Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 2
1. Wagners mittelalterlichen Quellen
1.1 Das Nibelungenlied Seite 3
1.2 Die Lieder-Edda und die Snorra-Edda Seite 5
1.3 Die Þiðreks Saga und die Völsunga Saga Seite 9
Seite 10 2 Wagners Sekundärliteratur
Seite 12 Zusammenfassung
Seite 14 Literaturverzeichnis
Einleitung Gegenstand dieser Arbeit ist Richard Wagners Rezeption des Nibelungenstoffes in Form seiner 1863 zum ersten Mal offiziell erschienenen Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Bei der Schaffung dieses Werkes hat Wagner eine Technik verwendet, die Volker Mertens „Mythensynthese“ nennt und folgendermaßen beschreibt: „Er fügt eine Zahl unterschiedlicher, teils aus verschiedenen Traditionen stammender, teils selbsterfundener Mythen zusammen zu seinem neuen Mythos“ 1 . Im folgenden sollen zunächst die wichtigsten der mittelalterlichen Quellen, auf die Wagner bei der Schaffung dieses neuen Mythos zurückgegriffen hat, und die Art und Weise, wie er dabei mit diesen Quellen umgegangen ist, genauer betrachtet werden. Des weiteren werden Texte aus der wissenscha ftlichen Literatur zu Wagners Zeit und die Art und Weise, wie diese Texte möglicherweise seine Schaffensweise beeinflusst haben, zu untersuchen sein.
Eine Übersicht über die mittelalterlichen Quellen, die dem Ring zugrunde liegen, und über die wissenschaftlichen Texte, die bei der Entstehung dieses Werkes von Bedeutung waren, hat Wagner selbst in Form eines Briefes erstellt, den er am 9. Januar 1856 an den Weimarer Regierungsrat Franz Müller schrieb. Dieser hatte um Auskunft über die für den Ring von Wagner verwendete Literatur gebeten, und Wagner schickte ihm daraufhin folgende Liste:
1. „Der Nibelungen Noth u. die Klage“ herausgegeb. von Lachmann.
2. „Zu den Nibelungen etc.“ von Lachmann.
3. Grimm’s Mythologie.
4. „Edda“.
5. „Volsunga-Saga“ (übersetzt von Hagen-Breslau).
6. „Wilkinga- und Niflungasaga“. (ebenso.-)
7. Das deutsche Heldenbuch – alte Ausgabe. auch erneuert von Hagen. – Bearbeitet in 6 Bänden von Simrock.
8. „die Deutsche Heldensage“ von Wilh. Grimm.
9. „Untersuchungen zur deutschen Heldensage“ von Mone – (sehr wichtig.) 10. „Heimskringla“ – übersetzt von Mohnike. (glaub’ ich!) (nicht von Wachter – schlecht!) 2
1 Mertens, Volker, „Richard Wagner und das Mittelalter“, in: Richard-Wagner-Handbuch, hg. v. Ulrich Müller und Peter Wapnewski, Stuttgart: 1986, S. 19- 59, Zitat S. 39 2 Wapnewski, Peter, Weißt du wie das wird...? Richard Wagner. Der Ring des Nibelungen, 2. Auflage, München: 1996, S. 37
2
1. Wagners mittelalterlichen Quellen
1.1 Das Nibelungenlied
Wie aus dem Bestand seiner seit 1842 zusammengestellten Bibliothek, der Dresdener Bibliothek, die sich seit 1971 weitgehend vollständig im Richard-Wagner-Archiv in Bayreuth befindet 3 , eindeutig hervorgeht, kannte Wagner den Text des
Nibelungenliedes nicht nur aus Karl Lachmanns Ausgabe von 1826 (Nr. 1 auf seiner Liste) und aus dem Kommentar und dem Wörterbuch von Lachmann und Wilhelm Wackernagel aus dem Jahre 1843 (Nr. 2 auf der Liste), sondern außerdem aus Karl Simrocks neuhochdeutscher Übersetzung von 1843 4 .
