Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
I. Zur Soziogenese des Gegensatzes von Kultur’ und Zivilisation’ in
Deutschland. 3
1. Über den Entwicklungsgang des Gegensatzpaares Zivilisation und Kultur in
Deutschland. 5
a) Der deutsche Mittelstand und der höfische Adel 8
Die Stellung von Friedrich dem Großen und der Aristokratie ( Lit. Bezug ) 8
Die Stellung der deutschen Literaten 9
Die mittelständische Intelligenz 10
Die literarische Bewegung in Frankreich. 11
Hemmnisse des sozialen Aufstiegs der mittelständischen Intelligenz. 11
Die mittelständische Beamtenintelligenz. 12
Die deutsche Universität 12
b) Zurücktreten des sozialen und das Hervortreten des nationalen Gegensatzes in
der Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation 13
II. Zur Soziogenese des Begriffs “civilisation in Frankreich. 14
1. Über die soziale Genese des französischen Begriffs “Zivilisation 14
2. Zur Soziogenese des Physiokratismus u. der franz. Reformbewegung. 16
Schlussbemerkung : Zivilisation’ und Kultur’ bei Elias 19
1
Einleitung
Norbert Elias 1 untersucht in seinem Band “Über den Prozess der Zivilisation” Verhaltensweisen, die man als typisch für die abendländisch zivilisierten Menschen ansieht. Dabei interessieren ihn folgende, zentrale Fragen: “Wie ging eigentlich diese Veränderung, diese ‚Zivilisation’ im Abendlande vor sich, worin bestand sie und welches waren ihre Antriebe, ihre Ursachen oder Motoren?” 2 Das erste Kapitel geht den verschiedenen Bedeutungen und Bewertungen nach, mit denen man den Zivilisationsbegriff in Deutschland und Frankreich gebraucht. Dazu nimmt er eine Gegenüberstellung der Begriffe Zivilisation und Kultur mit jeweiligem Bezug auf Deutschland oder Frankreich vor. Dies soll der Verdeutlichung bestimmter typischer Figuren des Zivilisationsprozesses dienen.
Im zweiten Kapitel findet sich eine große Anzahl von historischen Beispielreihen typischer französischer oder deutscher Verhaltensweisen der absolutistischen Zeit. Elias will damit verdeutlichen, dass die Entwicklung der Zivilisation allmählich voranging. Dies begründet er damit, dass auch in der so genannten zivilisierten Gesellschaft kein Menschenwesen zivilisiert auf die Welt kommt. Der individuelle Zivilisationsprozess, dem der Mensch zwangsläufig unterliegt, ist eine Funktion des gesellschaftlichen Zivilisationsprozess. Elias glaubt hier die Antwort auf die Frage, warum sich im Laufe ihrer Geschichte der Aufbau der abendländischen Gesellschaft kontinuierlich ändert, zu finden, was er besonders als These im zweiten Band thematisiert.
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie und warum die spezifisch deutsche Kulturauffassung vor sich ging und warum sich diese antithetisch zum französischen Zivilisationsbegriff verhielt. Dabei soll gezeigt werden, dass aus der ursprünglich sozialen innerdeutschen Antithese von Kultur und Zivilisation ein
1 Elias, Norbert, deutscher Soziologe, geb. 22.06.1897 in Breslau, gest. 01.08.1990 in Amsterdam, beschäftigte
sich v. a. mit der Strukturgeschichte der Länder Europas, deren Zivilisations- und Staatsbildungsprozessen sowie
mit soziologischer Theorie. Seine beiden Hauptwerke “Über den Prozess der Zivilisation” 2 Bände 1939 und
“Die höfische Gesellschaft”, erlangten erst 30 Jahre nach ihrem Abschluss wissenschaftliche Anerkennung. Eine
Auseinandersetzung mit seinen Schriften gilt heute in der Soziologie als nötig, aber auch wertvoll.
nationales deutsch-französisches Gegensatzpaar wird. Die Untersuchung möchte zunächst die Argumentationskette Elias‘ aufdecken, welche in einem zweiten Schritt (soweit in dieser Arbeit möglich) verdeutlicht und interpretiert werden soll.
I. Zur Soziogenese des Gegensatzes von ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ in Deutschland
Zunächst kommt Elias auf das Nationalbewusstsein als einer allgemeinen Funktion der Zivilisation zu sprechen:
“Dieser Begriff bringt das Selbstbewusstsein des Abendlandes zum Ausdruck. Man könnte auch sagen: das Nationalbewusstsein.” Durch den Begriff ‚Zivilisation’ “sucht die abendländische Gesellschaft [also] zu charakterisieren, was ihre Eigenart ausmacht, und worauf sie stolz ist: den Stand ihrer Technik, die Art ihrer Manieren, die Entwicklung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis oder ihrer Weltanschauung und vieles andere mehr.” 3
Aber der Zivilisationsbegriff hat in den verschiedenen abendländischen Nationen auch eine andere, sich deutlich voneinander unterscheidende Bedeutung: “Der französische und der englische Begriff ‚Zivilisation’ kann sich auf politische oder wirtschaftliche, auf religiöse oder technische, auf moralische oder gesellschaftliche Fakten beziehen. Der deutsche Begriff ‚Kultur’ bezieht sich im Kern auf geistige, künstlerische, religiöse Fakten, und er hat eine starke Tendenz, zwischen Fakten dieser Art auf der einen Seite, und den politischen, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fakten auf der anderen, eine starke Scheidewand zu ziehen.” 4
2 Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation - Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen;
Erster Band: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Bern und München
1969, Seite LXXII (Einleitung).
