Inhaltsverzeichnis
I
1 EINLEITUNG 1
1.1 NITRIEREN 1
1.2 NITROCARBURIEREN 5
2 RANDSCHICHTMORPHOLOGIE 6
2.1 VERFAHRENSABLÄUFE UND ALLGEMEINE EINFLUßFAKTOREN 8
2.1.1 Stickstoffdiffusion 8
2.1.2 Auf- und Entkohlung 9
2.1.3 Zustandsdiagramme und Dreistoffsysteme 12
2.1.4 Legierungselemente 15
2.1.5 Abkühl- und Auslagerungsbedingungen Nachbehandlung 16
2.2 VERBINDUNGSSCHICHT 17
2.2.1 Umgebungsatmosphäre 17
2.2.2 Schichtdicke und wachstum 18
2.2.2.1 Behandlungsdauer und -temperatur 19
2.2.2.2 Umgebungsatmosphäre 22
2.2.2.2.1 Lehrerdiagramm 24
2.2.2.2.2 Zweistufenbehandlung 25
2.2.2.3 Nitrierkennzahl 25
2.2.2.4 Legierungselemente 27
2.2.3 Porensaum 27
2.2.3.1 Porenbildung 27
2.2.3.2 Nitrieratmosphäre 28
2.2.3.3 Nitrierkennzahl 29
2.2.3.4 Legierungselemente 29
2.2.3.5 Phasenzusammensetzung 30
2.2.4 Abkühl- und Auslagerungsbedingungen 30
2.3 DIE DIFFUSIONSSCHICHT 31
2.3.1 Schichtdicke und wachstum 31
2.3.1.1 Legierungselemente 31
2.3.2 Abkühl- und Auslagerungsbedingungen 31
3 RANDSCHICHTCHARAKTERISIER UNG 35
3.1 ELEMENTVERTEILUNG 35
3.1.1 Glimmentladungsspektroskopie (GDOS-Analyse) 35
3.1.1.1 Chemische Elemente 35
3.1.1.1.1 Einfluß der Legierungselemente 37
3.1.1.1.2 Einfluß des Ausgangswerkstoffzustandes 38
3.2 PHASENVERTEILUNG 39
3.2.1 Röntgenographische Phasenanalyse (Röntgenbeugungsdiagramme) 39
3.2.2 Phasenkonzentrationsbestimmung 41
3.3 EIGENSPANNUNGSVERTEILUNG 42
3.3.1 Makrospannungen 42
Inhaltsverzeichnis
II
3.3.2 Einflußfaktoren 44
3.3.2.1 Behandlungsdauer und -temperatur 44
3.3.2.2 Abkühlbedingungen 44
3.3.2.3 Legierungselemente 45
3.3.2.4 Werkstoffausgangszustand 46
3.3.2.5 Nitrierkennzahl 46
3.3.3 Eigenspannungsverläufe 47
3.3.3.1 Röntgenographische Eigenspannungsanalysen 48
3.4 HÄRTEVERTEILUNG 50
3.4.1 Oberflächenhärte 50
3.4.1.1 Werkstoffzusammensetzung 51
3.4.1.2 Ausgangswerkstoffzustand 53
3.4.1.3 Behandlungsdauer und - temperatur 54
3.4.1.4 Abkühl- Auslagerungsbedingungen und Nachbehandlung 56
3.4.1.5 Phasenverteilung 58
3.4.1.6 Mikro- und Makrospannungen 58
3.4.2 Nitrierhärtetiefe 59
3.4.2.1 Kohlenstoffgehalt 60
3.4.2.2 Legierungselemente 60
3.4.2.3 Nitrierkennzahl 62
3.4.3 Randschicht-Härteverlauf 62
3.4.3.1 Behandlungsdauer und -temperatur 62
3.4.3.2 Legierungselemente 63
3.4.3.3 Abkühlbedingungen 64
3.4.3.4 Ausgangswerkstoffzustand 65
3.4.3.5 Dynamische Umlaufbiegebeanspruchung 65
3.4.3.6 Globularer Grauguss GGG 66
3.5 MAß- UND FORMÄNDERUNGEN 67
3.5.1 Oberflächenrauheit 67
3.5.2 Volumenveränderung 67
4 EIGENSCHAFTEN NITRIERTER NITROCARBURIERTER WERKSTÜCKE 69
4.1 DIE ZÄHIGKEIT 69
4.1.1 Wechselwirkungen 69
4.1.1.1 Härte 69
4.1.1.2 Festigkeit 70
4.1.2 Zähigkeitskennwerte 70
4.1.2.1 Kerbschlagzähigkeit 70
4.1.2.1.1 Behandlungstemperatur und -dauer 70
4.1.2.1.2 Auslagerungs- und Aushärtungsbedingungen 70
4.1.3 Ausgangswerkstoffzustand 72
4.1.4 Legierungselemente 72
4.1.5 Abkühlbedingungen 72
4.1.6 Auslagerungsbedingungen 73
Inhaltsverzeichnis
III
4.1.7 Kohlenstoffangebot 73
4.1.8 Verbindungsschichtmorphologie 74
4.2 DAS VERSCHLEIßVERHALTEN 75
4.2.1 Gleitverschleiß 76
4.2.1.1 Adhäsion 76
4.2.1.2 Tribooxidation 78
4.2.1.3 Abrasion 78
4.2.1.4 Wälzverschleiß Oberflächenzerrüttung 79
4.2.2 Mischreibung 79
4.2.3 mechanischer Abrieb 79
4.2.3.1 Umgebungsatmosphäre 80
4.2.3.2 Phasenbestandteile 81
4.2.3.3 Elementgehalt 82
4.2.4 Temperaturabhängigkeit 83
4.2.5 Flächenpressung 83
4.2.6 Porensaum 84
4.2.7 Abkühlbedingungen Nitrierkennzahl 84
4.3 DAS ERMÜDUNGSVERHALTEN 84
4.3.1 Dauerfestigkeit 85
4.3.1.1 Konzept der örtlichen Dauerfestigkeit 85
4.3.1.2 Schichtdicke und Phasenzusammensetzung 86
4.3.1.3 Probengeometrie 86
4.3.1.4 Ausgangswerkstoffzustand 86
4.3.1.5 Legierungselemente 87
4.3.1.6 Abkühl- und Nachbehandlungsbedingungen 87
4.3.2 Statisches Festigkeitsverhalten 89
4.3.2.1 Biegefestigkeit 89
4.3.2.2 Zugfestigkeit 89
4.3.2.3 Torsionsfestigkeit 92
4.3.3 Dynamisches Festigkeitsverhalten (Schwingfestigkeitsuntersuchungen) 92
4.3.3.1 Spannungsverlauf und -relaxation 92
4.3.3.2 Schwingfestigkeit 94
4.3.3.3 Dauerschwingfestigkeit 95
4.3.3.3.1 Ausgangswerkstoffzustand 95
4.3.3.3.2 Legierungselemente 95
4.3.3.3.3 Zwischen- und Nachbehandlung 96
4.3.3.3.4 Behandlungsdauer 96
4.3.3.3.5 Anlassbedingungen 97
4.3.3.3.6 Probengeometrie 97
4.3.3.3.7 Anwendungsfall: Zahnräder 98
4.3.3.4 Biegewechselfestigkeit 99
4.3.3.4.1 Legierungselemente 100
4.3.3.5 Torsionswechselfestigkeit 101
4.3.3.6 Umlaufbiegewechselfestigkeit 101
Inhaltsverzeichnis
IV
4.3.3.6.1 Behandlungstemperatur 101
4.3.3.6.2 Spannungsabbau 102
4.3.3.6.3 Auslagerungsbedingungen 103
4.3.3.6.4 Probengeometrie 104
4.3.3.6.5 Legierungselemente 105
4.3.4 Bruchflächen - Anrissorte 105
4.3.4.1 Anrissbildung 106
4.3.4.1.1 Erscheinungsformen 106
4.3.4.1.2 Ausgangswerkstoffzustand 107
4.3.4.2 Verbindungsschichtaufbau und -entfernung 108
4.3.4.3 Abkühl- und Nachbehandlungsbedingungen 108
