Teil A Vorgelegt von: Kanngießer, Frank
Teil B
Vorgelegt von: Schröder, Christopher
Teil C
Vorgelegt von: Huke, Jens
III
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. III
Einf ührung. 1
A Entwicklungsgeschichte der Betriebswirtschaftslehre 4
1. Einordnung der Betriebswirtschaftslehre in das System der Wissenschaften. 4
1.1. Systematisierung der Wissenschaften 4
1.2. Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre. 5
2. Die alte Geschichte 6
3. Vorläuferwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre. 9
3.1. Kommerzienkunde. 9
3.2. Merkantilismus. 12
3.2.1. Kameralismus. 13
3.2.2. Landwirtschaftliche Betriebslehre und Staatsrechnungswissenschaft. 15
3.3. Die Handlungswissenschaft 16
4. Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre von 1898 bis zum zweiten Weltkrieg. 20
4.1. Verselbständigung der akademischen Betriebswirtschaftslehre. 20
4.2. Bedeutende Wegbereiter der jungen Betriebswirtschaftslehre. 23
5. Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre seit dem zweiten Weltkrieg 26
B Allgemeines Verständnis von der Bildung einer Theorie 30
1. Der Theoriebegriff 30
1.1. Die Mehrdeutigkeit des Theoriebegriffs 30
1.1.1. Theorie als Einzelbezeichnung für behauptete Zusammenhänge 30
1.1.2. Theorie als Gattungsname für verschiedene Problemlösungsansätze bei
ähnlicher Problemstellung. 31
1.1.3. Theorie als Gattungsname für ähnliche Problemlösungsansätze bei
verschiedenen Problemstellungen. 31
1.1.4. Theorie als Kennzeichnung des Ziels wissenschaftlichen Arbeitens. 31
1.1.5. Definition des Theoriebegriffs 31
IV
1.2. Definition des Begriffes „Unternehmung“ 32
1.3. Eine Unterscheidung zwischen der „Betriebswirtschaftslehre“ und der „Theorie
der Unternehmung“ 33
1.4. Mögliche Ansätze zur Theorie der Unternehmung 34
1.4.1. Erklärung, Prognose und Gestaltung 34
1.4.2. Falsifikation 35
1.4.3. Rationale Rekonstruktion. 36
1.5. Anforderungen an eine Theorie 37
2. Theorie als Struktur - Der Strukturalismus 38
2.1. Schneiders Theorieverständnis 38
2.2. Strukturmerkmale erklärender Theorie 38
2.2.1. Die Problemstellung und die Lösungsidee. 39
2.2.2. Der Strukturkern 40
2.2.3. Musterbeispiele 41
2.2.4. Die Hypothese. 42
2.3. Ein Beispiel - Die Monopolpreisbildung nach dem Cournotmodell 43
2.3.1. Die Problemstellung und die Lösungsidee. 43
2.3.2. Der Strukturkern 43
2.3.3. Musterbeispiele 44
2.3.4. Die Hypothese. 44
2.4. Das Problem der Interpretation von Symbolen 44
2.5. Testbarkeit und Widerlegbarkeit von Hypothesen 45
2.5.1. Die empirischen Beobachtungen treffen nicht zu 45
2.5.2. Die empirischen Beobachtungen treffen zu 47
2.5.3. Die vier Freiheitsgrade. 48
3. Gestaltende Theorien. 49
3.1. Strukturmerkmale einer gestaltenden Theorie. 50
3.1.1. Die Problemstellung und die Lösungsidee. 50
3.1.2. Der Strukturkern 50
3.1.3. Musterbeispiele 50
V
3.1.4. Die Hypothese. 51
3.2. Besonderheiten einer gestaltenden Theorie. 51
3.3. Ein Vergleich mit dem Ansatz „Erklärung, Prognose und Gestaltung“ 52
4. Metrisierende Theorien 53
4.1. Begriffe und Probleme des Messens 53
4.2. Strukturmerkmale metrisierender Theorien. 55
4.2.1. Die Problemstellung und die Lösungsidee. 55
4.2.2. Der Strukturkern 55
4.2.3. Musterbeispiele 56
4.2.4. Die Hypothese. 56
5. Gütestufen der Theorien 56
5.1. „Theoriegefasel“ 57
5.2. „Theoriegebrösel“ 57
5.3. „Theorieversprechen“ 58
C Alternative Sichtweisen der Theorie der Unternehmung. 59
1. Grundlagen 59
1.1. Erfahrungsobjekt, Erkenntnisobjekt, Sichtweise und Aspekt einer Theorie der
Unternehmung. 59
1.2. Beispiel. 60
1.3. Anforderungen an eine Theorie der Unternehmung 60
2. Verschiedene Sichtweisen der Theorie der Unternehmung. 62
2.1. Bildhafte Vergleiche aus anderen Wissenschaften 62
2.1.1. Bildhafte Vergleiche aus der Physik am Beispiel der Neoklassischen
Mikro ökonomie. 62
2.1.2. Bildhafte Vergleiche aus der Biologie - Die Unternehmung als Organismus /
als soziales System. 66
2.1.3. Bildhafte Vergleiche aus der Rechtslehre. 69
2.2. Beobachtungssachverhalte aus dem wirtschaftlichen Erfahrungsbereich 77
2.2.1. Begriffsdefinitionen 77
VI
2.2.2. Die Lehre von den Unternehmerfunktionen 78
Schlussbemerkung 82
Literaturverzeichnis 83
Einführung
Gegenstand der Betrachtung im Teil A ist die Entwicklungsgeschichte der noch jungen Betriebswirtschaftslehre. Dass sie sich als eine heute überall anerkannte akademische Disziplin herausbilden konnte, bedurfte viel Geduld und intensiver Bemühungen. Deshalb soll der Frage nachgegangen werden, wie sich die Betriebswirtschaftslehre entwickelte und ob sie schon als solche in tiefer Vergangenheit existierte. Dabei gilt es herauszustellen, in welcher Form sie in der Zeit weit vor dem 20. Jahrhundert bestand und welche Epochen als so genannte Vorläuferwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre zu nennen sind. Hauptaugenmerk liegt auf der mithin reinen historischen Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre, wobei auf die wichtigsten Autoren der alten und auch der jungen Vergangenheit eingegangen werden soll. Jedoch würde im Rahmen dieser Bearbeitung eine literaturgeschichtliche Betrachtung der einzelnen Werke, die für die jeweilige Epoche von hoher Bedeutung waren, zu weit führen. Aus diesem Grund werden überwiegend die wichtigsten Autoren mit ihren bedeutendsten Werken, die für die einzelnen Phasen von besonderem Wert waren, lediglich erwähnt. Damit soll ebenfalls das Ziel eines doch sehr groben Überblicks erreicht werden. Denn um die Inhalte der modernen Betriebswirtschaftslehre mit den damaligen Inhalten vergleichen zu können, ist eine intensive Betrachtung der einzelnen Werke unbedingt erforderlich und nicht Gegenstand dieser Ausführungen.
