A Einleitung
In einem sind sich der amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan und ehemalige EZB- Präsident Wim Duisenberg derzeit einig: Der Dollar muss abwerten. Nicht gegenüber dem Euro, da ist schon genügend getan. Jetzt ist die chinesische Währung dran. Diese „Währung des Volkes“, wie der Renminbi übersetzt heißt, soll endlich aufwerten. Seit 1994 wird sie fak- tisch von der chinesischen Zentralbank in einem schmalen Band von 8,276 bis 8,28 Yuan zum Do llar gehalten – und das auch durch turbulente Zeiten: während der asiatischen Finanzkrise 1998 hielt Peking dem Abwertungsdruck der Region stand und verhinderte damit die Auswei- tung der Abwärtsspirale. Dafür erntete China viel Lob aus dem Westen 1 . Zuletzt hat die Peo- ple’s Bank of China jedoch bis zu 600 Mio. Dollar täglich aufkaufen müssen, um das Ver- hältnis der Währungen im angestrebten Band zu halten. Devisenmarktinterventionen in einer derartigen Größenordnung gehen weit über das Maß hinaus, welches zur Glättung von tägli- chen Kursschwankungen aufgewandt wird 2 . Ohne Zweifel würde das freie Walten der Märk- te, wie es der amerikanische Finanzminister Snow jüngst forderte, zu einer Aufwertung der chinesischen Währung führen 3 .
Doch so bewertet der ehemalige EZB-Präsident die Wechselkurspolitik Chinas als eine der größten Gefahren für die wirtschaftliche Erholung in Europa, EU-Kommissionschef Romano Prodi sprach sogar schon von einer „neuen Welle des Protektionismus“. Das konstatierte Problem besteht darin, dass der globale Devisenhandel zurzeit quasi „bipolarer Natur“ ist. Auf der einen Seite steht der Dollar, in dessen Schlepptau sich die manipulierten Währungen A- siens befinden, vom chinesischen Yuan über den japanischen Yen bis zum koreanischen Won. Diese versuchen durch Interventionen, die eigene Währung billig zu machen und dadurch Exportvorteile zu erlangen 4 . Die andere Seite dieser bipolaren Welt verkörpert der Euro, des- sen Kurs weitgehend dem Spiel der Marktkräfte überlassen wird. Der vom Dollar ausgehende Abwertungsdruck entlädt sich denn auch vor allem auf der europäischen Gemeinschaftswäh- rung, wie die vergangenen zwei Jahre ze igen 5 .
1
Financial Times Deutschland, 18.07.2003, „China lehnt Yuan-Aufwertung vorerst ab“
2
Damit sind allein im ersten Halbjahr 2003 die Währungsreserven der Bank um weitere 60 Mrd. Dollar auf 346 Mrd. Do llar gestiegen. DER SPIEGEL Nr. 35, 25.08.2003, 61
3
Derzeitige Schätzungen bewegen sich zwischen 15 und 40%. DER SPIEGEL Nr. 35, 25.08.2003, 62
4
Financial Times Deutschland, 29.08.2003, „IWF kritisiert asiatische Devisenmanöver“
5
Der handelsgewichtete Dollar-Wechselkurs, der die ausländischen Währungen nach ihrer Bedeutung für den amerikanischen Außenhandel gewichtet, ist seit Anfang 2002 nur um knapp 7 Prozent gefallen. Während der gleichen Zeit wertete jedoch der Euro, der in diesem breiten Dollar-Index mit gut 17 Prozent gewichtet ist, um 27 Prozent auf. De mgegenüber stieg der Yen nur um rund 10 Prozent und der Yuan behielt seine Bindung an den Dollar bei., FAZ Nr. 215, 16.09.2003, 25, „Der Aufwertungsdruck auf Asiens Währungen wird stärker“
- - 2