4.3.4.4 Dauerfestigkeit Lastspannung und Anrissortverlagerung 109
4.4 DAS FORMÄNDERUNGSVERHALTEN 111
4.4.1 Ausgangswerkstoffzustand 111
4.4.2 Auslagerung 111
4.5 DAS KORROSIONSVERHALTEN 112
4.5.1 Ebenmäßige Korrosion 112
4.5.1.1 Behandlungstemperaturen -dauer 112
4.5.1.2 Legierungselemente 112
4.5.1.3 Phasenzusammensetzung 113
4.5.1.4 Nachbehandlung 114
4.5.2 Lochkorrosion 114
4.5.2.1 Strom-Dichte-Potentialkurven 115
4.5.2.2 Phasenzusammensetzung 116
4.5.2.2.1 Pilling-Bedworth-Regel 118
4.5.2.3 Nachbehandlung 119
4.6 DAS KORROSIONSERMÜDUNGSVERHALTEN 120
4.6.1 Bruchflächen Anrissorte 120
4.6.2 Potentialmessungen 122
4.6.3 Statisches Festigkeitsverhalten 122
4.6.3.1 Torsionsfestigkeit 122
4.6.4 Dynamisches Festigkeitsverhalten 123
4.6.4.1 Zugschwellfestigkeit 123
4.6.4.2 Schwingfestigkeit 123
4.6.4.3 Biegewechselfestigkeit 126
4.6.4.4 Umlaufbiegewechselfestigkeit 126
4.6.5 Zusammenfassung der Übergangs- und Zeitfestigkeitsgebiete 127
4.6.6 Nachoxidation 128
5 AUSTENITISCHES NITRIEREN NITROCARBURIEREN 129
5.1 ZWISCHENSCHICHTBILDUNG 130
5.1.1 Behandlungsdauer -temperatur 133
5.1.2 Nitrierkennzahl 134
5.2 ELEMENTVERTEILUNG 134
Inhaltsverzeichnis
V
5.3 NACHBEHANDLUNG 135
5.3.1 Abkühlbedingungen 135
5.3.2 Auslagerungsbedingungen 136
5.3.3 Oxidationsbehandlung 136
5.4 EIGENSCHAFTEN AUSTENITISCH NITRIERTER NITROCARBURIERTER WERKSTOFFE 137
5.4.1 Härte 137
5.4.2 Porensaum 141
5.5 VERSCHLEIßVERHALTEN 141
5.5.1 Behandlungstemperatur -dauer 141
5.6 DAS ERMÜDUNGSVERHALTEN 142
5.6.1 Dauerfestigkeit 142
5.6.2 Zeitfestigkeit 142
5.6.3 Umlaufbiegefestigkeit 143
5.6.4 Abkühl- und Nachbehandlungsbedingungen 144
5.7 DAS KORROSIONSVERHALTEN 144
5.7.1 Phasenverteilung 145
5.7.2 Porensaum 145
5.7.3 Nachbehandlung 145
5.8 KERBSCHLAGZÄHIGKEIT 146
6 VERFAHRENSKOMBINATIO N AUSTENITISCHES UND FERRITISCHES
NITRIEREN NITROCARBURIEREN ZWEISTUFIGE BEHANDLUNG 147
7 LITERATURVERZEICHNIS 148
8 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 164
1. Einleitung
1
1 Einleitung
Es gibt verschiedene Verfahren zum Härten oberflächennaher Schichten. Eingeteilt werden können die Verfahren in die zwei Hauptgruppen:
• Randschichthärten Verfahren ohne Veränderung der c hemischen Zusammensetzung der Randschicht
• Thermochemische Diffusions -Behandlungsverfahren mit Änderung der chemischen Zusammensetzung der Randschicht
Die Verfahren Nitrieren und Nitrocarburieren werden der zweiten Hauptgruppe, d.h. mit Änderungen in der chemischen Zusammensetzung der Randschicht, zugeordnet. An beide Verfahren schließt sich normalerweise keine weitere Wärmebehandlung an. (/120/, S.177)
1.1 Nitrieren
Nitrieren ist nach DIN 17014 das thermochemische Behandeln zum Anreichern der Randschicht eines Werkstückes mit Stickstoff. (/33/, S.10)
Merkel definiert das Nitrieren als chemisch-thermische Behandlung zur Diffusionssättigung der Oberflächenschicht des Stahls mit Stickstoff beim Erwärmen im entsprechenden Medium. (/8/, S.233)
Eine Definition der Nitrierbarkeit formuliert Spies: „Nitrierbarkeit ist das Ansprechen eines Eisenwerkstoffes auf das Nitrieren, gekennzeichnet durch die Veränderung des stofflichen und strukturellen Aufbaus der Randschicht in Abhängigkeit von den Nitrierbedingungen“. (/107/, S.2)
1. Einleitung
2
Die Einordnung des Gasnitrierens in allgemeine Wärmebehandlungstemperaturen und weitere Wärmebehandlungsverfahren verdeutlicht die folgende Abbildung:
Abbildung 1: Temperaturbereiche für die Wärmebehandlung unlegierter
Stähle
Eine alleinige Anreicherung mit Stickstoff während des Nitriervorgangs kann nur im Plasma oder Gas erfolgen. Im Salzbad oder Pulver findet immer auch eine Kohlenstoffanreicherung statt. Es wird demnach ein Nitrocarburiervorgang durch- geführt. (/33/, S.13)
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Temperaturbereiche beim Nitrieren/Nitrocarburieren, nämlich ober- und unterhalb der Umwandlungstemperatur
A C1 . Oberhalb der Temperatur A C1 findet in der Randschicht eine Ferrit-Austenit-
Umwand lung statt. Dieser Vorgang wird austenitisches Nitrieren/Nitrocarburieren genannt. Unterhalb A C1 findet dementsprechend ferritisches Nitrieren/Nitro- carburieren statt. (/23/, S.27)
1. Einleitung
3
Für den Ablauf der Diffusion während der Behandlungsdauer muss die Konzentration im Spendermittel (Gas, Salzschmelzen oder Pulver) höher sein als im Bauteil und ein bestimmter Temperatur -Zeit-Verlauf eingehalten werden. (/31/, S.143)
Die Diffusion ist ein temperaturabhängiger Vorgang ist. Niedrige Nitriertemperaturen führen zu längeren Behandlungsdauern, we nn die gleiche Nitriertiefe erreicht werden soll. (/25/, S.192)
Abbildung 2: Abhängigkeit zwischen Nitrierdauer und Nitriertiefe bei 500°C
Nitriertemperatur
Eine erste Übersicht zur Abhängigkeit zwischen Nitriertiefe und –dauer bei verschiedenen Werkstoffen zeigt Abbildung 3.
