1. Einleitung
Es gibt viele Biographien über die Frau, die wie keine andere die Mode des
20. Jahrhunderts prägte, aber die meisten sind mit Vorsicht zu genießen.
Denn Mademoiselle, wie sie sich am liebsten nennen ließ, war nicht nur eine geniale Stilistin, sondern auch eine begnadete Märchenerzählerin. Je älter sie wurde, je weiter sie sich von ihren Anfängen entfernte, desto mehr neigte sie zur persönlichen Legendenbildung. Die Chanel strich ihre beiden Brüder, die sie für ihr Schweigen sogar bezahlte, aus ihrer Biographie. Sie verleugnete ihren ersten Liebhaber, der ihr den Zugang zu höheren Gesell- schaftsschichten eröffnet hatte. Sie frisierte die Geschichte ihrer Geburt und ihrer Kindheit. Als ihre Lebensgeschichte als Musical am Brodway insze- niert wurde, wünschte sie sich, es solle mit einer Szene beginnen, in der ihr Vater sich liebevoll über ihre Wiege beugt und ihr den Spitznamen „Coco“ gibt. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Coco Chanel revolutionierte nach dem Ersten Weltkrieg die Damenmode: Sie ließ die Taillen herunterrutschen, brachte sportliche Sweater in Umlauf, machte den 'Bubikopf' berühmt und das 'Kleine Schwarze'. Ihr Stil war schlicht, einfach und unspektakulär. Selbst in den 50er Jahren hielt sie an ihrem Stil fest.
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2. Das „Kleine Schwarze
Schwarz ist nicht nur irgendeine Farbe. Schwarz ist sensibel und drama- tisch, anmutig und eigen. Schwarz spiegelt die Demut der Frommen und Trauernden genauso wie die dunklen Seiten der sündiger Zauberei. Als Nicht-Farbe ist Schwarz eigentlich Zeichen für das Böse, Symbol für Trauer und Witwenschaft.
Obwohl schon vor Coco Chanel Modedesigner „Kleine Schwarze“ kreierten, wird die eigentliche „Erfindung“ ihr zugeschrieben. In der Maiausgabe der amerikanischen Vogue des Jahres 1926 tauchte eine schlichte Modezeich- nung dieses Kleidungsstückes auf (Abb. 1). Das Kleid sollte tagsüber ge- tragen werden und durch seine Schlichtheit bestechen.
Bei der Kreation handelte es sich um einen Zweiteiler, bestehend aus ei- nem Pullover und Rock. Der Schnitt des Oberteils ist gerade und weist l e- diglich eine leichte Taillierung vor. Im Gegensatz zu heutigen Pullovern, die lediglich bis zur Hüfte der Trägerin reichen, sind diese bis zum Ober- sche nkelansatz verlängert. So war es der Trägerin freigestellt, ob sie als Accessoire wahlweise auf einen Gürtel, eine Schärpe zurückgreift oder auf beides verzichtet. Ganz wie es ihr beliebte.
Der Rock ist schmal geschnitten und endet ca. fünf Zentimeter unterhalb des Knies. Diese Länge gehörte zu einer Sensation in der Modebranche, da es bis Anfang der zwanziger Jahre einer Frau nicht gestattet war bzw. es nicht schicklich war, ihre Beine zu zeigen.
Während des ersten Weltkrieges waren viele Frauen gezwungen, ihren Le- bensunterha lt selber zu verdienen. Durch diese notgedrungene Selbstän- digkeit sind sie selbstbewußter geworden und waren nicht mehr nur als „schöne, nette Anhängsel“ der Männer in der Öffentlichkeit sichtbar, son- dern in aller Selbstverständlichkeit als eigenständige Persönlichkeiten. Sie strebten nicht nur typische weibliche Berufe, wie z. B. als Haushälterinen, Kindermädchen etc. an, sondern auch hochqualifizierte und gut bezahlte Beschäftigungen, für die Hochschulabschluß Voraussetzung war. Doch die- ses Phänomen blieb doch eher noch eine Seltenheit, obwohl die Anzahl der Akademikerinnen anstieg.
