Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Theoretische und methodische Vorausbetrachtungen 4
3. Frauen im Spätmittelalter 9
3.1. Die rechtliche Stellung von Frauen im Spätmittelalter 10
3.2. Frauenalltag in Montaillou - zwischen Ehe und domus, Familie und Kindern 11
3.3. Religion im täglichen Leben 21
4. Schlussbemerkungen 23
Literaturverzeichnis S. 24
2
1. Einleitung
„Auch Frauen haben eine Geschichte“. 1 Mit diesem ebenso banalen, wie auch programmatischen Ausruf beginnt Rebekka Habermas einen aktuellen Beitrag zur Frauen-und Geschlechtergeschichte, der sich nicht nur mit der Entstehung, sondern auch mit der derzeitigen Lage sowie den zukünftigen Perspektiven dieser historischen Teildisziplin beschäftigt.
Dabei hat sich die Art und Weise, wie Frauen in der historischen Forschung, nicht zuletzt innerhalb der Mediävistik, berücksichtigt und behandelt wurden, in den letzten Jahrzehnten wiederholt verändert. Die Hinwendung zur historischen Rolle der Frauen und später zur generellen Bedeutung der Geschlechter war jedoch beileibe nicht die einzige Entwicklung innerhalb der Geschichtsschreibung der letzten Dekaden. Fragen der Kultur, der Mentalität und des Alltags rückten ebenso ins Zentrum historischer Fragestellungen. Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, diese Entwicklungen aus zwei Perspektiven kurz nachzuzeichnen.
Dazu sollen in einem ersten theoretischen Teil die historiographischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte kurz und prägnant skizziert werden, wobei insbesondere deutlich werden soll, wieso die Studie Montaillou von Emmanuel Le Roy Ladurie als Grundlage dieser Arbeit ausgewählt wurde. 2
In einem zweiten Teil wird dann die angesprochene Studie selbst in den Mittelpunkt rücken. Nach einer kurzen Betrachtung der rechtlichen Lage spätmittelalterlicher Frauen soll insbesondere der Alltag der Frauen von Montaillou, der in den von Le Roy Ladurie untersuchten Inquisitionsprotokollen festgehalten wurde, nachgezeichnet werden. Fragen wie: Was waren die hauptsächlichen Tätigkeiten im Alltag der Frauen, wie gestaltete sich ihr Verhältnis zu den Ehemännern, welche Beziehung hatten sie zu ihren Kindern und wie war ihre generelle Position innerhalb der dörflichen Lebenswelt, werden dabei im Zentrum der Betrachtung stehen.
Bevor die wesentlichen Merkmale des Frauenalltags in Montaillou in einem kurzen Fazit rekapituliert werden, wird ein kurzer Blick auf die Rolle der Religion die Frage nach dem Leben und dem Alltag von und in Montaillou abrunden.
1 Rebekka Habermas, Frauen- und Geschlechtergeschichte, in: Joachim Eibach/ Günther Lottes (Hg.): Kompass der
Geschichtswissenschaft, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2002, S. 231.
2 Emmanuel Le Roy Ladurie, Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324, Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg,
1980.
3
2. Theoretische und methodische Vorausbetrachtungen
Fragen und Problemstellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte erleben seit gut drei Jahrzehnten eine erstaunliche, vor allem aber ungebrochene Konjunktur. Dabei wurde das Interesse an historischen Schicksalen und Lebensweisen von Frauen in erster Linie durch die am Ende der sechziger Jahre erwachende Frauenbewegung angefacht. Obwohl die Frauenbewegung im traditions-, konventions- und gesellschaftskritischen Klima der späten sechziger Jahre mit ganz konkreten emanzipatorischen Forderungen und Zielen, wie Gleichheit, Selbstbestimmung und Befreiung von offenen und subtileren Diskriminierungen aller Couleur, gestartet war, sich also zunächst vornehmlich in der Sphäre des Politischen bewegte, zeigte sich bald, dass die Kategorie Geschlecht in allen Versuchen (sowohl in akademischen als auch in nicht-akademischen) zur Beschreibung sozialer Wirklichkeit und Vergangenheit sträflich unterbelichtet war. Daher überrascht es nicht, das gender, neben den traditionellen analytischen Kategorien wie Klasse (class) oder ethnische Zugehörigkeit (race), im Laufe der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts recht schnell von zahlreichen frauenbewegten Forscherinnen und Forschern in das weitverzweigte Netz der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften eingeführt wurde. Für die Geschichtswissenschaft bedeutete dies zunächst, Frauen ins Bewusstsein der Historiographie zu rücken. Denn die überwiegend von Männern dominierte akademische Geschichtsschreibung glänzte weitestgehend durch Nichtberücksichtigung von Frauen als historisch wirksame Subjekte. Geschichte wurde nicht nur überwiegend von Männern gemacht, sondern auch überwiegend von ihnen geschrieben. Das Interesse von Forscher/innen konzentrierte sich daher in einer ersten wissenschaftshistorischen Phase auf die Wiederentdeckung und Beschreibung von femininen Figuren und Strukturen, jedoch noch immer im Rahmen der traditionellen Geschichtsschreibung. Geschichte wurde eben nicht nur als Geschichte von Männern, sondern ganz dezidiert auch als Frauengeschichte beschrieben, mit dem programmatischen Ziel, das bis dahin weitgehend „unsichtbare“ oder „vergessene“ Geschlecht endlich auch in den Ergebnissen und Erträgen historischer Forschung sichtbar zu machen.
