1 Vorwort
Die Aufgabe des Kindergartens in der Vorbereitung des Kindes auf den Schul- beginn ist momentan und auch in Zukunft ein brisanteres Thema denn je. Die- ses ist bedingt durch das für Deutschland bedenkliche Ergebnis der PISA- Studie, indem 15-jährige in 31 Ländern über Basiskompetenzen in den Berei- chen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaft untersucht wurden. Von 31 teilnehmenden Ländern erreichte Deutschland im Bereich Mathematik und Naturwissenschaft Platz 20, im Bereich Leseverständnis nur Platz 21.
Mit dem Schulanfang beginnt das Kind seinen Weg im Schulsystem. Der Schuleintritt ist für Kinder, aber auch für deren Eltern ein besonderer Schritt zu einem neuen Lebensabschnitt.
In personeller, zeitlicher, räumlicher und vielfach auch inhaltlicher Hinsicht müs- sen sich die Kinder neu orientieren.
Unter ungünstigen Bedingungen kann der Schulbeginn zu einer “Bruchstelle“ in der Biographie eines Kindes werden: schlechte äußere Bedingungen, wie große Klassen, knappe Zeit und ein nicht auf die Kinder abgestimmter Tages- und Wochenrhythmus, sowie eine stoff- und lehrerzentrierte Unterrichtsgestaltung können dazu führen, dass manche Kinder schon am Anfang am liebsten wieder weglaufen würden. Welche Möglichkeiten hat der Erzieher/in diese Situation zu vermeiden?
Schorch analysiert in seinem Buch „Grundschulpädagogik – Eine Einführung“ diese Problematik folgendermaßen:
„Die Schule behandelt das Kind, als käme es mit dem Eintritt ins Schulzimmer neu auf die Welt. Sie setzt nicht fort, sondern bricht ab und fängt etwas ganz Neues von vorn an. Was dabei zugrunde geht, hat sie, selbst wenn sie es woll- te, im ganzen Verlauf des Schullebens nicht die Macht zu ersetzen.“ 1
Um diesem Zitat entgegenzuwirken, ist die Zusammenarbeit von Erziehern und Lehrern von großer Bedeutung.
1 Schorch, G., S. 81
1
Die Freude der Kinder auf die Schule und ihre Bereitschaft, selbst zum Geli n- gen des Schulanfangs beizutragen, verpflichten alle Verantwortlichen, am Schulanfang günstige Bedingungen zu schaffen.
„Betrachtet man die Voraussetzungen für einen guten Schulstart zunächst vom Kinde aus, sind die Bedingungen in der Regel durchaus günstig: Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule, sie sind neugierig und wi ssensdurstig, warten ungeduldig darauf, endlich lesen, schreiben und rechnen zu lernen bzw. schon erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse anzuwenden und vorzeigen zu dürfen. Weitgehend ist die grundsätzliche Bereitschaft vorhanden, sich auf die Anforde- rungen der Schule einzulassen. Wenn es zu Schwierigkeiten und Krisen kommt, werden die Ursachen deshalb nicht einseitig beim Kind zu suchen sein, sondern in der strukturellen Wechselbeziehung zwischen kindlichen Vorausset- zungen und den institutionell-gesellschaftlichen Bedingungen der Schule.“ 2
Durch dieses Zitat von Schorch wird deutlich, dass alle Kriterien zur optimalen Vorbereitet des Kindes auf seinen neuen Lebensabschnitt berücksichtigt wer- den sollten. Inwieweit der Kindergarten dazu beitragen kann, soll im Laufe die- ser Arbeit deutlich gemacht werden.
2 Schorch, G., S. 81
2
2 Methodisches Vorgehen
Ziel unserer Hausarbeit ist es, die Aufgabe des Kindergartens in der Vorberei- tung des Kindes a uf den Schulbeginn darzustellen.
Im Folgenden Kapitel möchten wir daher die Aufgaben und Ziele des Kindergar- tens näher betrachten, um so einen Einblick über deren pädagogische Arbeit zu geben. Hier sollen auch die zeitlich bedingten Veränderungen der Kindergar- tenarbeit deutlich gemacht werden. Ebenso möchten wir auf die praktizierte Schulvorbereitung eingehen.