Letztendlich soll hiermit verdeutlicht werden, dass die Wurzeln der Betriebswirtschaftslehre sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen und sie ihre Bezeichnung als solche erst um etwa 1920 erhielt. Zuvor waren die Inhalte dieser Disziplin zwar ähnlich, jedoch standen diese unter einem ganz anderen Namen, wie sich im Laufe der Betrachtung herausstellen wird.
Überdies erachte ich es für notwendig, besonders als Student der Betriebswirtschaftslehre, wichtige Eckdaten der jungen akademischen Disziplin in Bezug auf ihre Entwicklungsgeschichte zu kennen.
Mit der Absicht die Betriebswirtschaftslehre als Ganzes zu erfassen, soll zunächst eine Ein-ordnung der jungen Disziplin in das System der Wissenschaften erfolgen, um damit zugleich auch einen allgemeinen Einblick in das bestehende Wissenschaftssystem zu geben.
In Teil B soll dargestellt werden, dass die Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft in vielfältiger Weise über wirtschaftliche Zusammenhänge informieren und Hinweise zur Gestaltung dieser aussprechen will. Dazu werden in den Wirtschaftswissenschaften Theorien verwendet. Nicht jede Theorie ist jedoch gleich gut und gleich aussagekräftig. Wer Theorien auf ihre Fä-
higkeiten und Eigenschaften überprüfen will, oder auch selbst Theorien aufstellen möchte, dem bieten sich mehrere Möglichkeiten.
Diese Arbeit soll einige Ansätze zur Theoriebildung darstellen, um eventuelle Besonderheiten des Ansatzes von Dieter Schneider aufzuzeigen. Es wird kein Anspruch darauf erhoben, dass diese Aufzählung vollständig ist. Nur die wichtigsten Ansätze werden kurz dargestellt.
Die weitgefächerten Meinungen über das, was man unter einer „Unternehmung“ und unter dem Begriff der Theorie verstanden wird soll ebenfalls untersucht werden.
Weiterhin wird der Frage nachgegangen welche Merkmale eine Theorie nach Dieter Schneiders Ansatz aufweisen können muss, um wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen. Seine Unterscheidung in erklärende, gestaltende und metrisierende Theorien ist Hauptgegenstand dieser Arbeit.
Dabei liegt im Zentrum des Interesses, welche Eigenschaften diese drei Theoriearten kennzeichnen und in welcher Beziehung sie zueinander stehen.
Daneben soll herausgearbeitet werden, in wie weit wissenschaftlicher Fortschritt, in Form einer neuen Theorie, aus der Diskussion unterschiedlicher Ansichten hervorgeht, also wie stark das, was eine Theorie zu leisten vermag von der Diskussion in der wissenschaftlichen Gemeinschaft abhängt.
Der Teil C dieser Seminararbeit soll einen Überblick darüber geben, welche verschiedenen Theorien der Unternehmung entwickelt wurden. Um den Rahmen der Betrachtung zu wahren, wurde eine Auswahl dieser Ansätze vorgenommen. Im Zuge dieser Arbeit wird neben der Neoklassischen Mikroökonomie, der Systemtheorie, des Property-Rights-Ansatzes, der Principal-Agent-Theorie und des Transaktionskostenansatzes auch die Lehre von den Unternehmerfunktionen vorgestellt.
Die Zusammenstellung orientiert sich in weiten Teilen an der von Dieter Schneider in seinem dreibändigen Werk zur Betriebswirtschaftslehre vorgenommenen Selektion. Ein Anspruch auf vollständige Darstellung aller existierenden Theorien der Unternehmung wird folglich nicht erhoben!
In den Ausführungen wird das bereits im Teil B vermittelte Theorieverständnis und die Abgrenzung des Begriffs der Unternehmung zu Grunde gelegt. Zunächst wird die Bedeutung der eine Theorie der Unternehmung begründenden Sichtweise für die Abgrenzung eines Erkenntnisobjektes untersucht. Darauf aufbauend soll eine Gruppierung der betrachteten Theo- rien entsprechend ihrer Lösungsidee vorgenommen werden.
