Pressesprachlicher Wortschatz Nadine Hoffmann -3-
Einleitung
Seit der Entstehung der Printmedien wettern Philosophen und Sprachpfleger, Lehrer und Dichter gegen den Sprachgebrauch der Journalisten. Schopenhauer wendet sich beispielsweise in seinem Werk „Parerga und Paralipomena“ (1851) erbittert gegen die „Zeitungsschreiberei“ und deren „Sprachverhunzungen“, die er in der Verwendung des ein oder anderen „nicht bei guten Schriftstellern anzutreffenden Wortes“ entdeckt. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Goethe 1801 bereits moniert, dass Wörter, „mit denen nur das Beste bezeichnet werden sollte als Phrasen“ angewendet werden, „um das Mittelmäßige oder wohl gar das Geringe zu maskieren.“ Derartige Äußerungen lassen auf die Existenz einer speziellen Pressesprache schließen, was im folgenden zu prüfen ist. Wie könnte sie entstehen und wo liegen gegebenenfalls ihre Besonderheiten? Aus diesen Überlegungen wird daraufhin eine geeignete Vorgehensweise erarbeitet, um sich den Besonderheiten eines pressesprachlichen Wortschatzes – hier insbesondere dem der spanischen Presse – anzunähern und dessen Auswirkungen auf die Umgangs- bzw. Normsprache zu untersuchen.
1. Zur Problematik der Bezeichnung „Pressesprache“
1.1. Die Heterogenität des Begriffs „Presse“
„Presse“ ist ein sehr weitgefächerter Begriff. Er umfasst sämtliche Printmedien, d.h. alle Medien die durch eine Druckerpresse gelaufen sind, also neben seriösen nationalen Tageszeitungen wie EL PAÍS oder EL MUNDO, den mehr oder weniger großen regionalen Blättern wie LA VANGUARDIA (v.a. in Katalonien gelesen) und LA
VOZ DE ASTURIAS, sowie Nachrichtenmagazinen und Fachzeitschriften (HISTORIA16,
MOTOR16, LA ECONOMIA...), auch Frauenzeitschriften (MARIE CLAIRE), sensationslüsterne Boulevardblätter wie etwa DIARIO16 und die Regenbogenpresse. Die einzelnen Presseorgane sind wiederum in verschiedene Rubriken wie Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport unterteilt, deren journalistische Textsorten unterschiedliche publizistische Funktionen erfüllen:
Pressesprachlicher Wortschatz Nadine Hoffmann -4-
Jedes Presseorgan, wenn nicht gar jeder einzelne Text muss seine konkrete Zielgruppe unter den Lesern befriedigen, die u.a. durch ihr gesellschaftliches Umfeld, ihre Interessenslage oder ihren Bildungsstand unterschiedlichste Rezeptionsvoraussetzungen mitbringen. Dies kann nur durch differenzierten Sprachgebrauch bewerkstelligt werden, was die Existenz einer homogenen Pressesprache ausschließt. Vielmehr kommen jeder Zeitung oder Zeitschrift und jeder Sparte eigene sprachliche Besonderheiten zu.
1.2. Die Entstehung einheitlicher Tendenzen in der Pressesprache
Dennoch finden sich einige Faktoren, die die Entstehung einheitlicher Tendenzen in der Pressesprache begünstigen. Zum einen weisen alle Presseorgane ähnliche Produktionsbedingungen auf: vor allem die Tagespresse, aber im Endeffekt jedes Medium, das einem Redaktionsschluss unterliegt, ist einem nicht zu unterschätzenden Zeitdruck ausgesetzt, der nicht zuletzt sprachliche Ungenauigkeiten begünstigt. Des weiteren lebt die Presse von der Weitergabe fremder, teilweise fremdsprachlicher Informationen sowie von der ständigen Zusammenfassung mehrerer (Einzel-) Informationen. So gerät Wortschatz aus fachfremden Bereichen in ungewohnten Kontext und über die Presse oft in die Umgangssprache, wie man an anderer Stelle noch genauer sehen wird.
