Inhalt
1. Einleitung NA
2. Die bedeutendsten Autoren der NA
2.1. Kallisthenes von NA
2.2. Anaximenes von NA
2.3. Onesikritos von NA
2.4. Chares von NA
2.5. Nearchos von NA
2.6. Ephippos von NA
2.7. Kleitarchos von NA
2.8. Ptolemaios NA
2.9. Aristobulos von NA
3. Die philosophischen Schulen unter besonderer Berücksichtigung 38
der Peripatetiker der NA
4. Die Zeugnisse einiger NA
5. Die bekanntesten sekundären erhaltenen NA
6. Der NA
7. Schlussbetrachtung NA
Quellen– und NA
55
3
1. Einleitung
Die vorliegende Examensarbeit analysiert die Verortung von einer legendären Figur der Weltgeschichte innerhalb der geistigen und kulturellen Landschaft der Antike, von Alexander dem Großen. Dem berühmten König gelang das Unmögliche, das Unfassbare in mehrfacher Hinsicht: Er konsolidierte kurzerhand die bis dahin noch nicht gänzlich ausgeprägte makedonische Vorherrschaft im griechischen Raum und im dazugehörigen bedeutendsten Pakt der dort ansässigen Staaten, dem `Korinthi- schen Bund´ 1 und überwand zugleich die Spannungen zwischen den hellenischen Volksteilen zugunsten der nun gestärkten pannationalen Union. 2 Ferner verwandelte er das Reich der Argeaden als Träger der nunmehr gefestigten, blühenden südosteu- ropäischen Allianz in einer unglaublichen Geschwindigkeit von zwölf Jahren blitz- artig in die dominierende Hegemonialmacht der Oikumene 3 und überdies war er im Begriff, eine neue verheißungsvolle Weltordnung zu etablieren, deren Endziel es war sämtliche Völker innerhalb seines gigantischen Reiches in einer kulturellen Einheit aufgehen zu lassen 4
, im Ganzen genommen eine bis heute bemerkenswerte Leistung. Insofern drängt sich eine Bestandsaufnahme der Resonanz und der Reak- tionen, die demjenigen, der dieses alles vollbracht hatte, bis zu einem geraumen Zeitabschnitt nach seinem Tode von der Gesellschaft entgegengebracht wurde so- wie eine Beschäftigung mit dem, was den Menschen ausmachte, mit dem Wesen desjenigen, der der irdischen Zivilisation ein neues Gesicht gegeben hatte, mit dem Spiegelbild Alexander des Großen in der Antike, gerade zu auf. Vor diesem Hinter- grund sollen vorwiegend die wichtigsten Zeugnisse, die zwischen den Anfängen des Hellenismus, also noch zu den Lebzeiten oder bald nach dem Tode des Königs etwa im vierten Jahrhundert v. Chr. und dem Untergang des Römischen Imperiums un- gefähr im fünften Jahrhundert n. Chr. ein höheres Maß an Popularität während des Stadiums ihrer Abfassung erlangt hatten, untersucht werden. Dagegen sollen solche Überlieferungsgegenstände, welche innerhalb der dazugehörenden Epoche wenig Beachtung fanden entsprechend knapp abgehandelt werden. 1 vgl. Gehrke, 9f.
2 vgl. Atkinson, 130.
3 vgl. Polyb. 29, 21, 1-6; Arr. anab. 7, 30, 1, zit. n. Lauffer, 212; Liv. 45, 9, 5-7; 42, 52, 14, zit. n. Bellen, 868, 871.
4 vgl. Schachermeyer, 479ff.
4
Aus diesem Kontext ergibt sich die zentrale Fragestellung dieser Arbeit: Welche Spiegelung erfuhr Alexander der Große in der gesellschaftlich beachteteren antiken Überlieferung?
Im Zuge der Auswertung einiger unentbehrlicher Quellen, insbesondere der zeitge- nössichen Primärquellen und eines weiteren wertvollen Zeugnisses, des `legenden- haften´ Alexanderromans, ergaben sich erwähnenswerte Probleme aufgrund der un- zureichenden Quellenlage. Da diese Aufzeichnungen weitgehend verloren sind, können sie nur anhand der späteren, erhaltenen Darstellungen, die aus den ver- schwundenen Werken entlehnen, rekonstruiert werden.