Im Zuge dieser Betrachtung wird die Frage zu klären sein, welchen Anforderungen eine The-orie der Unternehmung zu genügen hat, damit sie in der Praxis anwendbar ist. Ein weiteres Ziel stellt folglich die Erarbeitung eines Leistungsanspruchskataloges dar. Mein Ziel ist es dabei nicht ein paradigmatisches Prüfschema zu entwickeln. Vielmehr steht die Überprüfung aller betrachteten Theorien nach einem einheitlichem Anforderungsniveau im Vordergrund! Anschließend erfolgt eine Betrachtung der verschiedenen Theorien. Im Zuge dessen wird jeder Ansatz zunächst vorgestellt. Dabei soll die Frage geklärt werden, welches Forschungsinteresse die jeweilige Theorie verfolgt und wie die eine Unternehmung betreffenden Sachverhalte dargestellt und erklärt werden.
Danach wird mittels der erarbeiteten Kriterien auf Schwächen und Mängel der Theorien hingewiesen. Besonderes Interesse gilt dabei der Frage, ob eine Theorie die Erklärung des tatsächlichen Handelns von Akteuren ermöglicht.
In der abschließenden Betrachtung erfolgt eine Feststellung bezüglich der praktischen Anwendbarkeit.
Für eine tiefgründigere Betrachtung der Neuen Institutionenökonomie wird auf das Thema fünf dieses Seminars verwiesen!
A Entwicklungsgeschichte der Betriebswirtschaftslehre
1. Einordnung der Betriebswirtschaftslehre in das System der Wissenschaften
1.1. Systematisierung der Wissenschaften
Um eine Systematisierung der Wissenschaften vorzunehmen, muss zunächst Klarheit darüber bestehen, durch welche Merkmale und Aufgaben eine Wissenschaft gekennzeichnet ist. Jede Wissenschaft befasst sich in systematischer Weise mit einem bestimmten abgegrenzten Ge-genstandsgebiet unter Verwendung geeigneter Methoden, um Erkenntnisse über das jeweilige Gegenstandsgebiet zu erlangen. 1 Aber nicht nur Erkenntnisse gehören zum Inhalt einer Wissenschaft, sondern auch Theorien und Hypothesen. Im Wesentlichen ist Wissenschaft durch die vier folgenden Merkmale gekennzeichnet. Als erstes ist das Streben nach Erkenntnis zu erwähnen, die sich mit der Frage nach der Wahrheit und der Suche nach Antworten beschäftigt. Zweitens ist die Wissenschaft durch die Konstituierung eines Erkenntnisobjekts (abgegrenzten Gegenstandsgebiets) und den damit verfolgten Zwecken (Erkenntniszielen) gekennzeichnet. Hierbei ist zu beachten, dass Erkenntnisobjekte, genau wie in der Betriebswirtschaftslehre auch, ständigen Veränderungen unterworfen sind und somit das Ziel der vollständigen Erfassung des abgegrenzten Gegenstandsgebiets ein dynamischer Prozess ohne endliche Begrenzung ist. Des Weiteren ist die Wissenschaft durch die Anwendung spezifischer Forschungsmethoden zur Gewinnung von Erkenntnissen gekennzeichnet und als letztes Merkmal besteht das Bestreben der Wissenschaft darin, die Forschungsergebnisse über das Erkenntnisobjekt in ihrer Wahrheit zu sichern und in eine systematische Ordnung zu bringen. 2
Eine Einteilung der Wissenschaften in ein Wissenschaftssystem ist lediglich ein Versuch die bereits vorhandenen Wissenschaften nach bestimmten Kriterien zu systematisieren. Oftmals erfolgt eine Unterteilung der Universalwissenschaften in reine und angewandte Wissenschaften, die nach dem Kriterium des Bezugs auf existente Situationen erfolgt. Hierbei werden die wissenschaftlichen Disziplinen nach ihrem Praxisbezug untergliedert. Jedoch ist eine genaue Abgrenzung nicht möglich. 3 Gebräuchlicher erweist sich in der Literatur eine Unterteilung des Wissenschaftssystems nach dem Untersuchungsobjekt. Daraus resultiert eine Zweiteilung der Einzelwissenschaften in Idealwissenschaften und Realwissenschaften. 4
1 Vgl. Peters, S., Brühl, R., Stelling, J. N., Betriebswirtschaftslehre, 2000, S. 1.
2 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 22f.
