Helen Dunmores The Siege beschreibt das Leben von Anna Levin, ihrem Bruder Kolya, ihrem
Vater Mikhail Ilyich, seiner (Ex-)Geliebten Marina Petrinova und Anna’s Freund Andrei
während der 900-tägigen Belagerung Leningrads (heute: St. Petersburg) durch die Deutsche
Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Die vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944
dauernde Blockade wurde zu einem Kampf ums Überleben.
Beeindruckend schildert H. Dunmore in The Siege den Gesinnungswandel einer ganzen Stadt:
Aufgrund des Kriegszustandes und der Belagerung wird Leningrad, eine kommunistische
Metropole, in den Naturzustand zurückversetzt, wie er in Thomas Hobbes’ Leviathan - von
purem Selbstinteresse und Egoismus durchdrungen – beschrieben ist. Wenn man sich die
Werte einer kommunistischen Gesellschaft vor Augen führt, wie z.B. materielle Gleichheit
und das Gemeinwohl, so wird man schnell das Paradoxon und die darin enthaltene
Verzweiflung der Belagerten erkennen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Aussage Hobbes’ im Leviathan „Homo homini
lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf – einen offensichtlichen und einen direkt auf
H. Dunmores Roman übertragbaren Charakter.
Im folgenden Abschnitt werde ich mich mit Hobbes’ Leviathan, genauer mit dem darin
beschriebenen Naturzustand und der Natur des Menschen, befassen, um dann in den
darauffolgenden Abschnitten die Aussagen Hobbes’ mit geeigneten Textpassagen in H.
Dunmores The Siege zu verbinden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. „Homo homini lupus“ in Helen Dunmores The Siege
2. Textanalyse zum Thema anhand konkreter Beispiele
3. Abschließende Gedanken
4. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Übertragbarkeit von Thomas Hobbes' Konzept des „Naturzustands“ und der Aussage „Homo homini lupus“ (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) auf die Lebensbedingungen der Protagonisten in Helen Dunmores Roman „The Siege“ während der Leningrader Blockade im Zweiten Weltkrieg.
- Analyse des Hobbes'schen Naturzustands im Kontext der extremen Lebensbedingungen.
- Untersuchung der zentralen Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Machtstreben.
- Interpretation des Gesinnungswandels der Protagonisten in Extremsituationen.
- Gegenüberstellung von literarischen Textpassagen und philosophischer Theorie.
Auszug aus dem Buch
Konfliktursache Misstrauen:
Die eindeutigste Konfliktursache in H. Dunmores Roman ist Misstrauen; das, was die Menschen am meisten verfeindet, sie zu Wölfen für seinesgleichen macht. Natürlich sind nicht alle Menschen von Natur aus böse, aber alleine die Existenz von solchen, drängt wiederum andere sich vor ihnen zu schützen. In The Siege erleben wir genau das, worauf Hobbes verweist: „Menschen benehmen sich in ihrem (...) Verhalten so, als ob andere, wenn keine wie auch immer geartete Macht sie daran hindert, böse handeln würden.“ Dies wird zudem, wie in den vorhergehenden Abschnitten angesprochen, dadurch verschärft, dass Hobbes den Menschen als ein Vorsorge treffendes Wesen fasst, das aufgrund seiner Vernunft zukünftige Knappheit und zukünftige Konkurrenz, vor allem im Naturzustand, in seinen Entscheidungen und seinem Handeln mit einbezieht. Hieraus bildet sich also das Misstrauen, dass den Menschen ständige Furcht bereitet und sie auf die Stufe eines aggressiven, sein Revier verteidigendes Raubtier stellt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Leningrader Blockade und Verknüpfung mit Hobbes' philosophischem Konzept des Naturzustands.
1. „Homo homini lupus“ in Helen Dunmores The Siege: Theoretische Herleitung der Hobbes'schen Konfliktursachen Konkurrenz, Misstrauen und Macht in Bezug auf die Romanhandlung.
2. Textanalyse zum Thema anhand konkreter Beispiele: Detaillierte Untersuchung von Charakterszenen und Ereignissen im Roman, die den Verlust moralischer Regeln und den Überlebenskampf verdeutlichen.
3. Abschließende Gedanken: Resümee über die Validität der Hobbes'schen Theorie zur Beschreibung der psychischen Ebene des Überlebenskampfes in „The Siege“.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
The Siege, Helen Dunmore, Thomas Hobbes, Leviathan, Homo homini lupus, Leningrader Blockade, Naturzustand, Konkurrenz, Misstrauen, Macht, Selbsterhaltungstrieb, Überlebenskampf, Kriegszustand, Stalin, Menschenbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, inwiefern die menschliche Natur unter extremen Bedingungen, wie der Leningrader Blockade, den philosophischen Beschreibungen von Thomas Hobbes über den Naturzustand und den Menschen als „Wolf“ entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der durch Ressourcenknappheit bedingte Selbsterhaltungstrieb, die psychologischen Auswirkungen von ständiger Angst und die daraus resultierenden Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Machtstreben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die philosophische These „Homo homini lupus“ anhand der Charaktere und Handlungssituationen in Helen Dunmores „The Siege“ zu validieren und den Gesinnungswandel der Protagonisten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse durchgeführt, bei der zentrale Textpassagen des Romans auf ihre philosophische Relevanz hin geprüft und mit den Aussagen von Hobbes' „Leviathan“ verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Konfliktursachen nach Hobbes und eine detaillierte Textanalyse, in der anhand von Beispielen wie dem Verhalten von Anna oder Michail Ilyich die Anwendung der Theorie auf den Roman bewiesen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie „Naturzustand“, „Leningrader Blockade“, „Selbsterhaltungstrieb“, „Misstrauen“ und „Hobbes“ charakterisiert.
Wie wird Stalins Diktatur im Rahmen des Hobbes'schen Naturzustands interpretiert?
Die Diktatur Stalins wird als ein System der ständigen Überwachung interpretiert, das den Einzelnen in permanente Angst versetzt und dadurch zwischenmenschliches Misstrauen forciert, was die Menschen wiederum zu einem Verhalten drängt, das Hobbes als „wölfisch“ beschreibt.
Warum ist das Misstrauen für die Protagonistin Anna so zentral?
Für Anna ist vorsorgliches Misstrauen überlebenswichtig geworden, da sie erkennt, dass in einer Umgebung ohne funktionierende Staatsmacht und bei extremer Ressourcenknappheit die Friedfertigkeit anderer nicht vorausgesetzt werden kann, ohne das eigene Überleben oder das ihrer Familie zu gefährden.
- Quote paper
- Iw Marinkovic (Author), 2002, Homo homini lupus in H. Dunmores The Siege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19355