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Frauen versuchten sich allerdings nicht nur in der Berufswelt zu etablieren, sonder waren auch im Bereich des Sports sehr engagiert. Suzanne Lenglen spielte 1922 in Wimbledon in einem geometrisch geschnittenen Kleid von Jean Patou. Sie gehörte beispielsweise zu den ersten weiblichen Tennis- stars (Abb. 2).
Bei soviel Bewegungs- und Freiheitsdrang waren die enge Korsagen, mehr- lagige lange Unterröcke und Korseletts zu Beginn des zwa nzigsten Jahr- hunderts mehr als hinderlich (Abb. 3). Die Kleidung mußte also bequem, pflegeleicht und strapazierfähig sein. Nicht nur der Schnitt mußte geändert werden, sondern auch das Gewebe, aus dem die Kleidung angefertigt wur- de.
Bei dem Material des Chanel-Kleides handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen leichten Wollstoff oder Jersey. Diese Wahl galt in den zwanziger Jahren als Revolution, da dieses Gewebe bis dato nur für Sport- und Ar- beitsbekleidung sowie Unterwäsche verwendet wurde. 1 Es war ein Stoff, in dem sich eine Frau bewegen konnte. Er war leicht, umschmeichelte die Fi- gur und eignete sich besonders gut für sportliche Bekleidung. Dieses Ge- webe verlieh dem Kleidungsstück somit den Charakter eines fließend fal- lenden Zweiteilers. Unkomplizierte, sportliche Kleidung war gefragt, ihre Jerseykleider, die unerhörterweise ohne Korsett getragen wurden, machten Furore. Coco Chanel mit ihrer schlanken Silhouette und ihrem neuen Bubi- kopf repräsentierte den Typ der modernen Frau.
Im Gegensatz zu anderen Kreationen dieser Zeit, die mit Spitzen, Volants, bunten Mustern oder Raffungen verziert sind (Abb. 4), fällt diese Kombina- tion geradezu durch seine schlichte Eleganz auf. Die Verzierungen sind de- zent und unauffällig.
Eine Stickerei in Form eines langestreckten, mehrreihigen V`s beginnt an den Schulterpartien und endet mittig in Taillenhöhe. Da bei dem Oberteil auf einen tiefen Ausschnitt verzichtet und statt dessen auf einen enganliegen- den U-Boot-Ausschnitt zurückgegriffen wurde, wird diese Stickerei dezent betont.
1 Amy Holman Edelman: Das kleine Schwarze, München 2000, S. 15
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Symmetrisch zu dieser Verzierung wird diese Form auch auf dem Rock wiederholt, so daß eine flächige Silhouette einer Sanduhr entsteht. Als Kon- trast dazu dienen an den Ärmeln weiße Manschetten mit einer schwarz– weiß–goldenen Mäanderstickerei. Desweiteren führt jeweils eine Knopfrei- he, bestehend aus fünf stoffbezogenen schwarzen Knöpfen, an der Ärmel- rückseite von dem Manschettenabschluß bis zur Mitte des Unterarms hin- auf (Abb. 5). Abgerundet wird dieser Entwurf durch schnörkellose, beschei- dene Accessoires. Schwarze, bis zu den Handgelenken reichende Hand- schuhe lassen verführerisch einen schmalen Streifen Haut zwischen dem Ende der Ärmel und Handschuhen aufblitzen. Eine kurze weiße Perlenkette und ein Glockenhut, genannt Cloche 2 , verleihen der klaren Linie ihres Stils die letzte Vollendung.
In der Zeitschrift „Vogue“ wurde diese Kleidungsstück mit Fords schwarz- glänzendem Automobil verglichen. Beide galten als schnittig, praktisch und formschön. Sie repräsentieren ein der breiten Masse zugängliches Kon- zept. 3 Da sowohl Reich wie Arm Schwarz tragen wollten, zeigt sich, daß dieses Konzept aufging. Obwohl Chanels Kleider zweifellos teuer und in bester Haute–Couture–Tradition gefertigt waren, reichte ihr Einfluß jedoch weit über jene hinaus, die sich diese Kleider leisten konnten. In einem Interview für „Harper`s Bazaar“ im Jahr 1923 erklärte sie ihre Taktik und Beweggrün- de.