3 Vgl. Schult, E., Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 1984, S.59f.
4 Vgl. Zahn, E., Schmid, U., Produktionswirtschaft, 1996, S. 1f.
Bei den Idealwissenschaften werden die Gegenstände vom Denken erschaffen. Dagegen sind die Objekte bei den Realwissenschaften in der Realität vorhanden, d. h. es spielt in keiner Weise eine Rolle, ob sich unser Denken mit den Objekten beschäftigt oder nicht. 1 Die Idealwissenschaften werden weiterhin in Formalwissenschaften (zum Beispiel Mathematik, Logik, Teile der Informatik) und in normative Wissenschaften (zum Beispiel Ethik und Teile der Philosophie) unterteilt. Zu den Realwissenschaften zählen die Naturwissenschaften (zum Beispiel Physik, Chemie, Biologie, Ökologie), die Ingenieurwissenschaften (zum Beispiel Maschinenbauwesen, Elektrotechnik), die Informatik und die Geistes- und Sozialwissenschaften (zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften, Soziologie, Psychologie, Politologie). Die Wirtschaftswissenschaften werden zu dem in die Betriebswirtschaftslehre und die Volkswirtschaftslehre unterteilt. 2
Eine solche starre systematische Abgrenzung der Wissenschaftszweige ist für die Forschung und Lehre nicht gerade sinnvoll, da häufig zwischen den verschiedenen Wissenschaften zahlreiche Verbindungen existieren und sich somit die interdisziplinäre Forschung als sehr fruchtbar erweist. Hinzu kommt, dass Wissenschaft ein dynamischer Prozess ist, welches die Alternative bietet, Grenzen zwischen den Wissenschaftszweigen zu verschieben und dadurch zur Entwicklung von neuen Disziplinen beizutragen. Als Beispiel sei hier die Ingenieurwissenschaft erwähnt, welche sich aus den klassischen Naturwissenschaften und der Mathematik entwickelte. Aus diesen Gründen ist eine derartige Wissenschaftssystematik nur als eine erste Orientierung gedacht. 3
1.2. Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre
Die Wirtschaftswissenschaft bildet zu den wirtschaftlichen Einzeldisziplinen der Betriebswirtschaftslehre und der Volkswirtschaftslehre den Oberbegriff, welche sich mit deskriptiven, theoretischen, pragmatischen und normativen Fragen des Wirtschaftens befasst. 4
Ihre Aufgabe ist es, mit Hilfe gesammelter Erfahrungen und den gewonnenen Erkenntnissen wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären und Prognosen über die Folgen wirtschaftlicher Entscheidungen abzugeben. 5
1 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 24.
2 Vgl. Zahn, E., Schmid, U., Produktionswirtschaft, 1996, S. 2-4.
3 Vgl. Busse von Colbe, W., Lassmann, G., Betriebswirtschaftstheorie, 1991, S. 3.
4 Vgl. Schweitzer, M., Betriebswirtschaftslehre, 2000, S. 24.
5 Vgl. Preitz, O., Betriebswirtschaftslehre, 1974, S. 26.
Im Mittelpunkt betriebswirtschaftlicher Betrachtungen und Untersuchungen steht die Unternehmung als eine Einzelwirtschaft. Die Betriebswirtschaftslehre beschäftigt sich mit dem geschäftlichen Geschehen, wie der Gestaltung und Führung eines Betriebes. Dabei sieht sie ihre Aufgabe darin, das Wirtschaften in den Betrieben zu beschreiben und zu erklären und erkannte Zusammenhänge, Regelmäßigkeiten sowie Gesetzmäßigkeiten des Betriebsprozesses zu nutzen, um wirtschaftliche Verfahren zur Verwirklichung verfolgter Zielsetzungen zu entwickeln. 1 Aber die Betriebswirtschaftslehre muss ebenfalls Beziehungen zu anderen Wirtschaftseinheiten (zum Beispiel zu dem Markt) untersuchen, da keine Unternehmung für sich allein existieren kann, weil sie zum einen über den Beschaffungsmarkt und zum anderen über den Absatzmarkt mit der Gesamtwirtschaft verbunden ist. 2
Dagegen werden in der Volkswirtschaftslehre die wirtschaftlichen Vorgänge zwischen den Wirtschaftseinheiten auf gesamtwirtschaftlicher Ebene untersucht. Die volkswirtschaftliche Aufgabe besteht darin, generelle Aussagen über Ursachen und Arten bestehender wirtschaftlicher Zusammenhänge und Beziehungen zwischen den Wirtschaftseinheiten zu geben. 3
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich sowohl die Betriebswirtschaftslehre als auch die Volkswirtschaftslehre im gesamten Bereich der Wirtschaftswissenschaft einander, zumindest teilweise, ergänzen. Trotzdem sind die beiden Disziplinen nach der herrschenden Meinung als zwei selbständige Wissenschaften anzusehen, auch wenn häufig die Forderung nach einer Verschmelzung der beiden Disziplinen zu einer einheitlichen Wissenschaft erhoben wird. Auf die Darstellung der verschiedenen Ansichten und Begründungen soll hier aufgrund der Irrelevanz für die weitere Betrachtung verzichtet werden. Es soll lediglich verdeutlicht werden, dass zukünftig in dieser Richtung noch einiges an Diskussionen zu erwarten ist, was aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht der Wirtschaftswissenschaften nicht unbedeutend sein dürfte.
2. Die alte Geschichte
Die Betriebswirtschaftslehre hat sich im Vergleich zur Volkswirtschaftslehre einige Zeit später zur Wissenschaft entwickelt. Doch reichen die Wurzeln einzelwirtschaftlicher Betrachtungen sehr viel tiefer in die Vergangenheit als die Quellen gesamtwirtschaftlicher Betrachtungen. 4 Deshalb ist es erforderlich den Zeitpunkt der entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung bis weit in die alte Geschichte zurückzuverfolgen, auch wenn die Kenntnis der Frühgeschichte
1 Vgl. Peters, S., Brühl, R., Stelling, J. N., Betriebswirtschaftslehre, 2000, S. 5.
2 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 27.
