Bild I: Gemählde der Fruchtbringenden Gesellschaft mit ihrer Devise „Alles zu Nutzen“ und ihrem Symbol, dem
A) Inhaltsverzeichnis A) Inhaltsverzeichnis 3
B) Deutsche Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert 4 I. Forschungsüberblick 4 II. Historischer Kontext 5
III. Die humanistischen Grammatiker 7
IV. Grammatiker innerhalb der Sprachgesellschaften
1. Christian Gueintz
2. Justus Georg Schottel 9
V. Die bedeutendsten Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert 11
1. Die Fruchtbringende Gesellschaft (FG) 11
2. Die Deutschgesinnte Gesellschaft (DG)
3. Der Pegnesische Blumenorden (PB) VI. Wirkungen der Sprachgesellschaften 16 17 C)Verzeichnis der verwendeten Literatur
2. Sekundärliteratur
3
B) Deutsche Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert
Der Begriff Sprachgesellschaft im engeren Sinn hat sich in der germanistischen Forschung mittlerweile als Bezeichnung für „private Sozietäten, die in der Zeit von 1617 bis 1658 in deutschsprachigen Territorien gegründet worden sind und meist noch im 17. Jh. zu bestehen aufgehört haben“ 1 , durchgesetzt. Andere treffendere, aber umständliche Bezeichnungen wie „Sprachkultivierungsgesellschaften“ (P. v. Polenz) konnten sich in der Forschungsliteratur nicht durchsetzen.
Das Ziel dieser Darstellung ist es, die wichtigsten Sprachgesellschaften und ihre Protagonisten vorzustellen, die Motive und Vorbilder für die Gründung solcher Vereinigungen aufzuzeigen und nach den Erfolgen und Wirkungen ihrer Arbeit zu fragen. Dabei kann hier jedoch nur in begrenztem Umfang auf die sogenannte Spracharbeit einzelner Grammatiker eingegangen werden. Da die deutschen Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts im Gegensatz zur florentinischen „Accademia della Crusca“ selbst keine Gemeinschaftsarbeit verfasst haben, ist ein kurzes Eingehen auf Justus Georg Schottels, Philipp von Zesens und Martin Opitz´ Arbeiten unumgänglich, um ihre Wirkung im Hinblick auf die Standardisierung der deutschen Sprache zu hinterfragen. I. Forschungsüberblick
Nachdem Anfang der 70er Jahre Karl Frederick Otto seine bündige, wenig auf sprachwissenschaftliche Details eingehende und inzwischen vergriffene Gesamtdarstellung über die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts vorgelegt hatte 2 , fehlt eine gesammelte, linguistisch orientierte Darstellung der neuesten Forschungsergebnisse. Zwar veröffentlichte Heinz Engels sein umfangreiches Vorlesungsmanuskript zu den Sprachgesellschaften Anfang der 80er Jahre und bietet darin ein rundes Bild ihrer Vorläufer, der gesellschaftlichen Hintergründe und ihrer Entwicklung, doch hält er sich zu lange mit den humanistischen Grammatikern auf, so dass die eigentliche Darstellung der Sprachgesellschaften etwas zu knapp gerät. 3 Noch immer ist Max Hermann Jellineks vor dem 1. Weltkrieg erschiene Geschichte der deutschen Grammatikschreibung 4 die einzige quellenfundierte Gesamtdarstellung, um konkrete Details über die Spracharbeit der Sozietätsmitglieder zu erfahren. Dabei richtet Jellinek den Blick entsprechend seines Darstellungszieles ausschließlich auf die Grammatikinhalte und lässt die Geschichte der Sprachforschung eher außen vor. 5
1 Peter von Polenz: Die Sprachgesellschaften und die Entstehung eines literarischen Standards in Deutschland. In: HSK, Bd. 18,1: Geschichte der Sprachwissenschaft, Berlin und New York 2000, S. 827.
2 Karl Frederick Otto jr.: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, Stuttgart 1972.
3 Heinz Engels: Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, Gießen 1983, [= Beiträge zur Deutschen Philologie Bd. 54].
