"# $ Die Konfrontation der Bewohner mit dem ständig vordringenden Meer und die Erschließung der Ungunsträume an der Küste und im Hinterland ließen das Küstengebiet zu einem besonders gearteten Siedlungsraum werden. Nachdem zunächst ein Überblick über die physischen Grundlagen im Nordseeküstengebiet erfolgen soll, wird im Anschluss auf einzelne Elemente eingegangen, die das Verhältnis des Menschen zum Meer und den zu erschließenden Neulandgebieten in der Marsch und im Moor ausdrücken. Hierbei werden nicht nur die Siedlungen selbst behandelt, sondern auch Elemente des Hochwasserschutzes, der Entwässe-
rung etc., die zum Verständnis des Siedlungsraumes notwendig sind. Viele Elemente tauchen in den meisten mitteleuropäischen Küstenregionen auf, beispielsweise Deiche und Entwässerungsbauten - in einzelnen Regionen allerdings zeitlich stark versetzt. Aufgrund der großen vor allem vom Naturraum abhängigen regionalen Besonderheiten beschränke ich mich in dieser Arbeit aber auf den deutschen (vor allem niedersächsischen) Nordseeküstenbereich, da eine erweiterte Betrachtung den Rahmen sprengen würde. Hier prägen bis heute die be-handelten Elemente wie Wurten, Deiche und Siele, aber auch die Formen der
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Im Rahmen des nacheiszeitlichen eustatischen Meeresspiegelanstiegs hat sich die Küstenlinie der Nordsee in den letzten 15.000 Jahren enorm verändert. Verlief sie vor 10.000 Jahren von Mittelengland nach Nordjütland, so hat sich seitdem durch einen weiteren Meeresspiegelanstieg von ca. 50 m die Deutsche Bucht ausgebildet. Um etwa 3000 v. Chr. schließlich erreichte die Küstenlinie das heutige Küstengebiet. Abb. 1 zeigt die Entwicklung der nordfriesischen Küstenlandschaft seitdem; gekennzeichnet ist sie besonders durch zwei große Einschnitte: Die Flut von 1362, durch die im wesentlichen die nordfriesische Inselwelt entstand, und die Flut von 1634, der ein Großteil der Insel Strand zum Opfer fiel und die die Inseln Pellworm und Nordstrand hinterließ (Titelblatt: einzige kartographische Aufnahme, die den Zustand vor 1634 dokumentiert).
Die Grundlagen der Besiedlung wurden durch die Entstehung der Marsch und die Zonierung in die hohe Alte Marsch (Küstenwälle), die niedrige Alte Marsch (Siet-land) und die Geest geschaffen. Mit der Transgression drang das Meer in die
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nacheiszeitlichen Schmelzwassertäler der Geest ein. Im Vorland der Geest lagerte sich das von den Fluten transportierte Material (Sand, Schlick) ab, aus dem schließlich der Marschboden hervorging: Im Uferbereich wurden die schwersten Bestandteile (Schlicksand) sedimentiert, so dass die Uferwälle der Alten Marsch entstanden; zum Geestrand hin (Sietland) wird die Korngröße und Mächtigkeit des Marschbodens geringer, der Tonanteil nimmt zu. In diesem Tiefland entstanden durch Süßwasserzufuhr aus der Geest Schilfsümpfe, Bruchwälder und Moore
- während der hochgelegene Rand der Alten Marsch Ausgangspunkt der Besiedlung des Küstenraumes war, wurde das tiefer gelegene Sietland erst zur Zeit des hochmittelalterlichen Landesausbaus erschlossen.
Trotz der allgemeinen Tendenz des Anstiegs des mittleren Tidehochwassers wechselten sich Transgressionen (in neuerer Zeit: D[ünkirchen] I a/b, II, III a/b/c) mit Regressionen, die für die Torf- und Moorbildung eine Rolle spielen, ab (Abb. 2). 2
Dieser Wechsel von Transgressionen und Regressionen wird anhand eines Bodenprofils deutlich, in dem marine Sedimente (Ton, Schluff) eine Transgression und Torfbildungsprozesse ein Zurückweichen des Meeres anzeigen (Abb. 3).
2 Müller-Wille (1984), S. 9f.
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Einen bedeutenden Einfluss vor allem auf die neuzeitliche Siedlungsentwicklung hatten die Moore, deren Torf den Siedlern als Brennmaterial diente. In der Geologie ist von einem Moor die Rede, wenn eine mindestens 30 cm starke Torfschicht vorhanden ist; Torf sind geschichtete Pflanzenreste, die durch Feuchtigkeit und Luftmangel nicht vollständig verrottet sind. 3 Diese Torfproduktion läuft aber nicht überall gleich ab; zu unterscheiden sind hier vor allem Hoch- und Niedermoore. Niedermoore stehen unter Einfluss des nährstoffreichen Grundwassers und weisen somit eine üppige Vegetation auf. Durch den Sauerstoffreichtum des Grundwassers können die abgestorbenen Pflanzen schnell zersetzt werden, so dass die Torfproduktion gering ist. Hochmoore dagegen sind über der Mineralbodenoberfläche aufgewölbt, so dass sie ausschließlich vom Regenwasser gespeist werden (spärliche Vegetation, anspruchslose Pflanzen). Sauerstoffmangel und Feuchtigkeit lassen die Pflanzenreste, z.B. Torfmoose (sphagnum), nur unvollständig zersetzen; es kann eine mächtige Torfschicht entstehen. 4 Während die obere Schicht von schwach zersetztem Weißtorf gebildet wird, ist darunter der von den Siedlern als
Brennmaterial erkannte stark zersetzte Schwarztorf anzutreffen.
3 Göttlich (1976), S. 2.
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Aufgrund der physischen Voraussetzungen sind Hochmoore in Deutschland vorwiegend in den niederschlagsreichen Küstengebieten Nordwestdeutschlands anzutreffen (Abb. 4).
* # Bereits in der älteren Eisenzeit gab es an der südlichen Nordseeküste Flachsiedlungen (Bsp. Jemgum an der Emsmündung), die zumeist Einzelhofsiedlungen, aber auch bereits geschlossene bäuerliche Ansiedlungen waren. 5 Um Christi Geburt kam es nach Abklingen der D-I-Transgression zur großräumigen Landnahme entlang der Küste; auf dem Rücken des Brandungswalles der Alten Marsch wurden Flachsiedlungen angelegt, von denen viele in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im Zuge eines erneuten Meeresvorstoßes (D-II-Transgression) auf-grund der nun erhöhten Überflutungsgefahr zu Wurten, also zu einigen Metern hohen Erdhügeln zum Hochwasserschutz, aufgehöht wurden (Abb. 5). 6 Solche vor- und frühgeschichtlichen Wurtensiedlungen sind v.a. in den Niederlanden,
aber auch an der deutschen Nordseeküste (mit Ausnahme von Nordfriesland)
nachgewiesen; aufgrund der bevorzugten Lage auf dem Brandungswall gibt eine 5 Haarnagel (1971), S. 91ff. 6 Wurten befanden sich in den Niederlanden bereits während der D-I-Transgression, während die
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Björn Schreier, 2003, Historische Siedlungselemente an der Küste, Munich, GRIN Publishing GmbH
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