2
4.2 Vergleich nach funktionaler
Gliederung. 33
4.3 Lösungsvorschläge und Ausblick. 36
5 Zusammenfassung. 40
6 Schlusswort. 41
Literaturverzeichnis. 43
Anlagen :
Anlage 1: Der Weg nach vorne für Europas
Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von
Gerhard Schröder und Tony Blair
Anlage 2: Dienstleistungen für Privathaushalte als
Besch äftigungsfaktor - Die aktuelle Debatte in
der Bundesrepublik Deutschland
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Beschäftigungsentwicklung in der OECD
1959 - 2000 (in Prozent) 22
Tabelle 2: Frauenerwerbsquote in der OECD
1966 - 2000 (in Prozent) 23
Tabelle 3: Beschäftigte nach Wirtschaftszweigen und
T ätigkeiten 1993 in West- und Ost-
deutschland und den USA (in Prozent) 34
Tabelle 4: Erwerbs- und Arbeitslosenquote 1997 in
ausgew ählten Industrieländern
(in Prozent) 36
3
1. Einleitung
„Unsere Volkswirtschaften befinden sich im Übergang von der industriellen Produktion zur wissensorientierten Dienstleistungsgesellschaft der Zukunft.“ 1 Darüber sind sich nicht nur der englische Premierminister Tony Blair und Bundeskanzler Gerhard Schröder seit 1999 einig. Dass ein globaler Strukturwandel stattfindet, wird nicht mehr bezweifelt, die Folgen und daraus resultierenden Probleme werden aber immer wieder heiss diskutiert. Eine dieser Diskussionen soll in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen und näher beleuchtet werden: die Diskussion um die vermeintliche Dienstleistungslücke in Deutschland.
Durch den angesprochenen Strukturwandel, die zunehmende Rationalisierung werden immer mehr Arbeitsplätze in der Industrie eingebüßt. Um katastrophalen Arbeitslosenzahlen zu entgehen, muss eine entsprechende oder sogar höhere Anzahl von Arbeitsplätzen in den Unternehmen der Dienstleistungsbranche geschaffen werden. Nach den ursprünglichen Theorien zu diesem Strukturwandel, aufgestellt Mitte des letzten Jahrhunderts durch Jean Fourastié, würde eine verstärkte Nachfrage nach Dienstleistungen automatisch zu einem Arbeitsplatzanstieg in der Dienstleistungsbranche führen und so die Beschäftigungsverluste im Produktionssektor kompensieren. Vergleiche der Arbeitsplatzstruktur in Deutschland mit anderen OECD-Ländern, insbesondere aber mit den USA, weisen eine unterschiedliche Entwicklung auf. Die Zunahme der Beschäftigten in der Dienstleistungsbranche ist nicht so hoch wie in den USA, und auch die neu geschaffenen Arbeitsplätze in der Branche sowie die absolute Verteilung der Beschäftigten nach Sektoren bleibt weit hinter den amerikanischen Zahlen zurück. Dies wiederum wird als Beleg für eine mangelhafte Entwicklung der Dienstleistungsbranche in Deutschland genommen, damit einher geht auch meist die Forderung nach einem Ausbau des Niedriglohnsektors, weil man sich hier - ähnlich wie in den USA - den
1 SCHRÖDER, G.; BLAIR, T.: Der Weg nach vorne für Europas Sozialdemokraten. Ein Vorschlag von Gerhard Schröder und Tony Blair. Berlin 1999. www.berlinews.de/archiv v. 17.03.2003, S. 5, s. Anlage
1.
4
stärksten Anstieg von Arbeitsplätzen verspricht. Häufig macht in diesem Zusammenhang auch das Schlagwort der „Überindustrialisierung“ der Bundesrepublik die Runde. Manchmal scheint es so, in Deutschland ginge es „viel häufiger um den Erhalt alter Arbeitsplätze als um die Schaffung neuer Arbeitsplätze“ 2 . Berücksichtigt man allerdings die besondere Lage der Bundesrepublik und den historischen Hintergrund, wird deutlich, das die Bundesrepublik nicht unbedingt eine Lücke im Dienstleistungssektor aufweist. Die vorliegende Arbeit möchte an diesem Punkt ansetzen, um die verschiedenen Sichtweisen des Problems deutlich zu machen, einen Überblick über die Entwicklung des Strukturwandels zu geben und bestehende Vergleiche mit anderen OECD-Ländern, insbesondere mit den USA als „Idealfall“ näher zu erläutern. Dabei soll im wesentlichen den folgenden Fragen nachgegangen werden:
- Was bedeutet dieser Strukturwandel, und wie äußert er sich?
