Der Wandel der Familie zur Kernfamilie, die sich aus vormals bestehenden erweiterten Verwandtschaftszusammenhängen,
der bürgerlichen Großfamilie und der patriarchalischen Mehr-
Generationen-Familie entwickelte, erfolgte durch die Modernisierung der unterschiedlichen
Subsysteme der Gesellschaft. „Unter Modernisierung verstehen wir die sich wechselseitig
beeinflussenden Strukturveränderungen in den verschiedenen Bereichen (Subsystemen) der
Gesellschaft [...].“1 Die Modernisierung findet in speziellen Dimensionen statt, die in dem
jeweiligen Teilbereich Umwandlungen hervorrufen, und erst als Ergebnis dieses gesamten
Komplexes entstehen neue Familienformen.
Als Familie bezeichnet man eine Lebensgemeinschaft oder eine Sozialgruppe. Ihre Merkmale
und Funktionen lassen sich unter folgenden Gesichtspunkten zusammenfassen:
- Reproduktions- und Sozialisationsfunktion
- ein besonderes Solidaritätsverhältnis der Gruppenmitglieder untereinander
- die Generationsdifferenzierung
Die Familie als Institution ist in ihrer grundlegenden Bedeutung für das menschliche Zusammenleben
anerkannt. Als soziale Institution verändert sie sich aber ebenso wie alle anderen
Institutionen. Ein solcher Institutionsumbruch ist generell nur so zu erklären, dass sich die
sozialen und kulturellen, und damit die personalen Ankerpunkte wandeln. Doch sind es nicht
allein die Umdeutungen der ideellen, sondern auch die der materiellen Grundlagen, welche
die neue Existenz der Familie prägen.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. DIMENSIONEN DER MODERNISIERUNG
1. Politik und politischen Entwicklung
a) Ausdifferenzierung von Familie und Politik
1. Wirtschaft und wirtschaftliche Entwicklung
2. Gesellschaft und soziale Mobilisierung
a) Der Erziehungs- und Bildungssektor
b) Die Rolle der Frau
c) Verstädterung
d) Soziale Ungleichheit
3. Kultur und kulturelle Entwicklung
a) Die Emanzipation der Frau
b) Kirche versus Freizeit
c) Das Problem der Vergesellschaftung
4. Person und psychische Mobilisierung
a) Individualisierung
II. PLURALISMUS DER FAMILIE
III. ALTERNATIVEN ZU EHE UND FAMILIE
1. Kommunen
2. Lebensgemeinschaften
3. Homosexuellenfamilien
4. Alleinstehende
5. Alleinerziehende
IV. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den tiefgreifenden Wandel der Familienstrukturen als unmittelbare Folge des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses. Dabei wird analysiert, wie sich ökonomische, politische, kulturelle und soziale Faktoren wechselseitig beeinflussen und zu einer Pluralisierung familiärer Lebensformen führen.
- Modernisierung als interdependentes System von Wandlungsprozessen
- Die Auswirkungen der Tertiärisierung auf die Frauenerwerbstätigkeit
- Der Zusammenhang zwischen Bildungsexpansion und Individualisierung
- Entwicklung neuer Lebensformen als Alternative zur Kernfamilie
- Verlust tradierter Funktionen der Familie an den Staat
Auszug aus dem Buch
Individualisierung
Individualisierung ist ein zentraler Bestandteil moderner Gesellschaften und besteht in der Erhöhung der Wahlmöglichkeiten des Einzelnen. Die Modernisierungsprozesse der vorangehend beschriebenen Systeme verstärken diesen Trend noch.
So hat zum Beispiel die Bildungsexpansion Auswirkungen auf diesen Prozess. Die gestiegene soziale und geographischen Mobilität, die sozialstaatlichen Sicherungs- und Steuerungssysteme, die Entwicklung neuer Bekanntschaften und Nachbarschaften durch neue urbane Großstadtsiedlungen, die Arbeitsmarktdynamik und die sinkende Erwerbsarbeitszeit haben die Menschen immer tiefer in die Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen hineingezwängt.
Im Rahmen dieses Individualisierungsschubs lösen sich die Individuen aus ihrer Einbindung in die Familie heraus. Die Menschen sind nun in der Lage und auch darauf angewiesen, die Zukunft und den Verlauf ihres Lebens selbst zu bestimmen und zu verwirklichen.
Die personale Modernisierung, auch psychische Mobilität genannt, geht einher mit der Herauslösung des Einzelnen aus vielfältigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bindungen. Damit verbunden sind Verluste an Vertrautheit und Sicherheit in Gemeinschaften, wie der Familie einerseits, und Gewinne an individueller Handlungsfreiheit und Entfaltungsmöglichkeit anderseits.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Es wird der Wandel der Familie von der erweiterten Verwandtschaft zur Kernfamilie im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung skizziert.
II. DIMENSIONEN DER MODERNISIERUNG: Dieses Kapitel erläutert die verschiedenen Einflussbereiche wie Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und die psychische Mobilisierung auf die Familienstruktur.
II. PLURALISMUS DER FAMILIE: Hier wird der Prozess der zunehmenden Entkoppelung von Partnerschaft und Elternschaft sowie die gesellschaftliche Akzeptanz neuer Lebensformen beschrieben.
III. ALTERNATIVEN ZU EHE UND FAMILIE: Es werden konkrete neue Lebensformen wie Kommunen, Lebensgemeinschaften und Alleinerziehenden-Haushalte als Reaktionen auf den Strukturwandel vorgestellt.
IV. ZUSAMMENFASSUNG: Die zentralen Thesen über den Funktionsverlust der Familie und die resultierende Pluralisierung werden abschließend synthetisiert.
Schlüsselwörter
Familie, Modernisierung, Kernfamilie, Strukturwandel, Pluralisierung, Individualisierung, Sozialisation, Tertiärisierung, Gesellschaft, Lebensgemeinschaft, Institution, Emanzipation, Mobilität, Sozialstruktur, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel der Familie von der traditionellen Großfamilie hin zur Kernfamilie und zu pluralistischen Lebensformen unter dem Einfluss globaler Modernisierungsprozesse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung deckt die politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und personalen Dimensionen der Modernisierung und deren direkte Auswirkungen auf die familiale Ordnung ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ursachen für den Institutionsumbruch der Familie aufzuzeigen und zu erklären, warum sich traditionelle Strukturen in modernen Gesellschaften zunehmend auflösen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine soziologische Literaturanalyse, die Konzepte führender Theoretiker wie Max Weber und Jean Fourastié auf die Familiensoziologie anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert die verschiedenen Modernisierungsdimensionen, die Pluralisierung der Lebensformen und die Entstehung von Alternativen zur klassischen Ehe erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Individualisierung, Pluralisierung, Kernfamilie, Sozialisationsfunktion und der Wandel der Geschlechterrollen.
Welchen Einfluss hat die Industrialisierung auf den Familienbegriff?
Die Industrialisierung führte laut der Arbeit zur Trennung von Arbeitswelt und Privatsphäre, was die Familie von ökonomischen Produktionsaufgaben entlastete und zu ihrer Spezialisierung auf Sozialisation führte.
Warum steigen die Zahlen alternativer Lebensformen?
Dies resultiert aus dem Monopolverlust der Familie, zunehmender individueller Freiheit und einem geänderten Werteverständnis gegenüber Ehe und langfristiger Bindung.
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- M.A. Annett Rischbieter (Author), 1997, Der Wandel der Familie als Teil des Modernisierungsprozesses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19703