Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Debatte um die Thesen Paul Kennedys. 2
3. Veränderte Rahmenbedingungen. 4
3.1. Das Ende der Konfrontation der Supermächte. 4
3.2. Eine neue Weltordnung. 5
4. Neue Bedrohungen für die Geltung der USA. 7
4.1. Geopolitische Bedrohungen. 7
4.2. Geoökonomische Bedrohungen. 8
4.3. Struktur elle Probleme. 10
5. Schluss. 13
6. Literatur 16
1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich die Frage behandeln, ob bzw. inwiefern die Weltgeltung der Vereinigten Staaten von Amerika bedroht sein könnte. Die USA sind heute die stärkste Macht im System der internationalen Beziehungen, sie tragen seit dem Abwurf der ersten Atombombe und dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Titel „Supermacht“ und werden seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als „einzig verbliebene“ oder einfach „einzige Supermacht“ angesehen.
Im Verlauf des Seminars „Der zerfallende Staat, besonders in der 3. Welt“ wurden aber auch wissenschaftliche Meinungen behandelt, die die Macht der USA in der Welt als im Verfall befindlich betrachten (Kennedy 1989). Der Zusammenbruch der „anderen“ Supermacht, der Sowjetunion, wurde untersucht, wobei diskutiert wurde, dass möglicherweise auch der Rückgang internationalen Einflusses zu diesem Zusammenbruch und Staatszerfall beigetragen haben könnte (Meissner 1995). Deshalb scheint mir eine Untersuchung möglicher aktueller Bedrohungen für die Vormachtrolle der USA im internationalen System nicht nur sehr interessant, sondern auch im Zusammenhang des Themas vom zerfallenden Staat relevant. Außerdem dürfte ein Niedergang der Stellung der USA als Weltmacht generell Staatszerfall auf dem ganzen Globus befördern, da mit der führenden Macht der gewichtigste Ordnungsfaktor im internationalen System der Nationalstaaten wegfallen würde. Auch wenn höchst wahrscheinlich ein anderer Staat (oder mehrere andere) in das entstehende Machtvakuum stoßen würde, gäbe es eine Phase des Übergangs, die mit einer gewissen Unordnung und Umformung im internationalen System verbunden sein würde. Da sich der Staat als Herrschaftsform aber in vielen Teilen der Welt, besonders in Afrika, generell in einer Krise zu befinden scheint (Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung / Weltbank 1997), dürfte solch eine Transformationsphase nicht nur die bestehende Ordnung der Staaten stören, sondern in vielen Fällen auch Staaten in ihrem Dasein bedrohen, mithin den möglichen Zerfall sowieso bedrohter Staaten begünstigen.
Der Gegenstand dieser Hausarbeit soll demnach die Rolle der USA als Vormacht mit Weltgeltung sein, wobei das Interesse auf mögliche Anhaltspunkte für den Niedergang der USA in dieser Rolle gerichtet ist, die sich im internationalen System selbst finden lassen. Als zugespitzte Fragestellung formuliert bedeutet dies, ob die These vom relative n Niedergang US-amerikanischer Weltgeltung (Kennedy 1989) heute Relevanz hat. Es soll
1
bei der Untersuchung dieser Fragestellung deutlich werden, wo reelle Bedrohungen bestehen bzw. entstehen könnten.
Im Verlauf der Hausarbeit sollen die entsprechenden Thesen Paul Kennedys und die Debatte um diese erläutert, die seitdem eingetretenen weltpolitischen Veränderungen angeführt und daraus möglicherweise resultierende aktuelle Bedrohungen für die Macht der USA diskutiert werden.
Als Grundlage für die folgenden Aus führungen dienen mir neben eigenen Überlegungen eine Reihe von Monographien und anderen Beiträgen US-amerikanischer wie deutscher Autoren. Um eine Vorstellung von der aktuellen Verteilung des globalen Bruttosozialprodukts zu erlangen, habe ich mir Daten über das Jahr 1998 aus dem Fischer-Weltalmanach 2001 zunutze gemacht (Baratta 2000). Die aus meinen Berechnungen resultierenden Ergebnisse können nicht exakt sein, stellen aber aufschlussreiche Orientierungswerte dar.