- Wie hat sich dieser Strukturwandel in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt, ist die Bundesrepublik noch immer „überindustrialisiert“ oder schon eine Dienstleistungsgesellschaft?
- Kann die amerikanische Dienstleistungsgesellschaft als Modell für die Bundesrepublik dienen?
- Warum kann man für Deutschland trotzdem nicht von einer Dienstleistungslücke sprechen?
Der angesprochene Strukturwandel ist jedoch kein rein wirtschaftlicher, es ist auch ein gesellschaftlicher Wandel, in dem die Mentalität des Dienens immer stärker in den Vordergrund tritt. Daher soll in dieser Arbeit auch untersucht werden, ob in Deutschland eine Dienstleistungsmentalität existiert, oder ob das Wort von der „Servicewüste“ Deutschland berechtigt ist. Um diese Fragen näher zu beleuchten, soll erst das theoretische Grundkonzept von Jean Fourastié dargestellt werden, zusammen mit den wesentlichen Kritiken daran von Jonathan Gershuny, Wolfgang Schettkat und Fritz W. Scharpf. Im
2 KRUPP, H.-J.: Beschäftigungsperspektiven des Strukturwandels zu den Dienstleistungen. Bonn 1986, S. 5.
5
Anschluss daran wird ein Vergleich zwischen der Beschäftigungsentwicklung in den USA und der Bundesrepublik anhand von OECD-Zahlen gezogen. In diesem Zusammenhang wird auch die Problematik bei der Auswertung der Statistiken nach sektoraler und funktionaler Gliederung in den beiden Ländern deutlich. In einem weiteren Kapitel soll die Entwicklung des Strukturwandels in Deutschland, aber auch die Diskussion um eine Dienstleistungslücke in der Bundesrepublik vorgestellt werden. Auch hier wird das Problem der Auswertung der verschiedenen Statistiken wieder berücksichtigt werden müssen. Aus der Diskussion entstehende Lösungsvorschläge, wie die Bundesrepublik den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft schneller, sozialer oder effektiver gestalten könnte, werden in einem weiteren Kapitel bearbeitet. Zuletzt sollen die Ergebnisse zusammengefasst und erläutert werden, warum die angesprochene Dienstleistungslücke eben nur bei einseitiger Betrachtung der Statistiken aufzufinden ist, in der Realität durch die besondere Situation in der Bundesrepublik aber nicht auftritt. Dabei sollen auch zukünftigen Entwicklungen ihre Berücksichtigung finden.
Angesichts ständig steigender Arbeitslosenzahlen gewinnt natürlich auch die Debatte um die mögliche Schaffung von Millionen neuer Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor an politischer Bedeutung. In diesem Zusammenhang wird häufig das hohe Arbeitsplatzpotential in einfachen, schlecht bezahlten Dienstleistungstätigkeiten angeführt. Um diese Abhängigkeit zu verstehen, ist die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Ursprung dieser Debatte erforderlich.
