1. EINLEITUNG
3
2. INTERPRETATION
4
2. 1 PROBLEM DES TITELS 4
2. 2 INHALTLICHE ANNÄHERUNG 5
2. 2 1 Gliederung des Textes 5
2. 2 2 Paris 6
2. 2 3 Florenz 7
2. 2 4 Problem der Erzählhaltung 9
2. 2 5 Mailand 9
3. EXPRESSIONISTISCHE TENDENZEN
11
3. 1 FORMAL 11
3. 2 INHALTLICH 12
4. PIERROT ALS MOTIV DER MODERNE
13
5. INHALTLICHE MOTIVE IN ANDEREN NOVELLEN AUS
FL ÖTEN UND DOLCHE
13
5. 1 PIPPO SPANO 14
5. 1 1 Der Dilettant des Fin de siècle 15
5. 1 2 Nietzsche'sche Skepsis gegenüber dem Künstler 15
5. 2 EIN GANG VORS TOR 15
6. ANSÄTZE BIOGRAFISCHER
DEUTUNGSM ÖGLICHKEITEN
16
7. SCHLUSS: DREI-MINUTE-NROMAN ALS ZEUGNIS DER
MODERNE
16
QUELLENVERZEICHNIS 18
LITERATURVERZEICHNIS 18
»Das Stück heißt ›Drei-Minuten-Roman‹, ist ein paar knappe Seiten lang, enthält in einem Erlebnis die ganze [Ä]sthetik der neueren Literatur, die doppelte [Ä]sthetik des Erlebens und des Gestaltens. Vielleicht ist das Geschlecht der naiven Dichter ausgestorben. Heute sind sie verklärte Analytiker, Anatome und Magier in einem.« 1 Heinrich Mann als Expressionisten zu bezeichnen, oder einen Teil seines umfangreichen Werkes dem Expressionismus zuordnen zu wollen, ist bestimmt nicht angebracht. Zum einen war er nicht Teil der expressionistischen Bewegung oder hat sich als solchen gesehen, zum anderen weil »[...] er rund zwanzig Jahre älter war als die expressionistische Generation.« 2 Allerdings hat, zumindest ein Teil dieser jungen Generation Heinrich Mann anerkannt, als »Meister, der uns alle schuf« 3 , wie es Gottfried Benn ausdrückte, wenngleich Benn sein Urteil später dahingehend revidieren sollte, dass er dieses Urteil nur auf einen kleinen Ausschnitt von Heinrich Manns Werk bezogen wissen wollte. 4 Und schon 1918 schrieb Kurt Tucholsky, den Hans-Jörg Knobloch damit als repräsentativ in seiner Einschätzung Heinrich Manns für die expressionistische Generation ansieht, dass »der alte Heinrich Mann, den wir alle verehrten, heute keine starke Zeile mehr schreiben kann.« 5
Dennoch hat Heinrich Mann sich in einigen seiner wenigen Theaterstücke versucht, dem Expressionismus anzunähern aber »[n]äher als mit ›Madame Legros‹ ist Heinrich Mann dem Expressionismus nie gekommen.« 6 Und so bestehen natürlich Berührungspunkte und Schnittflächen zwischen Heinrich Manns Arbeiten aus der Zeit des Expressionismus mit dieser Bewegung. Dass Otto F. Best den »Drei-Minuten-Roman« in die von ihm herausgegebene Anthologie der deutschen Literatur in den Teil des Expressionismus unter Verweis auf »Däublers berühmte Feststellung [...], wonach die Eigenart des Expressionismus sich durch die Volksweisheit definieren lasse: ›Wenn einer gehängt wird, so erlebt er im