2. Die Debatte um die Thesen Paul Kennedys
1987 erschien ein Buch des britischen Historikers Paul Kennedy mit dem Titel „The Rise and Fall of the Great Powers“, das die letzten 500 Jahre der Geschichte als Abfolge von Auf- und Abstiegen von Großmächten interpretiert. Am Ende des Buches befasst sich der Autor schließlich mit der Gegenwart und stellt die These auf, dass die Macht der USA sich im Verhältnis zu der anderer Mächte im relativen Niedergang befinde (Kennedy 1989). Das Buch löste daraufhin eine anhaltende Debatte in den USA über den eigenen Niedergang aus.
Kennedy war allerdings nicht der erste, der einen Machtverfall der USA konstatierte oder vorhersagte. Bereits 1970 sah David P. Calleo die Vereinigten Staaten durch internationale Überanstrengungen überfordert (Calleo 1970), auch s ein Buch „Beyond American Hegemony“ von 1987 behandelt dieses Thema (Calleo 1987). Calleo bemerkt einen „decline of American power in relation to the rest of the world“ (Calleo 1987: 216) durch fiskalisch-ökonomische Ungleichgewichte aufgrund „oversized military commitments“ (ebd.: 215). Ein weiterer Vertreter der Niedergangstheorie ist Immanuel Wallerstein, der das Thema aus einem historisch- marxistischen Blickwinkel betrachtet: Nach einem Höhepunkt der wirtschaftlichen Effizienz der USA vor 1967 und einem folgendem langsamen Abschwung (Wallerstein 1995: 187) diagnostiziert er für heutige Zeit einen
2
„continued relative decline of US economic enterprises, and of the politico- military power of the US state“ (Wallerstein 1991: 19).
Kennedy sieht die USA ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen im Niedergang begriffen. Dabei legt auch er Wert darauf, einen relativen Niedergang vorherzusagen: er stellt die USA ins Verhältnis zu anderen Mächten und vergleicht ihren Anteil an der Macht in der Welt. Kennedys Indikatoren für Macht sind wirtschaftlicher Art: Nach seinen Ausführungen müsste der Anteil am weltweiten Bruttosozialprodukt ein Indikator für die Macht eines Staates in der Welt sein. Vergleichbar den Ausführungen Calleos lautet seine Hauptthese, dass die USA aufgrund ihrer „‚imperiale[n] Überdehnung’“ (Kennedy 1989: 759) einen zu großen Anteil ihrer Wirtschaftskraft in den Verteidigungshaushalt investierten, woraufhin wichtige Investitionen in die Konsumwirtschaft nicht erfolgten, mit anderen Worten: Die Interessen und Verpflichtungen der USA seien größer als deren vorhandene (Wirtschafts-)Kraft. Der dadurch hervorgerufene schleichende Verfall der USamerikanischen Wirtschaft (im Verhältnis zu anderen Mächten) bewirke dann den relativen Niedergang der internationalen Macht der USA (Kennedy 1989: 759-787). Ebenso wie die „Niedergangstheoretiker“ beobachten auch andere Wissenschaftler einen Rückgang des Anteils der USA an der Macht in der Welt seit 1945. Sie argumentieren jedoch, dass dieser Rückgang die logische Konsequenz aus der (von den USA geförderten) Erholung der europäischen wie japanischen Wirtschaft nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs sei. Der „World War II effect“ sei Anfang der siebziger Jahre ausgeschöpft gewesen, seitdem halte sich die Macht der USA auf einer konstanten Stufe (Nye 1990a: 72-87), die allerdings diejenige aller anderen Mächte übertreffe. In Joseph S. Nyes „Antwort“ auf Kennedy, dem Buch „Bound to Lead“ (Nye 1990a), wird verschiedenen Ansatzpunkten zum Beweis des US-Niedergangs so umfassend widersprochen, dass die Debatte im Kern auf den Widerstreit der Thesen Kennedys und Nyes reduziert werden kann (so z. B. bei Kunkel 1994).
Bei der Diskussion über den Niedergang der Macht der USA sollten zwei grundsätzliche Probleme immer bewusst bleiben: die Frage nach der Definition internationaler Macht und die Frage nach der Messbarkeit und den Indikatoren dieser Macht. Eine klassische Aufzählung von Bestimmungsfaktoren internationaler Macht liefert, Hans Morgenthau wiedergebend, Kerber: „Geographische Lage, natürliche Ressourcen, industrielle Kapazität, Militärpotential, Bevölkerungszahl, Nationalcharakter (im Sinne von weitgehend der Bevölkerung eines Staates zuschreibbaren Eigenschaften), Nationalmoral (im Sinne der Entschlossenheit der Bevölkerung, die eigene Außenpolitik nachhaltig zu
3
unterstützen), [...] Qualität der Diplomatie [...], die durch den Grad der Legitimität zum Ausdruck gelangende Qualität der Regierung“ (Kerber 1993: 29). Auch kann der Machtbegriff Max Webers, nach dem „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ Macht bedeute (Weber 1956: 28), auf internationale Beziehungen angewendet werden.