2. Die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft
Der Name, der mit dem Modell der Dienstleistungsgesellschaft untrennbar verbunden ist und häufig zuerst genannt wird, ist der von Jean Fourastié. Obwohl dieser das Theorem der Entwicklung hin zu einer
Dienstleistungsgesellschaft einer breiten Masse bekannt gemacht hat, geht es jedoch nicht allein auf ihn zurück. Begonnen hat die Diskussion mit der sektoralen Einteilung der Beschäftigung von Allan Fisher, der 1939 die
6
Produktion von Gütern je nach ihrer Lebensnotwendigkeit in drei Sektoren einteilt. Danach fallen Tätigkeiten, in dem „unmittelbar lebensnotwendige Güter produziert werden“, in den primären Sektor, „die Herstellung nachrangig notwendiger Produkte“ findet im sekundären Sektor statt, der tertiäre Sektor umfasst die Produktion von „Luxusbedürfnissen oder Bequemlichkeiten“. 3 Ein Jahr später entwickelt Colin Clark die „Drei-Sektoren-Theorie“, die auf Fishers sektorale Einteilung zurückgeht. Clark stellt die Hypothese auf, dass sich mit ökonomischem Wachstum die Nachfrage nach den Gütern, und damit auch die Beschäftigung vom primären Sektor zuerst zum sekundären und danach zum tertiären Sektor verschiebt. 4 Eingebunden in den historischen Kontext, ist „die Drei - Sektoren - Theorie (..) damit implizit auch eine Theorie über den Prozess der Zivilisation.“ 5
Auf diesem Erkenntnishorizont baut Fourastié nun seine Theorie von der Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft auf, die er erstmals in seinem 1949 erschienenen Buch „Le Grand Espoir Du XXe Siècle“ („Die grosse Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts“, deutsch 1954) veröffentlichte.
2.1 Fourastiés Theorie als Ursprung der Debatte
Jean Fourastié (15. 04. 1907 - 25. 07. 1990) beschäftigt sich in seinem Werk vor allem mit dem (in seinen Augen positiven) Einfluss des technischen Fortschritts auf das Leben von Individuen und Gesellschaften in der Zukunft. Sein Ziel ist dabei die Definition des technischen Fortschritts sowie die Untersuchung der Auswirkungen auf die zukünftige Wirtschaft. 6 „Als technischer Fortschritt wird eine Steigerung des Produktionsvolumens je Rohstoff- oder Arbeitszeiteinheit bezeichnet.“ 7 Dieser technische Fortschritt hat erst vor ca. 200 Jahren begonnen. Davor wurde die Produktion durch zwei weitgehend konstante Faktoren bestimmt: Natürliche Rohstoffe und Energie sowie die
3 Vgl. HÄUßERMANN, H.; SIEBEL, W.: Dienstleistungsgesellschaften. Frankfurt/Main 1995, S. 28.
4 Vgl. ebd., S. 27f.
5 GRAßL, H.: Strukturwandel der Arbeitsteilung. Globalisierung, Tertiarisierung und Feminisierung der Wohlfahrtsproduktion. Konstanz 2000, S. 105 (Hervorhebung im Original).
6 Vgl. FOURASTIÈ, J.: Die grosse Hoffnung des zwanzigsten Jahrhunderts. Köln 1954, S. 27 f.
7 Ebd., S. 28.
7
menschliche Arbeitskraft. Wissenschaftliche Erkenntnisse aber machen seitdem eine Steigerung der Produktivität möglich, und dieser Trend wird in Zukunft noch an Dynamik gewinnen. Die dafür erforderlichen Kenntnisse stammen aber nicht nur aus den Natur- und Ingenieurswissenschaften, Fourastié kreiert hier den Begriff der „...neuen Wissenschaften...: Rechnungswesen, Normung“. 8 Arbeitsorganisation, Absatzorganisation und Die
Produktivitätssteigerungen lassen sich aber nicht gleichmäßig auf alle Tätigkeiten übertragen, so wird eine Unterteilung der Bereiche notwendig. Hier greift Fourastié auf das Drei - Sektoren - Modell von Fisher (1939) zurück, das Clark ein Jahr später in seinem Buch „The Conditions of Economic Progress“ 9 weiterentwickelte. Anders als Fisher und Clark unterscheidet Fourastié aber die drei Sektoren nicht anhand ihrer Produkte, sondern nach möglichen Produktivitätssteigerungen. So sind im primären Sektor alle Produktionsprozesse zusammengefasst, in denen nur mäßige