1 Schickele 1911, Sp. 850.
2 Knobloch 1994, S. 114, m. w. Ausführungen über die Bedeutsamkeit dieses Umstandes.
3 Gottfried Benn: Rede auf Heinrich Mann, S. 417.
4 Knobloch 1994, S. 113, m. w. N.
5 Knobloch 1994, S. 121.
6 Knobloch 1994, S. 124.
3
letzten Augenblick sein ganzes Leben nochmals. Das kann nur Expressionismus sein!‹« 7 aufgenommen hat, ist zumindest ein Indiz für eine in diese Richtung gehende Rezeption einiger Mann'scher Texte. Hier soll im folgenden nicht versucht werden, den »Drei-Minuten-Roman« als expressionistischen Text zu reklamieren. Vielmehr sollen anhand einer Interpretation dieses kurzen Prosastückes Ähnlichkeiten, Überschneidungen und Übereinstimmungen inhaltlicher und stilistischer Art mit den Ideen und Formen des deutschen Expressionismus herausgestellt werden. Solche müssten sich schon auf Grund der zeitlichen Überschneidung der Entstehungszeit dieser Novelle und der expressionistischen Bewegung ergeben, geht man von Wahrnehmungsfaktoren der Zeit aus und setzt diese in Bezug zur künstlerischen Produktion, wie es beispielsweise Silvio Vietta in seinem Aufsatz 8 über den expressionistischen Reihungsstil tut.
Schon im Titel des Textes ist eine Vielzahl von Interpretationsperspektiven angelegt. Ein Roman wird dem Leser angekündigt, ein Roman von denkbarer Kürze. Manfred Durzak sieht in der Form dieses Textes einen Verweis auf die angelsächsische short story. 9 Beachtet man dabei, dass der Text einer von vieren aus dem Band »Flöten und Dolche« ist, der 1904 mit dem Untertitel »Novellen« erschien, so ist die Verwirrung über die vorliegende Textform komplett. Der eigentliche Widerspruch liegt aber natürlich in der contradictio des Titels. Der Roman steht für epische Breite, Tiefe, detailgenaue Schilderungen und Thema des Romans ist das Leben, das ganze Leben 10 ; in jedem Fall aber ist eine kurze Zeitspanne von wenigen Minuten kaum Stoff genug für einen Roman. Auf der anderen Seite, lässt sich ein Roman in seiner epischen Vielfalt und Bandbreite nicht auf einen Zeitraum von drei Minuten zusammenstreichen oder in einer solchen Kürze erzählen. »Drei-Minuten« steht also für Kürze, rasche Erzählung, Verknappung und Pointierung, zumal eines nur kurzen Ausschnittes. Wie also begründet der Text diesen Widerspruch?
7 Best 2000, S. 159.
8 Vietta 1974.
9 Durzak 1981, S. 10.
10 »Trotz allem! Welch ein Roman mein Leben ...« (Ausruf Napoleons auf St. Helena)
4
Auf sehr begrenztem Raum wird hier ein ganzes Leben erzählt, das allerdings nicht in seiner Gesamtheit und mit detailgenauen Schilderungen, sondern an exemplarischen Situationen aus dem Leben des Protagonisten. Dies geschieht in einer »[...] gestalterischen Ökonomie, [durch] die [...] nicht extensiv, sondern intensiv erzählt wird [...]«. 11 Statt langen ausmalenden Deskriptionen wird mit »einem einzigen komprimierten Satz, mit einem einzigen synkopischen Bild gearbeitet [...]«. 12
Die Bedeutung des Titels wurde zumeist in der Kürze des Textes erblickt 13 . Sieht man jedoch den Roman als ein literarisches Synonym für das Leben, so erschließt sich eine weitere Sinnebene des Titels. Der Protagonist ist im gesamten Text auf der Suche nach dem wirklichen Leben, fragt sich unablässig »Was ist Wirklichkeit[?]« (S. 82) 14 , nur um schließlich festzustellen, dass er von seinem ganzen Leben nur »fast eine Stunde« (S. 82) »[o]der wenigstens die erste halbe Stunde [...]« (S. 82) als wirklich empfunden hat. Die Essenz seines Lebens und damit sein ganzes Leben bestehen für den Protagonisten in dieser kurzen Zeitspanne, welche denn auch, wenngleich im erzählerischen Duktus der extremen Verknappung, sehr genau geschildert wird.