Abbildung 3: Richtwerte zur Erzielung bestimmter Nitriertiefen
1. Einleitung
4
Katalysatoren beschleunigen die Nitrierdauer. Es kann beim Salzbadnitrieren z.B. ein über dem Glühgut platziertes aus Kupfer bestehendes Netz eingesetzt werden. Gaszusätze wie z.B. Stickoxyd oder organische, stickstoffhaltige Dämpfe haben eine verkürzte Behandlungsdauer beim Gasnitriervorgang zur Folge. (/25/, S.193)
Die Nitrierdauern beim Salzbadnitrieren sind kürzer als beim Gasnitrieren, weil das Aufheizen im Salzbad wesentlich schneller erfolgt als das Erwärmen in der Gasatmosphäre. Ein weiterer Vorteil des Salzbadnitrierens ist das relativ einfache Wechseln der Werkstücke. (/25/, S.195)
Während Lüpfert (/26/) noch davon ausgeht, dass nur legierte Stähle nitriert werden können, (/26/, S.168), werden heute neben Nitrierstählen nach DIN 17211 auch Einsatz-, Vergütungs- und Werkzeugstähle, unlegierte Stähle sowie Eisen- Gusswerkstoffe nitriert.
(/33/, S.9) (/8/, S.236)
Bei Warmarbeitsstählen ist Nitrieren das am häufigsten eingesetzte Oberflächen- behandlungsverfahren. Eine mehrmalige Nachnitrierung ist möglich. (/30/, S.140) Eine Vorbehandlung der zu nitrierenden Teile besteht i.a. aus Vergüten (zur Erzeugung einer Stützwirkung für die einzelnen Schichten) und das Spannungs- armglühen für Verzugsfreiheit und Reinigung. (/31/, S.150)
Ein besonderes Badnitrierverfahren ist das Tenifer-Verfahren. Dabei wird unter Belüftung im Salzbad nitriert. Es bedingt 580 °C in Alkalicyanat- sowie Alkalicarbonat-Salzschmelzen. (/24/, S.25) Durch Sauerstoffzufuhr wird die Stickstoffaufnahme des Werkstücks verbessert, d.h. die Oberflächenaktivität steigt. Die Nitrierdauern reduzieren sich erheblich. (/31/, S.152)
1. Einleitung
5
Die Abkühlung von der Nitriertemperatur kann in Wasser, in Öl, im Salzbad, an Luft oder temperaturgesteuert im Ofen erfolgen.
Bei legierten Stählen reicht Luftabkühlung für die maximale Härte. Ein Abkühlsalzbad ist einzuordnen zwischen Wasser- und Luftabkühlung. Es bewirkt eine Oxidation der Werkstückoberfläche. Dadurch wird der Korrosionswiderstand verbessert. (/23/,S.18)
Während des Abkühlens im Salzbad werden restliche am Werkstück haftende Cyanide und Cyanate in Carbonat umgesetzt. (/24/, S.26) Die Umsetzung in Carbonat ist stark zeit- und temperaturabhängig. Betriebstempe- raturen um 300°C sind üblich. (/33/, S.14)
Durch eine oxidierende Nachbehandlung lassen sich die Korrosionsbeständigkeit, die Verschleißfestigkeit und die Zeitfestigkeit zusätzlich verbessern. (/24/, S.26)
Die Entgiftungsproblematik bei Abwässern und Salzrückständen ist stets zu berücksichtigen. (/30/, S.126)
1.2 Nitrocarburieren
Nitrocarburieren bezeichnet das Verfahren, bei dem eine Anreicherung der Randschicht mit Stickstoff und Kohlenstoff erfolgt. Es entstehen zusätzlich zu den Nitriden auch Carbonitride durch den in der Randschicht aufgenommenen Kohlenstoff. (/120/, S.180)
Durch Kohlenstoffzugabe zum Spendermedium werden nicht nur die Prozesse beschleunigt, sondern auch die Bildung der ε-Fe 2-3 (C x N x )-Carbonitridphase verstärkt. Diese führen zur Steigerung der Verschleiß- und Korrosionsschutzeigenschaften. (/35/, S.18) Einen weiteren Aspekt der Kohlenstoffaufnahme nennt Burger (/35/). Danach findet eine Aufkohlung der Verbindungsschicht häufig durch den Kohlenstoffgehalt der Diffusionsschicht bzw. des Grundwerkstoffes statt, weniger durch Kohlenstoff- aufnahme aus dem Spendermedium. (/35/, S.19)
2. Randschichtmorphologie
6
2 Randschichtmorphologie
Als Resultat des Nitrierens bilden sich in der Randschicht des Werkstücks zwei Zonen aus:
1. die Verbindungszone und
2. die Diffusionszone.
Die Verbindungszone – auch Verbindungsschicht (VS) genannt – ist die äußere Zone mit meist 5-15 µm Schichtdicke, die aus den intermediären Phasen Fe 2 N, Fe 4 N und Fe 3 C besteht.