Produktivitätssteigerungen möglich sind, klassisches Beispiel auch hier die Landwirtschaft: zwar ist die Produktion von Lebensmitteln stark gestiegen, doch können allein durch technischen Fortschritt die Erträge nicht mehr stark gesteigert werden, nur unter Zuhilfenahme industrieller Güter wie Dünger. Der sekundäre Sektor umfasst diejenigen Produktionsprozesse, in denen starke Produktivitätssteigerungen möglich sind, was im wesentlichen auf Güterproduktion zutrifft. Im tertiären Sektor wiederum sind alle Produktionsprozesse aufgeführt, in denen keine oder nur geringe Produktivitätssteigerung absehbar ist. Hier treten Dienstleistungen besonders hervor, da z.B. eine Massage (was ökonomisch ein Produktionsprozess ist) nur durch einen Masseur bei einem Konsumenten zur Zeit möglich ist, auch technischer Fortschritt verspricht hier wenig Produktivitätssteigerung. Somit steht für Fourastié nicht das Produkt im Mittelpunkt des Interesses bei der Sektoreneinteilung (wie bei Fisher), sondern der technische Fortschritt. 10 Oder anders gesagt: „..der technische Fortschritt [wird] als zentrale Ursache von
8 Ebd., S. 71. Diese „neuen Wissenschaften“ haben heute bereits ihren Eingang gefunden in z. B. Betriebswirtschaftslehre oder Wirtschafts- und Organisationswissenschaft.
9 Vgl. CLARK, C.: The Conditions of Economic Progress. London 1940.
10 Vgl. FOURASTIÉ 1954, S. 27 ff.
8
Produktivitätssteigerungen zum Schlüsselbegriff der Theorie der
Dienstleistungsgesellschaft.“ 11 Fourastié übernimmt zwar das Denkmodell der drei verschiedenen Sektoren der Beschäftigung, er distanziert sich aber auch deutlich von den Ansichten Clarks, die für ihn eine viel zu starre Einteilung der Sektoren vorsieht. Vielmehr ist Fourastié an einer dynamischen Einteilung der Sektoren gelegen, die einen Wechsel der Tätigkeit zwischen den Sektoren bei geänderten Produktivitätssteigerungen ermöglicht. 12
In einer weiteren zentralen These wirft Fourastié einen Blick auf „die natürliche Struktur“ 13 des Konsums: „Die physische Struktur des menschlichen Körpers, seine Ortsgebundenheit, die Dauer seines Lebens und sein Ruhebedürfnis begrenzen seinen Verbrauch. Wer kauft Fleisch, das er nicht mehr essen, Bücher, die er nicht mehr lesen, Pferde, die er nicht mehr reiten, Autos, die er nicht mehr fahren kann? Mit dem Überfluß wird auch die Sättigung sichtbar“ 14 (sic). Wenn solche Sättigungsgrenzen erreicht sind, wird sich zwangsläufig die Nachfrage der Bevölkerung anderen Bereichen zuwenden, was langfristig zu einer Veränderung der Erwerbsstruktur führen muss. In der Vergangenheit hat der technische Fortschritt zunächst zu einer Steigerung der Nahrungsmittelproduktion geführt. Dadurch verändert sich aber auch die Nachfrage: „Wenn (...) der Lebensstandard die 2700 Kalorien, die ein gesunder Mensch braucht (...), erreicht oder überschreitet, dann treten im menschlichen Leben andere Wünsche und Bedürfnisse auf und wollen durch außerordentlich verschiedenartige individuelle Betätigungen befriedigt werden.“ 15 Diese Betätigungen umfassen meist den Kauf von industriell gefertigten sogenannten Konsumgütern. Nach einer Sättigung des Marktes an Produkten des primären Sektors steigt die Nachfrage nach denen des sekundären Sektors. Jede weitere Produktivitätssteigerung im primären Sektor setzt Arbeitsplätze frei, während im sekundären Sektor neue Arbeitsplätze entstehen, der Abbau wird also kompensiert. Aber auch im sekundären Sektor gibt es eine Sättigungsgrenze, „die wir nicht überschreiten können, weil der Mensch weder die Zeit noch die