Im Rahmen des Studiums der Alexanderquellen richtet sich der Blick zunächst auf die literarischen, zeitgenössischen Zeugnisse. Hier sollen die Träger der Primärtra- dition und ihre Werke in Augenschein genommen werden. Dabei soll jeder Autor gesondert auf die entworfene Projektion Alexanders inquiriert werden. In diesem Zusammenhang sollen die Verfasser vorab jeweils kurz vorgestellt und hinsichtlich ihrer literarischen Schaffenszeit datiert werden. Daneben sollen die Hintergründe, die die einzelnen Gelehrten in Anbetracht ihrer schriftlichen Auseinandersetzung mit Alexander vorfanden wie die Beziehung zum König, die etwaige Teilnahme am Alexanderzug oder andere aufschlussreiche Gegebenheiten, aufgedeckt werden, da diese Gesichtspunkte für eine Einordnung der Autoren und ihrer Ausführungen von Nutzen sind. Anschließend werden weitere Kriterien zur Einschätzung der schreibenden Zeitgenossen Alexanders und ihrer Kundtuungen wie die stilistischen Gepflogenheiten und die erkennbaren Konturen ihrer Zuverlässigkeit erhellt, um dann die in den Sekundärquellen angeführten Aussagen über den König, den ent- scheidenden Faktor für die Rekonstruierung des Alexanderbildes, zu fokussieren. In den nächsten Abschnitten der Arbeit folgt eine grobe Skizzierung der Porträtie- rungen Alexanders aus der Feder einiger Rhetoriker und bestimmter Philosophen insbesondere jener, die der peripatetischen Schule angehörten, einer von Aristoteles begründeten interdisziplinären Forschungsgemeinschaft 5
, wobei auch hier gegeben- enfalls die Entstehungsbedingungen der ebenfalls großteils verlorenen Schriften er- örtert werden, falls dadurch Kenntnisse zur Standortbestimmung der behandelten Überlieferungsgegenstände gewonnen werden. Daraufhin werden die maßgeblichen Befunde über Alexander, die den wichtigsten, späteren, sekundären, erhaltenen 5 Gehrke, 87.
5
historiographischen Zeugnissen entnommen werden können, knapp umrissen ohne dabei tiefer in diese Reflexion einzutauchen. Fortan soll die antike Fassung des so- genannten Alexanderromans, das heißt des verlorenen in mehreren Rezensionen verbreiteten und in 35 Sprachen übersetzten Werkes mit dem ursprünglichen Titel `Leben und Taten des Makedonen Alexander´ 6 , das eine Fülle legendärer Stoffe bündelt, die zum Teil als „Sagen vom Welteroberer und seinen gewaltigen Taten“
7 sichtbar werden, in ihren Tendenzen erschlossen werden. Diesbezüglich soll den Spuren der frühen griechischen Version nachgegangen werden, soweit dies möglich ist, um dann die Schilderungen über Alexander herauszufiltern und im Kern darzu- legen. Die Quintessenz der zentralen Ergebnisse dieser Betrachtung der Resonanz Alexanders des Großen in der Antike fließen in die Schlussbetrachtung dieser Ar- beit ein. 6 Schänzer, 42.