Das wahrscheinlich um 1200 im heutigen Österreich in mittelhochdeutscher Sprache anonym niedergeschriebene und in 39 Kapitel gegliederte Epos zerfällt inhaltlich in zwei Teile, von denen Wagner nach Ulrich Müller „hinsichtlich der
Handlungsführung nur den ersten verwendet hat“ 5 . Die Ereignisse, die sich um Siegfrieds Ermordung durch Hagen ranken, sind aus diesem ersten Teil des Nibelungenliedes übernommen und bilden den Handlungsablauf von Siegfrieds Tod 6 (später hieß das Stück dann Götterdämmerung), das für Wagner, der zunächst kein mehrteiliges Drama geplant hatte, den Ausgangspunkt für das Entstehen seiner Tetralogie darstellte. 7 Entsprechend ist dieser zuerst entstandene Teil des Ringes vom mittelhochdeutschen Nibelungenlied, das wiederum den Ausgangspunkt für Wagners Beschäftigung mit dem Nibelungenstoff darstellte, am stärksten geprägt. So sind z. B. die Namen wesentlicher Personen in der Götterdämmerung und im Siegfried
3 Vgl. Müller, Ulrich/ Panagl, Oswald, Ring und Gral. Texte, Kommentare und Interpretationen zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, „Tristan und Isolde“, „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Parsifal“, Würzburg: 2002, S. 61 4 Vgl. ebd., S. 65 Curt von Westernhagen hat den Bestand der Dresdener Bibliothek katalogisiert in seinem Buch Richard Wagners Dresdener Bibliothek 1842 bis 1849, Wiesbaden: 1966 5 Müller, Ulrich/ Panagl, Oswald, Ring und Gral, S. 64 6 Vgl. Spencer, Steward, „Engi má við sköpum vinna. Wagner’s Use of his Icelandic Sources”, in: Wagner’s Ring and Its Icelandic Sources, hg. v. Úlfar Bragason, Reykjavík: 1995, S. 55- 76 7 Erst nachdem sein Freund Eduard Devrient, ein erfahrener Theatermann, an Siegfrieds Tod kritisiert hatte, das Stück enthalte zu viel epische Rückschau, entschloss sich Wagner im Mai 1851, da er auf die Vorbegründung der Geschehnisse in Siegfrieds Tod nicht verzichten wollte, ein zweites Stück, Der junge Siegfried (später Siegfried), zu verfassen, das die Jugend seines Helden zum Inhalt haben sollte. Schon kurz nachdem sein Entwurf zu diesem zweiten Drama im Juni 1851 fertig war, merkte Wagner jedoch, dass auch das zur Vorbegründung der von ihm dargestellten Ereignisse nicht genügen würde, und in seiner Mitteilung an meine Freunde, die er im Juli desselben Jahres verfasste, schrieb er dann bereits, er beabsichtige, seinen Mythos „in drei vollständigen Dramen vorzuführen, denen ein großes Vorspiel vorauszugehen hat.“ (Wagner, Richard, Eine Mitteilung an meine Freunde, in: Richard Wagner. Dichtung und Schriften, S. 324) Auf diese Weise entstand Wagners Ring im „Krebsgang“ wie Peter Wapnewski es ausdrückt, also beginnend beim letzten Teil Siegfrieds Tod über Der junge Siegfried und die Walküre zum ersten Teil Das Rheingold, der jedoch in Wagners Schaffensprozess als letztes entstanden ist (vgl. Wapnewski, Peter, Der traurige Gott, S.119).
3
identisch mit denen aus dem ersten Teil des Nibelungenliedes (Gunther, Hagen 8 ).
Auf den zweiten Teil des mittelalterlichen Epos hat Wagner nur vereinzelt zurückgegriffen. Als wichtige Anregungen wären die Donau- Nixen (bei Wagner die Rheintöchter) und Hagens nächtliche Wacht (bei Wagner zu Beginn des zweiten Aufzugs in der Götterdämmerung 9 ) zu nennen. Vieles aus dem Nibelungenlied hat
Wagner jedoch auch völlig weggelassen, beispielsweise Siegfrieds königliche Herkunft sowie das gesamte höfische Ambiente. 10
Im Laufe seiner Beschäftigung mit dem Nibelungenstoff und seines zur Vorbegründung immer weiter zurückgreifenden Ausbaus der Ringdichtung nahm Wagner mehr und mehr Abstand vom Nibelungenlied. Für ihn gehörte dieses Epos „in die Dimension der Geschichte“ wie Jürgen Kühnel es ausdrückt, da es „nicht herauslösbar aus einer ganz bestimmten historischen - sozial- und kulturgeschichtlichen - Situation“ 11 war. Die „Wirklichkeit des Lebens künstlerisch
darzustellen“, ist jedoch Wagners Auffassung zufolge, wie er in seiner 1851 fertiggestellten ästhetischen Schrift Oper und Drama deutlich darlegt, nicht die Aufgabe des Dramas, sondern die des „schildernden, beschreibenden Romane[s]“ 12 .