11 HÄUßERMANN/SIEBEL 1995, S. 29.
12 Vgl. FOURASTIÉ 1954, S. 17 f.
13 Ebd., S. 84.
14 Ebd., S. 38.
15 Ebd., S. 243.
9
physischen Möglichkeiten hat, mehr als eine bestimmte Menge von Gütern aufzunehmen, zu viele Dinge zu besitzen, sich an allen zu erfreuen“. 16 Da im industriellen Bereich die Produktivitätssteigerungen durch Automation und Rationalisierung sowie wissenschaftliche Fortschritte am höchsten sind, wird diese Höchstgrenze sogar noch schneller erreicht werden. Nach Deckung der Bedürfnisse durch primäre Güter (Nahrungsmittel) und sekundäre Erzeugnisse (z.B. Autos, Haushaltsgeräte) verändert sich das Interesse des Menschen ein weiteres Mal. „Er wird z.B. anspruchsvoll in der Wahl seines Berufes; er verringert seine Arbeitszeit und nimmt eine Senkung des Lebensstandards in Kauf, um mehr Freizeit zu haben; er strebt nach geistiger und künstlerischer Bildung und verlängert seine Schulzeit.“ 17 Damit steigt das Bedürfnis nach Dienstleistungen, also nach tertiären Gütern, 18 und Arbeitskräfte, die im sekundären Sektor wegrationalisiert werden, finden im tertiären Sektor eine Anstellung. Hier ist per definitionem die Produktivitätssteigerung sehr gering, was Fourastié mit einem Vergleich bekräftigt. Der Unterschied wird deutlich, „wenn wir uns einmal die ‚Produktivität’ eines Universitätsprofessors oder eines Herrenfriseurs einerseits und die eines Automobilarbeiters andererseits vorstellen; während die eine sich in fünfzig Jahren verzehnfachte, blieb die andere praktisch unverändert“. 19 Die Rationalisierungsmöglichkeiten im tertiären Sektor bleiben trotz Fortschritt eingeschränkt, die Nachfrage dafür aber „unstillbar“ 20 : mehr und mehr werden Dienstleistungen dazu dienen, Zeit zu sparen, sei es durch den Lieferservice oder das Dienstmädchen. „Mit dem durchschnittlichem Reichtum des Menschen steigt auch sein Bedarf an Dienstleistungen, weil er nach einem Kompromiss zwischen den ihm angebotenen Freuden aller Art und der ihm zur Verfügung stehenden Zeit sucht. Sekundärer Verbrauch kostet Zeit, tertiärer Verbrauch spart Zeit.“ 21 Die veränderte Konsumnachfrage wird so zu einer Ursache für vermehrte Dienstleistungstätigkeit. Bei den hier angesprochenen Dienstleistungen handelt
16 Ebd., S. 273.
17 Ebd., S. 244.
18 Vgl. ebd., S. 81 f.
19 Ebd., S. 31.
20 Ebd., S. 113.
21 Ebd., S. 275.
10
es sich um sogenannte konsumorientierte Dienstleistungen, also solche, die direkt auf den Endverbrauch bezogen sind und mittel- oder unmittelbar dem Genuss dienen. 22 Allerdings gibt es noch eine weitere Ursache für die Zunahme der Dienstleistungstätigkeit, nämlich die Arbeitsteilung. Mit zunehmender Verwissenschaftlichung der industriellen Tätigkeiten gewinnt die geistige Arbeit an Bedeutung für den sekundären Sektor. „Die Produktion der materiellen Güter erscheint also in einem vorgerückten Stadium des technischen Fortschritts als ein äußerst komplizierter Mechanismus, in dem nur der geringste Teil der Arbeitskräfte auf die Ausführung selbst entfällt, während um so mehr zur Vorbereitung, Planung, Beobachtung, Forschung, kurz zum Denken benötigt werden und in dem diese geistige Arbeit für das Laufen der Maschine absolut unerlässlich sein wird.“ 23 Diese geistige Arbeit umfasst, was heute als produktionsorientierte Dienstleistungen verstanden wird, nämlich Dienste für die Güterproduktion. Sie „entstehen im Zuge der Rationalisierung der industriellen Produktion, (...) steigern (...) die Produktivität der Güterherstellung und erzeugen Innovation.“ 24