3 Vgl. Wolff, R., Betriebswirtschaftslehre, 1983, S. 17.
4 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 56.
nach Edmund Sundhoff nur von geringer Bedeutung für die Betriebswirtschaftslehre als einzelwirtschaftliche Disziplin ist. Die Gründe einer solchen Auffassung sieht Sundhoff zum einen in der Tatsache, dass die wirtschaftlichen Werke unter völlig anderen Voraussetzungen entstanden sind als die Ergebnisse der modernen Literatur. Zum anderen ist die Methodik des wissenschaftlichen Arbeitens zu dieser Zeit nicht mit der heutigen vergleichbar. Als letzen Punkt verweist er auf das bruchstückhafte Vorliegen des frühen ökonomischen Schrifttums, womit der Einfluss auf die spätere Entwicklung nur sehr ungenau nachvollzogen werden kann. 1 Aus diesen Gründen werden die ersten Ansätze nicht als Vorläuferwissenschaften ver-standen und deswegen wird auch auf eine detaillierte Betrachtung verzichtet. Dennoch ist es notwendig erste Entwicklungen zu verfolgen, um den Eindruck zu vermeiden, dass die Wurzeln der jungen Betriebswirtschaftslehre in naher Vergangenheit liegen.
In den Aufzeichnungen der Hochkulturen des alten Orients zeigen sich erste Ansätze kaufmännischen Denkens. Aus der Zeit 3000/2900 v. Chr. stammt der älteste bekannte Buchhaltungsbeleg, eine mit Zahlen und archaischer Schrift bedeckte Tontafel von 4x11 cm Größe. Als älteste erhaltene Fabrikbuchhaltung ist die des Tempels Dublal-mach in Ur (Irak) aus der Zeit 2900 v. Chr. bekannt, in welcher ein kontinuierlich geführtes Inventar sowie eine monatliche Gewinn- und Verlustrechnung geführt wurde. 2 Zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen im Altertum sind die Erfindungen des Schreibens, des Rechnens und der Buchhaltung, welche damals aus wirtschaftlichen Alltagsbedürfnissen entstand, zu zählen. Als eine weitere hervorragende betriebswirtschaftliche Leistung ist die Entwicklung organisatorischer Verfahrenstechniken zu sehen, welche uns in den damaligen Karteien, Siegelrollen, Wirtschaftsbüchern, Quittungen und jährlichen Inventuren entgegentreten. In Ägypten lässt sich in etwa um 2000 v. Chr. ein sehr weit entwickeltes Geschäftswesen feststellen, das sich in der Verpflichtung zur Führung von Wirtschaftsbüchern und Geschäftsurkunden ausdrückte. Zudem entstanden zu der Zeit Schreibbüros und Handelschulen. Überdies wurde in Babylonien 1728 v. Chr. die Buchhaltungspflicht für Kaufleute eingeführt. Weiterhin ist auf die Zeit der Babylonier unter der Herrschaft des Königs Hammurabi die erste Büroorganisation zurückzuführen, weil bereits zu dieser Zeit weibliche Sekretärinnen existierten. 3
Zu den wichtigsten Autoren, die in der Antike erste Aufzeichnungen mit dem Charakter einer wirtschaftlichen Lehre verfassten, gehören Xenophon (430-354 v. Chr.) und Aristoteles (384-
1 Vgl.Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S.17.
2 Vgl. Schweitzer, M., Grundfragen, 2000, S. 1.
3 Vgl. Bellinger, B., Geschichte, 1967, S. 12.
322 v. Chr.). Sie behandelten betriebswirtschaftliche Fragen, wie andere griechische Gelehrte auch, im Rahmen der Lehre von dem „Oikos“ (Haus). Darunter wurde nicht nur das Hauswesen eines Bürgers verstanden, sondern gegebenenfalls auch sein Gesamtbetrieb. In dem Buch „ Oikonomikus“ von Xenophon, welches zwischen 385 und 370 v. Chr. geschrieben wurde, wird uns eine landwirtschaftliche Betriebslehre überliefert. Arsitoteles verfasste um 350 v. Chr. seine Lehre vom Wirtschaftsbetrieb. Weitere griechische Autoren waren Sokrates (470-399 v. Chr.), Platon (427-347 v. Chr.) und Epikur (341-271 v. Chr.). 1 Zu den wichtigsten Landbauschriftstellern der Antike gehören neben Xenophon auch die römischen Autoren, wie Cato, Varro und Columella. Cato forderte eine strenge Diktatur bei der Führung seiner Sklaven. Dagegen wollte Varro den Leistungswillen seiner Sklaven durch Belohnungen fördern und sie als Vermögensgegenstände behutsam einsetzen. Er entwickelte zudem einen Arbeitskalender für den Ackerbau, in dem ein Vorläufer betrieblicher Produktionsplanung gesehen werden kann. Columella befasste sich mit dem Problem der optimalen Kontrollspanne und er lässt erste Ansätze einer Investitionsrechnung hinsichtlich der Produktwahl zwischen Weinanbau, Heu und Gemüse erkennen. Weiterhin sind bei ihm erste Ansätze eines Marketingdenkens vorhanden, in dem die Fische vor dem Verkauf gefüttert wurden, um einen größeren Verkaufspreis aufgrund des höheren Gewichts zu erzielen. 2
Auch wenn sich hieraus vermuten lässt, dass eine intensive Beschäftigung mit den kaufmännischen Problemen stattgefunden hat, so ist das nicht richtig. Zwar war der Betrieb im klassischen Altertum Gegenstand eigener Darstellungen gewesen, jedoch ist keine Verbindung zur heutigen Entwicklung erkennbar. 3 Zum anderen erfolgte, hauptsächlich durch die römischen Autoren, eine Beschäftigung überwiegend mit dem landwirtschaftlichen Betrieb. Welches zu der damaligen Zeit von großer Bedeutung war, aber aus heutiger Sicht für die Betriebswirtschaftslehre als eine Wissenschaft von unbedeutendem Wert ist. Ein weiteres Problem, wie es schon mit der bruchstückhaften Überlieferung angesprochen wurde, besteht darin, dass einiges an Aufzeichnungen über Handels-, Rechen- und Buchführungstechniken vorhanden war, jedoch in den Kaufmannsfamilien wie Geheimrezepte sorgsam gehütet und aufbewahrt wurden. Ein anderer Aspekt ist, dass das Wissen überwiegend mündlich überliefert wurde, was auf die mangelnde technische Entwicklung, wie zum Beispiel der noch nicht vorhandene Buchdruck, zurückzuführen ist. Somit bleibt festzuhalten, dass erste wirtschaftliche Ansätze