7 Seibert, 220.
6
2. Die bedeutendsten Autoren der NA
Wenngleich in den Fragmenten der griechischen Historiker Autoren NA
werden, die über Alexander schrieben so bieten nur neun davon genügend NA
liche Verknüpfungen mit Alexander die versprechen detaillierte Einsichten NA
den König in Erfahrung zu bringen Diese neun Verfasser werden im folgenden NA
tensiv durchleuchtet tensiv NA
2.1. Kallisthenes von NA
Kallisthenes stammt aus Olynth und wurde Chr geboren Er wuchs bei NA
nem Großonkel dem Philosophen Aristoteles auf und wurde von diesem NA
und ausgebildet Neben kleineren Schriften verfasste er in Makedonien die NA
niká´, eine Griechische Geschichte in zehn Bänden die den Zeitraum NA
387/386 und Chr behandelte und die ihm einen guten Ruf als Historiker NA
brachte und eine Monographie über den dritten Heiligen Krieg In diesen NA
kam seine politische Überzeugung deutlich zum Vorschein der antipersisch NA
sinnte Verfasser befürwortete offenbar bereits früh noch vor Alexanders Zeit NA
panhellenische von Makedonien getragene Konzeption Griechenlands denn die NA
den Veröffentlichungen verfolgten offensichtlich den Zweck der NA
Welt verständlich machen dass der einzige Weg aus den NA
Wirren und Spannungen heraus in der nationalen Einigung unter Philipps NA
bestand.“ Nachdem Kallisthenes Aristoteles Chr an den NA
nischen Königshof gefolgt war wurde er von Alexander zur offiziellen NA
schreibung beauftragt nahm daraufhin als Hofhistoriker am Asienzug teil NA
verfasste eine Alexandergeschichte mit dem Titel Alexāndru prāxeis was NA
heißt wie Die Taten Alexanders Die entsprechenden Inhalte stellte er während NA
Feldzuges kontinuierlich in etwa ein bis zweijährigen Abständen nach den NA
nissen fertig die dann in einzelnen Teilen aus Asien in die Heimat geschickt NA
8 Jacoby NA
9 Meister NA
10 Lendle NA
11 Plut Alex NA
12 Wirth NA
13 Badian NA
14 Lendle NA
15 Meister NA
7
dort veröffentlicht wurden. 16 Zudem war er Privatsekretär Alexanders. 17 Die ge- nannte Alexandergeschichte reichte vom Übergang Alexanders nach Asien 18 bis zur Schlacht von Arbella im Jahre 331 v. Chr. 19 Die Ernennung von Kallisthenes zum `Hofhistoriker´ und die Einrichtung der offiziellen `Hofhistoriographie´ war scheinbar von Anfang an ein kalkulierter, mit handfesten Intentionen verknüpfter Schritt seines Königs mit der dahinter stehenden Absicht, die Beeinflussung der öf- fentlichen Meinung zu organisieren, wobei diesbezüglich wohl von vornherein im Vordergrund stand: die Informationen über den Asienzug „umzugestalten, um den Taten Alexanders eine übermenschliche Dimension zu verleihen“ 20 , den Alexander- zug als solches in ein positives Licht zu rücken, Alexander als den rechtmäßigen und als einen guten, gerechten König aller Hellenen vorzustellen und ihn insbeson- dere bei den Griechen beliebt zu machen, um politischen Turbulenzen aus dem ei- nen oder dem anderen Lager entgegenzuwirken, Alexander eine charismatische Weihe zu verleihen und um die öffentliche Unterstützung für die militärischen Ope- rationen im fernen Asien anzukurbeln. 21 Kallisthenes war nun offenbar prädestiniert die königlichen Erwartungen auszufüllen: „through his relationship to Aristotle he had lived in Aterneus under Hermias and in Macedon under Philip and then Alexan- der, therefore he was conditioned to accept monarchy not only as a modus vivendi but also as a means towards the attainment of an ideal state based upon the rule of philosophically conditioned rulers, and then he would command support in Athens because of his Olynthian origin and again through Aristotle. Furthermore he had already gained a reputation as an historian and ideologically he was probably pan- Hellenist.” 22
Kallisthenes wurde seiner Rolle durchaus gerecht und berichtete über die Märsche und Siege Alexanders zum Wohlgefallen des Königs. Doch nachdem Alexander eine Politik der Verschmelzung ins Auge gefasst hatte, die vorsah, die unterschiedlichen Kulturen des gewachsenen Imperiums zu assimilieren, distan- zierte sich Kallisthenes innerlich zunehmend von seinem König, denn die Orientali- sierung Alexanders missfiel dem antipersisch geprägtem Verfechter panhellenischer Werte und Feind der asiatischen Zivilisation und „[a]ls Alexander sich mehr und mehr zum Nachfolger des Großkönigs aufspielte, galt es eher, seinen [des 16 Lendle, 152.
17 Meister (1990), 104.
18 Polyb. 7, 19.
19 Lendle, 152.
20 Goukowsky, 143.
21 vgl. Atkinson, 126.
22 ebd.