Für die Entwicklung entwirft Fourastié ein Drei-Phasen-Modell. Die erste Phase ist die der traditionellen Zivilisation, in der 80 Prozent aller Beschäftigten im primären Sektor arbeiten, gegenüber jeweils 10 Prozent in den anderen beiden Sektoren. Dieser Zustand ist über einen sehr langen Zeitraum stabil. Gibt es Krisen, liegt dies an einer Unterproduktion von Nahrungsmitteln. Die Übergangsphase oder Industriegesellschaft beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts und ist wieder in drei Phasen unterteilt: Die Startphase mit dem Einsetzen des technischen Fortschritts, danach die Expansionsphase mit raschen Produktivitätssteigerungen sowie die Endphase, die von einer Verlagerung der Beschäftigung hin zum tertiären Sektor gekennzeichnet ist. Krisen in der Industriegesellschaft sind durch eine Überproduktion von Industriegütern ausgelöst. In einer dritten, zukünftigen Phase existiert dann die tertiäre Zivilisation, die die Verteilung der Beschäftigung umgekehrt hat: 80 Prozent der Beschäftigten sind im tertiären Sektor tätig, jeweils 10 Prozent in den anderen
22 Vgl. HÄUßERMANN/SIEBEL 1995, S. 13.
23 FOURASTIÉ 1954, S. 277.
24 HÄUßERMANN/SIEBEL 1995, S. 13.
11
Sektoren. 25 Etwaige Krisen bestehen in der Unterproduktion von Dienstleistungen, die Fourastié ebenfalls bedrohlich einschätzt, denn sie werden „einen vollständigen Zusammenbruch des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüges haben.“ 26 Doch trotz der Gefahren, die der Umbruch und eine solche tertiäre Zivilisation mit sich bringen, ist Fourastié von den positiven Aspekten überzeugt, nämlich der geistigen Entwicklung durch technischen Fortschritt, der Überwindung von Krisen wie der Arbeitslosigkeit sowie die Erreichung eines stabilen Gleichgewichtes. Dies ist der Grund, warum Fourastié seine Hypothese optimistisch „Hoffnung“ des 20 Jahrhunderts genannt hat. 27 Seine Prognosen sind allerdings auch mit Einschränkungen zu versehen. Allerdings lassen sich schon jetzt einige Einschränkungen vornehmen. Bei den verbraucherorientierten Dienstleistungen, auf die Fourastié in seiner Untersuchung sein Hauptaugenmerk richtet, gibt es mittlerweile zahlreiche Substitutionsmöglichkeiten wie maschinelle Hilfsmittel oder Eigenleistung. Daher kann für diesen Bereich keine preisunelastischen Nachfrage angenommen werden. 28
Die von Fourastié ausgeführte Drei - Sektoren - Hypothese der Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft beinhaltet folgenschwere Veränderungen für die Industriestaaten - wird sie doch aufgestellt zu einer Zeit, in der die meisten Erwerbstätigen in den Industriestaaten eben im produzierenden Gewerbe tätig sind. Der Strukturwandel in den Industriestaaten wird daher in vielen Variationen prognostiziert. Daniel Bell stellt beispielsweise in seinem Buch „Die nachindustrielle Gesellschaft“ (Original 1973) die zentrale Stellung von Wissen und Informationen in der zukünftigen Dienstleistungsgesellschaft vor, er bezeichnet sie gar als „Wissensgesellschaft“ 29 . Diese wird durch „das zunehmende Übergewicht der Dienstleistungswirtschaft über die produzierende Wirtschaft“ 30 gekennzeichnet, das in hohem Maße von theoretischer und akademischer Arbeit abhängig sein wird. Entscheidende Bereiche der