Zum anderen stimmen die Mitteilungsabsichten der Printmedien weitgehend überein: sowohl seriöse Tageszeitung als auch das Boulevardblatt haben die Bewusstseinsbeeinflussung ihrer Leser zum Hauptziel, wobei dies sowohl durch subjektive Bewertung als auch durch neutrale Faktenvermittlung geschehen kann (dies hängt vor allem von der jeweiligen Textsorte ab). Zudem muss im harten Wettbewerb mit der Konkurrenz durch hohe Attraktivität ständig um die Gunst der Leser geworben werden, d.h. die T hemen bedürfen einer adressatenbezogenen Darstellung. So finden sich häufig Anbiederungen an sprachliche Gewohnheiten der jeweiligen Zielgruppe.
1.3. Untersuchungsansätze zum pressesprachlichen Wortschatz
Eine Betrachtung spezifischer Kennzeichen des pressesprachlichen Wortschatzes scheint somit zwar unter erschwerten Bedingungen aber dennoch möglich zu sein. Schwierigkeiten bereitet v.a. die Suche nach einer geeigneten Vorgehensweise. Lüger unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen drei Betrachtungsweisen 1 : Zum einen sieht er die „Pressesprache als Indiz für die Tendenzen der
1 Lüger, H.-H.; a.a.O.; S. 22
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Gegenwartssprache“ und weist ihr somit eine wichtige Rolle bei der Ausprägung und Veränderung sprachlicher Normen zu. Die sprachlichen Auffälligkeiten werden hier diaphasisch betrachtet. Unter Annahme eines relativ eigenständigen Sprachstils liegt ein weiterer Blickpunkt im „spezifischen Sprachgebrauch im Medium Presse“, wobei mit anderen Medien wie Funk und Fernsehen verglichen wird. Lügers dritter Ansatzpunkt ist der „Sprachgebrauch eines bestimmten Publikationsorgans“, wobei ein spezielles Organ in einem begrenzten Zeitraum oder im Rahmen einer speziellen Berichterstattung herausgegriffen wird.
In die vorliegende Arbeit fließen alle drei Betrachtungsweisen ein, da undifferenzierte wortstatistische Erhebungen allein keine aussagekräftigen Ergebnisse liefern. Zunächst werden jeweils die auffälligen Phänomene des pressesprachlichen Wortschatzes erläutert und daraufhin untersucht, in welchen thematischen oder organspezifischen Zusammenhängen sie hauptsächlich auftreten und weshalb.
2. Tendenzen des pressesprachlichen Wortschatzes im Spanischen
2.1. Neologismen
2.1.1. Wortentlehnung
2.1.1.1. Definition
Wie bereits erwähnt, geht die Tendenz im lexikalischen Bereich zur Wortentlehnung sowohl aus Fremdsprachen als auch aus fachfremden Bereichen. Man versteht darunter die Übernahme sprachlichen Materials (wie Wörter, syntaktische Strukturen, Wortbildungselemente...) aus einer Spender- in eine Lehnsprache, was im Text bisweilen durch Kursivdruck oder Anführungszeichen gekennzeichnet sein kann.
2.1.1.2. Extern-Entlehnungen – Wege und Arten der Hispanisierung
Wortübernahmen aus Fremdsprachen werden nicht immer vollständig, also ohne Veränderung der Bedeutung und/oder des Wortes an sich vollzogen, wie beispielsweise bei snack (Imbissstube), wo sowohl Orthographie als auch Bedeutung beibehalten worden sind. Bisweilen finden sich Bedeutungserweiterungen wie bei best-seller ( Bestseller und Bestsellerautor), „wenn ein zusätzliches Benennungsbedürfnis
besteht“, oder -verengungen, „wenn sich die Entlehnung gegenüber vorhandenen lexikalischen Einheiten abgrenzen muss, z.B. bei mitin, politische Versammlung, Kundgebung“ 2 .
2 vgl. Nord, Ch.; a.a.O.; S. 73
Pressesprachlicher Wortschatz Nadine Hoffmann -6-
Gelegentlich wird das übernommene Vokabular an die spanischen Normen angepasst, sei es orthographisch, beispielsweise durch einen Betonungsakzent oder die phonetische Schreibweise von Lauten ( dóping, escúter, yanqui) oder
morphologisch,
z.B. an den Substantivendungen (aus –tion
wird
–ción,
aus
–ed
oder
–é
wird
–ado/-ido).
Unterschieden wird weiterhin zwischen Scheinentlehnungen, wie Pseudo- Anglizismen (franz. record-man, dt. Handy), Mischentlehnungen (moto-cross, wobei moto
aus dem Französischen und cross aus dem Englischen stammt),
sowie
Mehrfachentlehnungen
(frz. premier, bedeutet engl.
