Nähe und Distanz
Briefbeziehungen bei Barbara Honigmann
Mirjam Krapoth
Inhalt
1. Einleitung S. 3
2. Brieftheorie S. 4
2.1. Was ist ein Brief? S. 4
2.2. Literarische Verwendung des Briefes S. 5
2.3. Nähe und Distanz S. 6
3. Briefe im Werk Barbara Honigmanns S. 8
3.1. „Roman von einem Kinde“ S. 8
3.2. „Eine Liebe aus nichts“ S. 10
3.3. „Damals, dann und danach“ S. 12
3.4. „Alles, alles Liebe!“ S. 14
4. Schluß S. 17
5. Literaturverzeichnis S. 20
1. Einleitung
In seiner Abhandlung über „junge jüdische Literatur“ schreibt Thomas Nolden: Die Spannungen zwischen Ich und Gesellschaft werden oft in Formen ausgetragen, die an epistolaren Modellen [...] orientiert sind, da sich derart das Erleben und die Reflexion über Konflikte aus der privaten Innenperspektive vermitteln läßt. Barbara Honigmanns „Roman von einem Kind“ [sic!] beispielsweise bedient sich der Briefform, die es dem epistolaren Ich erlaubt, einen intimen Bericht über ihre eigene Befindlichkeit zu formulieren, ohne den Forderungen nach mehrfacher Brechung und Rechtfertigung gerecht werden zu müssen, die polyperspektivische Erzählformen mit sich bringen [...] Ähnlich wie in Honigmanns Eine Liebe aus nichts wird hier ein Genre und ein vorgefundener Text gleichsam fort-, ja zu Ende geschrieben: die Ästhetik gegenwärtigen jüdischen Schreibens versteht sich hier als ungebrochene Verlängerung tradierter Formen, die sich als ausreichend flexibel und tragfähig erweisen, um auch den Erfahrungen der jungen Nachkriegsgeneration gerecht werden zu können. Es wird der Versuch unternommen, an die Biographien und das Leben der Vorfahren erzählerisch anzuknüpfen, ja diese gewissermaßen weiterzuerzählen. Der Logik konzentrischen Schreibens gemäß bleiben diese Versuche allesamt narrative Gesten, die den Abstand zu ihren Modellen nicht aufheben können. In keinem Fall wird der Wunsch des Weiterschreibens in ein Werk umgesetzt, das sich tatsächlich als literarische Erweiterung eines gegebenen Modells begreifen ließe. Das Begehren nach einer Fortsetzung ästhetischer Tradition ist als psychologisches Motiv und als stilistische Vorgabe zu erkennen; es trifft an eine Grenze, wo seine Realisierung in Gefahr gerät, nur Kopien zu produzieren.i
Ob Herr Nolden damit Recht hat, mag dahingestellt sein, in jedem Fall berührt er nicht die unsäglich vielfältigen und interessanten Möglichkeiten, die die epistolare Form bietet. Aus einer gewissen Liebe zum Brief heraus soll in vorliegender Arbeit die Aufmerksamkeit auf jene Textsorte gelenkt werden, die Pedro Salinas einmal „eine mindestens ebenso wertvolle Entdeckung [...] im Lauf des Menschheitslebens wie das Rad“ii genannt hat. Und zwar geht es nicht nur um den Brief im Allgemeinen, sondern um den Brief im Werk Barbara Honigmanns. Warum verwendet sie so häufig epistolare Formen, welchen Zweck verfolgt die Autorin damit und welche Wirkungen bringt sie dadurch hervor? Der erste Teil, der eine kurze einführende Theorie des Briefes bietet, wird sich vor allem auf eine Abfassung von Reinhard M.G. Nickisch stützen, der zweite interpretatorische Teil wird hauptsächlich textimmanent arbeiten.
2. Brieftheorie
In diesem Kapitel soll die theoretische Grundlage bereitgestellt werden, auf der dann im weiteren Verlauf die Beschreibung und Interpretation des Phänomens „Brief“ im Werk Barbara Honigmanns aufbaut. Nach der Frage der Definition stehen hier vor allem die literarische Verwendung und kommunikative Aspekte im Vordergrund.
2.1. Was ist ein Brief?
[...]
i Thomas Nolden: Junge jüdische Literatur. Würzburg 1995, S. 95f.
ii Pedro Salinas: Verteidigung des Briefes. Frankfurt/Main 1983, S. 15. (Im Folgenden zitiert als Salinas)
Arbeit zitieren:
Mirjam Krapoth, 2001, Nähe und Distanz, München, GRIN Verlag GmbH
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