[…] Smith was always in favour of natural order and market adjustment. Except,
of course, when he was not.
David A. Reisman (1998)
I Einleitung 4
II Die unsichtbare Hand das Argument für nicht-regulierte Märkte 4
Die unsichtbare Hand und ihr Kontext in The Wealth of Nations 5
Was meinte Smith mit der unsichtbaren Hand 6
III Markt und Staat bei Adam Smith 8
Smiths Plädoyer für Wettbewerb und freie Märkte 8
Die Funktionen des Staates und Fälle staatlicher Marktintervention 9
IV Adam Smith und das Banken und Geldsystem 11
Die öffentlichen Banken England und Schottlands 12
Die gesetzliche Regulation des Banken und Geldmarkts 13
Theorie und Praxis: Widersprüchlichkeiten und Unklarheiten 14
V Resümee 16
Literatur 17
Zitat auf Seite 2: David A Reisman Adam Smith on Market and State in: Journal of Institutional and Theoretical
Economics 154 (1998) 357 383 hier 361
3
Weit über 200 Jahre sind vergangen, seit Adam Smith mit The Wealth of Nations jenes Werk schrieb, das ihn zum „Gründervater der Nationalökonomie“ 1 machte. Daß die Diskus- sion um die Interpretation seiner Aussagen noch immer nicht verebbt ist, ist – so könnte man sagen – Smiths eigene Schuld. Hätte er nicht die Metapher der „unsichtbaren Hand“ verwendet, hätte er nicht staatliche Abstinenz vom Wirtschaftsprozeß gefordert, zugleich aber Raum gelassen für staatliche Eingriffe und für eine Vielzahl staatlicher Aktivitäten in anderen gesellschaftlichen Bereichen, dann ergäben sich möglicherweise aus seinem Werk nicht so viele Widersprüche – ob scheinbare oder tatsächliche – die ihn einerseits als Pro- pagandist von Laissez-faire und Minimalstaatlichkeit erscheinen lassen, andererseits aber auch staatlicher Intervention und Regulation Tür und Tor öffnen können. 2 Diese Arbeit versucht, in Auseinandersetzung mit der Interpretation des Begriffs der „un- sichtbaren Hand“ das Verhältnis von Laissez-faire und Regulation bei Smith zu klären und überprüft in diesem Sinne anschließend Smiths Aussagen zur Organisation des nationalen Geld- und Bankenwesen.
Vorangestellt sei noch, daß bei der Beschäftigung mit The Wealth of Nations der Hinweis VINERs nicht außer Acht gelassen werden sollte, daß Smith darin zwar generelle Prinzipien des ökonomischen Systems analysiert hat, aber daß er dieses Werk zu einem nicht uner- heblichen Teil auch verfaßte als „a tract for the times, a specific attack on certain types of government activity.“ „Smith’s primary objective was to secure the termination of these activi- ties of government. […] Everything else was to a large degree secondary.” 3
Obwohl von Smith in The Wealth of Nations nur an einer einzigen Stelle explizit genannt, ist die „unsichtbare Hand“ zu einer der gängigsten Metaphern in der Sprache von Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftlern geworden. In einer griffigen Formel scheint sie die Über- zeugung vom nicht-regulierten Markt als stärkstem Promoter der gesamtgesellschaftlichen Nutzenmaximierung zusammenzufassen.
Was sich genau dahinter verbirgt, ist jedoch Gegenstand verschiedenster Interpretationen.
BLAUG zum Beispiel versteht darunter „schlicht und einfach [den] Gleichgewichtsmecha-
nismus am Konkurrenzmarkt“, der unter den Bedingungen vollständiger Konkurrenz – wor- auf Smiths Prinzip der natürlichen Freiheit letztlich hinausliefe – „zu einer optimalen Allokati-
1 Vorwort der Herausgeber in: Markt, Staat und Solidarität bei Adam Smith, 10.
2 Vgl. die Diskussion bei Gretschmann, bes. 125, der sich auf Friedman, Buchanan und Wille bezieht,
und bei Reisman, 357f., mit Hinweis auf Musgrave, Rothbard und Macfie.
