The GII [Global Information Infrastructure] will not only be a metaphor for a functionning democracy, it will infact promote the functionning of democracy by greatly enhancing the participation of citizens in decision-making. [...] I see a new Athenian Age of democracy forged in the fora the GII will create.
Al Gore (1994)
And now comes the Web, the ultimate slicing machine, to divide and deliver us to market, by group for sure, and even one by one where possible. Some hail the Web as a liberation, rendering all voices equal. I suspect we will be equal only in our digital loneliness.
Max Frankel (1999)
Einleitung..................................................................................................................................4
Eine wahrgewordene Vision? Das Neue am neuen Medium...................................................5
Besser informierte Bürger? Informationsquelle Internet...........................................................7
Breitere politische Diskurse? Kommunikation in der vernetzten Öffentlichkeit.......................11
Mehr Partizipation der Bürger? Die elektronische Agora........................................................16
Resümee.................................................................................................................................21
Literatur..................................................................................................................................23
Zitate auf Seite 2: Albert Gore, Rede vor der International Telecommunications Union, 21. März 1994, Buenos Aires: http://www.iitf.nist.gov/documents/speeches/032194_gore_giispeech.html; Max Frankel, One TV nation, divisible, in: The New York Times vom 3. Oktober 1999, online: http://www.hmse.memphis.edu/faculty/andrews/COURSESTAUGHT/SLC%207321/Readings/Week% 2011/Frankel99-NationDivided.html.
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Was ist das Internet? „Vor allem ein Mythos“, meint Stephan Müncker und setzt an zur Entmystifizierung dieses Hoffnungsträgers kollektiver Utopien und Visionen. 1 Zunächst aber ist es, ganz nüchtern betrachtet, ein elektronisches, computergestütztes Kommunikationsmedium und zwar ein relativ junges, das auf dem besten Wege ist, sich zumindest in der westlichen Hemisphäre als Massenkommunikationsmedium zu etablieren, zunehmend genutzt von Unternehmen, Privatleuten, öffentlichen Institutionen, staatlichen sowie nichtstaatlichen Akteuren und Organisationen. 2
Und wie bei allen neuen Medientechnologien - man erinnere sich an die Debatten, die das Aufkommen des Fernsehens in den 50er Jahren begleitet haben - scheiden sich am „Resultat der Hochzeit von Computer und Telephon“ 3 die Geister. Kritiker wie Jean Baudrillard und Paul Virilio fühlen sich zu apokalyptisch anmutenden Prophezeiungen berufen. 4 Verfechter wie der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore und der französische Kommunikationswissenschaftler Pierre Lévy begrüßen voller Euphorie den Anbruch eines neuen Zeitalters. 5 Denn einig ist man sich in einem: Die neuen computervermittelten Kommunikationstechnologien besitzen dank ihrer besonderen Eigenschaften revolutionäres Potential, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks. Unter ihrem Einfluß wird sich unsere Gesellschaft, die zunehmend eine global vernetzte ist, nachhaltig verändern. 6 Doch wie und in welche Richtung, das bleibt umstritten.
Auch aus politikwissenschaftlicher und demokratietheoretischer Sicht hat man sich dieser Frage bereits früh angenommen. Vor 25 Jahren - lange vor der Geburt des Netzes also, wie wir es heute kennen - erschienen in einem Tagungsband der International Federation for Information Processing (IFIP) zwei Aufsätze, die sich der Frage widmeten, wie Computer und elektronische Netzwerke die demokratischen Gemeinwesen zukünftig beeinflussen würden. Man warnte einerseits vor der der elektronischen Datenverarbeitung innewohnenden Möglichkeit zur Ausweitung staatlicher Kontrolle und Überwachung, andererseits spekulierte man optimistisch auf eine intensivierte Partizipation der Bürger am politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß im Zusammenhang mit einem verbesserten Zugriff auf Informationen und der Abhaltung von Online-Abstimmungen. 7
1 Müncker (1996).
2 Buchstein (1996), 584.
3 Müncker (1996).
4 Nunes (1995); Virilio (1994): „These new technologies try to make virtual reality more powerful than actual reality, which is the true accident. The day when virtual reality becomes more powerful than reality will be the day of the big accident. Mankind never experienced such an extraordinary accident.“
5 Gore (1994) und Lévy (1996).
6 Barber (1998), 575: „We stand today on the threshold of a new generation of technology as potentially important to society as the printing press or the internal combustion engine.“
7 Manchor (1975) und Gallouédec-Genuys (1975).
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Das Internet ist heute eine weltumspannende, wenn auch noch nicht flächendeckende Realität, und die Hoffnungen, es könne die allerorts in den westlichen Demokratien konstatierte Politikverdrossenheit wenn schon nicht heilen, dann zumindest lindern helfen, sind keinesfalls verflogen. Wie auch immer die Zielvorstellungen solcher Hoffnungen aussehen - ob die Beseitigung der Schwächen der realexistierenden repräsentativen Demokratie, eine „starke“ Beteiligungsdemokratie im Sinne Benjamin Barbers oder im Extremfall eine direkte Demokratie in virtueller Form angestrebt wird 8 - in jedem Fall verbindet sich damit der Wunsch, den politischen Prozeß partizipativer zu gestalten „und so verlorengegangenes Vertrauen in das politische System zurückzugewinnen“. 9 Diese Hoffnungen erwachsen aus den spezifischen Eigenschaften des Mediums Internet und lassen sich in drei Schlagworten zusammenfassen: mehr Information, mehr Kommunikation, mehr Partizipation. 10 Nach der Herausstellung der Besonderheiten der computervermittelten Kommunikation werden diese drei Faktoren hinsichtlich der Argumente für und wider eine Revitalisierung der Demokratie durch das Internet diskutiert, wobei empirischer Beispiele miteinbezogen werden sollen, um abschließend das Demokratisierungspotential des Internet zu beurteilen. Werden die kommunikativen Möglichkeiten dieses Mediums „in der Demokratie des digitalen Zeitalters die Agora [...] als eGora wieder attraktiv machen“, wie Bundesinnenminister Otto Schily jüngst ausführte? 11 Oder wird die „solipsistische virtuelle Realität des Cyberspace“ die Funktionsfähigkeit des demokratischen Gemeinwesens eher weiter erschweren, wie Skeptiker prognostizieren? 12
Das Internet ist, mißt man es an der Zahl seiner Nutzer, auf dem besten Wege, ein Massenmedium zu werden. 13 Von den klassischen Massenmedien wie Hörfunk, Zeitung oder Fernsehen unterscheiden es jedoch seine speziellen Eigenschaften, die zugleich die Grundlage bilden für die mit dem Aufkommen der computervermittelten Netzkommunikation verbundenen Hoffnungen auf eine Revitalisierung der Demokratie.