25 Vgl. ebd., S. 33 f.
26 FOURASTIÉ 1954, S. 280.
27 Vgl. ebd., S. 34 ff.
28 Vgl. ALBACH, H.: Dienstleistungen in der modernen Industriegesellschaft. München 1989, S. 27 f.
29 BELL, D.: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurt/New York 1975, S. 218 f.
30 Ebd., S. 13.
12
nachindustriellen Gesellschaft werden also nicht Güter-und
Lebensmittelproduktion, sondern Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch produktionsbezogene Dienstleistungen sein 31 , die im wesentlichen von sogenannten „Kopfarbeitern“ 32 ausgeführt werden. Positiv wird auch die vermehrte persönliche Kommunikation und Interaktion zwischen Individuen bewertet, das Miteinander, das in einer auf Wissen basierenden Gesellschaft notwendig wird. 33 Auch Bell teilt Fourastiés Sicht von Amerika als Vorreiter auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft, zumindest sieht er die Vereinigten Staaten nicht mehr als Industriegesellschaft. 34
Ebenfalls eine optimistische Sicht der weiteren Entwicklung nach Fourastié stellen Gartner/Riessman auf: Sie sehen als herausragendes Merkmal der Dienstleistungsgesellschaft die Zunahme der personenbezogenen
Dienstleistungen, die dem Konsumenten der Zukunft eine machtvolle Stellung verleihen. 35
Fourastiés positive Sicht der weiteren Entwicklung stösst natürlich auch auf starke Kritik sowohl aus soziologischen als auch ökonomischen Kreisen. Zum besseren Verständnis der gegenwärtigen Diskussion sollen hier einige der bekanntesten Kritiker und ihre Thesen dargestellt werden.
2.2 Kritische Stimmen: Baumol
An erster Stelle der bedeutenden Kritiker Fourastiés ist wohl der amerikanische Ökonom William J. Baumol zu nennen. In seinem 1967 erschienenen Artikel „Macroeconomics of Unbalanced Growth“ widerspricht er Fourastiés optimistischer Sicht der Entwicklung und entwirft ein eigenes, auf
31 Vgl. ebd., S. 134 f.
32 Ebd., S. 140.
33 Vgl. ebd., S. 168.
34 Vgl. ebd., S. 142. Wenn das Werk von Bell auch umstritten ist (Häußermann/Siebel bezeichnen das Buch als „unausgegoren und schlampig geschrieben“, vgl. HÄUßERMANN/SIEBEL 1995, S. 37, Gershuny unterstellt ihm „beunruhigende Inkonsistenz“, vgl. GERSHUNY, J.: Die Ökonomie der nachindustriellen Gesellschaft. Produktion und Verbrauch von Dienstleistungen. Frankfurt/New York 1981, S. 34), so bestätigt es doch Fourastiés positivistische Ansicht der künftigen Entwicklung.
35 Vgl. GARTNER, A.; RIESSMAN, F.: Der aktive Konsument in der Dienstleistungsgesellschaft. Zur politischen Ökonomie des tertiären Sektors. Frankfurt a.M. 1978, S. 106. An dieser Stelle soll allerdings nicht weiter darauf eingegangen werden, für einen weiteren Vergleich dieses Werkes mit BELL und FOURASTIÈ vgl. HÄUßERMANN/ SIEBEL 1995, S. 40 ff.
13
marktwirtschaftlichen Bedingungen basierendes Modell der zukünftigen Entwicklung von Kosten und Produktivität. 36 Der auf diesen und anderen Ausführungen zurückgehende Begriff der „Baumolschen Kostenkrankheit“ ist dabei in der Diskussion um die Dienstleistungsgesellschaft zum Schlagwort geworden. Was aber hat es damit auf sich?