„Mein Etablissement ist eine maison de luxe. Es beliefert nur begüterte Frauen, jene, deren Aura von Luxus durchwirkt ist. Ich bin weder interes- siert an Arbeiten für die Masse noch an Massenprodukten oder solchen, die alle sich leisten können. Ich möchte an sehr wenige verkaufen, uner- schwinglich bleiben. Ja, es stimmt, daß meine Modelle vielfach kopiert wer- den. Aber darüber mach ich mir keine Sorgen und beklage mich nicht. Wa- 2 Der Glockenhut erfreut sich in den zwanziger Jahren besonderer Beliebtheit und war engangliegend, ohne oder mit nur schmaler Krempe überall zu sehen. In unendlichen Vari- ationen wurde er aus Filz, Velours oder Stroh hergestellt.
Gertrud Lehnert: Die Geschichte der Mode im 20. Jahrhundert, Köln 2000, S. 10 3 Amy Holman Edelman: Das kleine Schwarze, München 2000, S. 24
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rum sollte ich denn versuchen, das zu verhindern? Denken Sie nur an den Bekanntheitsgrad, den mir das verschafft.(...) Die Frauen, die ich anziehen möchte, scheren sich offenbar nicht um Kopien.(...) Ja, wo sollten wenn all jene hingehen, die meine Modelle wollen und die ich nicht versorgen kann, wenn meine inoffiziellen Assistentinnen, mesdames les copistes, nicht wä- ren?“ 4 Als Chanel in den zwanziger Jahren das erste „kleine Schwarze“ präsentier- te, stand Schwarz noch für Trauer. Karl Lagerfeld, Designer im Hause Cha- nel und Experte für Modegeschichte, sieht in diesem Kleidungsstück einen direkten Abkömmling der Trauerkleidung.
„Vor dieser Zeit waren Kleider niemals „klein“ – vielleicht schlicht, aber nicht „klein“. Kleine Schwarze kamen erst 1918 – 1920 herum auf, und mir scheint, daß sie sich aus dem Trauerlook des Ersten Weltkrieges entwickelt haben. Die Frauen gewöhnten sich daran, schlichte schwarze Kleider zu tragen und an anderen zu sehen. Als sich das Leben änderte, wurde das kleine Schwarze zu einem anpassungsfähigen Modeartikel – mal chic, mal sexy.“ 5 Diese Taktik versprach nicht nur für das „Kleine Schwarze“ einen viel ver- sprechenden Erfolg, sondern sollte ihr auch bei ihrem Comeback in den fünfziger Jahren nützlich sein. Seit dieser Entwicklung dieses Kleidungsstü- ckes umweht Schwarz ein Hauch von Verführung, Reife, Erfahrung, Sex. Schwarz wirkt sinnlich, signalisiert Zurückhaltung oder Verruchtheit – und verleiht stets einer Frau das gewisse Etwas.
Mittlerweile sind Schwarz und das Kleine Schwarze aus der Mode nicht mehr wegzudenken. Die Zeitschrift „Vogue“ prophezeite schon in den zwanziger Jahren, daß dieses Kleidungsstück eine Art Uniform für alle Frauen mit Geschmack werden würde 6 .
Obwohl dieses Kleidungsstück auch oft von anderen Designer vor ihr kreiert wurde, wurde gerade ihres zum Maßstab für alle übrigen. Richard Martin, Kurator des „Costume Institute“ des New Yorker Metropolitan Museums 4 Ebd.: S. 35 5 Ebd.: S. 14 6 Ebd.: S. 20
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Quote paper:
Britta Heidel, 2003, Coco Chanel - Das Kleine Schwarze und das typische Chanel-Kostüm - Zwei Kreationen, die nicht nur in den Zwanzigern und Fünzigern Geschichte schrieben, Munich, GRIN Publishing GmbH
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