Die Diffusionszone – auch als Diffusionsschicht (DS) bezeichnet – hat eine Dicke von 0,5-1 mm. Sie enthält mit Stickstoff angereicherte α-MK (N-Gehalt der α-MK < 0,1%) (/8/, S.236-237) und Nitridausscheidungen. (/22/, E39)
Grundsätzlich steigert die Verbindungszone die Verschleißfestigkeit und die Diffusionszone die Dauerfestigkeit des nitrierten/nitrocarburierten Werkstücks. (/8/, S.237)
Beim Nitrocarburieren kann die Verbindungsschichtdicke bis zu 30 µm betragen, sie besteht überwiegend aus ε-Fe x N. Daran anschließend befindet sich eine γ’-Fe 4 N Schicht. Ins Werkstückinnere schließt sich die Diffusionsschicht an. Eine Eigenschaft der ε-Fe x N-Schicht ist die Widerstandserhöhung gegen adhäsiven Verschleiß. Nach Gräfen wird sie deshalb nicht abgeschliffen. (/27/, S.701)
Die Temperaturabhängigkeit des Schichtwachstums verläuft parallel zur Vergrößerung des Diffusionskoeffizienten. (/107/, S.4)
2. Randschichtmorphologie
7
Abbildung 4: Einfluß der Nitriertemperatur auf das Schichtwachstum eines 3%igen Chromstahles; Nitrierdauer 32h, ε-Variante
Den Zusammenhang zwischen dem Cyanatgehalt einer Salzschmelze und den sich ausbildenden Phasen gibt Abbildung 5 wieder. Bei einem Cyanatgehalt <30° nimmt die Nitrierfähigkeit ab, es tritt γ’-Nitrid auf. Ein Cyanatgehalt über 36% führt zu Oxidation und verstärkter Porenbildung. (/98/, S.36)
Abbildung 5: Bereich der verschiedenen Phasen einer Verbindungsschicht in Abhängigkeit von Cyanatgehalt. Empfohlener Bereich für 580 °C.
2. Randschichtmorphologie
8
2.1 Verfahrensabläufe und allgemeine Einflußfaktoren
2.1.1 Stickstoffdiffusion
Das Schichtwachstum erfolgt durch Diffusion von Stickstoff ins Werkstoffinnere. (/53/, S.65) Der Diffusionskoeffizient im α-Eisen bei 570°C liegt bei 1,66 * 10 -7 cm² / s . (/35/, S.8)
Erst nach der Sättigung der α-MK mit Stickstoff bilden sich Nitride. Diese sind nicht in den α-MK gelöst, sondern scheiden sich in der Randschicht aus. (/8/, S.235-236)
Der eindiffundierende Stickstoff wird auf Zwischenplätzen des Eisengitters, den Oktaederlücken in α- und γ-Eisen (/35/, S.8), eingelagert, bildet Nitride oder wird in vorhandene Carbide zu Carbonitriden eingebaut. (/89/ und /90/ zitiert in /78/, S.434)
Die Bildung von Carbonitriden begründet Weißbach folgendermaßen: Carbonitride bilden sich, weil C - und N -Atome ähnliche Atomdurchmesser haben und sich gegenseitig ersetzen können. Sie sind weniger spröde und haben kleinere Reibzahl als Nitride. (/31/, S.149)
Bei Vorliegen von γ- und α-Eisen und gleichzeitiger Diffusion von Stickstoff wandelt sich das α-Eisen in γ-Eisen um. (/25/, S.192)
Die Stickstoffatome wandern an den Korngrenzen entlang und durch Körner hindurch in den Werkstoff. Es ergibt sich ein bestimmtes Stickstoff-Konzentrationsprofil. (/62/, S.11-12)
Der Kohlenstoffgehalt beeinflusst kaum die Oberflächenhärte. Allerdings verringert er die Diffusionsgeschwindigkeit und damit die Nitriertiefe erheblich.
Bei unlegierten Stählen dringt der Stickstoff schneller ein, z.B. bei 580°C in ca. 4 Std. 0,6 mm tief. Die Härtesteigerung ist allerdings gering. Dennoch wird die Dauerfestigkeit und der Verschleißwiderstand erhöht. Angewandt wird das Salzbadnitrieren. (/26/, S.169)
2. Randschichtmorphologie
9
Abbildung 6: Nitriertiefe in Abhängigkeit vom Kohlenstoff-Gehalt nach
Eilender (/122/)
Bei Untersuchungen an Duplex-Stahl kommt Kliauga (/53/) zu dem Ergebnis, dass es bei einem Schichtwachstum (gemeint sind M x N x -Schichten) auf einer Matrix (Austenit oder Ferrit) auf Grund der unterschiedlichen Stickstoffdiffusibilitäten und –löslich- keiten in Austenit und Ferrit zu einem tieferen Eindringen des Stickstoffs in den Ferrit kommt, der Stickstoffanteil aber im Austenit höher liegt. (/53/, S.70)
Ozbaysal und Inal (/55/) kommen hinsichtlich der höheren Schichtwachstumsrate im ferritischen Werkstoff verglichen mit austenitischem zu dem gleichen Ergebnis. (/55/, zitiert in /53/, S.70)
2.1.2 Auf- und Entkohlung
Untersuchungen von Klümper-Westkamp und Hoffmann (/6/ und /7/ zitiert in /132/) haben nachgewiesen, dass mit jeder Nitrier-/Nitrocarburierbehandlung eine Entkohlung verbunden ist. Der N -Diffusion entgegengesetzt verläuft der Effusionsvorgang des Kohlenstoffs. (/132/, S.5)
2. Randschichtmorphologie
10
Es entstehen Kohlenstoffmaxima an Phasengrenzen innerhalb der Verbindungs- schicht sowie ein entkohlter Bereich unterhalb der Verbindungsschicht. (/132/, S.5-6) Der entkohlte Bereich ist beim Nitrocarburieren durch das zusätzliche C-Angebot im Spendermedium kleiner. (/132/, S.6)
Bei den entgegengesetzten Diffusionsvorgängen von N und C muss berücksichtigt werden, dass beide Elemente die gleichen Oktaederlücken im Matrixgitter benutzen. (/6/, S.353)
Durch entkohlende Nitrierung ergibt sich eine etwas größere Stickstoffdiffusionstiefe. (/80/ zitiert in /15/, S.126) Bei gleichzeitiger Entkohlung kann der Stickstoff etwas schneller diffundieren. Der Härtegradient in der Randschicht wird flacher, die Duktilität gesteigert. (/15/, S.127)
Ansteigende Nitrierkennzahlen bedeuten eine abnehmende Entkohlung und Entkohlungsstiefe. (/114/, S.171) Diese Aussage bestätigt Spies (/36/). Hohe Nitrierkennzahlen führen gleichzeitig zu dicken ε-Nitrid-Verbindungsschichten und Korngrenzenausscheidungen des Zemen- tits treten häufiger auf. (/36/, S.364)
Bei kleinen Nitrierkennzahlen (0,5 und 0,3) beobachtet Klümper-Westkamp (/6/) eine deutliche Entkohlung unterhalb der Verbindungsschicht. Der zu erwartende daraus resultierende Härteverlust ist nicht messbar, er wird durch die Aufstickung ausgeglichen. (/6/, S.351)
Die Kohlenstoffaufnahme des Werkstücks erfolgt beim Gasnitrocarburieren von Reineisen primär als Folge der Kanalbildung und schließlich an den Kanalwänden selbst. Im Salzbad kann dieser Vorgang nicht stattfinden, weil das Spendermedium nicht so tief eindringen kann. (/46/, S.328)
2. Randschichtmorphologie
11
Eine Aufkohlung, erzielt durch C-Zusätze im Spendermedium, beobachtet Hoffmann (/97/) nur in den ersten 30 Minuten des Nitriervorgangs. Anschließend fällt der Kohlenstoffgehalt bis auf das Ausgangsniveau ab. (/97/ zitiert in /96/, S.221) Roempler (/96/) kann diese Beobachtung nicht bestätigen. Er stellt auch nach 10 Stunden noch eine Steigerung des Kohlenstoffgehalts in der Verbindungsschicht fest. (/96/, S.221)
Bezüglich der im Werkstoff vorhandenen Legierungselemente stellen mehrere Autoren unterschiedliche Werkstoffverhalten fest.