3 Viner, 218, dem sich Reisman, 378, anschließt.
4
on von Arbeit und Kapital führt“, wodurch die allgemeine Wohlfahrt befördert würde. 4
FRIEDMAN sieht ihr Wirken eher in der Koordination der Handlungen von Millionen Einzel-
ner „through a price system without central direction“. 5 Mitunter scheint die Idee von der „unsichtbaren Hand“ „mutated from analysyis to mytholo- gy“. 6 So, wenn VAUGHN sie als ein Prinzip beschreibt, das aus den unbeabsichtigten Kon- sequenzen individuellen menschlichen Handels eine nützliche und wohltätige soziale Ord- nung entstehen läßt oder RECKTENWALD sie letztlich mit der Vorsehung gleichsetzt. 7 Ver- körpert die „unsichtbare Hand“ in VAUGHNs Augen jene Idee, die Smith erst ermöglichte, die erste umfassende Theorie des ökonomischen Systems zu schaffen, so mißt ihr
ROTHSCHILD nur eine marginale Bedeutung für Smiths Vorstellungen bei und argumen-
tiert, er selbst habe sie lediglich als „ironic, but useful joke“ angesehen. 8
Die „unsichtbare Hand“ und ihr Kontext in The Wealth of Nations
Bevor geklärt werden kann, ob die „unsichtbare Hand“ nun ein oder gar das Argument Smiths für nicht-regulierte Märkte ist, soll zunächst ein Blick auf ihren kontextuellen Zusam- menhang geworfen werden. Smith erwähnt sie im 2. Kapitel des IV. Buchs, das sich mit Im- portbeschränkungen ausländischer Güter, die im Inland produziert werden können, ausei- nandersetzt. 9 Er argumentiert, daß Zölle und Einfuhrbeschränkungen auf ausländische Wa- ren den einheimischen Herstellern „mehr oder minder ausgeprägte Monopolstellungen“ si- chern, die aber keinesfalls den gesamtwirtschaftlichen Kapitaleinsatz so regeln, daß davon der größtmögliche Vorteil für die Volkswirtschaft erzielt wird, weil sie Kapital und Erwerbstä- tigkeit eines Landes „von ertragreichen Wirtschaftszweigen in weniger ertragreiche“ lenken. Da Importbeschränkungen ihren Sinn nur dann erfüllten, wenn die ausländischen Waren billiger als die im Inland produzierten seien, verringere die teurere Herstellung dieser Güter im Inland den „Tauschwert des jährlichen Ertrages“ eines Landes oder mit anderen Worten das Sozialprodukt, weil man mit dem gleichen Aufwand, der in die inländische Produktion dieser Waren geflossen ist, andere Güter mit einem insgesamt höherem Tauschwert hätte erzeugen können. Die Produktionsfaktoren sind also ineffektiv genutzt worden. 10 Wären nun unter den Bedingungen des freien Handels Kapitalbildung und Erwerbstätigkeit „ihrer natürlichen Entwicklung“ überlassen gewesen, wäre ein höheres jährliches Volksein- kommen erzielt worden und damit auch eine Nettoersparnis, die nach Smith die entschei-
4 Blaug, 120f.
5 Friedman, 17.
6 Persky, 196.
7 Vaughn, 997; Recktenwald, LXXII.
8 Rothschild, 319.
9 Für das Folgende: WN, 368-373.
10 „Ein Familienvater, der weitsichtig handelt, folgt dem Grundsatz, niemals etwas selbst herzustellen versuchen, was er sonstwo billiger kaufen kann. [...] Was aber für das Verhalten einer ganzen Fami- lie vernünftig ist, kann für das eines mächtigen Königreichs kaum töricht sein.“, ebd., 371f.
5
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Victoria Krummel, 2001, Die "unsichtbare Hand": Vor- und Nachteile nicht-regulierter Märkte aus der Sicht von Adam Smith, Munich, GRIN Publishing GmbH
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