Von großer Bedeutung ist die unter Punkt vier genannte Zusammenarbeit von Elternhaus, Kindergarten und Grundschule, welche eine Grundvoraussetzung für die Arbeit als Erzieher darstellt, sowie einen bruchlosen Übergang vom Kin- dergarten in die Grundschule für das Kind gewährleistet. Durch das Gespräch mit einem Schulleiter haben wir erfahren, was „seine“ Grundschule vom Kinder- garten erwartet und wie die Eingewöhnungsphase hier verläuft.
Anschließend möchten wir praktische Erfahrungen miteinbeziehen. Daher war es von enormer Effektivität, dass wir die Möglichkeit hatten, mit Erzieher/innen einer Kindertagesstätte und Lehrern einer Grundschule zu sprechen. Wir durften erfahren, wie der Kindergarten die zukünftigen Schulanfänger vor- bereitet und wie intensiv die Kooperation zwischen den beiden Institutionen ver- läuft.
Durch die Gespräche und das uns zur Verfügung gestellte Material, konnten wir differenzierte Einblicke in ihre pädagogische Arbeit gewinnen und uns ein Bild darüber machen, wie sie mit der “Übergangsproblematik“ umgehen.
Abschließend erfolgt in dieser Arbeit eine Ergebniszusammenfassung, sowie eine persönliche Stellungnahme.
3
3 Richtlinien: Aufgaben und Ziele des Kindergartens
3.1 Veränderte Aufgaben und Ziele der Kindergartenarbeit
In Deutschland ist es zum Selbstverständnis geworden, dass ein Kind in den Kindergarten geht. Es sollte allerdings nicht vergessen werden, welch einen „steinigen“ Weg der Kindergarten in seiner Geschichte gehen musste. 3
Die Aufgabe des Kindergartens im frühen 19 Jahrhundert, im Zeitalter der I n- dustrialisierung war die Aufbewahrung von Kindern sozialschwacher Familien. Erst im Jahre 1840 gründete Fröbel (1782 – 1852) den ersten deutschen Kin- dergarten. Fröbels deutscher Begriff Kindergarten wurde in viele Sprachen ü- bernommen. In seinem Aufruf zur Gründung heißt es:
„Wie in einem Garten unter Gottes Schutz und unter der Sorgfalt erfahrener, einsichtiger Gärtner, im Einklange mit der Natur, den Gewächsen, die gepflegt werden, so sollen hier die edelsten Gewächse, Menschen, Kinder, als Keime und Glieder der Menschheit in Übereinstimmung mit sich, mit Gott und der Na- tur erzogen werden.“ 4
Hier wird deutlich, dass der Kindergarten seiner Ansicht nach nicht nur zur rei- nen Aufbewahrung dienen sollte, sondern als Bildungseinrichtung mit pädago- gischen Fachkräften. Fröbel hat als Schüler Pestalozzis seine Gedanken der mütterlichen Erziehung weitergeführt und sein Prinzip der Selbstständigkeit durch seine Bildungsphilosophie vertieft. 5
Doch welche Aufgaben hat der Kindergarten heute? Eine Antwort auf diese Frage bildet die Komplexität. Der Aufgabenbereich des Kindergartens hat heut- zutage darüber hinaus, aufgrund der Industrialisierung, veränderten gesell- schaftlichen und familiären Strukturen, der Mediatisierungsfaktoren, welche kurz unter dem Begriff „veränderte Kindheit“ zusammengefasst werden, an Komplexität gewonnen.