Als allgemeine Aussage formulieren Spies u.a. (/36/), dass der Grad der Kohlenstoff- umverteilung mit steigendem Gehalt an Nitridbildnern und zunehmender Nitriertemperatur zunimmt. (/36/,S.364)
Die Kohlenstoffaufnahme in der Verbindungsschicht nimmt mit steigendem CN- Gehalt im Nitrocarburier-Salzbad zu. (/76/, S.65) Die innere Kohlenstoffverarmung bei Al-haltigen Stählen hat mehrere Ursachen und Auswirkungen. Die C-Konzentrationserhöhung in der Verbindungsschicht und damit eine starke ε-Carbonitridbildung mit Beständigkeit bis zur Oberfläche setzt starke C- Diffusion voraus. Al ist N-affin, d.h. der Al-haltige Zementit wird schnell aufgelöst. Die verstärkte Bildung von sekundären Fe 3 C-Ausscheidungen an Korngrenzen mit steigendem Al-Gehalt ist ebenfalls begünstigend. (/18/, S.67)
Wesentliche Bestandteile des unteren Bereiches der Verbindungsschicht sind nach Mädler (/23/) die kohlenstoffreichen ε-Nitride. An der Oberfläche befinden sich haupt- sächlich die stickstoffreichen ε-Nitride.
Die Kohlenstoffanreichung im unteren Bereich wird der Kohlenstoffdiffusion aus dem Grundwerkstoff und der schneller ablaufenden Kohlenstoffbindung aus dem Behandlungsmedium zugeordnet. (/23/, S.19)
Nach Hoffmann (/129/) wird Kohlenstoff beim Nitrieren (von C35 und Armco-Eisen) aus dem Grundwerkstoff teilweise in die Verbindungsschicht eingebaut. (/129/, S.257)
2. Randschichtmorphologie
12
2.1.3 Zustandsdiagramme und Dreistoffsysteme
Die Anwesenheit von Stickstoff senkt die A C1 -Temperatur im Eisen-Stickstoff- Zweistoffsystem stark herab. Die tiefste – eutektoide – Temperatur einer Stickstoff- Eisenlegierung liegt bei 585 °C. (/25/, S.192) Im Eisen-Kohlenstoff-System dagegen liegt die Umwandlungstemperatur bei 723 °C. Die Umwandlungstemperatur von Reineisen beträgt 911 °C. (/35/, S.15)
Die interstitiell gelösten Stickstoffatome verschieben die Gleichgewichtslinien des Fe, Fe 3 C-Zustandsdiagramms zu tieferen Temperaturen. (/32/, S.179)
Für die folgenden Werkstoffe nennt Burger (/35/) Umwandlungstemperaturen: für Ck45 liegt die Umwandlungstemperatur bei 595 °C; 42CrMo4 hat diese bei 625°C. Für X40CrMoV51 liegt sie bei 660 °C, X35CrMo17 weist eine Umwandlung erst bei Temperaturen >700 °C auf. (/35/, S.16)
2. Randschichtmorphologie
13
Abbildung 8: Eisen-Stickstoff-Zustandsschaubild nach Hansen
Die maximale Löslichkeit von Stickstoff in reinem Eisen liegt bei 0,115 Masse-% bei 590°C im krz-α-MK. (/23/,S.18) Sie ist damit größer als die Löslichkeit von Kohlenstoff (0,02 Masse-%). (/32/, S.179)
Eigentlich muss das Dreistoffsystem Fe-N-C zugrunde gelegt werden, weil beim Nitrieren von Stählen immer auch K ohlenstoff aus dem Grundwerkstoff in die Randschicht diffundiert.
Die in diesem System auftretenden Nitride setzen sich nach Chatterjee-Fischer (/98/) folgendermaßen zusammen:
• γ’-Nitrid: Fe 4 N; 5,88% N; Existenzbereich: 5,7-6,1%N; kubisch flächenzentriert
• ε-Nitrid: Fe 2-3 N; 7,8 -11,3%N; hexagonal
• ζ-Nitrid: Fe 2 N; 11,1-11,35%N; orthorombisch
• α’’-Nitrid: Fe 16 N 2 ; 3%N; tetragonal raumzentriert; metastabil (/98/, S.38)
2. Randschichtmorphologie
14
Abbildung 9: Eisen-Stickstoff-Kohlenstoff-Schaubild nach Langenscheid;
Schnitt bei 575°C
Für das Fe-N-C-Dreistoffsystem bei 575°C stellt Mädler (/23/) als charakteristisch fest, dass die erhebliche höhere C-Löslichkeit der ε−Nitrid-Phase mit ca. 3,6 Masse- % gegenüber dem γ’-Nitrid mit max. 0,2 Masse-% zur Folge hat, dass ε-Nitrid bei niedrigeren N-Gehalten (ca. 5 Masse-% bei 580°C) existieren kann als γ’-Nitrid (ca. 5,9 Masse-% bei 580°C). (/23/, S.19)
Matauschek (/63/) beobachtet nach Badnitrierung bei 570°C an Reineisen eine ungewöhnliche Phasenaufeinanderfolge. Sie stellen ε-/γ’-/ε-Phase/α-Eisen fest. Erwartet wurde ε-/γ’-Phase/α-Eisen. Sie führen diese Auffälligkeit auf den hohen Kohlenstoffgehalt (ca. 0,7%) der am α-Eisen angrenzenden ε-Phase zurück. Dadurch wird die ε-Phase stabilisiert, die γ’-Phase, die eine geringere Kohlenstofflöslichkeit hat, wird nicht gebildet. (/63/, S.179)
2. Randschichtmorphologie
15
2.1.4 Legierungselemente
Bei unlegierten Stählen bilden sich Eisennitride (Fe 4 N, Fe 2 N). Diese sind stark versprödend und begünstigen ein Abplatzen der harten Randschicht. (/120/, S.180)
Durch stickstoffaffine Legierungselemente kann die Bildung sehr harter, chemisch und thermisch sehr beständiger Nitride erreicht werden. Nur wenn die Nitride in feinverteilter Form vorliegen werden hohe und sehr gleichmäßige Härtewerte und recht große Härtetiefen erreicht. (/120/, S.180)
Aluminium, Chrom und Titan sind gute Nitridbildner. (/120/, S.180) Ebenso Zirkonium, Niob und Vanadium. (/120/, S.183) Sie bilden Sondernitride, sind in Nitrierstählen enthalten und führen zu großen Härtewerten. (/31/, S.149)
Die Sondernitride haben eine niedrigere Bildungsenthalpie als Eisennitride. (/53/, S.65)
Beispielhaft für die Verteilung von Legierungselementen untersucht Kliauga (/53/) Nitridbildung und Schichtwachstum für festgelegte Cr/Ni-Verhältnisse. In seinen Versuchen stellt er fest, dass Chrom das ε-Nitrid stabilisiert und die γ’-Nitridbildung unterdrückt. Durch die ε- und γ’-Nitridbildung werden Chromnitridausscheidungen begünstigt. Bezüglich des Schichtwachstums sagt er aus, dass bei höheren Cr/Ni- Verhältnissen in ferritischem Stahl ein geringeres Schichtwachstum vorliegt. (/53/, S.70)