Obwohl diese beiden Ansätze zusammengenommen ein sinnvolles Definitionskonstrukt ergeben könnten, spreche ich in dieser Hausarbeit bewusst meist von der (Welt-)Geltung der USA, nicht der (Welt-)Macht. Damit meine ich die ohne ausführliche Analyse ersichtliche einzigartige Bedeutung der USA im internationalen System, womit natürlich wie auch immer geartete Macht verbunden ist, doch möchte ich auf eine ausführliche theoretische Abhandlung des Begriffs internationaler Macht verzichten.
3. Veränderte Rahmenbedingungen
3.1. Das Ende der Konfrontation der Supermächte
Mit dem Ende des Kalten Krieges durch die tiefgreifenden weltpolitischen Veränderungen der Jahre 1989 bis 1991 ist die klar ersichtliche Bedrohung der USA durch einen zumindest im Vernichtungspotential gleichwertigen Gegner verschwunden. Zwar verfiel man nur kurz in Euphorie über den „Sieg“, da schnell neue Probleme in den Vordergrund traten (z. B. „rogue states“, Proliferation von Vernichtungswaffen, Terrorismus), doch schien die These vom Niedergang der Weltgeltung der USA zu diesem Zeitpunkt überholt. Schließlich waren die USA die „siegreiche“, einzig verbliebene Supermacht. Diese Konstellation prägt die Position der USA in der Welt bis heute, wie allein schon der Titel „Die einzige Weltmacht“ des Bestsellers Zbigniew Brzezinskis deutlich macht (Brzezinski 1997).
Jedoch könnte der Zerfall der UdSSR auch Lehren für die USA beinhalten, die den wirtschaftlich-technologisch- militärischen „Wettlauf“ unter Umständen knapper als gedacht „gewannen“, wobei die höhere Flexibilität ihres Staats-, Wirtschafts- wie auch Verbündetensystems vielleicht tatsächlich ausschlaggebend war. Es sei noch einmal auf Boris Meissner verwiesen, der den Staatszerfall der Sowjetunion durch den Abfall der verbündeten / abhängigen Staaten außenpolitisch bedingt interpretiert (Meissner 1995).
4
Arbeit zitieren:
Frank Stadelmaier, 2001, Die Frage nach dem Niedergang der USA aus heutiger Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 20 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Antireligiöse Propaganda im Sowjetstaat von der Oktoberrevolution bis ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 33 Seiten
Wäre eine Einheitsfront von KPD und SPD eine Alternative zur Tolerieru...
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Seminararbeit, 23 Seiten
Die Volksrepublik China und die USA - Eine Untersuchung des amerikanis...
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit, 18 Seiten
Rechtfertigung von Krieg vor dem Hintergrund des amerikanischen Selbst...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 29 Seiten
Lehrveranstaltungsevaluation, Begründung, Ziele, Modelle
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Examensarbeit, 98 Seiten
Fankultur - Untersuchung von Wechselwirkungen zwischen Fan und Popkult...
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Primo Levi (1919 - 1987) und sein Buch "Ist das ein Mensch?"
Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug
Seminararbeit, 26 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Frank Stadelmaier's Text Die Frage nach dem Niedergang der USA aus heutiger Sicht ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Frank Stadelmaier hat den Text Die Frage nach dem Niedergang der USA aus heutiger Sicht veröffentlicht
Frank Stadelmaier hat einen neuen Text hochgeladen
Class Actions und Securities Class Actions in den Vereinigten Staaten ...
Holger Beuchler, Hans-W. Micklitz
Immanuel Wallerstein and the Problem of the World: System, Scale, Cult...
David Palumbo-Liu, Bruce W. Robbins, Nirvana Tanoukhi
Grenzüberschreitendes (internationales) Insolvenzrecht der Vereinigten...
Systeme und Wechselwirkungen r...
Edgar J Habscheid
Die Studentenbewegung in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepubli...
Eine Untersuchung hinsichtlich...
Ingo Juchler
0 Kommentare