In seiner Konzeption stellt „der Roman [...] den Mechanismus der Geschichte dar“, das Drama dagegen, das auf dem Mythos gründet, „gibt uns den Menschen“ 13 . In der
ebenfalls 1851 verfassten Schrift Eine Mitteilung an meine Freunde schreibt er: Um meinen Helden, und die Verhältnisse, die er mit ungeheurer Kraft zu bewältigen strebt, um endlich selbst von ihnen überwältigt zu werden, zu einem deutlichen Verständnisse zu bringen, musste ich mich, gerade dem geschichtlichen Stoffe gegenüber, zum Verfahren des Mythos hingedrängt fühlen: die ungeheure Masse geschichtlicher Vorfälle und Beziehungen, aus der doch kein Glied ausgelassen werden durfte, wenn ihr Zusammenhang verständlich zu überblicken sein sollte, eignete sich weder für die Form, noch für das Wesen des Dramas. Hätte ich dieser notwendigen Forderung der Geschichte entsprechen wollen, so wäre mein Drama ein unübersichtliches Konglomerat von dargestellten Vorfällen geworden 14 .
8 Vgl. Müller, Ulrich/ Panagl, Oswald, Ring und Gral, S. 59 9 Vgl. Wagner Richard, Götterdämmerung. Textbuch mit Varianten der Partitur, hg. v. Egon Voss, Stuttgart: 2002 (Universal Bibliothek; Nr. 5644) 10 Vgl. ebd., S. 72 11 Kühnel, Jürgen, Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Stoffgeschichtliche Grundlagen. Dramaturgische Konzeption. Szenische Realisierung, Siegen: 1991 (Forum Siegen Beiträge; Heft 4), S. 11 12 Wagner, Richard, Oper und Drama, in: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften, hg. v. Dieter Borchmeyer, Band VII: Oper und Drama, Frankfurt a. M.: 1983, S. 167 13 Ebd., S. 170 14 Wagner, Richard, Eine Mitteilung an meine Freunde, in: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften, hg. v. Dieter Borchmeyer, Band VI: Reformschriften 1849- 1852, Frankfurt a. M.: 1983, S.199- 325, Zitat S. 291
4
Quote paper:
Nora Pröfrock, 2003, Richard Wagners Mythensynthese im Ring des Nibelungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Wagners Streben nach dem Gesamtkunstwerk - Oper und Drama und Lohengri...
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Der START-Prozess: Chance oder Risiko für Russland
Politics - International Politics - Region: Russia
Termpaper, 30 Pages
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (MT 20,1-16)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 36 Pages
Analyse des Märchens "Rumpelstilzchen" nach Max Lüthi
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
Exoleti, pueri meritorii et pulchri - Die männliche Prostitution im an...
History - World History - Early and Ancient History
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Probleme der Verschriftung des Althochdeutschen
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos "Der Name der Rose"
German Studies - Comparative Literature
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Aspekte des Globalisierungsprozesses der Weltwirtschaft
Economics - International Economic Relations
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Ukraine und Weißrussland als energiepolitische Pufferzone zwischen Rus...
Wirtschaftliche, soziale und m...
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Scholary Paper (Seminar), 27 Pages
Was ist angeboren, was ist anerzogen? Die Anlage-Umwelt-Kontroverse au...
Pedagogy - Pedagogic Psychology
Termpaper, 30 Pages
Von Wagner kommend, zu Wagner kehrend - Verismo als theatraler Akt
Scholarly Essay, 14 Pages
Die Kyffhäusersage - Ein Beispiel für die Mittelalterrezeption im wilh...
German - History of Literature, Eras
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Die phönizische Schrift - Ein Meilenstein in der Schriftgeschichte
Library Science, Information- / Documentation Science
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 15 Pages
Der europäische Rat und Ministerrat
Politics - International Politics - Topic: European Union
Scholary Paper (Seminar), 11 Pages
Nora Pröfrock's text Richard Wagners Mythensynthese im Ring des Nibelungen is now available as a printed book
Nora Pröfrock has published the text Richard Wagners Mythensynthese im Ring des Nibelungen
Nora Pröfrock has uploaded a new text
Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen"
Europäische Traditionen und Pa...
Isolde Schmid-Reiter
Die Walküre. Erster Tag. Der Ring des Nibelungen
Textbuch mit Varianten der Par...
Richard Wagner, Egon Voss
Götterdämmerung. Dritter Tag. Der Ring des Nibelungen
Textbuch mit Varianten der Par...
Richard Wagner, Egon Voss
Richard Wagner for the New Millennium: Essays in Music and Culture
Alex Lubet, Matthew Bribitzer-Stull, Gottfried Wagner
0 comments