Bei 18 Cr-12Ni weisen Angelini et al. (/54/) nach, dass mit steigendem Molybdängehalt das ε-Nitrid zugunsten des γ’-Nitrids unterdrückt wird. (/54/ zitiert in /53/, S.65)
Chrom u nd Molybdän erhöhen die Anlassbeständigkeit und setzen damit die Kernfestigkeit herauf. (/22/,E40) Es entsteht eine Randschicht, in welcher mit zunehmendem Oberflächenabstand der Stickstoffgehalt abnimmt. (/23/, S.18)
2. Randschichtmorphologie
16
2.1.5 Abkühl- und Auslagerungsbedingungen, Nachbehandlung
Der nach rascher Abkühlung entstehende Zustand zuvor nitrierter Proben ist schon bei Raumtemperatur (RT) instabil. Dieser Zustand erfüllt die Voraussetzungen für eine anschließende Aushärtung, die erst durch vollständiges Ausscheiden des übersättigt gelösten Stickstoffs in Eisennitriden beendet wird. (/71/, S.70)
Nach langsamer Abkühlung bzw. Auslagern bleiben die bei mit stickstoffaffinen Elementen legierten Stählen gebildeten Nitride/Carbonitride erhalten. (/24/, S.25)
Bei gleicher Nitrierbehandlung und anschließender Abkühlung liegen bei GGG-40 und GGG-70 ähnliche Verhältnisse vor wie bei unlegierten Stählen. Allerdings ist die Ausprägung der Fe 4 N-Nadeln deutlich geringer. Bei ferritischem Guss nur an den äußeren Körnern, beim perlitische n nur an Ferrithöfen der oberflächennahen Sphärolithe. Diffusionsbehindernd wirk das im Ferrit enthaltene Silizium. Geringe Nitriertiefen sind die Folge. (/33/, S.43-44)
Abbildung 10: Randschicht des GGG-40
Abbildung 11: Randschicht des GGG-70
2. Randschichtmorphologie
17
2.2 Verbindungsschicht
Die Zusammensetzung der Verbindungsschicht kann beim Plasmanitrieren gezielt gesteuert werden und als monophasige Verbindungsschicht ausgebildet werden. (/31/, S.149)
Die Bildung der Verbindungsschicht beginnt zunächst mit der Keimbildung von γ’- Teilchen an der Oberfläche. Auf den entstandenen γ’-Keimen entsteht die ε-Phase. Nach dem vollständigen Zusammenwachsen der Keime ist die Werkstückoberfläche nicht mehr in Kontakt mit der Nitrocarburieratmosphäre.
(/46/, S.328)
Eine Verformung oberflächennaher Bereiche, z.B. durch spanende Bearbeitung, und Reste von Reinigungsmitteln auf der Werkstückoberflächen können zu Störungen in der Verbindungsschichtbildung führen. (/35/, S.28-29)
2.2.1 Umgebungsatmosphäre
Die Bildung der γ’-Phase wird zugunsten der ε-Phase unterdrückt, wenn beim Plasmanitrocarburieren Kohlenwasserstoffgas zugegeben wird. (/102/, S.313) Ist der Kohlenstoffgehalt im Gasgemisch größer als 3%, wird die Stickstoffaufnahme in die Verbindungsschicht vollkommen unterdrückt. Es entstehen reine Fe 3 C- Schichten. Ursache dafür sind die geringen Ionisierungsspannungen der molekularen Kohlenwasserstoffverbindung im Vergleich zum molekularen Stickstoff. (/102/, S.314)
Trotz hoher Stickstoffgehalte (N 2 > 80%) können beim Plasmanitrieren keine reinen ε-Phasen erzeugt werden. Ursache für die bevorzugte Bildung der γ’-Phase in Verbindungsschichten plasmanitrierter Oberflächen sind die geringen Stickstoff- und Kohlenstoffgehalte in diesen Schichten. (/102/, S.311) Ebenso ermittelt Lampe (/102/) in reinem Eisen, unlegierten Stählen und ledeburitischem Gußeisen maximal nur 7% Massengehalt von Stickstoff, bei legierten Stählen max. 6%. (/102/, S.312)
2. Randschichtmorphologie
18
Der Kohlenstoffgehalt in der Verbindungsschicht kann den des Grundwerkstoffs überschreiten. (/102/, S.312)
Abbildung 12: ε-Nitridanteil in Abhängigkeit vom Kohlenstoffgehalt des Grundwerkstoffes
2.2.2 Schichtdicke und –wachstum
Die Verbindungsschichtdicke wird nicht durch die Abkühlmethode beeinflusst, durch Gefüge und Gehalte an Legierungselemente dagegen schon. (/33/, S.41)
2. Randschichtmorphologie
19
2.2.2.1 Behandlungsdauer und -temperatur
Die Dicke der Verbindungsschicht nimmt annähernd mit der Quadratwurzel aus der Behandlungsdauer entsprechend dem 1.Fick’schen Diffusionsgesetz zu. Die Diffusionsgeschwindigkeit des Stickstoffs in der Verbindungsschicht ist ungefähr 60- mal geringer als im Ferrit. (/62/, S.12-13)
Die in folgender Abbildung zu erkennende Aussage, dass die Verbindungsschicht bei 42CrMo4 nicht über 10µm anwächst, liegt nach Edenhofer (/79/) an der geringen Lösungsfähigkeit für Stickstoff in der γ’-Phase. (/79/ zitiert in /49/, S.22) Zusätzlich wirkt sich die auf 10µm beschränkte Dicke der Verbindungszone positiv auf die Sprödigkeit und damit das Verschleißverhalten aus. (/79/, S.109)
Abbildung 13: Zunahme der Dicke der γ’-Verbindungsschicht in Abhängigkeit von der Behandlungsdauer beim Plasmanitrieren bei verschiedenen Temperaturen
Während der längeren Behandlungsdauer wird konstant Stickstoff zur Verfügung gestellt, die Diffusion kann länger stattfinden. Das Verbindungsschichtwachstum ist demnach eine Funktion des Oberflächenstickstoffangebotes. (/76/, S.66)
2. Randschichtmorphologie
20
Die folgenden beiden Abbildungen zeigen deutlich eine Vergrößerung der Randschichten durch längere Nitrierdauern. Die Versuchsparameter lauten: normalgeglühtes 42CrMo4, Luftabkühlung von T A , ölabgeschreckte Variante (/33/, S.45)
Abbildung 14: Randschichten des 42CrMo4, 90 min. Nitrierbehandlung
Abbildung 15: Randschichten des 42CrMo, 180 min. Nitrierbehandlung
2. Randschichtmorphologie
21
Die gleiche Dicke der Verbindungsschicht k ann durch unterschiedliche Kombina- tionen von Behandlungsdauer und –temperatur erzielt werden.