Zunächst setzt er ein vereinfachtes Modell mit zwei Sektoren voraus: „Technologically progressive activities in which innovations, capital accumulation, and economies of large scale all make for a cumulative rise in output per man hour and activities which, by their very nature, permit only sporadic increases in productivity” 37 , oder anders formuliert, ein progressiver Sektor der Güterproduktion und ein nichtprogressiver Bereich der Dienstleistungen. Die Produktivität insbesondere von konsumorientierten Dienstleistungen wie Unterhaltung und Kunst lässt sich aber nur schwer steigern, Baumol führt dazu an anderer Stelle aus: ,,It is apparent that the performing arts belong to the stable productivity sector of our economy. [...] The output per man-hour of the violinist playing a Schubert quartet in a standard concert hall is relatively fixed, and it is fairly difficult to reduce the number of actors necessary for a performance of Henry IV, Part II." 38 Da sich die Produktivität im progressiven und nichtprogressiven Sektor unterschiedlich entwickelt, die Lohnforderungen sich aber an den Steigerungen des progressiven Bereichs orientieren, steigen die relativen Kosten des nichtprogressiven Sektors, „...and these costs will rise cumulatively and without limit.“ 39 Das führt dazu, dass nach Baumols Prognose ein grosser Teil von Dienstleistungen entweder zu einem Luxusgut wird oder komplett vom Markt verschwindet. 40 Das Verschwinden von Dienstleistungen liesse sich nur durch staatliche Eingriffe verhindern, um beispielsweise Leistungen der sozialen Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Diese Eingriffe wären aber mit erheblichen und - mit jeder Produktivitäts- und dadurch Lohnsteigerung des progressiven
36 Vgl. BAUMOL, W.: Macroeconomics of Unbalanced Growth: The Anatomy of Urban Crisis. In: American Economic Review 57, New York 1967, S. 415 ff.
37 Ebd., S. 415 f.
38 BAUMOL, W.; BOWEN, W.: Performing Arts - The Economic Dilemma. Cambridge 1966, S. 209.
39 BAUMOL 1967, S. 419.
40 Vgl. ebd., S. 421.
14
Sektors - steigenden Kosten verbunden. Dieses Dilemma der steigenden Kosten trotz gleichbleibender Produktivität wird als „Baumolsche Kostenkrankheit“ bezeichnet. Das Problem trifft insbesondere die Träger klassischer Dienstleistungsbereiche wie Gesundheit, Bildung oder Verkehr, nämlich die Gemeinden und hier besonders Großstädte, „...the upward trend in the real costs of municipal services cannot be expected to halt...“. 41 Allein der Erhalt gegenwärtiger sozialer oder kultureller Infrastruktur ist für die Städte schon mit steigenden Kosten verbunden, erschwerend kommt mit steigender Mobilität der Trend der Abwanderung in die urbanen Einzugsgebiete. Das Umland wirbt mit besseren Lebensbedingungen und bietet somit einen höheren Anreiz für das Leben außerhalb der Städte. Die Großstadt verliert so gerade die besser situierten Steuerzahler und sieht sich sinkenden Einnahmen gegenüber, für verbleibenden Einwohner - bei denen es sich zunehmend um mittellose oder sozial schwache Einwohner handelt - muss dennoch die Infrastruktur der städtischen Dienste aufrechterhalten werden. Den ohnehin steigenden Kosten stehen also auch noch sinkende Einnahmen gegenüber. 42 Statt zunehmender Beschäftigung im Bereich der Dienstleistungen sieht Baumol vor allem die steigenden Kosten von Dienstleistungen voraus, allen voran die konsumorientierten Dienste. Als Konklusion bleibt dem Staat nur der Eingriff in die städtischen Haushalte durch finanzielle Unterstützung oder Kürzung von Ausgaben übrig, was schlussendlich zu Staatsbankrott oder Zusammenbruch des Sozialstaates führt. Nicht umsonst beschreibt er die Auswirkungen dieser Entwicklung als „..one of the nation’s most serious economic problems.“ 43 Baumol entwirft also eher ein düsteres Bild der Zukunft, indem er bei fortlaufendem Strukturwandel zwei Alternativen anbietet: Kostenexplosion oder Abbau des Sozialstaates. Allerdings ist die „Kostenkrankheit“ nicht der einzige Kritikpunkt an Fourastiés Argumentation, mitunter stellen Wissenschaftler wie J. Gershuny auch einen Trend zur Selbsterfüllung der Dienstleistung her.
41 Ebd., S. 423.
42 Vgl. ebd., S. 424 f.
43 Ebd., S. 426.
Arbeit zitieren:
Dirk Mindermann, 2003, Eine sozioökonomische Analyse zur Kontroverse über die 'Dienstleistungslücke' in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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