3 vgl. Huppertz, Schnizler, 1995, S. 322
4 Kindergarten Heute, S. 12
5 vgl. Kindergarten Heute, 1995/96, S. 12
4
So hat der Kindergarten einen Bildungsauftrag, welcher entscheidend zur Ent- faltung der menschlichen Persönlichkeit beiträgt und heutzutage wie folgt von Krenz definiert wird:
„Der Bildungsauftrag des Kindergartens besteht in einer ganzheitlichen Unter- stützung der Handlungs-, Bildungs-, Leistungs- und Lernfähigkeit von Kindern unter besonderer Berücksichtigung kultureller Werte und religiöser Erfahrungen. Dieser Bildungsauftrag ist nur einzulösen bei bewusster Ablehnung eines schulvorgezogenen Arbeitens und bei oberster Wertschätzung des Spiels.“ 6
Daher dient der Kindergarten nicht der alleinigen Behütung des Kindes, bedingt durch die Berufstätigkeit der Eltern, sondern hat den Auftrag, das Kind in seiner individuellen Entwicklung zu begleiten und zu erziehen. Darüber hinaus ist die ursprüngliche Definition um die Aspekte der Leistungsfähigkeit, sowie um kultu- relle und religiöse Werte erweitert worden.
Der Kindergarten fördert grundsätzlich die gleichen Kompetenzen, welche auch die Eltern in der Familienerziehung anstreben (sollten); jedoch ist hierbei zu beachten, dass der Kindergarten mit seinen professionell arbeitenden Erzie- hern, deren pädagogischen Ansätzen und mit den Möglichkeiten innerhalb einer Gruppe von mehren Kindern gezieltere Aufgaben übernimmt.
Folgende Bereiche sollten im Kindergarten behandelt werden 7 : → Religiöse Erziehung im Elementarbereich → Sozialerziehung und Persönlichkeitsbildung → Denkerziehung → Spracherziehung → Ästhetische Elementarerziehung → Spielendes Hantieren und Gestalten im Elementarbereich → Elementare Musik- und Bewegungserziehung → Rhythmische Erziehung im Elementarbereich → Sport in der Elementarerziehung
6 Krenz, A.: S. 37
7 Bayrisches Staatsministerium, 1984, S. 11
5
→ Umwelt und Sachbegegnung → Verkehrserziehung – Sicherheitserziehung
Die Diplompädagogin Naegele beschreibt dieses in ihrem Buch „Schulfanfang Heute“ wie folgt:
Erzieher „geben Zeit und Raum für Bewegung, d.h. für die Entwicklung der mo- torischen Kräfte. In enger Verbindung damit werden die Beziehungen der Kin- der untereinander und zu den Erziehern gepflegt, somit der wichtige emotional- soziale Bereich. Zugleich erhalten die Kinder die notwendigen Anregungen für das Sprechen und Denken, also für die kognitiven Fähigkeiten, ebenso für krea- tives Gestalten in künstlerischer Hinsicht. 8 “
In diesem Zitat werden die drei Hauptakzente der Arbeit im Kindergarten darge- stellt. Zum einen das Ziel, die Kinder motorisch zu fördern. Dieses ist vorrangig bei Bewegungsspielen, z.B. in der Turnhalle oder bei feinmotorischen Übungen am Maltisch möglich. Weiter den emotional-sozialen Bereich, welcher durch das Zusammenleben in der Gruppe gestärkt wird. Und das kognitive Lernen, das sowohl durch das Sprechen im Stuhlkreis als auch durch verschiedene Spiele erfahren werden soll.
Diese der Bereiche können während des gesamten Tages im Kindergarten in alltäglichen Situationen beobachtet werden. Dabei sollte den Auffälligkeiten ein besonderer Stellenwert beigemessen werden. Die motorische, emotional - soziale und die kognitive Stärkung ist für den weiteren Lebensweg von enormer Bedeutung.
Auch auf Grund der bereits zuvor erwähnten „veränderten Kindheit“ ist der Kin- dergarten ein Ort, an dem das soziale Lernen im Vordergrund steht, Kinder die Regeln des sozialen Miteinanders in der Gruppe lernen und verstärkt Kinder- freundschaften geschlossen werden. Der Kindergarten ist ein Lebens- und Spielraum, indem einige Kinder zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben auf Gleichaltrige treffen.
8 Naegele, Haarmann, 1999, S. 71
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Quote paper:
Nina Hebrock, 2003, Übergang Kindergarten - Grundschule, Munich, GRIN Publishing GmbH
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