Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau Institut für Kunstgeschichte
Proseminar SS 2003: Sehen - Beschreiben - Verstehen
Hausarbeit: „Las Meninas“ (Selbstporträt mit der königlichen Familie) von Diego Velázquez vorgelegt von Oliver Pipping
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung S.3
2.1. Naive Bestandaufnahme S.4
2.2. Detailliertere Bestandsaufnahme S.6
3. Die „Ein-Spiegel-Hypothesen“ S.8
4. Die „Zwei-Spiegel-Hypothesen“ S.10
5. Schluss S.13
Literaturverzeichnis S.15
2
1. Einleitung
Diego Velázquez vollendete im Jahre 1656 das Gemälde „Las Meninas“, welches die Infantin des Spanischen Königs inmitten der Mitglieder des Königshofes und ihrem Gefolge zeigt. Es wurde in Öl auf Leinwand gemalt und hat eine Größe von 3,18 Meter in der Höhe und 2,76 Meter in der Breite. Heute hängt es im „Museo del Prado“ in Madrid.
Wie kaum ein anderes Gemälde hat „Las Meninas“ Kunsthistoriker und Bewunderer seither beschäftigt. Auch wurde dieses Gemälde von vielen Künstlern reproduziert oder wurde zur inspirierenden Vorlage für ihre eignen neuen Ideen. So nahm sich beispielsweise Picasso „Las Meninas“ für nicht weniger als fünfundvierzig Studien zum Vorbild und Michel Foucault beginnt sein Werk „ Les Mots et les choses“ über das klassische Denksystem des 17. Jahrhunderts mit einer Analyse dieses Gemäldes. Für ihn ist es „gewissermaßen die Repräsentation der klassischen Repräsentation“. 1 So ist im Laufe der vergangenen drei Jahrhunderte zu „Las Meninas“ eine Vielzahl von bildinterpretatorischen Ansätzen entstanden. Wie kommt es, das bis heute dieses Werk noch nichts von seiner Faszination verloren zu haben scheint? Ich denke, dass es in erster Linie an der im Bild verborgenen Rätselhaftigkeit liegt, welche die Möglichkeit zu einer derartigen Vielzahl denkbarer Ansätze führte und auch heute noch unser Interesse weckt. Dabei scheint das Bild auf den ersten Blick gar nichts Rätselhaftes zu beinhalten. Es handelt sich nicht etwa um die Darstellung „unmöglicher Gegenstände“, wie etwa bei M.C. Eschers sich selbst malenden Händen oder unendlichen Treppen. Im Gegenteil alle Gegenstände scheinen höchst naturgetreu und vor allem in der korrekten Perspektive wiedergegeben zu sein. Auch sind alle dargestellten Personen historisch und überwiegend zweifelsfrei identifizierbar. Inhaltlich weist das Gemälde also keine Rätsel auf. Das Rätselhafte liegt vielmehr in der malerischen Struktur als solcher. Obwohl alle Bildgegenstände naturalistisch präzise dargestellt sind, ergibt sich eine Fülle von teilweise sich sogar ausschließenden Erklärungen. Dieser besondere Umstand ist auf die impliziten Gesetzmäßigkeiten des Abbildens von Gegenständen, also der Malerei überhaupt zurückzuführen. Dies mag wohl auch der Hauptgrund dafür sein, warum „Las Meninas“ bis heute immer wieder das Interesse vieler Kunsttheoretiker auf sich gelenkt hat. Die malerisch-perspektivische Darstellung eines Gegenstandes beinhaltet zwangsläufig mindestens zwei Momente: Nämlich zum einen das dargestellte Objekt als solches und dann aber auch den Standpunkt eines möglichen Betrachters dieses Objektes. Ohne diesen subjektiven Standpunkt ist eine Darstellung eines Objektes grundsätzlich nicht möglich. 2
1 „Die Ordnung der Dinge“ Michel Foucault, deutsche Ausgabe, Frankfurt am Main, 1971
2 Im Kubismus des frühen 20. Jahrhunderts sollte gerade diese zwangsläufige Abhängigkeit zwischen Objekt und subjektivem Standpunkt hinterfragt werden, indem Objekte nicht wie bisher üblich, immer nur von einem Standpunkt aus dargestellt wurden, sondern von mehreren gleichzeitig. Aber auch hier konnten keine Objekte ohne jeglichen subjektiven Standpunkt dargestellt werden.