8
Kallisthenes´] unüberlegten Eigensinn deutlich zu machen, als ihn immer noch als Hegemon der Griechen darzustellen.“ 23 Teilweise wird in der Forschung gar geäu- ßert, dass Kallisthenes die veränderte Haltung gegenüber dem sich als Weltherr- scher fühlendem und dem sich als Vater der so ungeliebten fremdländischen Kul- turen verstehenden Alexander auch literarisch markierte, indem er die Öffentlich- keit, etwa im Jahre 329 v. Chr., auf die tyrannische Seite des Königs aufmerksam machte: als mutmaßlicher Verfasser eines bisher keinem verlorenem Autor zuge- ordnetem Zeitzeugnisses, dem „Bericht vom Massaker an den Branchiden, den Er- ben eines weit zurückliegenden Frevels“, bei dem Alexander unzählige Wehrlose und Unschuldige hinrichten ließ. 24 Zum endgültigen Bruch mit Alexander kam es als letzterer im Rahmen der Verschmelzungspolitik versuchte, die persische Sitte des Fußfalls, der Proskynese, einzuführen: Kallisthenes verweigerte dem König die- se rituelle Begrüßungsformel. 25 Alexander missbilligte das Verhalten des Histo- rikers und verfolgte diesen von nun an mit seinem Zorn. Kurze Zeit später, nach ei- ner geplatzten Verschwörung der Pagen gegen den König, wurde Kallisthenes von Alexander beschuldigt, die jungen Attentäter aufgehetzt zu haben. Anschließend wurde der Historiker entweder auf Anweisung des Königs selbst erhängt oder ins Gefängnis geworfen, wo er kläglich zu Grunde ging. 26 Infolge des Todes von Kalli- sthenes blieb seine Alexandergeschichte, die `Alexāndru prāxeis´, unvollendet und auch die offizielle `Hofhistoriographie´ wurde fortan bis auf weiteres ausgesetzt. 27
Erhaltene Fragmente von Kallisthenes zeigen, „daß die historische Darstellung durch viele Exkurse und allgemeine Erwägungen aufgelockert war.“ 28 So behan- delte Kallisthenes auch physikalische 29 , ethnographische, geographische, botanische und zoologische Inhalte. 30 Zudem versah er die Darstellung aktueller Ereignisse ge- legentlich mit einem historischem Hintergrund. 31 Die zahlreichen thematischen Ab- schweifungen dienten wohl in erster Linie „der Auflockerung und dem Schmuck des Werkes“ 32
. Überhaupt schien eine publikumswirksame, dramatisch-anschau- liche und rhetorisch überhöhte Erzählform zum Handwerkszeug von Kallisthenes 23 Goukowsky, 144.
24 ebd.; vgl. Parke, 59ff.
25 Arr. anab. 4, 12, 4-5; Plut. Alex. 54.
26 vgl. Plut. Alex. 52-55.
27 Atkinson, 132f.
28 Lendle, 155.
29 vgl. Seneca Nat. Q. VI 23.
30 Lendle, 157.
31 vgl. Strab. 4, 1, 7.
32 Lendle, 157.
9
zu gehören, denn der Schriftsteller setzte „einen wesentlichen Teil seiner Darstel- lungskunst für die Erzeugung von Affekten und Emotionen ein, wie sie in der Tat sonst durch die Aufführung von Tragödien dem Publikum vermittelt werden.“ 33 Kallisthenes selbst bekannte sich dazu, ästhetische Momente in Geschichtswerke einzuflechten: „Der Geschichtsschreiber Kallisthenes sagt: `Wer etwas zu schreiben versucht, darf die Person nicht verfehlen, sondern muß die Reden sowohl an die Person als auch an die Gegenstände angeglichen gestalten.´“ 34 Ein weiteres sti- listisches Merkmal der Aufzeichnungen von Kallisthenes waren Verschiebungen der Realität. Derartige inhaltliche Verzerrungen nahm der Historiker vorwiegend vor, wenn es darum ging, Alexander vorteilhaft auszumalen, denn in mancher Hin- sicht ordnete er „die Darstellung der Ereignisse […] propagandistischen Zielset- tzung[en] unter“ 35 , um das Königshaus in ein besseres Licht zu stellen, aber dazu später.
