilt auch für das so genannte «Fragment zum Jäger Gracchus».
Beispielsweise lautet die Stelle «Das weiß ich und schreie also nicht, um Hilfe herbeizurufen [...].» 4 in der Handschrift Kafkas «Das weiß ich und schreibe also nicht um Hilfe herbeizurufen [...].» 5 . Daß dieser vermeintlich unwichtige Verschreiber Kafkas für eine Interpretation im Sinne des Autoren 6 jedoch eine nicht unerhebliche Rolle spielt, wird im folgenden noch zu behandeln sein. Auch die Aussage des Jäger Gracchus «Dann geschah das Unglück.» 7 entstammt nicht der Feder Kafkas, der seine handschriftlichen Aufzeichnungen an dieser Stelle mit «Dann geschah » 8 abgebrochen hat, ohne den Satz zu beenden, so daß Gracchus Bewertung des ihm Zugestoßenen als «Unglück» für eine korrekte Interpretation vernachlässigt werden muß. Gleiches gilt offenbar für den Abschnitt: «‹Aus dem Jäger ist ein Schmetterling geworden. Lachen Sie nicht.› ‹Ich lache nicht›, verwahrte sich der Bürgermeister.» 9 Außerdem sollten bei der Betrachtung des «Jäger Gracchus» weitere Fragmente dieses Komplexes, die jedoch nicht Einzug in die von Max Brod editierte Version gehalten haben, nicht vernachlässigt werden. Dazu zählt vor allem das sogenannte «Fragment zum Jäger Gracchus» 10 , ein Dialog zwischen dem Jäger Gracchus und einem Besucher auf seiner Barke, aber auch die Tagebucheinträge Kafkas vom 21. Oktober 1913 11 und vom 06. April 1917 12 . Mit dem älteren Tagebucheintrag (die Beschreibung einer in einem kleinen Hafen liegenden Barke, die von Pfeife rauchenden und Wein trinkenden Männern beladen wird) ist zum ersten Mal eine Fixierung des Szenarios gegeben, 1917 dann hat Kafka es, vermutlich einige Monate nach der Entstehung der übrigen Fragmente, wiederum mit dem Jäger Gracchus verknüpft (den Tagebucheintrag vom 06. April 1917 bildet die Beschreibung einer heruntergekommenen, schmutzigen Barke, die in einem kleinen Hafen liegt, und von der ein Arbeiter dem Ich-Erzähler berichtet: «Es [das Schiff] kommt alle 2, 3 Jahre [...] und gehört dem Jäger Gracchus») 13 .
4 Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.288
5 Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44
6 Wobei es natürlich strittig ist, ob man dies überhaupt so nennen darf (im Hinblick darauf, daß Kafka die Verbrennung der zu interpretierenden Fragmente verfügt hat).
7 Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.288
8 Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.45
9 Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen. S.287
10 In: Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.96-100
11 In: Kafka, Franz: Tagebücher 1912-1914. S.198
12 In: Kafka, Franz: Tagebücher 1914-1923. S.143
2. «Jäger Gracchus bin ich.» 14 — Über die Bedeutung seines Namens
Die Frage zu erörtern, über wen Kafka eigentlich schreibt, wenn vom Jäger Gracchus die Rede ist, ist meiner Meinung nach grundlegend für die Interpretation der Erzählung.
So assoziiert man mit dem Namen Gracchus zunächst einmal jene beiden römischen Volkstribunen, Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus (163-133 bzw. 153-121 v. Chr.) 15 , die umgebracht wurden, weil sie eine beim Adel unbeliebte Politik zugunsten der einfachen Bauern verfolgten; den Anlaß zu ihrer Ermordung gaben beide Brüder jeweils dadurch, daß sie ihre verfassungswidrige Wiederwahl zum Tribun zwecks Vollendung ihrer Reformen durchsetzen wollten. Allerdings weisen die beiden meines Wissen außer dem Namen keine weiteren Parallelen zu Kafkas Jäger Gracchus auf: Keiner der beiden Sozialreformer war Jäger oder Seemann 16 ; außerdem ranken sich um keinen der beiden Legenden, die ihn als «Untoten» oder Wiedergänger beschreiben und schließlich weisen auch Kafkas Tagebucheinträge keinerlei Anzeichen für eine geistige Auseinandersetzung des Dichters mit dem Schicksal der beiden Römer auf.
Meiner Meinung nach viel ergiebiger ist hingegen die Feststellung, die auch Frank Möbus 17 gemacht hat, daß sich das italienische Wort «gracchio» (lateinisch «graculus») und das tschechische Wort «kavka» in ihrer jeweiligen Bedeutung —nämlich Dohle— entsprechen. Für die These, daß Kafka sich selbst in die Figur des Jäger Gracchus hineinprojiziert spricht beispielsweise die (später von Max Brod geänderte) Stelle «Das weiß ich und schreibe also nicht um Hilfe herbeizurufen [...].» 18 . Diese Stelle scheint «zunächst noch eine Reflexion des Autors über sich selbst zu sein [...]. Aber nur wenige Zeilen später wird offensichtlich, daß das reflektierende Ich fast unmerklich hinübergeglitten ist in das Ich des Jäger Gracchus» 19 . Diese «Seelenverwandschaft» zeigt sich bereits zu Beginn dieses Fragments, wo es
13 Vgl. zu diesem Abschnitt auch Möbus, Frank: Sünden-Fälle. S.10-14
14 Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.96
15 Vgl. Microsoft Encarta 98. Stichworte: «Gracchus, Tiberius Sempronius» und «Gracchus, Gaius Sempronius»
16 Der Gracchus Kafkas «lebt» schließlich auf einer Barke.
17 Vgl. Möbus, Frank: Sünden-Fälle. S.14
18 Kafka, Franz: Beim Bau der chinesischen Mauer. S.44
19 Albrecht, Hansjörg: Die Jäger Gracchus-Fragmente. Punkt 2.1.
Arbeit zitieren:
M.A. Martin Renz, 2001, Franz Kafkas Jäger Gracchus - Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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