Der (in Deutschland viel zu wenig beachtete) amerikanische Soziologe David Riesman kann als Stammvater des Pluralismus in der Elitetheorie gelten, indem er von einer Aufspaltung und Sektoralisierung der Macht ausgeht. Das elitetheoretische 10. Kapitel seines Hauptwerkes „Die einsame Masse“ (1950) wird hier im Kontext des Buches analysiert, wobei erstaunliche Einsichten zum Erscheinen kommen, die unsere heutigen Verhältnisse weit über die USA hinaus prägen. So entdeckt die Arbeit Riesman als Vorreiter in der Beschreibung postmoderner Machtstrukturen, ohne gleichzeitig Kritik an seinem Ansatz zurück zu halten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die einsame Masse: Grundannahmen
2.1. Die sozialen Charaktere
2.2. Die Verbraucherhaltung
3. Riesmans Beitrag zur Elitetheorie: das 10. Kapitel (,,Vorstellungen der Macht“)
3.1. Textanalyse
3.2. Bewertung
4. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert David Riesmans Thesen aus dem 10. Kapitel seines Werkes "Die einsame Masse" im Kontext der Elitetheorie. Das primäre Ziel besteht darin, Riesmans pluralistisches Konzept der Macht sowie die damit verbundene Wandlung von gesellschaftlichen Charaktertypen wissenschaftlich einzuordnen und kritisch zu bewerten.
- Grundannahmen über soziale Charaktere und den Wandel zur Verbraucherhaltung
- Die Transformation der Machtstruktur hin zu einer amorphen Struktur
- Die Rolle der sogenannten "veto-groups" im pluralistischen Machtgefüge
- Kritische Analyse der wissenschaftlichen Methodik und Aussagekraft des Textes
Auszug aus dem Buch
3.1. Textanalyse
Es handelt sich nicht um einen typischen politikwissenschaftlichen Text, der nach einer Einleitung seinen Gegenstand anhand einer Fragestellung und Arbeitshypothesen untersucht und im Fazit zu einem diesbezüglichen Ergebnis kommt. Überhaupt stellt der Text, wie schon in der Einführung erwähnt, keine hohen wissenschaftlichen Ansprüche. So ist seine Argumentationsweise eher assoziativer Art, es werden keine klaren Begriffsdefinitionen vorgenommen und die Belegführung entspricht nicht dem strengen Maßstab der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit. Vielmehr nährt sich die Darlegung von mehr oder weniger alltäglichen Beobachtungen allgemeiner Art ohne Quellenverweise (sogar der Bezug zu früheren Elitetheoretikern bleibt fast immer implizit), einigen Studien anderer Wissenschaftler (die allerdings keine wesentliche Rolle in der Argumentationsstruktur spielen), sowie an einer Stelle sogar von Riesmans nicht weiter operationalisierten „eigenen Erfahrungen“ (Riesman 1958: 233 unten). Um ernstgenommen zu werden, ist der Text somit darauf angewiesen, dass der Leser die dargestellten Beobachtungen weitgehend teilt und dass die Schlussfolgerungen jedenfalls nicht für vollkommen abwegig hält. Insgesamt entspricht der Text nicht den (heutigen) streng wissenschaftlichen Ansprüchen (eine moderatere Beurteilung der Methodik des gesamten Buches findet sich in Schelsky 1956: 10/11).
Es mag sein, dass hinter den häufig nicht objektiv daherkommenden Beobachtungen wissenschaftliche Untersuchungen stehen (vgl. Schelsky 1956: 11) und einige Beobachtungen mögen tatsächlich Gemeinplätze einnehmen. Offensichtlich will Riesman jedenfalls nicht nur „trockene“ Wissenschaft liefern, sondern seine Erkenntnisse für ein größeres Publikum zugänglich und lesenswert machen. Der Text ist trotz seiner ungezwungenen Art von großer inhaltlicher Tiefe, die ich versuche, mit gewohnten Kategorien fassbar zu machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel verortet Riesmans Werk in der Tradition der Elitetheorien und erläutert die Relevanz der Untersuchung des 10. Kapitels vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Gesellschaftsentwicklung.
2. Die einsame Masse: Grundannahmen: Hier werden das Konzept der sozialen Charaktere (traditionsgeleitet, innen-geleitet, außen-geleitet) sowie die Bedeutung der Verbraucherhaltung als dominante Verhaltensform eingeführt.
3. Riesmans Beitrag zur Elitetheorie: das 10. Kapitel (,,Vorstellungen der Macht“): Das Kapitel verknüpft die Typologie der sozialen Charaktere mit der Interpretation zeitgenössischer Machtstrukturen, in denen die Führungselite durch "veto-groups" ersetzt wurde.
3.1. Textanalyse: Eine kritische Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Methodik und Argumentationsweise von Riesmans Text, wobei insbesondere der assoziative Charakter der Darstellung hervorgehoben wird.
3.2. Bewertung: Eine abschließende Evaluierung der wissenschaftlichen Tragfähigkeit der Argumente Riesmans sowie eine Einschätzung des Beitrags zur Elitetheorie.
4. Literatur: Auflistung der im Rahmen der Arbeit verwendeten Quellen und weiterführenden Literatur.
Schlüsselwörter
David Riesman, Die einsame Masse, Elitetheorie, Machtstruktur, veto-groups, sozialer Charakter, Verbraucherhaltung, Pluralismus, politische Soziologie, US-Gesellschaft, industrielle Gesellschaft, Führungselite, Interessenverbände.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer erweiterten Textanalyse des 10. Kapitels von David Riesmans Klassiker „Die einsame Masse“ aus dem Jahr 1950, mit einem Fokus auf dessen elitetheoretische Implikationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen den Wandel sozialer Charaktertypen, die Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert und die Neuinterpretation von Machtstrukturen durch das Konzept der "veto-groups".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Riesmans Beitrag zur Elitetheorie methodisch zu prüfen und zu bewerten, wie er den Übergang von einer klassischen, hierarchischen Machtstruktur zu einem pluralistischen, amorphen System beschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kritische Textanalyse, um Riesmans Argumentationsweise zu dekonstruieren und in den wissenschaftlichen Kontext der zeitgenössischen Elitedebatte einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundannahmen Riesmans erläutert, gefolgt von einer detaillierten Analyse des 10. Kapitels ("Vorstellungen der Macht") und einer anschließenden kritischen Bewertung der wissenschaftlichen Qualität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "veto-groups", "außen-geleiteter Charakter", "amorphe Macht" und "pluralistische Tradition" charakterisiert.
Wie bewertet der Autor den wissenschaftlichen Anspruch von Riesmans Text?
Der Autor stellt fest, dass der Text keinen strengen wissenschaftlichen Ansprüchen im modernen Sinne genügt, da er eher assoziativ und ohne explizite Quellenbelege argumentiert, jedoch eine bemerkenswerte inhaltliche Tiefe aufweist.
Warum ist der Begriff der „veto-groups“ für Riesman so wichtig?
Die "veto-groups" dienen Riesman als Beleg für die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft, in der keine geschlossene Führungselite mehr existiert, sondern verschiedene Interessengruppen sich gegenseitig in ihren Machtbestrebungen neutralisieren.
- Quote paper
- Frank Stadelmaier (Author), 2002, David Riesman: Pluralistische veto-groups und amorphe Macht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19801