Prime Minister of Great Britain,
w urde in dieser Bedeutung auch ins Spanische entlehnt, wo es eine Bedeutungserweiterung erfuhr und auch auf andere Premierminister angewendet wird)
3
Eine Besonderheit stellen
Bezeichnungsexotismen
wie ayatollah/ayatolla/ayatola dar. Sie werden eingesetzt, wenn es für die Benennung von Realia aus einer fremdsprachlichen Umwelt kein spanisches Wort gibt. Hier wird besonders deutlich, dass Wortentlehnungen vor allem im Rahmen der
Ökonomie der Sprache
eintreten. Es wäre zu umständlich und zeitaufwendig, fremde oder neuartige Phänomene, für die es nur fremdsprachliche Bezeichnungen gibt, durch oft längere Syntagmen zu umschreiben.
2.1.1.3. Wortschatzbereiche und ihre wichtigsten Spendersprachen
Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu untersuchen, welche Wortschatzbereiche von welchen Spendersprachen gefüllt werden. Um einen Vergleich zu erleichtern, wird in Anlehnung an Ch. Nords Betrachtungen in folgende Bereiche unterteilt, die mehr oder weniger den Presse-Sparten entsprechen 4 :
• Gesellschaft, Politik, Militärwesen
• Wirtschaft, Handel und Industrie
• Kultur und Unterhaltung
• Technik und Verkehr
• Kommunikationsmedien
• Sport
• Mode und Schönheitspflege
Regionalsprachliche Ausdrücke in überregionalen Pressepublikationen wie Entlehnungen aus dem Katalanischen und Baskischen sind oft Ausdruck politischen Strebens nach politischer, wirtschaftlicher und v.a. kultureller Eigenständigkeit. Meist handelt es sich um Bezeichnungsexotismen aus den entsprechenden Wortschatzbereichen. Dabei ist bei katalanischen Ausdrücken von Vorteil, dass sie für
3 vgl. Nord, Ch.; a.a.O.; S. 72
4 folgende Ausführungen beruhen v.a. auf Nord, Ch.; a.a.O.; S. 74-79
Pressesprachlicher Wortschatz Nadine Hoffmann -7-
jeden Spanier leicht verständlich sind, also erklärende Syntagmen in der Tat einsparen können ( z.B. president statt el presidente del Gobierno catalán), wohingegen baskisches Vokabular aufgrund von Lese- und Verständnisproblemen weit weniger gebräuchlich ist ( z.B. abertzale anstelle von separatista; txalaparte = baskisches Trommelinstrument ).
Verbreiteter sind Entlehnungen aus dem Englischen, die etwa 63% der Extern- Entlehnungen ausmachen, wovon 88% in unveränderter Schreibweise übernommen worden sind. Sie finden sich in allen Wortschatzbereichen, einige Beispiele:
- „Gesellschaft und Politik“: apartheid, el establishment
-
-
-
-
Auch dient das Englische häufig als Vehikelsprache für mehrfachentlehnte Ausdrücke aus externen Spendersprachen.
Im Gegensatz dazu geht die Assimilation bei Entlehnungen aus dem Französischen (11,4% der Extern-Neuentlehnungen) wesentlich schneller und radikaler vor sich, was v.a. auf die Ähnlichkeit der beiden Sprachen zurückzuführen ist sowie darauf, dass Französisch noch immer die Hauptfremdsprache in Spanien ist. Oft findet sich in den Wörterbüchern noch die französische Schreibweise, wenn der Sprachgebrauch schon hispanisierte Formen aufweist: complot – compló; debut –
deren Verbreitung zu ihrer Normierung in großem Maße bei. Gallizismen treten gehäuft in den Bereichen „Unterhaltung und Kultur“ (z.B. La „première“ mundial del
Spanisch mit den Bedeutungen „mesa de escribir, despacho de un abogado, clientela de un abogado“ belegt.
Die wenigen Entlehnungen aus dem Deutschen sind v.a. über das Englische als Vehikelsprache ins Spanische gelangt, i.d.R. handelt es sich dabei um Internationalismen, also Ausdrücke, die in mehreren Sprachen geläufig sind. Meist
Arbeit zitieren:
Nadine Hoffmann, 2000, Pressesprachlicher Wortschatz, München, GRIN Verlag GmbH
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