Was die Darstellung Alexanders angeht, so trat Kallisthenes mit Nachdruck für die Apotheosierung des Königs ein, wie ein Referat von Strabon, das die Schilderung von Kallisthenes über den Zug Alexanders zum Ammon-Orakel als Grundlage der Erzählung heranzieht, belegt. So berichtete Strabon: Alexander führte diesen schwierigen Zug durch die libysche Wüste bis zur Oase Siwah trotz der heißen Süd- winde vor allem deshalb durch, weil er gehört hatte, dass Perseus und Herakles, Söhne des Zeus in deren Geschlecht er selbst hineingehöre, dort gewesen seien. Als man durch Sandstürme vom Weg abkam und zu verdursten drohte, brachten plötzlich Regenfälle die Rettung, zugleich erschienen wunderbarerweise zwei Ra- ben und übernahmen die Führung. Als der Tempel schließlich erreicht war, durfte nur Alexander eintreten,
[d]denn dem Könige alleine habe der Priester erlaubt, in den Tempel einzutreten in gewöhnlicher Bekleidung, den Uebrigen aber befohlen, den Aufzug zu wechseln, und die Orakelsprüche draussen anzuhören, Alle ausser Alexandros; Dieser aber sollte im Tempel sein. [Auch geschahen] die Aus- sprüche nicht, wie zu Delphoi und bei den Branchiden, durch Worte, sondern grösstentheils durch Winke und Zeichen, bei Homeros: So spricht, ihr zuwinkend mit schwärzlichen Braunen, Kronion, indem der Weissager Zeus nachahme. Nur Dieses habe der Mann dem Könige ausdrücklich gesagt, dass er Zeus Sohn sei. Dieser Erzählung fügt Kallisthenes gleichsam als Dichter noch hinzu, dass, als Appollon das Orakel bei den Branchiden verlassen hatte, seitdem von den unter Xerxes Persisch gesinnten Branchiden der Tempel ausgeraubt und auch die Quelle versiegt war, damals nicht nur die- se Quelle wieder sprudelte, sondern auch Gesandte der Milesier viele Orakelsprüche nach Memphis brachten über Alexanders Erzeugung durch Zeus, über den künftigen Sieg bei Arbela, über Dareios Tod und die Empörungen in Lakedaimon. Seine [Alexanders] hohe Abkunft habe auch die Erythrai- ische Athenaiis ausgesprochen; denn auch Diese sei der alten Erythraiischen Sibylla gleich 33 ebd., 159.
34 Athen. Mechan., zit. n. Lendle, 160.
35 Lendle, 159.
10
36 gewesen.
Es liegt auf der Hand, dass Kallisthenes durch die profunde Ausgestaltung dieses Berichts mit wunderbaren Geschehnissen, der entscheidenden Aussage den rich- tigen Anstrich geben wollte – der Aussage, dass Alexander Sohn des Zeus sei, denn die beiden sakralen Nebenereignisse, die Rückkehr Appollons in das Branchiden- Orakel und die Reinkarnation der erythräischen Sibylle, trugen unmittelbar zur dra- matischen Unterstützung des Hauptereignisses, der Begrüßung Alexanders als Sohn des Zeus, bei. Doch außerdem wurde Alexander, der neue Herrscher von Ägypten, durch die Verlautbarungen des Historikers als Sohn des Ammons ausgewiesen, da die Götter Ammon und Zeus sowohl in der griechischen als auch in der ägyptischen Mythologie identisch waren. 37 Damit legitimierte Kallisthenes Alexander als Sohn des mit dem Allvater Zeus identischen Gottes Ammon auch zum rechtmäßigen Pha- rao von Ägypten und stellte eine weitere Möglichkeit zur Vergöttlichung Alexan- ders her. Die Apotheosierung Alexanders wurde ganz allgemein durch eine enko- miastische Tendenz ergänzt. So berichtete Kallisthenes, dass „das Meer sich von unten erhoben, als ob es einen Marsch wahrnehme und auch selbst seinen Herrn nicht verkenne, damit es, indem es sich krümmte, irgendwie die Proskynese zu vollziehen schien“ 38 als Alexander am pamphylischen Meer entlang zog und am Berg Klimax nördlich von Phaselis einen schwierigen, häufig vom Wasser über- spülten Felsenpfad benutzte. Der panegyrische Kurs von Kallisthenes ging teil- weise so weit, dass der Olynther tagespolitische Interessen Alexanders mit der Feder wahrnahm, wie seine Schilderung der Schlacht bei Arbella oder Gaugemala belegt, denn in diesem Zeugnis „sind nachweislich verschiedene Fakten gefälscht, um den alten General Parmenion, den Alexander nach einem Leben treuen und er- folgreichen Dienstes für das makedonische Königshaus plötzlich im Herbst 220 er- morden ließ, schon in dieser Schlacht als einen energielosen Feigling erscheinen zu lassen“ 39 , der, „wie Kallisthenes berichtet, auf Alexanders zunehmende Macht und Größe eifersüchtig und missgünstig war.“ 40
Offensichtlich schwebte Kallisthenes vor durch diese Unterstellung die Entrüstung der Makedonen, die durch die poli- tisch motivierte Beseitigung Parmenions ausgelöst wurde, in eine Art Strafgericht 36 Strab. 17, 1, 43, zit. n. Strabo. Erdbeschreibung, 389f.