1 Vgl. Schweitzer, M., Grundfragen, 2000, S. 1f.
2 Vgl. Schneider, D., Grundlagen, 1995, S. 218.
3 Vgl. Seyffert, R., Begriff, 1971, S. 32.
und Anregungen vorhanden waren, jedoch konnten sie aus heutiger Sicht für die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre als eine Wissenschaft keinen entscheidenden Beitrag leisten.
3. Vorläuferwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre
3.1. Kommerzienkunde
Die ersten bedeutenden Beiträge zur Entwicklung der späteren Betriebswirtschaftslehre stammen aus der Zeit von etwa 1200 bis 1700. Edmund Sundhoff hat für die älteste Phase der Einzelwirtschaftslehre den Begriff „Kommerzienkunde“ 1 geprägt, in dem er gerade den Plural des Wortes Kommerz verwendet, welches heute zu dem antiquiert geltenden Sprachgebrauch gehört. Er begründet seine Begriffswahl damit, dass das Wort Kommerz als synonym für Handel und Verkehr besonders gut den handelswissenschaftlichen Charakter dieser Periode erfasst. Allerdings verweist er darauf, dass es sich hier lediglich um eine Kunde handelt, welche vielmehr als eine Vorstufe zur Handelswissenschaft anzusehen ist, denn sie geht nur geringfügig über die Sammlung, Beschreibung und Klassifizierung der wissenswerten kaufmännischen Gegenstände und Sacherhalte hinaus. 2 Trotzdem ist die Kommerzienkunde eine wichtige Vorstufe in der wissenschaftlichen Entwicklung, auch wenn der überwiegende Teil der damaligen betriebswirtschaftlichen Literatur unbekannt ist. Ursache dafür war das Eintreten der Völkerwanderung, in der sich die Kaufleute gezwungen sahen ihre Erkenntnisse und Erfahrungen geheim zuhalten. Dadurch blieben die Arbeiten unveröffentlicht und erhielten lediglich den Rang von Anleitungen für den individuellen und internen Gebrauch. 3 Inhaltlich befassten sich die Aufzeichnungen, welche hauptsächlich auf Alltagserfahrungen beruhten und Informationen zu den Techniken der Handelsbetriebe und des Handelsverkehrs geben sollten, mit den Bereichen wie Buchhaltung und Kalkulation, kaufmännisches Rechnen, Münz-, Maß-, Gewichts- und Warenkunde, Marktveranstaltungen, Platzunkosten, Trans-portspesen, Handelskorrespondenz, Vertragswesen sowie Angaben zu den Rechtsverhältnissen und dem Zahlungsverkehr. 4
In die Epoche der Kommerzienkunde zählt eine enorme Anzahl von Autoren hinein, auf deren die ersten Anfänge betriebswirtschaftlicher Literatur zurückzuführen sind. Aber hervorzuheben sind ausschließlich die italienischen Schriftsteller, welche im Ausgangspunkt der Renais- 1 Sundhoff,E., Handelswissenschaft, 1991, S. 18.
2 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 18f.
3 Vgl. Bellinger, B., Geschichte, 1967, S. 21f.
4 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 19.