Technisch gesehen ist das Internet ist ein elektronisches Netzwerk, das Zehntausende von Einzelnetzwerken in der ganzen Welt miteinander verbindet. Das „Netz aller Netze“ 14
8 Barber (1984); Budge (1996).
9 Tauss (2001), 23; Zittel (2001), 173.
10 Ebd., 175ff.; Harth (1999); vgl. auch die Sicht von Politikern wie Schily (2001) und Tauss (2001).
11 Schily (2001), 5.
12 Barber (1998a); Buchstein (1996).
13 In der Bundesrepublik ist nach wie vor ein rasanter Anstieg der Verbreitung des Internet zu verzeichnen: Waren es 1997 noch gerade 6,5% der Gesamtbevölkerung, die es nutzten, so betrug dieser Anteil nur drei Jahre später bereits 28,6% und wird sich voraussichtlich in den kommenden Jahren noch um einiges weiter erhöhen, Römmele (2001), 160.
14 Müncker (1996).
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besitzt gegenüber seinen Vorläufern den Vorteil, daß es über einen universellen Übertragungsmodus die Kommunikation, d.h. die Übertragung von Daten, zwischen den unterschiedlichsten Computern und Systemen ermöglicht. 15 Wie zurecht angemerkt wurde, ist es „streng genommen kein eigenes neues Medium, sondern ein Kommunikationsraum“, der sich durch die Konvergenz verschiedener Informations- und Kommunikationstechniken zum sogenannten Multimedia und die Vielfalt der in ihm stattfindenden Kommunikationsformen auszeichnet. 16 Die Kommunikation kann synchron oder asynchron erfolgen, ist raum- und zeitunabhängig, und sie umfaßt das ganze Spektrum möglicher Kommunikationsmodi: individuelle one-to-one Kommunikation wie in der elektronischen Post, one-to-many wie bei den Bulletin Boards, den Schwarzen Brettern im Internet oder den Newslettern, many-to-many wie bei den Newsgroups oder in den Chaträumen und many-to-one im Feedback auf eine im Internet dargebotene Information oder Seite. 17
Diese potentiell mögliche Kommunikation „aller mit allen“ ist es, die das Internet entscheidend von den ganz überwiegend einseitigen, distributiven Massenmedien abhebt. 18 Einigen wenigen Sendern steht nicht mehr eine große Anzahl von Empfängern gegenüber, sondern jeder Empfänger ist potentiell auch ein Sender. 19 Damit ist ein Prinzip verwirklicht, daß Bertolt Brecht 1932 bereits für den Rundfunk gefordert hatte, um dem damals neuen Massenmedium zu einem „Lebenszweck“ zu verhelfen: Verstünde er es, „nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen [...] den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen“, dann wäre er als Forum kommunikativen Austauschs „der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens“. 20
Mit dem Internet scheint jedoch nicht nur der Gegensatz zwischen Empfänger und Sender in der Massenkommunikation aufgehoben, sondern auch all jene Eigenschaften elektronischer Medien zu Tage getreten zu sein, auf denen Hans Magnus Enzensberger in den frühen 70er Jahren seine subversive Medientheorie begründete. 21 Adressiert an die den neuen Medien per se distanziert gegenüberstehende Linke, verwies Enzensberger auf das in jenen angelegte revolutionäre Potential in der Möglichkeit eines „emanzipatorischen Mediengebrauchs“. 22 Der Katalog dieses Mediengebrauchs, in Gegenüberstellung zum repressiven Gebrauch der klassischen Medien, liest sich wie eine Vision, die endlich im Internet ihre Er- 15 DieseÜbertragung wird durch TCP/IP (= Transmission Control Protocol/Internet Protocol) geleistet. Einen kurzen Überblick über Geschichte und Entstehung des Internet geben: Ogden (1994), 716f., und Mandel/Van der Leun (1996).
16 Wilke (1999), 753.
17 Ein Überblick über die vielfältigen Nutzungs- und Kommunikationsmöglichkeiten findet sich bei: Mandel/Van der Leun (1996).
18 Zipfel (1998), 28ff., betont, daß es sich bei der Interaktivität des Mediums Internet lediglich um das Interaktionspotential handelt, welches noch keinen Aufschluß über die tatsächliche stattfindende Interaktivität gibt.
19 Für Lévy (1996) bringt das Internet gerade aus diesem Grunde „eine wirkliche Revolution mit sich“.
20 Brecht (1972), bes. 20f.
21 Enzensberger (1970).
22 Ebd., 173.
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Arbeit zitieren:
Victoria Krummel, 2001, Internet und Demokratie - Wunsch und Wirklichkeit eines neuen Kommunikationsmediums, München, GRIN Verlag GmbH
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