Im anglophonen Sprachraum setzte sich so in ausgesprochener Absetzung von der herkömmlichen history schnell das Schlagwort der herstory durch, in deren Rahmen eine angemessene Berücksichtigung femininer Fragestellungen und Perspektiven erreicht werden sollte.
Doch schon bald wurde deutlich, dass sich eine angemessene Einbindung frauenspezifischer Fragen nicht auf eine Kenntlichmachung historischer Aspekte des „vergessenen“ Geschlechts beschränken könne, dass beispielsweise eine pure Beschreibung und Darstellung historisch wirksamer Frauen, also die lediglich ergänzende
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Aufnahme frauengeschichtlicher Kapitel in die Handbücher traditioneller
Geschichtsschreibung, dem Ziel einer tatsächlichen gerechten und umfassenden Analyse von geschlechtsspezifischen Prägungen und Konstruktionen vergangener und derzeitiger Gesellschaften nicht gerecht werden würde. Aus zahlreichen historischen Studien ließ sich Ende der siebziger Jahre nämlich ableiten, dass insbesondere das Verhältnis der Geschlechter zueinander, also das Verhältnis von Männern und Frauen, konstitutiv für die Konstruktion vergangener Gesellschaftsordnungen sowie für den Bedeutungskern dessen, was Mann und Frau sein heutzutage bedeutet, ist.
Neben dem Schicksal von Frauen rückte also das Verhältnis der Geschlechter zueinander, insbesondere die Prozesse und Ursachen, die zur Zuschreibung bestimmter femininer und maskuliner Eigenschaften führten, in den Mittelpunkt sozialhistorischer Fragestellungen. Aus Frauengeschichte wurde Geschlechtergeschichte, aus herstory entwickelten sich die schon legendär zu nennenden gender studies. Neben dieser besonderen Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses
differenzierten sich die Ansätze innerhalb der Geschichtswissenschaft natürlich parallel zur generellen theoretischen und m ethodischen Auseinanderentwicklung der Sozial- und Geisteswissenschaften aus. 3 Für den Bereich der Geschlechtergeschichte bedeutete dies, dass zeitgleich mit der verstärkten Konzentration auf das sich wechselseitig bedingendende Verhältnis der Geschlechter die Erforschung der Kultur und des Alltags der ganz gewöhnlichen Mittel- und Unterschichten in den Mittelpunkt der Forschung rückte. Und auch hier erwuchs eine Vielzahl durchaus verschiedener Perspektiven entlang überaus unterschiedlicher erkenntnisleitender Fragestellungen. Während sich die Sozialgeschichte mit den ökonomischen Verhältnissen verschiedener Epochen beschäftigte und insbesondere die Herausdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Bereich des Wirtschaftens problematisierte, wandte sich seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vor allem die neu belebte Kultur- und Mentalitätengeschichte dem Weltbild und der Alltagswirklichkeit von Frauen zu.
In derart motivierten Studien wird die Erforschung der materiellen Grundlagen und Beziehungen vergangener Gesellschaften an die Peripherie historischer Forschung gerückt und stattdessen die Untersuchung von Mentalitäten ins Zentrum akademischer Bemühungen gestellt. Dabei ist der Bedeutungskern dieses neuen historischen Leitbegriffs weitgehend unklar, differiert nicht nur von Forscherpersönlichkeit zu Forscherpersönlichkeit, sondern ändert sich auch parallel zum Zeitverlauf. Die jeweiligen sozialen und materiellen
3 Aktuelle einführende Überblicke über den beständigen Bedeutungsgewinn und -wandel des Begriffes “Kultur” innerhalb
der historischen Forschung finden sich einerseits bei Martin Dinges, Neue Kulturgeschichte, in: Joachim Eibach/ Günther
Lottes (Hg.), Kompass der Geschichtswissenschaft. Ein Handbuch, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2002, S. 179-
192; andererseits bei Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, 3. verb. Aufl.,
Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2002. Eine schon leichte überholte, aber intellektuell und theoretisch dennoch höchst
anspruchsvolle Herausforderung stellen die überaus anregenden Beiträge im folgenden Sammelband dar: Karl H. Hörning/
Rainer Winter (Hg.), Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1999.
