Gliederung
Wiederfinden
Seite 3
Einleitung
Seite 4
Unerwartetes Wiedersehen - 1.Strophe
Seite 4
Der erste Schöpfungsakt, das Wort - 2.Strophe
Seite 7
Wilde , rasende Expansion - 3.Strophe
Seite 8
Der zweite Schöpfungsakt, die Morgenröte - 4.Strophe
Seite 10
Eiliges Zueinanderstreben, das Lieben - 5.Strophe
Seite 12
Erkennen und Musterhaftigkeit - 6.Strophe
Seite 13
Zum Anlaß des Gedichts.
Seite 15
Literaturverzeichnis
Seite 16
Wiederfinden
Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück’ ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz! Ja, du bist es! Meiner Freuden Süßer, lieber Widerpart; Schaudr’ ich vor der Gegenwart Als die Welt im tiefsten Grunde Lag an Gottes ew’ger Brust, Ordnet’ er die erste Stunde Mit erhabner Schöpfungslust, Und er sprach das Wort: ,Es werde!’ Da erklang ein schmerzlich Ach! Als das All mit Machtgebärde In die Wirklichkeiten brach. Auf tat sich das Licht! So trennte Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente Scheidend auseinander fliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen Jedes nach der Weite rang, Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang. Stumm war alles, still und öde, Einsam Gott zum erstenmal! Da erschuf er Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual; Sie entwickelte dem Trüben Ein erklingend Farbenspiel, Und nun konnte wieder lieben Was erst auseinanderfiel. Und mit eiligem Bestreben Sucht sich, was sich angehört, Und zu ungemeßnem Leben Ist Gefühl und Blick gekehrt. Sei’s Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält! Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt. So, mit morgenroten Flügeln, Riß es mich an deinen Mund, Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund. Beide sind wir auf der Erde Musterhaft in Freud’ und Qual, Und ein zweites Wort: Es werde! Trennt uns nicht zum zweitenmal. (HA, Bd. 2, S.83)
Einleitung
Goethes Gedicht „Wiederfinden“ wird in der Fachliteratur oft als eines der Bedeutendsten des West-östlichen Divans angesehen. „Das Gedicht ist eines der meistinterpretierten und emphatisch gepriesenen unter den Gedichten des West-östlichen Divan.“ (Böhler, S.422), „glänzendstes Beispiel der Liebesphysik und -metaphysik“. (Staiger, Bd. 3, S.52) Dafür spricht auch, daß „Wiederfinden“ in der Musik gleich mehrfach vertont wurde. (Böhler, S.423)
Goethe entwickelt in seinem Gedicht „Wiederfinden“ in lyrischknapper Form einen eigenen Schöpfungsmythos, der einer konkreten umrahmenden Liebessituation als Sinn, Erklärung und letztlich auch als Trost gebend verstanden werden kann. Was zunächst nur das Wiedersehen zweier Liebender zu bedeuten scheint, wird später tiefer verständlich als „Vereinigung alles im Kosmos polar Getrenntem“.(HA, Bd.2, S.643) Dem makrokosmischen Geschehen nach der Weltschöpfung steht der Mikrokosmos einer persönlichen und individuellen Liebe „musterhaft“ gleich. „Die Verbindung von Liebe, religiösen Bildern und Naturschau gibt dem Gedicht die Tiefe und Weite.“ (Ebd.)
Für die Interpretation bietet es sich an, die einzelnen Strophen in chronologischer Reihenfolge zu behandeln, da das Gedicht nicht eine Momentaufnahme ist, sondern von einer Grundsituation ausgehend einen komplexen Verlauf darstellt, dessen Entwicklungsstufen schon vom Dichter in Form der Strophen genau unterteilt wurden. Deswegen möchte ich mit der ersten Strophe beginnen:
Unerwartetes Wiedersehen - 1.Strophe
Die erste Strophe beginnt mit dem Ausruf „Ist es möglich!“ und der darauf folgenden Anrede „Stern der Sterne“.
Arbeit zitieren:
Tobias Lingen, 2001, Goethes Gedicht "Wiederfinden" - eine Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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