4 Max Hermann Jellinek: Geschichte der Neuhochdeutschen Grammatik - Von den Anfängen bis auf Adelung, 2 Halb-Bde., Heidelberg 1913 u. 1914.
5 Vgl. hierzu: Jörg Kilian: Entwicklungen in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert außerhalb der Sprachgesellschaft. In: HSK, Bd. 18,1: Geschichte der Sprachwissenschaft, Berlin und New
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Zwar gibt es eine Reihe von Quellensammlungen mit Gründungsmanifesten und Briefwechseln der einzelnen Gesellschaftsmitgliedern 6 , doch eine Darstellung, bei der Quellen und Erläuterungen Hand in Hand gehen scheint ein Desiderat der Forschung zu sein. Dagegen sind Nachdrucke der für die Grammatikgeschichte wichtigsten Werke inzwischen verfügbar. 7 Zwar bietet jedes Handbuch und Werk zur deutschen Sprachgeschichte 8 auch ein Kapitel, einen Aufsatz oder einen Abschnitt zu den deutschen Sprachgesellschaften, aber außer bekannten Fakten liest man dort selten etwas Neues. Und stets findet man die Fruchtbringende Gesellschaft als größte und bedeutendste Sprachgesellschaft ausführlich erörtert, über manche andere Sprachvereinigung, gedacht sei hier an die Straßburger Tannengesellschaft oder den Königsberger Dichterzirkel, findet man kaum mehr als ihren Namen. Das mag zum einen daran liegen, dass hier die Quellenbasis wesentlich dünner ist, zum anderen aber wohl daran, dass sich noch niemand die Mühe gemacht hat, die betreffenden Archive zu durchforsten.
Zahlreich sind auch die Tagungsberichte und Aufsatzsammlungen zu den Sprachgesellschaften, die sich mit Einzelproblemen, Vergleichen von Sozietäten und Wirkungen der Sprachgesellschaften befassen und diese in den europäischen Sozietätskontext einbetten. Bisher mangelt es jedoch an einigen grundlegenden Monographien zu Einzelpersönlichkeiten der barocken Sozietätsbewegung. Van Ingen macht hier mit seiner Darstellung von Leben und Werk Philipp von Zesens eine rühmliche Ausnahme. 9
II. Historischer Kontext
Als die erste deutsche Sprachgesellschaft, die Fruchtbringende Gesellschaft gegründet wird, befindet sich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation kurz vor dem 30-jährigen Krieg, der für die deutschsprachigen Regionen nicht nur Verwüstungen und dramatischen Bevölkerungsverlust bedeuteten, sondern auch mit den fremden Söldner fremdes Vokabular mit sich brachte. Dieser Krieg forcierte die Ausbildung weiterer Sprachgesellschaften in Deutschland, da das Gefühl wuchs, von fremden Mächten abhängig, unterdrückt und im Laufe des York 2000, S. 848: „Jellinek [stellt] die Geschichte der Grammatikinhalte in den Vordergrund und ließ die Geschichte der Grammatikschreibung, der Sprachforschung und ihrer Wirkungen nur nebenbei einfließen.“
6 Einen guten und umfangreichen, wenngleich nicht mehr auf dem neusten Stand befindlichen Forschungsüberblick bietet: Christoph Stoll: Sprachgesellschaften im Deutschland des 17. Jahrhunderts, München 1973, S. 149-191. Eine jüngere Anmerkung zur Forschungssituation bietet Jörg Kilian: Entwicklungen in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert außerhalb der Sprachgesellschaft. In: HSK, Bd. 18,1: Geschichte der Sprachwissenschaft, Berlin und New York 2000, S. 848f.