Abbildung 16: Nitrocarburiertemperatur und –dauer für die Erzeugung einer 16 µm starken Verbindungsschicht
Die Dicke der γ’-Verbindungsschicht bezogen auf die Diffusionschichtdicke bei verschiedenen Temperaturen hängt vom Wachstum der γ’-Verbindungsschicht und der Diffusionsschicht (Wanderung des Stickstoffs im Ferrit) ab. (/80/ zitiert in /49/, S.22)
Abbildung 17: Dicke der γ’-Verbindungsschicht in Abhängigkeit von der Diffusionsschicht beim 42CrMo4
2. Randschichtmorphologie
22
2.2.2.2 Umgebungsatmosphäre
Bei kohlenstoffarmen unlegierten Stählen wird das Schichtwachstum erheblich durch den C-Anteil am Spendermedium beeinflusst.
Beim reinem Plasmanitrieren entsteht überwiegend die γ’-Phase, die max. Dicke liegt bei 10-12µm. Beim Plasmanitrocarburieren nimmt der ε-Anteil zu und damit auch das Wachstum der Verbindungsschicht. Die Abnahme mit weiter steigendem C-Gehalt im Gas hängt mit der Zementitbildung und der dadurch entstehenden Diffusionsbarriere zusammen.
Abbildung 18: Dicke der Verbindungsschicht; Einfluß des C-Gehaltes im Gas
beim Plasmanitrocarburieren
Eine Besonderheit beim Plasmanitrieren ist, dass die Schichtbildung der Verbindungsschicht ohne Auswirkungen auf die Diffusionsschicht gesteuert werden kann. (/102/, S.311) Wird das Stickstoffangebot unter 10% reduziert, so kann im Extremfall die Verbindungsschichtbildung gänzlich unterdrückt werden. (/103/, S.160) (siehe Kapitel 2.2.2.2.2 Zweistufenbehandlung)
2. Randschichtmorphologie
23
Abbildung 19: Einfluß der Zusammensetzung der Nitrieratmosphäre (NA1-
NA7) auf das Wachstum der Verbindungsschicht beim
Plasmanitrieren des Stahles 42CrMo4 bei 570 °C
Zusätze von H 2 oder N 2 zur NH 3 -Nitrieratmosphäre beim Gasnitrieren führen zur Verringerung sowohl der Verbindungsschichtdicke als auch des Porensaums. Bei Zugabe von N 2 ist die Stickstoffverfügbarkeit an der Werkstückoberfläche reduziert. Eine Erhöhung des H 2 Anteils an der Nitrieratmosphäre führt u.a. durch Rekombinationsvorgänge zu einer Reduzierung des NH 3 -Gehaltes. (/2/, S.46)
Zeller (/121/) fügt hinzu, dass mit steigendem Stickstoffanteil, d.h. mit sinkendem Wasserstoffanteil, an der Gasatmosphäre, die Verbindungsschichtdicke beim 42CrMo4 abnimmt, dagegen der ε-Anteil wächst. Die diffusionsfördernde Wirkung des Wasserstoffs wird damit bestätigt. Der hohe Stickstoffanteil bewirkt zusätzlich ein deutliches Stickstoff-Konzentrationsgefälle in der Randschicht. (/121/, S.38-39)
Durch Zugabe von CO 2 zur Nitrieratmosphäre wird eine sehr starke Schichtdickenzunahme der Verbindungsschicht und des Porensaums beobachtet. Der ε-Anteil der Verbindungsschicht steigt ähnlich wie durch die N 2 -Zugabe zur Nitrieratmosphäre. (/2/, S.58)
2. Randschichtmorphologie
24
2.2.2.2.1 Lehrerdiagramm
Im Lehrerdiagramm wird der Zusammenhang zwischen der Phasenzusam-
mensetzung der Verbindungsschicht und der Atmosphärenzusammensetzung
dargestellt. Aus dem Partialdruckverhältnis von Wasserstoff und Stickstoff in der
Nitrieratmosphäre kann die Nitrierkennzahl K N berechnet werden:
) ( NH p
Abbildung 20: Das Lehrerdiagramm
Es ist stets zu berücksichtigen, dass das Lehrerdiagramm keine Aussage bezüglich
der Umwandlungsgeschwindigkeiten trifft und keine weiteren Elemente
berücksichtigt. (/6/, S.347)
2. Randschichtmorphologie
25
2.2.2.2.2 Zweistufenbehandlung
Die völlige Unterdrückung der Verbindungsschicht beim Plasmanitrieren kann durch die Zweistufenbehandlung erreicht werden.
Abbildung 21: Typische Zweistufen-Zeit-Temperatur -Folge zur Erzeugung
reiner Diffusionsschichten beim Plasmanitrieren
Drei Prozesse laufen ab beim Abbau der Verbindungsschicht: Stickstoffdiffusion aus der Verbindungsschicht einerseits in das Vakuum und andererseits in die Diffusionsschicht sowie Zerstäubung der Verbindungsschicht durch Ionenbeschuß. Es findet eine Umwandlung in α-Mischkristalle statt. (/103/, S.157)
2.2.2.3 Nitrierkennzahl
Mit steigendenden Nitrierkennzahlen nimmt die Verbindungsschichtdicke zu. Der Fe 2-3 N-Anteil sowie der Stickstoffgehalt in der Verbindungsschicht steigen an. (/114/, S.171) Habig (/132/) ergänzt diese Aussagen um die Feststellung, dass die Bildungswahrscheinlichkeit von Poren ebenfalls mit steigender Nitrierkennzahl zunimmt. (/132/, S.5)
2. Randschichtmorphologie
26
Der Zusammenhang zwischen steigender Nitrierkennzahl und zunehmender Verbindungsschichtdicke – bei unterschiedlichen Nitriertemperaturen – wird in Abbildung 22 dargestellt.