Peking beharrt jedoch darauf, dass es noch nicht reif für eine Liberalisierung des Kapitalve r- kehrs und einen flexibles Wechselkurssystem sei. Es wird in dieser Position vom Internatio- nalen Währungsfonds bestärkt. Und auch zahlreiche Experten warnen, dass eine Abkehr von der Dollar-Bindung wegen der Schwäche des chinesischen Finanzsystems gefährlich wäre 6 . Hinzu käme die Tatsache, dass auch westliche Firmen massiv in China investiert wären und daher ebenfalls von der festen Wechselkursanbindung profitieren würden 7 . Diese Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, ob eine Abkehr vom Festkurssystem in der jetzigen Situation für China sinnvoll wäre. Durch die Abschaffung der Kapitalverkehrskon- trollen und die Finanzsystemliberalisierung im Rahmen des WTO-Beitritts wird die entsche i- dende Herausforderung der Zukunft sein, eine geldpolitische Konzeption zu finden, die so- wohl eine interne als auch eine externe wirtschafts- und geldpolitische Stabilität ermöglicht. Daher werden zunächst Vor- und Nachteile der währungspolitischen Grundmodelle erarbeitet und mit den strukturellen Gegebenheiten der chinesischen Wirtschaft abgeglichen. Anhand einer kurzen Analyse jüngster Krisen, insbesondere der Ostasienkrise, sollen mögliche Ursa- chen für Fehlentwicklungen in anderen Transformationsländern aufgezeigt werden, um daraus „ex negativo“ den richtigen Weg für China abzuleiten.
6
Financial Times Deutschland, 18.07.2003, „China lehnt Yuan-Aufwertung vorerst ab“
7
Financial Times Deutschland, 18.09.2003, „Streit um asiatische Währungen eskaliert“
- - 3
B Hauptteil
1. Die zwei währungspolitischen Grundmodelle
Der Ausgangspunkt für alle geld- und währungspolitischen Strategien in einer offenen Volkswirtschaft ist die grundsätzliche Frage, wie die beiden zentralen geldpolitischen Steuerungsgrößen gehandhabt werden sollen:
- der kurzfristige Zins, der von der Notenbank mit ihren geldpolitischen Instrumenten am Geldmarkt gesteuert wird,
- der Wechselkurs, der von der Notenbank (und in manchen Ländern vom Finanzminis- terium) durch den An- und Verkauf von Devisen am Devisenmarkt gesteuert wird. Viele renommierte Ökonomen behaupten, dass sich bei freiem Kapitalverkehr nur eine dieser beiden Größen steuern lasse. Der Renminbi ist bisher zwar nicht frei konvertierbar, sondern unterliegt strengen Kapitalverkehrskontrollen. Die mit der Ausweitung des Handels und der zunehmenden Kapitalverflechtung verbundene stärkere Integration Chinas in die Weltwir t- schaft nach dem Beitritt zur WTO im Jahre 2001 sowie die als Beitrittsbedingung akzeptierte Liberalisierung des Handels mit Finanzdienstleistungen dürfte jedoch aller Voraussicht nach, die Effektivität der derzeitig bestehenden Kapitalverkehrskontrollen nachhaltig unterminieren. Es bestehe dann ein „Inkonsistenz-Dreieck“, dass bei quasi freiem Kapitalverkehr (als eine Ecke) zu zwei geld- und währungspolitischen Ecklösungen führe, den sogenannte „two corner solut ions“ 8 :
1) der Strategie frei- flexibler Kurse, bei der ganz auf Devisenmarkt-Interventionen ver- zichtet wird – dafür kann jedoch der Zins autonom gesteuert werden 9 ;
2) der Strategie absolut fester Kurse, bei der sich die Geld- und Währungspolitik ganz auf die Stabilisierung des Wechselkurses konzentriert, wobei der inländische Zins nicht mehr aktiv gesteuert werden kann 10 .
Um jedoch das für ein Land angemessene Währungsregime bestimmen zu können, erscheint es sinnvoll, sich zunächst Vor- und Nachteile der beiden Randlösungen, d.h. vollständig fester bzw. voll flexibler Wechselkurse zu betrachten.