7 Einen kleine Zusammenstellung bietet Stoll [1973], S. 213 - 217.
8 Genannt seien hier die bekannten Darstellungen: Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart - 17. und 18. Jahrhundert, Bd. II, Berlin und New York 1994; Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache - Ein Lehrbuch für das germanistische Studium, 8. Aufl. Stuttgart 2000; Werner Besch et al.(Hrsg.): Sprachgeschichte -Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, Teilbd. 1, Berlin und New York 2. Aufl. 1998
9 Ferdinand van Ingen: Philipp von Zesen, Stuttgart 1970, [= SM 96].
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Krieges durch diese von außen eindringenden Kräfte sittlich verroht zu sein. Man glaubte, dem durch Pflege der deutschen Sprache, dem einzigen was den deutschen Regionen grenzübergreifend gemeinsam war, am ehesten beikommen zu können. Fremdwörter und grobe Ausdrücke sollten vermieden (Kampf gegen den Grobianismus) und so auch die Sittlichkeit wieder erhöht und „deutsche Tugenden“ wieder eingeführt werden. Gleichzeitig wollte man einen Minderwertigkeitskomplex kompensieren, der durch die Kleingliedrigkeit, die Konzentration auf ein Zentrum und den Konfliktreichtum des deutschsprachigen Territoriums entstanden war. Dabei sollte die deutsche Sprache wie Französisch (in Politik und Gesellschaft), Italienisch, Niederländisch (Wirtschaft) und Latein (in den Wissenschaften) zu einer HaubtSprache erklärt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang vom aufkeimenden Kulturpatriotismus, da im deutschen Reich im Gegensatz zu den nationalen Flächenstaaten Frankreich und England eine auf die Nation ausgerichtete Vaterlandsliebe nicht möglich war. 10 Aufgrund der Kleingliedrigkeit des deutschen Territoriums geriet das Deutsche Reich auch in Handel und Wirtschaft ins Hintertreffen. Die norditalienischen Städte hatten hier ohnehin einen Vorsprung 11 , doch nun zogen die Seefahrerländer Niederlande, Spanien und England mit ihrem Überseehandel vorbei und dominierten auch den Handelswortschatz. Dass am Habsburger Hof immer mehr Spanisch gesprochen wurde, lag an den attraktiven Besitzungen in Spanien, die enormen Gewinn abwarfen, und ist somit ein Kennzeichen für die sich schleichend ausbreitende Rückständigkeit des Deutschen Reiches. Der deutsche Adel versuchte sich, da es im deutschen Reich keine Orientierungspunkte gab, nach dem absolutistischen Hof Frankreichs auszurichten. Neben den Prachtbauwerken und -gärten übernahm man auch die französische Sprache, um sich vom aufstrebenden Bürgertum abzugrenzen und dem erfolgreichen französischen Militär zumindest sprachlich nachzueifern. Die Nobilität, die auf Cavalierstouren durch Europa reiste, um sich an den vorbildlich erachteten Höfen zu bilden, brachte genauso das Französische mit wie die Gouvernanten und Hofmeister, die die Erziehung der Kinder und den Hof organisierten. „Die Erstbelege für französische Wörter stiegen seit der Zeit um 1600 von etwa 1% auf etwa 40% (1650) und 60% (1800) der Gesamtzahl von Entlehnungen aus anderen Sprachen.“ 12 Da sich die Kenntnis der französischen Sprache aber auf routinehafte Formeln und nur bestimmte Sachgebiete beschränkte, führte dies zu einer als Alamodisch oder Nachäfferey kritisierten Sprachmengerey.
Zwar mögen die in den 1640er Jahren entstandenen Sprachsatiren überzogen sein, einen wahren Kern enthielten sie aber doch, wenn man bedenkt, dass das Deutsche aus bestimmten Textsorten (wissenschaftliche Publikationen, Verwaltung- und Rechtsschriften) und Sachgebieten (Militärwesen) ausgeschlossen blieb und sich die soziale Oberschicht sich vorzugsweise anderer Sprachen bediente. 13 Zwei Beispiele für solche Sprachsatiren seien an dieser
10 Eine umfangreichere Einbettung in den geschichtlichen Zusammenhang bietet Engels [1983], S. 1 - 14.
11 Der Bankenwortschatz mit Wörtern wie Girokonto, Agio und Disagio zeugt noch heute davon.
12 von Polenz [2000], S. 828.
13 Vgl. Engels [1983], S. 156-160.
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Markus Wawrzynek, 2000, Deutsche Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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