Der Gorbatschowbesuch in Bonn im Juni 1989 als Wendepunkt in den deutsch-sowjetischen
Beziehungen und die Revision des sowjetischen Verhältnis zur DDR. Gorbatschows Interesse
an wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit mit der BRD. War die DDR damit
abgeschrieben? Welche Bedeutung kommen Gorbatschows Aussagen, die deutsche Frage
betreffend oder der „Gemeinsamen Erklärung“ und generell dem „Neuem Denken“ in der
sowjetischen Außenpolitik zu? Konnte der positive Eindruck von der BRD später die
Aufnahme von Verhandlungen über die Wiedervereinigung erleichtern?
Vorwort
Wie die Überschrift bereits andeutet, sollen sich die folgenden Ausführungen im wesentlichen
auf 1989 beschränken. Es ist ohne Zweifel das entscheidende Jahr, auch wenn die Deutsche
Einheit erst am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde und die Voraussetzungen bereits vor 1989
geschaffen bzw. der Weg dahin beschritten waren.
Mithin gilt der Besuch des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow vom 12. bis 15. Juni 1989
in Bonn als wichtige Etappe der Wiedervereinigung. Diesbezüglich soll hier die Bedeutung
des Staatsbesuchs erörtert werden.
Bevor im zweitem Abschnitt die veränderten Rahmenbedingungen der späten 80er Jahre
Beachtung erfahren, wird zuvor einleitend auf Forschungsstand und Quellenlage eingegangen.
Unter der für diese Arbeit verwendeten Literatur sind vor allem das Buch Rafael Biermanns1
und die verschiedenen Beiträge Fred Oldenburgs 2 hervorzuheben.
Im Anschluss steht der Staatsbesuch Gorbatschows in Bonn 1989 und die jeweiligen
Beziehungen der beiden deutschen Staaten zur Sowjetunion im Mittelpunkt der Erörterung.
Das Klima des Besuchs, Verlautbarungen und abgeschlossene Verträge weisen auf die Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Bundesrepublik für die
UdSSR hin. Darüber hinaus erlauben die Ergebnisse auch Rückschlüsse auf den Einfluss des
Treffens hinsichtlich der weiteren Entwicklung sowjetischer Deutschlandpolitik.
[...]
1 Biermann, R.: Zwischen Kreml und Kanzleramt. Wie Moskau mit der deutschen Einheit rang, 2. Aufl., Paderborn 1998.
2 Oldenburg, F.: Die Deutschlandpolitik Gorbatschows 1985-1991, in: Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche
und internationale Studien, Bd. 17, Köln 1992.
Oldenburg, F.: Die Erneuerung der sowjetischen Deutschlandpolitik in der Phase der Wiedervereinigung, in: Berichte des
Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Bd. 22, Köln 1998.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Forschungsstand und Quellenlage
2. Rahmenbedingungen deutschlandspolitischer Veränderungen: die Sowjetunion als Bestandsgarant der DDR
2.1. Deutsches Selbstbestimmungsrecht und die Vier-Mächte-Rechte
2.2. Die Ablösung der Breschnew-Doktrin durch Neues Denken in der sowjetischen Außenpolitik
3. Der Gorbatschow Besuch und die deutsche Frage
3.1. Die Beziehungen der Deutschen Demokratischen Republik zur Sowjetunion im Vorfeld des Staatsbesuchs Gorbatschows im Juni 1989 in Bonn
3.2. Besuchsvorbereitungen: Die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zur Sowjetunion
3.3. Der Besuchsverlauf
3.4. Gorbatschows Ambivalenzen in der deutschen Frage
4. Der weitere Verlauf bis zum Sturz Honeckers
4.1. Die Reaktion der DDR-Regierung auf den Besuch Gorbatschows in Bonn
4.2. Primat der Solidarität mit der SED
4.3. Gorbatschow in Ostberlin
4.4. Der Sturz Honeckers und Ausblick auf das Ende der DDR
Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Deutschlandpolitik der Sowjetunion im Jahr 1989, insbesondere unter dem Aspekt, wie der Besuch Michail Gorbatschows in Bonn im Juni 1989 die Beziehungen zu den beiden deutschen Staaten beeinflusste und inwieweit er als Wendepunkt für die deutsche Wiedervereinigung fungierte.
- Die Veränderung der sowjetischen Außenpolitik durch das "Neue Denken" und die Abkehr von der Breschnew-Doktrin.
- Die Dynamik der deutsch-sowjetischen Beziehungen im Vorfeld und während des Staatsbesuchs 1989.
- Die widersprüchliche Haltung Gorbatschows zwischen diplomatischer Öffnung gegenüber der BRD und der Festhalten an der Stabilität der DDR.