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Zunächst wird dieser notwendige Standpunkt vom Maler eingenommen, später dann vom Betrachter. In einer Malerei, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Gegenstände möglichst perspektivischnaturgetreu abzubilden, wie es in der zeitgenössischen Malerei Diego Velázquez üblich geworden war, wird man darum bemüht sein, dass sich im Endeffekt der Standpunkt des Malers mit dem des Betrachters weitestgehend deckt. Dabei scheint es zwangsläufig so sein zu müssen, dass der subjektive Standpunkt eines Betrachters immer außerhalb der Bildebene liegt. Doch warum eigentlich? Dieser Umstand scheint nicht nur ein Problem in der Kunsttheorie, sondern auch der Philosophie zu sein. Ich als Subjekt finde mich immer in Beziehungen zu möglichen Objekten, die sich in einer Abständigkeit zu mir befinden. Der eigene Standpunkt, der einen solchen Objektbezug eigentlich erst ermöglicht bleibt dabei auf rätselhafte Weise verborgen. Verlasse ich meinen Standort und blicke zurück, dann blicke ich eigentlich nicht mehr auf einen subjektiven Standort, weil er sich in dem Moment schon wieder zu einem der vielen objektiven Standpunkte gewandelt hat. Es ist, als wolle man seinen eignen Schatten überholen. Das Subjekt bleibt sich somit selbst gegenüber blind. Das Auge kann zwar alles sehen, niemals aber sich selbst. Dies scheint eine universelle kosmische Gesetzmäßigkeit zu sein, die bis zum heutigen Tag weder von Naturwissenschaft, noch von der Philosophie erklärt werden kann. Wer hat sich nicht schon einmal über den seltsam beunruhigenden Gedanken gewundert, dass man selbst noch niemals in seinem Leben den eignen Kopf gesehen hat? Wer mir nun an dieser Stelle den Vorschlag unterbreiten möchte, einfach einmal einen Spiegel zu benutzen, den muss ich auf einen Denkfehler aufmerksam machen: Denn der Spiegel ist schließlich nicht mein Kopf, sondern ein Gegenstand, mit bestimmten Eigenschaften, der meinen Kopf lediglich abbildet. Als dieser Gegenstand ist er Objekt und nicht Subjekt, was meine Behauptung nur stützt, denn wir scheinen zwecks Eigenwahrnehmung immer auf Objekte angewiesen zu sein, zu denen wir einen Abstand einnehmen müssen. Der eigentliche Ort des Subjekts hingegen scheint in einer eigentümlichen Ungreifbarkeit zu verharren.
Erst durch diese Abständigkeit von Subjekt zu Objekt scheint so etwas, wie Raum überhaupt erst möglich zu sein. Dieser Raum wiederum erlaubt dann das Verhältnis der Objekte untereinander, die dann in der Kunst abgebildet werden können.
Genau das Faszinosum dieses Gedankens, war wohl auch dafür verantwortlich, dass meine Aufmerksamkeit auf „Las Meninas“ viel, denn diese eigentümliche Ungreifbarkeit des Betrachterstandpunktes scheint mir auch ein Hauptthema dieses Bildes zu sein.
2.1. Naive Bestandsaufnahme
Wir scheinen uns inmitten eines hohen abgedunkelten Raumes zu befinden, der offensichtlich als Galerie genutzt wird. Es ist mehrfach bezeugt, dass es sich höchstwahrscheinlich, um einen großen Saal des Alcazar in Madrid handelt. Die zentrale Figur in der Mitte des Raumes und damit der Mitte der unteren Hälfte des Gemäldes, ist ein kleines, etwa fünf Jahre altes, blondhaariges Mädchen in
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Arbeit zitieren:
Oliver Pipping, 2003, Las Meninas (Selbstporträt mit der königlichen Familie) von Diego Velázquez, München, GRIN Verlag GmbH
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