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Lebenswelten historischer Subjekte sowie damit unmittelbar zusammenhängende Einstellungen und Wahrnehmungsweisen kollektiven Charakters und langer Dauer stehen ebenso im Zentrum der sich aus der französischen Annales-Geschichtsschreibung entwickelnden Mentalitäten- und Kulturgeschichte wie „die mentalen Dispositionen historischer Epochen“, „die Begriffe, mit denen sie ihre Weltdeutungen sprachlich ausdrücken, die Institutionen und Praktiken, mittels welcher die jeweiligen kulturellen Deutungs- und Wertesysteme zwischen den Generationen vermittelt werden“, „sowie Mythen und Glaubensvorstellungen aller Art“. 4
Zu den bemerkenswertesten Vertreter/innen dieser „nouvelle histoire“ gehören Historiker/innen wie Jaques Le Goff 5 , Roger Chartier, Georges Duby 6 , Natalie Zemon Davies, in einigen Aspekten Carlo Ginzburg 7 und auch Emmanuel Le Roy Ladurie, dessen eindrucksvolle Studie über das mittelalterliche Pyrenäendorf Montaillou die Hauptgrundlage der vorliegenden Arbeit bildet. 8 Dabei wird die Hauptmethodik dieser Forscher/innen vielfach mit der folgenden, überaus bedeutungsschweren, aber leider selten klar exemplifizierten Metapher umrissen, nach der historische Quellen in den Studien dieser Historiker/innen auf virtuose Art und Weise gegen den Strich gelesen werden. Was ist darunter zu verstehen? Insbesondere Emmanuel Le Roy Ladurie perfektionierte diese neuartige Form der Quellenbearbeitung, indem er nicht nur die tatsächlich inhaltlichen Hintergründe und Umstände von Quellen mit den Techniken traditioneller Quellenkritik analysierte, sondern vor allem auf den weiteren Kontext und den impliziten Hintergrund mittelalterlicher Quellen, also auf das Nichtgefragte und nicht explizit Aufgezeichnete, aber dennoch in ihnen Artikulierte einging. Über das intensive Studium der Protokolle von Verhandlungen eines Inquisitionsgerichts gelang ihm so die atemberaubende Rekonstruktion eines dörflichen Sozialkosmos durch die Aussagen der Dorfbewohner/innen selbst. Damit lieferte er einen unschätzbaren Einblick in den Alltag, die Sozialstruktur, die Lebens- und Denkweisen ganz gewöhnlicher Menschen des Spätmittelalters an der Schwelle vom 13. zum 14. Jahrhundert. Und natürlich werden in diesem Zusammenhang auch die Beziehungen der Geschlechter sowie die jeweiligen konkreten Lebensumstände von Frauen en detail thematisiert. Die Quellengrundlage dieser Studie sind Inquisitionsprotokolle, die der Bischof der Diözese von Pamiers, der spätere Papst Benedikt XII., zwischen 1318 und 1325 hat anfertigen lassen. Die Bauern und Bäuerinnen des Pyrenäendorfes Montaillou aus dem
4 Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte, S. 225.
5 Von Jaques Le Goff u.a. stammt auch das programmatische Grundlagenwerk der neuen Kultur- und Mentalitätengeschichte
mit dem Titel La nouvelle histoire, welches erstmals 1977 in Paris erschien und in Deutschland unter folgendem Titel
bekannt ist: Die Rückeroberung des historischen Denkens. Grundlagen der Neuen Geschichtswissenschaft, Frankfurt/M.
1990. In dieser Arbeit wird darüber hinaus auf das folgende, ebenfalls weit verbreitete Buch zurückgegriffen: Jaques Le Goff
(Hg.), Der Mensch des Mittelalters, Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch, 1997.
6 Georges Duby, Die Frau ohne Stimme. Liebe und Ehe im Mittelalter, 2. Aufl., Berlin: Wagenbach, 2002.
7 Carlo Ginzburg, Der Käse und die Würmer. Die Welt des Müllers um 1600, Berlin: Wagenbach, 1990.
8 Emmanuel Le Roy Ladurie, Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324, Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg,
1980.
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Arbeit zitieren:
Nico S. Koppo, 2003, Alltag und Leben französischer Frauen im Spätmittelalter. Versuch einer historischen Rekonstruktion unter besonderer Berücksichtigung der Studie Montaillou von Emmanuel Le Roy Ladurie, München, GRIN Verlag GmbH
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