Abbildung 22: Wachstum der Verbindungsschichten in Abhängigkeit von der Nitrierkennzahl für unterschiedliche Nitriertemperaturen (Stahl 14CrMoV 6.9, Nitrierdauer 96h)
Zusammenhänge zwischen Nitrierkennzahl und Verbindungsschichtwachstum – diesmal bei unterschiedlichen Nitrierdauern – stellt Klümper-Westkamp (/6/) in nachfolgender Abbildung dar.
Abbildung 23: Gegenüberstellung der experimentellen Ergebnisse und analytischen Beschreibung der Verbindungsschichtdicke in Abhängigkeit von der Nitrierkennzahl
2. Randschichtmorphologie
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2.2.2.4 Legierungselemente
Ein Vergleich zwischen Cr-Nitrierstahl und Cr-Al-Nitrierstahl nach Gasnitrieren ergab bei Cr-Al eine wesentlich dickere Randschicht. V ermuteter Grund ist die Verschiebung durch Al zugunsten der ε-Nitridbildung an der Oberfläche. (/17/ zitiert in /18/, S.5)
Wiedemann (/18/) stellt einen Zusammenhang zwischen Al -Gehalt und Verbindungsschichtdicke fest: mit steigendem Al-Gehalt nimmt die Dicke der Verbindungsschicht zu (Werkstoff 20MnCr5 + Al Gehalte). Durch den Vergleich mit 20MnAl5 stellt sie fest, dass Cr nicht die Ursache ist, sondern alleine der Al-Gehalt. (/18/, S.30-31)
2.2.3 Porensaum
2.2.3.1 Porenbildung
Zur Erklärung der Porenbildung gibt es sehr unterschiedliche Ansätze.
Weit verbreitet ist die Meinung, das für die Entstehung des Porensaums die Rekombination von Stickstoffatomen, d.h. die Bildung molekularen Stickstoffes, angesehen wird. (/33/, S.11), (/24/, S.24)
Ein Erklärungversuch i st, dass der unter hohem Druck eingeschlossene Stickstoff versucht, aus dem Werkstoff auszutreten. Die „Brücken“ zwischen den einzelnen Poren brechen, es bilden sich Kanäle. Daraus lässt sich folgern, dass die Porenbildung mit steigendem Nitrierpotential bzw. steigender Stickstoffkonzentration zunimmt. (/35/, S.11)
Die Poren sind gestreckte Hohlräume. Zum Teil stehen sie mit der Oberfläche und untereinander in Verbindung. Meist sind sie senkrecht zur Oberfläche angeordnet, entlang der Nitridstengelkristalle. (/24/, S.24)
2. Randschichtmorphologie
28
Prenosil (/65/) stützt diese Theorie, die Vereinigung von Stickstoffatomen zu Molekülen. Der dabei entstehende Gasdruck weitet das Eisengitter auf und kann durch Sprengen Hohlräume bewirken. (/65/, zitiert in /76/, S.3) Nach Prenosil (/65/) entstehen die Poren an Versetzungen. Im Versetzungskern vereinen sie sich zu Molekülen, bauen einen sehr starken inneren Druck auf (größer als die lokalen Druckspannungen) und bilden durch Fließvorgänge größere Hohlräume bzw. Porenkanäle. (/65/, S.164) Zunächst bilden sie sich in den oberflächennahen Bereichen aus, weil dort die Stickstoffkonzentration – verbunden mit höchster thermodynamischer Aktivität und höchstem Gleichgewichtsdruck des molekularen Stickstoffs – am größten ist. (/65/, S.160)
Gleicher Auffassung bezüglich der Porenbildung ist Schröter (/66/), der den Kirkendalleffekt – ein weiterer Ansatz zur Erklärung der Porenbildung – sogar ganz ausschließt. (/66/, zitiert in /62/, S.25)
Eine gegensätzliche Auffassung zur Entstehung der Poren vertreten Matauschek und Trenkler (/63/). Sie vermuten einen Kirkendalleffekt.
Die Porenbildung ergibt sich durch eine intensive Eisendiffusion entlang der Korngrenzen der ε-Phase hin zur Probenoberfläche einerseits und die Leerstellendiffusion in entgegengesetzter Richtung andererseits. (/63/, S.180)
Einen klar davon abzugrenzenden Ansatz verfolgt Koloszvary (/64/). Er behauptet, dass Eigenspannungen die Ursache für die Porenbildung sind. (/64/ zitiert in /62/, S.24)
2.2.3.2 Nitrieratmosphäre
Die äußere Randschicht hat nach dem Salzbadnitrieren eine stärkere Porosität als bei anderen Nitrierverfahren.
Hervorgerufen wird diese beim Salzbadnitrieren vor allem durch den Fe-Gehalt der Salzschmelze. (/77/ zitiert in /76/, S.2)
2. Randschichtmorphologie
29
Mädler (/23/) nennt die zunehmende Instabilität der Nitride mit zunehmendem N - Gehalt als Ursache für die verstärkte Porenbildung. (/23/,S.19-20) Weiterhin wird die Porensaumbildung durch Behandlungsdauer und –temperatur (/77/ in /76/, S.2) sowie den CN-Gehalt im Salzbad beeinflusst. (/78/ zitiert i n /76/, S.2)
Wenn der maximale Anteil des Porensaums an der Verbindungsschicht bei 30% liegt, ist laut Jonck (/73/) ein „zufriedenstellendes Ergebnis“ erzielt worden. (/78/, S.434) Dieses Ergebnis kann man nach Finnern (/91/) beim Badnitrieren in einer Salzschmelze auf Basis Cyanid-Cyanat mit geringem Eisengehalt (Na 4 [Fe(CN) 6 ] kleiner 0,2%) erreichen. (/91/ zitiert in /78/, S.435) Bei einem Eisengehalt des Salzbades von ca. 0,1% liegt der porige Anteil der Verbindungsschicht zwischen 10 und 20%. (/91/, S.51)
Eine Einschränkung der Porentiefe und –dichte zur Verbesserung des Oberflächengebiets ist durch Findung/Einstellung einer minimalen Nitrierfähigkeit der Atmosphäre zu erreichen. Dabei muss das Wachstum der ε-Phase noch begünstigt werden, die Porenbildung jedoch minimiert sein. (/65/, S.161)
2.2.3.3 Nitrierkennzahl
Die Dicke des Porensaums nimmt mit steigender Nitrierkennzahl zu. (/6/, S.353), (/114/, S.171), (/132/, S.5)
2.2.3.4 Legierungselemente
Gegensätzliche Auffassungen vertreten Jonck und Hoffmann. Nach Jonck (/78/) haben Al-beruhigte Stähle eine verstärkte Porensaumbildung. Die Legierungselemente C, O, Co und Ni verstärken diese ebenfalls. (/78/ zitiert in /76/, S.2).
Laut Hoffmann (/77/) verringern nitridbildende Elemente die Porenbildung. (/77/ zitiert in /76/, S.3)
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Detlef Armin Kube, 2001, Eigenschaften nitrierter/nitrocarburierter Bauteile und deren Beeinflussung durch Prozessführung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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