37 vgl. Kienast, 316.
38 Schol. Eust. Hom. Il. 13, 29, zit. n. Lendle, 158.
39 Lendle, 159.
40 Plut. Alex. 33, zit. n. Plutarch. Lebensbeschreibungen, 300ff.
11
zugunsten des Königs umzuwandeln. 41 Ferner wurde Alexander als Anführer eines panhellenischen Rachekrieges gegen die Perser ausgerufen, vor allem um den grie- chischen Anteil der Rezipienten von Alexanders Vollkommenheit zu überzeugen. Diese Position kam im Werk des Kallisthenes besonders darin zum Ausdruck, dass Alexander in der Schlacht von Issos „bei der Wahl seines Platzes darauf bedacht ge- wesen [sei], Dareios [dem Perserkönig] gegenüberzustehen, um persönlich mit ihm kämpfen zu können“ 42 , „daß er die persische Königsburg in Persepolis aus Rache für die Einäscherung der athenischen Akropolis durch die Perser im Jahre 480 nie- derbrennen ließ und daß stets der Anteil der Griechen an den Siegen Alexanders hervorgehoben wurde.“ 43
2.2. Anaximenes von Lampsakos
Der Rhetor und Geschichtsschreiber Anaximenes wurde in Lampsakos geboren und lebte im vierten Jahrhundert v. Chr. Er war ein Schüler des Homer-Kritikers Zoilos und des Diagones von Sinope. 44 Später wurde er einer der zahlreichen Lehrer Alexanders. 45 Er schrieb eine Universalgeschichte in zwölf Bänden von der Theo- gonie, der Lehre über den Ursprung und die Herkunft der Götter, die `Philippika´ in mindestens acht Büchern, ein Werk über Alexander den Großen, eine Schrift `Über Todesarten von Königen´, eine weitere über Homerstudien und den `Trikáranos´. Ferner galt er als Verfasser der `Rhetorica ad Alexandrium´, die unter dem Namen des Aristoteles herausgegeben wurde. Von diesen Veröffentlichungen sind wenig mehr als die Titel erhalten. Anaximenes soll auf Einladung Alexanders am Asien- zug teilgenommen haben. 46 Der `Trikáranos´ von Anaximenes verrät die politische Verortung dieses Mannes, denn die in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts als Pseudonym unter dem Namen des Theopomp veröffentlichte Schmähschrift sollte nicht nur seinen Rivalen Theopomp schädigen sondern auch die Unfähigkeit der drei großen Hauptmächte Athen, Theben und Sparta zur Herrschaft und die Not- wendigkeit der makedonischen Hegemonie nachweisen. 47
Anaximenes war 41 Lendle, 159.
42 Polyb. 12, 17, 22, zit. n. Polybios, Geschichte, Bd. 1, 806.
43 Meister (1990), 106.
44 Weißenberger, 674.
45 Goukowsky, 137f.
46 Weißenberger, 674.
47 vgl. Nickel, 847f.