Hierin liegt sozusagen der Roman des Lebens des Protagonisten, in einer Zeitspanne von weniger als einer halben Stunde. Auf diese Zeitspanne verweisen die drei Minuten aus dem Titel und sind damit auch inhaltlich gedeckt und nicht nur stilistisch oder programmatisch.
Inhaltlich lässt sich der Text grob in drei Abschnitte untergliedern, die den unterschiedlichen geografischen Stationen entsprechen. Der Protagonist, der gleichzeitig der Erzähler ist, woraus sich, wie näher zu untersuchen sein wird, eine weitere Bedeutungsebene erschließt, schildert Situationen aus seinem Leben in Paris, Florenz und Mailand, wobei Mailand als seine »Heimatstadt« (S.
11 Durzak 1981, S. 12.
12 Ebd.
13 so Weisstein 1962, S. 204; Durzak 1981, S. 10f; Klein 1973, S. 25.
14 Seitenzahlen ohne weitere Angaben beziehen sich auf »Heinrich Mann. Studienausgabe in Einzelbänden: Flöten und Dolche«, Frankfurt a. M. 1988.
5
81) angegeben wird, aus der er anfangs nach Paris geht um schließlich dorthin zurückzukehren.
Der Protagonist berichtet sein Leben von dem Zeitpunkt, wo er das Elternhaus verlässt um das wirkliche Leben kennen zu lernen. Dazu geht er nach Paris, wo er sein Vermögen »ohne besondere Mühe in ganz kurzer Zeit an die Frau [bringt]«(S. 77), er sucht das wirkliche Leben im Genussstreben der ›feinen‹ Gesellschaft, in »oberweltliche[r] [Perspektive]« (S. 77 / 78), wovon er sich »literarische Vorteile« (S. 77) verspricht. Er umgibt sich dabei mit Frauen, die er aber offensichtlich nicht liebt, sondern die er für Geld ›kauft‹, bzw. führt er eine Beziehung zu einer Dame der Gesellschaft, »an der[en] Seite [...] [er] nur wie neben den zerfließenden Schleiern [s]einer Sehnsucht [...]« (S. 77) schreitet. Dies ist also durchaus keine Liebesbeziehung, da sie, wie die Art der Schilderung schon zeigt, keine Gegenseitigkeit, sondern nur ein Nebeneinander ist. Deutlich wird dies auch, wenn er sich auf einem Ball von einem fremden Mädchen einladen lässt um mit ihr die Nacht zu verbringen. Diese entpuppt sich als Betrügerin, die es nur auf sein Geld abgesehen hat. In ihrer Wohnung, die schon als zwielichtig geschildert wird, lässt sie ihn, nachdem er seinen Rock abgelegt hat, in einen Schacht fallen, von dem aus er nur noch beobachten kann, wie sie sich mit ihrem Komplizen über die Beute freut.
Die Wirklichkeitsfremdheit des Protagonisten wird hier erstmals besonders deutlich, da er statt erbost zu sein, die neu gewonnene Perspektive würdigt, die »traumfremd, traumschlimm« ist, der »[a]ber [etwas] Stillendes eignet« (S. 78). Diese kurze Szene wirkt wie ein Versatzstück aus der Trivialliteratur 15 , wenngleich nicht ohne ironisierte Brechung, die darin besteht, dass »sich [der] Erzähler der Ausmalung der stofflichen Reize dieser Episode völlig verweigert [...].« 16 Stilistisch folgt nun ein Kunstgriff, der dem Medium des Films entliehen scheint. Der Protagonist stürzt in Paris ab um sich in einem Kanal wieder zu finden, an dessen Ende sich Florenz befindet. An dieser Verkürzung »in der Art eines
15 Durzak 1981, S. 13.
16 Ebd.
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Arbeit zitieren:
M.A. Holger Ihle, 2001, Heinrich Manns Drei-Minuten-Roman als Beispiel expressionistischer Wirklichkeitsentfremdung und Sinnsuche, München, GRIN Verlag GmbH
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