3 Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation - Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen;
Erster Band: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes, Bern und München
1969, Seite 2.
3
Es gibt also einen großen Unterschied im Gebrauch dieses Wortes zwischen dem englischen und französischen auf der einen Seite und dem deutschen auf der anderen Seite. M. a. W. ist die Bedeutung von Zivilisation in Frankreich und Deutschland unterschiedlich verstanden worden. Beiden Ländern gemein sind der Stolz und die Bedeutung der eigenen Nation, sowie der Stolz auf den Fortschritt des Abendlandes gegenüber den anderen, ihrer Meinung nach unterentwickelten, Ländern. Aber der Begriff Zivilisation drückt den deutschen Habitus nicht vollständig aus, weswegen Elias in Bezug auf Deutschland den Begriff ‚Kultur’ und dessen Bedeutungsgehalt betont. ‚Kultur’ bezieht sich v. a. auf Produkte des Menschen, als ein Resultat von Arbeit und den Stolz der eigenen Leistung. Der Begriff Zivilisation hingegen bleibt auf das Selbstbewusstsein von Völkern beschränkt. Der spezifisch deutsche Sinn des Begriffs ‚Kultur’ kommt in dem Eigenschaftswort ‚kulturell’ am besten zum Ausdruck, welches den Wert und den Charakter bestimmter menschlicher Produkte bezeichnet. ‚Kultiviert’ hingegen steht dem französischen Zivilisationsbegriff nahe und drückt die “höchste Form des ,Zivilisiertseins‘” aus. Der deutsche Kulturbegriff bezieht sich also auf Produkte des Menschen, die aus individueller Leistung resultieren, wie zum Beispiel Kunstwerke, Bücher, aber auch Religion oder Philosophie. Und in diesen Produkten kommt die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck. Damit grenzt der deutsche Begriff ‚Kultur’ das deutsche Volk von anderen (dem französischen) ab, weil er die nationalen Unterschiede, die Eigenart des deutschen Volkes besonders hervorhebt. Den Ursprung hierfür sieht Elias darin begründet, dass das deutsche Volk im Vergleich mit anderen westlichen Völkern erst relativ spät zu einer politischen Festigung bzw. Einigung kam. Es hatte einen Mangel an nationaler Identität und musste sich öfters fragen: “Was ist eigentlich unsere Eigenart, was ist typisch deutsch?”
Der Aufbau des nationalen Selbstbewusstseins wird also durch die Begriffe Zivilisation und Kultur deutlich, ist aber gleichzeitig etwas jedem Staate Individuelles, weshalb
4 Ebd. Seite 2f.
4
sich auch die Bedeutung von Zivilisation und Kultur unterscheiden, ja sie sich sogar antithetisch gegenüberstehen können.
1. Über den Entwicklungsgang des Gegensatzpaares Zivilisation und Kultur in
Deutschland
Ging es bisher darum den Gegensatz von Zivilisation und Kultur anhand der Gegenüberstellung von Deutschland und Frankreich herauszuarbeiten, so geht es jetzt um das Herauskristallisieren der spezifisch deutschen ‚Kultur’, als einer Auflösung - oder zumindest dem Versuch einer Überwindung - des innerdeutschen Konflikts zwischen dem Adel und dem gebildeten Bürgertum. Elias bedient sich um dies zu verdeutlichen eines Zitats von Kant aus dem Jahr 1784:
“Wir sind in hohem Grade durch Kunst und Wissenschaft kultiviert, wir sind zivilisiert bis zum Überlästigem zu allerlei gesellschaftlicher Artigkeit und Anständigkeit...” 5 Dies ist der Gegensatz zwischen dem vorwiegend französisch sprechenden, nach französischen Mustern ‚zivilisierten’ aristokratischen Adel, welcher seine Sonderstellung ausschließlich aufgrund seines Geburtsrechts legitimiert auf der einen Seite, und der deutsch sprechenden, ‚kultivierten’ mittelständischen Intelligenzschicht, deren Legitimation zunächst in ihrer geistigen, ihrer wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistung liegt auf der anderen Seite. Beim höfischen Adel steht die Art des “Sich-Verhaltens” im Mittelpunkt des Selbstbewusstseins, beim
Bildungsbürgertum die eigene Leistung.
Die Begriffe ‚Zivilisation’ und ‚Kultur’ werden also durch einen Bezug auf bestimmte gesellschaftliche Formationen einander gegenübergestellt, sie stehen sich wie These und Antithese gegenüber. Im gegebenen Beispiel die trügende, äußerliche ‚Höflichkeit’ des aristokratischen Adels und die wahre ‚Tugend’ der mittelständischen Intelligenzschicht. Die Intelligenzschicht hebt die Bedeutung von Fleiß und Leistung als die eigentlich wichtigen Komponenten von Kultur hervor; der Adel aber “leistet
5
Arbeit zitieren:
Mag. Dominic Vaas, Olaf Schwarz, Kathrin Anton, 2003, Französische und deutsche Kulturauffassung - Die Entstehung des Gegensatzes von Zivilisation und Kultur nach Norbert Elias, München, GRIN Verlag GmbH
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