12
wahrscheinlich ein anerkannter und geachteter Gelehrter, der sein Handwerk mit beachtlichem Erfolg verrichtete. Im Zuge seiner literarischen Tätigkeit war er über- aus vielseitig, denn zu seinen rhetorischen Fähigkeiten traten weitere Aspekte, die ihn und sein Werk ausmachten. So verfasste er einen vorgeblichen `Brief des Philipp´ an die Athener und die beredte dem Demosthenes unterstellte Antwort. 48 Diese beiden Dokumente waren weit mehr als literarisches Spiel und lenken den Blick auf den anderen Anaximenes: „den scharfen Beobachter […], einen Kenner der internationalen Beziehungen, einen vorsichtigen Geist, der mit Geschick und Wirklichkeitssinn den Standpunkt der Gegner darstellt.“ 49 Möglicherweise stellte Anaximenes den neuen König mit ähnlich bedächtiger Gewandtheit und Balance dar, also verhalten positiv ohne Hervorkehrung von Glanz und Gloria, denn gerade „[d]iese Ausgewogenheit und dieses Geschick glichen aber aus der Sicht Alexan- ders einen größeren Mangel nicht aus: Anaximenes fehlte es an der notwendigen Inspiration, um auf heroische Weise die Großtaten des neuen Achilles zu besin- gen.“ 50 Auf der anderen Seite deutet der von Pausanius geäußerte Befund Anaxi- menes sei ein Bewunderer des Königs gewesen 51 darauf hin, dass Anaximenes ein stark verherrlichendes Bild von Alexander entworfen hatte. Gewiss ein einleuch- tender Standpunkt zumal auch manche moderne Interpreten von einer „rhetorisch aufgebauschten und panegyrischen Alexandergeschichte“ 52 ausgehen. Letztendlich können die Ausführungen von Anaximenes über Alexander kaum maßstabsgetreu rekonstruiert werden, da sie weitgehend verloren sind: „Of its style, its manner, or its attitude there is not the slightest indication“ 53
2.3. Onesikritos von Astypalaia
Onesikritos wurde zwischen 380 und 375 v. Chr. auf Astypalaia, einer griechischen Insel der südlichen Sporaden, geboren. Er starb zwischen 305 und 300 v. Chr. One- sikritos war Schüler des Diagones von Sinope, von dem er in die Welt der kyni- schen Philosophie eingeführt wurde, eine Lehre der er wohl den Rest seines Lebens anhing. Er veröffentlichte ein Werk mit dem Titel `Pōs Aléxandros echté`, was 48 Domest. or. 11-12, zit. n. Goukowsky, 138.
49 Goukowsky, 138.
50 ebd.
51 Paus. 6, 18, 2-4, zit. n. Pearson, 244.
52 Meister (1990), 107; Seibert, 23.
53 Pearson, 245.
Quote paper:
Carsten Becker, 2002, Alexander der Große und die antike Überlieferung seiner Person , Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Goethes Werther als Leser von Homer
German Studies - Comparative Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Der Goldstandard (1880-1914) – ein stabilitätsgerechtes Festkurssystem...
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Sportsponsoring am Beispiel des 31. Reitturniers in Panitzsch / Cunner...
Sport - Sport Economics, Sport Management
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Die historische Entwicklung der Geldpolitik
Economics - Monetary theory and policy
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Zivilcourage fördern - aber wie?
Definition und Bedeutung des B...
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Grafische Erfassung ausgewählter Aspekte der Systemtheorie Niklas Luhm...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Der 17. Juni 1953 und das Ministerium für Staatssicherheit
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Bachelor Thesis, 44 Pages
Geschichte der staatlichen deutschen Sozialpolitik
Politics - Political Systems - History
Presentation (Elaboration), 24 Pages
Die Sozialdemokratie unter dem Sozialistengesetz - Die Gründe für da...
History Europe - Other Countries - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Michel Foucaults Begriff der Gouvernementalité
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Diploma Thesis, 113 Pages
Die Kunst des Werbens um Gunst und Geld - Finanzierungsmöglichkeiten u...
Diploma Thesis, 105 Pages
Bestimmungsgründe von Kundschaft unter markensoziologischen Aspekten. ...
Sociology - Consumption and Advertising
Thesis (M.A.), 112 Pages
Der 17. Juni 1953 - Charakter, Ziele und Sozialprofil
History Europe - Germany - Postwar Period, Cold War
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Die Disziplinarmacht. Der Machtbegriff von Michel Foucault.
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Carsten Becker's text Alexander der Große und die antike Überlieferung seiner Person is now available as a printed book
Carsten Becker has published the text Alexander der Große und die antike Überlieferung seiner Person
Carsten Becker has uploaded a new text
Die griechisch-römische Antike, Die griechische Polis, Alexander der G...
Fachbereich: Alte Geschichte
Hartwin Brandt, Ralf Behrwald, Martin Zimmermann
Geschichte des Alten Orients bis zur Zeit Alexanders des Großen
Klaas R. Veenhof, Helga Weippert
Geschichte Alexanders Des Grossen (Dodo Press)
Johann Gustav Droysen, Sven Hedin, Arthur Rosenberg
Der Kommentar In Antike Und Mittelalter: Beitrage Zu Seiner Erforschun...
Wilhelm Geerlings, Christian Schulze
0 comments