- Die Auswirkungen der politischen Veränderungen in der Sowjetunion auf den inneren Zusammenbruch der SED-Herrschaft bis zum Sturz Honeckers.
Auszug aus dem Buch
3.4. Gorbatschows Ambivalenzen in der deutschen Frage
Im Rückblick erscheint es bemerkenswert, wie energisch sich Gorbatschow zwischen 1984 und 1986 gegen eine weitere Annäherung der beiden deutschen Staaten ausgesprochen hatte. Konföderationsangebote und –planungen scheinen nicht zu seinen Optionen gehört zu haben.
Hingegen schrieb der ehemalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse in seinem Buch „Die Zukunft gehört der Freiheit“, „dass ihm bereits 1986 klar gewesen sei, dass die deutsche Frage in allernächster Zeit zum wichtigsten Problem in Europa werden würde“.
Offiziell sprach Moskau aber zu dieser Zeit noch von der Wahrung des Status quo und datiert eine wie auch immer geartete Zusammenführung der beiden deutschen Staaten in eine ferne, über ein Menschenleben hinausgehende, Zukunft. So wurde Gorbatschows Äußerung, während der Weizäcker-Visite in Moskau vom 6. bis 11. Juli 1987 nach der er meinte: „Was mit ihnen in hundert Jahren sein wird, entscheidet die Geschichte ... . Die beiden deutschen Staaten sind politische Realität.“, recht unterschiedlich interpretiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Forschungsstand und Quellenlage: Darstellung der Archivmaterialien und biographischen Schriften, die für die Untersuchung der deutsch-sowjetischen Beziehungen 1989 relevant sind.
2. Rahmenbedingungen deutschlandspolitischer Veränderungen: die Sowjetunion als Bestandsgarant der DDR: Analyse der sowjetischen Außenpolitik unter dem Aspekt des "Neuen Denkens" und der Völkerrechtsänderungen, die eine Abkehr von der Breschnew-Doktrin einleiteten.
3. Der Gorbatschow Besuch und die deutsche Frage: Untersuchung des Staatsbesuchs Gorbatschows in Bonn 1989, der als politischer Wendepunkt die Dynamik der Beziehungen zwischen Moskau, Bonn und Ostberlin veränderte.
4. Der weitere Verlauf bis zum Sturz Honeckers: Analyse der zunehmenden Destabilisierung der DDR, der sowjetischen Reaktionen darauf und der schließlichen Entmachtung Erich Honeckers im Oktober 1989.
Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Bewertung der Rolle Gorbatschows bei der Ermöglichung der deutschen Einheit durch den Verzicht auf militärische Interventionen.
Schlüsselwörter
Michail Gorbatschow, DDR, Bundesrepublik Deutschland, Deutschlandpolitik, Sowjetunion, Wiedervereinigung, 1989, Neues Denken, Breschnew-Doktrin, Erich Honecker, Staatsbesuch, Bonn, Selbstbestimmungsrecht, Reformpolitik, Kalter Krieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sowjetische Deutschlandpolitik während des entscheidenden Jahres 1989, fokussiert auf die Auswirkungen des Staatsbesuchs von Michail Gorbatschow in Bonn.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind der Wandel des sowjetischen Außenpolitikverständnisses, die Dreiecksbeziehung zwischen Moskau, Bonn und Ostberlin sowie die schrittweise Destabilisierung der DDR-Führung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu erörtern, ob der Gorbatschow-Besuch in Bonn 1989 als direkter Auslöser oder Wendepunkt für die deutsche Wiedervereinigung betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse historischer Dokumente, Gesprächsprotokolle und zeitgenössischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Rahmenbedingungen, die detaillierte Betrachtung des Bonner Staatsbesuchs 1989 sowie den Prozess der Destabilisierung der SED-Herrschaft bis zum Sturz Honeckers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Gorbatschow und der Wiedervereinigung sind Begriffe wie das "Neue Denken", das Selbstbestimmungsrecht und die Rolle der DDR als sowjetischer Verbündeter prägend.
Warum hielt Gorbatschow lange Zeit an Honecker fest?
Trotz Reformbedarf sah Gorbatschow die DDR als geostrategisch wichtigsten Verbündeten im Warschauer Pakt und als Vorzeigeobjekt des Sozialismus, das er nicht destabilisieren wollte.
Welche Bedeutung hatte das Dokument "Gemeinsame Erklärung"?
Es markierte einen politischen Erfolg, da erstmals ein westlicher Staat die Prinzipien der neuen sowjetischen Außenpolitik in einem bilateralen Abkommen unterstützte und dabei auch das Recht auf Selbstbestimmung explizit Erwähnung fand.
- Quote paper
- Karina Hoffmann (Author), 2001, Gorbatschow und die Deutschen im Entscheidungsjahr 1989., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20307