sance ihre Heimat hatten. Die Renaissance gilt nicht nur als Zeit starker kultureller Impulse, sondern war ebenfalls die Zeit hoher wirtschaftlicher Blüte, die aus der großen Ausdehnung des Mittelmeerhandels, als Folge der Kreuzzüge, resultierte. 1
Der durch die Renaissance bedingt zunehmende Handel forderte in den Betrieben zur Rechenhaftigkeit auf, welche sich erst mit der Einführung des arabischen Zahlensystems entwickeln konnte. 2 Der erste revolutionäre Anstoß für die Entwicklung der Einzelwirtschaftslehre geschah durch Leonardo Fibonacci Pisano mit seinem im Jahre 1202 verfassten „Liber abaci“. Pisano demonstrierte in diesem Buch anschaulich die Vorteile des kaufmännischen Rechnens mit arabischen Zahlen, die ursprünglich aus Indien stammten und wie schon erwähnt die Grundlage für den Beginn der Buchhaltung bildeten. 3
Zu den ältesten bekannten italienischen Handschriften, die keine Bücher im heutigen Sinne sind, sondern unveröffentlichte Anleitungen und Erfahrungen kaufmännischer Betriebsführung, zählt die Privatniederschrift des F. B. Pegolotti (aus den Jahren 1335-1345) und die Niederschrift des G. A. Uzzano (von 1442). Die Niederschrift von Uzzano wurde erst 1766 herausgegeben und war somit nur noch zur Zeit ihrer Drucklegung für den Forscher von Wert. Pegolottis Privatniederschrift beinhaltet hauptsächlich Notizen über Münzen, Maße, Gewichte, Warennotierungen, Zinstabellen und anderes. 4
Die Herausbildung der doppelten Buchhaltung ist die eigentliche Voraussetzung für die Entstehung der Unternehmung. Sie vollzog sich in mehreren Etappen beginnend um 1250 mit der Einführung des Personenkontos und setzte sich mit der Einführung des Sachkontos um 1300, des Inventars, des doppelten Buchungssatzes um 1340, des formellen Abschlusses um 1400 und des Bilanzkontos um 1420 weiter fort. Die doppelte Buchhaltung bewirkte eine Spaltung des mittelalterlichen Zunftbetriebes in Unternehmung und Haushaltung. 5 Der Franziskaner Mönch und Mathematiker Luca Pacioli, ein weiterer wichtiger Autor für die Entwicklung der Kommerzienkunde, legte mit seinem Werk „Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalita“ die älteste systematische Darstellung der doppelten Buchhaltung im Jahre 1494 vor. 6 Obwohl die doppelte Buchführung neben anderen Finanzierungs- und Kalkulationstechniken in Oberitalien schon vorher zur Anwendung kam, ist die Arbeit Paciolis für den
1 Vgl. Gutenberg, E., Einführung, 1958, S. 15.
2 Vgl. Löffelholz, J., Repititorium, 1980, S. 63.
3 Vgl. Zimmerer, C., Kompendium, 1971, S. 11.
4 Vgl. Weber, E., Literaturgeschichte, 1990, S. 7.
5 Vgl. Löffelholz, J., Repititorium, 1980, S. 63.
6 Vgl. Penndorf, B., Entwicklung, 1971, S. 9.
Aufstieg der Betriebswirtschaftslehre von unschätzbarem Wert, auch wenn Unklarheit darüber besteht, ob sich Pacioli zum Teil auf vorliegende, aber noch unveröffentlichte Manuskripte bezogen hat. Jedenfalls gebührt ihm die Anerkennung, über das Prinzip der Doppik als erster eine inhaltlich und formal zufrieden stellende Publikation herausgebracht zu haben. 1
Als letzter italienische Wissenschaftler sei der Genueser Kaufmann Giovanni Domenico Peri zu nennen, mit dessen Gedanken der Übergang von der Kommerzienkunde zur Merkantilwissenschaft eingeleitet wurde. 2 Sein Werk, „Il Negotiante“, 1638 erschienen, gilt als erster Baustein zu einem späteren Lehrgebäude der Handlungswissenschaft. 3 Es übertrifft inhaltlich weit die Aussagen seiner Vorgänger. Durch die vielseitigen Abhandlungen wird seine Niederschrift zu einer fruchtbaren Fundgrube an kaufmännischem Wissen und stellt dadurch ein interessantes Buch zum Selbstunterrichtszweck für damalige zukünftige Kaufleute dar, auch wenn es in vielen Passagen als zu tiefgründig erachtet wurde. 4 Peri versuchte, neben einer systematischen Lehre vom Handel, auch ein kaufmännisches Nachschlagewerk zu erstellen, welches Angaben zu Münzen, Maße, Gewichte und geografische Hinweise enthielt. Von da an wollten nachfolgende Autoren ebenfalls diese Art von Literatur gestalten, in dem sie Bücher vom Handel verfassten, die gleichzeitig eine Datensammlung sowie eine methodische Lehre beinhalteten. 5
Weitere italienischer Autoren waren zum Beispiel Domenico Manzoni und Benedetto Cotrugli, welche zwar zur Entwicklung der Kommerzienkunde beigetragen haben, aber in ihrer Bedeutung hinter Pisano, Pacioli und Peri stehen. Auch auf deutschem Boden gab es Autoren wie Matheus Schwarz, Henricus Grammateus und Lorenz Meder, die aber wenig Einfluss im Vergleich zu den Italienern auf die Entwicklung der Einzelwirtschaftslehre hatten. Daraus ist zu entnehmen, dass die Italiener den größten Einfluss auf die Entwicklung der Kommerzienkunde nahmen, auch wenn sich der wissenschaftliche Fortschritt nur sehr langsam vollzog. Somit bleibt festzuhalten, dass es fast 500 Jahre dauerte, sich von der einfachen Kaufmannsarithmetik über die Buchhaltung bis hin zur Geschäftstechnik zu entwickeln. 6
1 Vgl. Bellinger, B., Geschichte, 1967, S. 23.
2 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 22.
3 Vgl. Vgl. Bellinger, B., Geschichte, 1967, S. 29ff.
4 Vgl. Weber, E., Literaturgeschichte, 1990, S. 9-11.
5 Vgl. Leitherer, E., Geschichte, 1961, S. 41.
6 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 24.