8
Bofinger,
Politik zur Verhinderung von Finanzkrisen und zur Stabilisierung des Finanzsystems“, 2. April 2003
9
Ausländische Zinssenkung (-erhöhung) führt zu Kapitalimport (-export). Dies führt zur Aufwertung (Abwer- tung) der heimischen Währung gegenüber der ausländischen Währung
10
Ausländische Zinssenkung (-erhöhung) führt zu Kapitalimport (-export), die einheimische Geldmenge nimmt folglich solange zu (ab) bis der heimische Zins das Niveau des ausländischen Zins erreicht hat
- - 4
2. Vorteile des Fixkurs - und Flexkurssystems Ein Festkurssystem zeichnet sich dadurch aus, dass die Notenbank durch Interventionen auf dem Devisenmarkt versucht, einen bestimmten festgesetzten Wechselkurs zu realisieren. Droht auf dem Devisenmarkt eine Aufwertung, wird die Notenbank verstärkt ausländische Devisen nachfragen. Steht die inländ ische Währung vor einem Abwertungsdruck, wird die Notenbank ausländische Devisen anbieten und im Gegenzug inländische Devisen nachfrage n. Als Hauptargumente für feste Wechselkurse findet man in der Literatur insbesondere:
• Spekulationen und die daraus folgende, hohe Volatilität bei flexiblen Wechselkursen wir- ken destabilisierend und wären somit schädlich für den Handel. Anstatt einen Ausgleich für divergierende fundamentale Entwicklungen zu leisten, könnten flexible Wechselkurse selbst die Ursache für Allokationsstörungen sein, die Investition, Wachstum und Beschä f- tigung beeinträchtigen würden 11 . Feste Wechselkurse würde hingegen hohe Sicherheit für Finanztransaktionen bieten. Wechselkursunsicherheit auf Investitionen und Außenhandel ließen sich vollständig vermeiden; folglich entfielen Transaktionskosten (insbesondere Kurssicherungskosten) und Informationskosten (Nicht-Fundamentalistische Wechselkur s- theorie) 12 .
• Befürworter des Festkurssystems führen weiter an, dass dieses System zur internationalen Integration der Güter- und Kapitalmärkte beitrage und dadurch die weltweite Effizienz der Ressourcenallokation erhöhe, da sich die Gewinnmaximierungsrechnung von Importeuren und Exporteuren vereinfachen würde 13 .
• Die feste Wechselkursanbindung an ein stabileres Land zwänge zur geldpolitischen Dis- ziplinierung, da höhere Inflationsraten erst zum Abbau der Devisenreserven und schließ- lich zur Währungsabwertung führen würden. Der Abwertung und dem damit verbundenen wirtschaftspolitischen Misserfolg könne jedoch durch unpopuläre, aber notwendige wirt- schaftspolitischen Maßnahmen entgegen gewirkt werden (Disziplinierungszwangs- Hypothese) 14 .
Gegen feste und für freie Wechselkurse spräche indes:
• Die Festlegung des festen Gleichgewichtskurs erscheine durch die Vielzahl einwirkender Faktoren (Änderung Rohstoffpreise durch Entdeckungen neuer Vorkommen, Veränderung
11
Ursache für schwankende Wechselkurse sind Ineffizienzen der Devisenmärkte und Spekulation, sog. mis a- lignments,
Wagner,
Einführung in die Weltwirtschaftspolitik, 162ff.
12 Wagner, Einführung in die Weltwirtschaft, 158, Sommer Vor- und Nachteile einer Wechselkursanbindung,
133 13 Park, Die Variabilität des realen Wechselkurses, 27f.
14 Park, Die Variabilität des realen Wechselkurses, 30f.
- - 5
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Martin Köhler, 2003, Vor- und Nachteile der chinesischen Wechselkursanbindung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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