3.2. Merkantilismus
Unter Merkantilismus, der die Kommerzienkunde ablöste, versteht man die Gesamtheit der volkswirtschaftspolitischen Ideen und Maßnahmen in der Zeit des Absolutismus. Zeitlich ist der Merkantilismus in etwa von 1650 bis 1800 anzusiedeln und erreichte in Frankreich unter Ludwig XIV. seine vollste Ausgestaltung und größte Bedeutung. Hingegen erlangte er seine höchste Blüte in Deutschland erst, nachdem er in anderen Ländern schon wieder an Bedeutung verlor. 1
In Frankreich entwickelte sich der Merkantilismus unter Ludwig XIV. und unter Colbert (französischer Finanz- und Wirtschaftsminister) zu einem Gewerbemerkantilismus, welcher sich in einer intensiven Gewerbeförderung im Inland und einem System von Schutzzöllen nach außen ausdrückte. Eine spezielle Form des Handels- und Agrarmerkantilismus entwickelte sich in England und in Holland. In Deutschland bildete sich eine Gestaltungsform mit der Bezeichnung Kameralismus heraus, die hauptsächlich eine Lehre vom fürstlichen Haushalt und der ertragreichsten Gestaltung der Staatseinkünfte war. 2
Zu den wichtigsten Vertretern der Merkantilwissenschaft gehören der Franzose Jacques Savary (1622-1690) und der Deutsche Paul Jacob Marperger (1656-1730). 3
Die Kritik, die an dem Autor Peri lastete (ungleichmäßige, lückenhafte Stoffbehandlung und das Fehlen jeder systematischen Ordnung), schließt die Anerkennung einer wissenschaftlichen Behandlung aus. Jedoch kann bei dem Werk von Savary „Le parfait negociant“ („Vollkommenen Kauff- und Handelsmann“, deutsche Übersetzung von 1676) von einer systematischen, wissenschaftlichen Bearbeitung des Stoffes gesprochen werden, was dagegen bei seinen Vorläufern noch nicht der Fall war. Deshalb bezeichnet Seyffert die mit Savary beginnende Epoche als die Zeit der systematischen Handlungswissenschaft und ordnet die davor liegende Periode in die Frühzeit der verkehrs- und rechentechnischen Anleitungen ein. 4 Wie schon bekannt, bezeichnet Sundhoff die Zeit vor Savary als Kommerzienkunde und die Zeit mit Savary als Merkantilismus, was aber nach meinem Verständnis als eine rein unterschiedliche Bezeichnung aufzufassen ist. Auf eine tiefere, Literaturbezogene Betrachtung der Autoren Savary und Marperger wird verzichtet. Festzuhalten bleibt allerdings, dass Savary auf französischem Boden als Begründer der Handelswissenschaften zu sehen ist und einen enor-
1 Vgl.Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 81.
2 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 61.
3 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 85.
4 Vgl. Seyffert, R., Begriff, 1971, S. 34ff.
men Einfluss auf die Entwicklung der Einzelwirtschaftslehre ausübte. Ebenso gilt dies für Marperger, der an mehreren europäischen Höfen als Kameralist tätig war, jedoch nicht ganz die wissenschaftliche Bedeutung des Franzosen erreicht hat. Er muss aber für Deutschland als Wegbereiter der Handelswissenschaften angesehen werden, da er die Lehren Savarys verbreitet und weiter ausgeformt hatte.
An dieser Stelle muss darauf verwiesen werden, dass zwar an dem Italiener Peri große Kritik geübt wurde, er jedoch die stoffliche Grundlage bot, auf die Savary und Marperger zurückgreifen konnten. Ohne diese günstige Ausgangssituation hätten vermutlich die beiden Autoren nie in ihre Rolle als Begründer und Übermittler schlüpfen können.
Der Gegenstand der weiteren entwicklungsgeschichtlichen Betrachtung ist die deutsche Ausprägung des Merkantilismus, der Kameralismus.
3.2.1. Kameralismus
Die Bezeichnung Kameralismus geht auf die Kammer bzw. camera zurück, genau wie der Sprachgebrauch Kameralistik, der heute noch im Rechnungswesen der öffentlichen Hand seine Anwendung findet. Der Kameralismus verstand seine Aufgabe darin, die Finanzwirtschaft des Fürsten und des von ihm regierten Staates aufs ertragreichste zu gestalten. 1 Daraus ergaben sich drei Bereiche, deren Gegenstände als Fiscal-, Polizey- und Oeconomiesachen bezeichnet wurden. In den zwei zuerst genannten Bereichen handelt es sich um die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Finanzpolitik, dagegen geht es bei den Oeconomiesachen um einzelwirtschaftliche Problemstellungen. 2 Die sich aus den Teilbereichen herausbildende Fiscalwissenschaft kann als Vorläufer der heutigen volkswirtschaftlichen Teildisziplin der Finanzwissenschaft aufgefasst werden. Ebenso kann die Polizeywissenschaft (Verwaltungslehre) als Vorstufe zur heutigen Volkswirtschaftspolitik, die eine weitere Teildisziplin der Volkswirtschaftslehre ist, angesehen werden. Festzuhalten bleibt, dass die Oeconomiewissenschaft betriebswirtschaftlich orientiert war und zugleich eine Hilfsdisziplin für die Polizeywissenschaft darstellte. Weiterhin gewann sie an Bedeutung, weil die Fiscalisten ebenso über privatwirtschaftliches Wissen verfügen mussten und nicht nur über Kenntnisse in ihrem eigenen Bereich. Die Oeconomiewissenschaft, welche auch unter den Namen Privatökonomik oder Gewerbswissenschaft bekannt ist, untergliederte sich im
1 Vgl. Sundhoff, E., Handelswissenschaft, 1991, S. 82.
2 Vgl. Wöhe, G., Einführung, 2000, S. 61.
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Jens Huke, Frank Kanngießer, Christopher Schröder, 2002, Entwicklungsgeschichte und alternative Sichtweisen der Theorie der Unternehmung, München, GRIN Verlag GmbH
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