1. Tier und Mensch
Dieses Zitat steht bewusst am Anfang der vorgelegten Arbeit. Denn mit dieser Aussage von Galton 1883 beginnt offiziell die Geschichte der Eugenik, die in dieser Arbeit im Mittelpunkt der Betrachtung stehen wird. Die Rede von der „cultivation of race“ als Hauptprogrammpunkt eugenischer Ideen nimmt viel von der Entmenschlichung des Menschen vorweg, die darauf bauend erfolgte. Der Übergang vom religiösen imago dei zum homo sapiens sapiens offenbart in der Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts seine hässliche Schattenseiten, die in der Verwendung von Termini wie „Rasse“ oder „Menschenzüchtung“ Ausdruck finden.
In diesem Zusammenhang wird in dieser Arbeit von der Eugenik als Teilbereich rassistischer Ideen die Rede sein. Dabei wird sich auch zeigen, dass eugenische Ideen, obwohl sie nicht in seinem Namen begründet wurden, sich geradezu als prädestiniert für eine irrationale Rechtfertigungsideologie wie dem Rassismus erwiesen. Interessant dabei ist, dass dies auch die rezipierte Literatur zur Geltung bringt und damit auch schon die Leitlinien für die Hausarbeit festlegt.
Somit werden im Folgenden die historischen, kulturellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen der Eugenik betrachtet, die Rezeption des Phänomens im Deutschen Reich und die Anknüpfungspunkte zur Genetik aufgezeigt. Dies geschieht im besonderen im Hinblick
auf die später erfolgte ideologische Vereinnahmung und deren prägnantesten Auswuchs, der Euthanasie-Ideen. Der Zeitraum der Untersuchung ist hierbei, im weitgefassten Sinne, die Jahrhundertwende, was auch
heißt, dass eine Einbeziehung des Nationalsozialismus nicht stattfindet, da sie den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen würde.
2. Historische Voraussetzungen
2.1 Aufklärung und Industrialisierung
In dieser Arbeit wird noch viel von Rassismus und von Eugenik die Rede sein. Von zentralem Interesse ist dabei die Suche nach den Ursachen. Daher ist die his-torische Rückblende der Fokussierung auf prägnante Entwicklungslinien vonnöten. Eine jener Linien ist die durch die Aufklärung herbeigeführte Änderung der Sichtweise auf den Menschen, bei gleichzeitiger Änderung der sozialen Struktur durch die sich überall in Europa bemerkbar machende Industrialisierung im beginnenden 19. Jahrhundert. Diese Umwälzung machte die Bevölkerung, selbst die Unterschicht, zu einer Ressource, von der der Wohlstand eines Herrschers oder einer Nation abhing. Dadurch entstand für die führenden Schichten das vitale Interesse und die Notwendigkeit Mechanismen zu entwickeln, die eine Steuerung des „Rohstoffes Mensch“ ermöglichen würden, die Demografie, durch die das Individuum der Gattung untergeordnet wurde. (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 17f.)
2.2 Bevölkerungspolitik
Die Erfassung und Beurteilung der Geburten- und Sterblichkeitsraten gehörten alsbald zum politischen Gemeingut, um steuernde Interventionen im Interesse der Wirtschaft und des Militärs zu ermöglichen. Zwischen 1816 und 1914 verdreifachte sich die Bevölkerung des Deutschen Reiches beinahe (KAISER/ NOWAK/ SCHWARTZ, 1992: 11) was zu Problemen vielerlei Art führte, also beispielsweise die bekannte Soziale Frage aufwarf, aber auch die Märkte revolutionierte. Wesentlich dabei ist, dass Bevölkerungsreichtum aus militärischen und wirtschaftlichen Gründen als
grundlegend betrachtet wurde. Als in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein Geburtenrückgang bei einer stagnierender Säuglingssterblichkeit festgestellt wurde trat das generative Verhalten in den Mittelpunkt öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. In der Diskussion um menschliches Fortpflanzungsverhalten schälten sich alsbald Ideen heraus, die darauf hinaus liefen, das Fruchtbarkeitsverhalten staatlich zu steuern und nicht nützlich gesehenen Mitgliedern der Gesellschaft, die Vermehrung unmöglich zu machen. (vgl. KROLL, 1983: 104-114)
2.3 Kolonialismus
Verbunden mit dem in dieser Zeit zum guten Ton gehörenden Rassismus, den das seinen Platz an der Sonne suchende junge Deutsche Reich als
Rechtfertigungsideologie in Anspruch nahm, führten derartige Überlegungen schnell weiter. Rassismus, dies sei hier betont, das zeigt ein Blick auf seine Geschichte, entstand nicht einfach durch die
Begegnung mit fremden Kulturen, sondern vielmehr wo europäische Mächte im Zeitalter des dort, Imperialismus konkrete machtpolitische Ziele
verfolgten. (hierzu bes. MOSSE, 1990: 23-86) Aus diesem Grund machten sich Rassisten schnell eugenisches Gedankengut zueigen. Eine Durchdringung der deutschen Gesellschaft des Kaiserreiches durch rassistische Ideen erfolgte
dementsprechend erst mit der Ausuferung des deutschen
Kolonialismus. Jene chauvinistischen europäischen Überlegenheitsgefühle im Rahmen des industriell
eingefärbten Weltbildes erlebten im Deutschen Reicheben durch seine besonders rasante Entwicklung, die man auf eine spezifisch deutsche Überlegenheit zurückführte - besondere Beliebtheit. Als Erklärung hierfür boten sich für die naturwissenschaftlich orientierten Zeitgenossen viele biologische
Determinanten an. Es ist bezeichnend, dass genau in dieser Phase das deutsche Staatsbürgerrecht entstand, das Deutsch-Sein 1 im Sinne des „ius sanguinis“ interpretiert; ein Problemfeld, das bis heute die Politik beschäftigt. 2
Die wechselseitige Ergänzung von Kolonialismus und Eugenik wird in der politischen Thematisierung kolonialer Mischehen und Rassenmischung besonders deutlich, da sich hierin die Idee des Rassenhygiene in hohem Maße manifestiert.(vgl. GROSSE, 2000: 10-17) So versuchte man in den Kolonien durch entsprechende Rassengesetze die Vermischung des Blutes zu
verhindern. Dass dies praktisch nicht gelang wurde
1 Etymologisch interessant: „Deutsch“ geht auf das germanische Substantiv „thiot“, das „Volk“ bedeutet, zurück.
2 Vgl. Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 und Artikel 116 (1) GG.
öffentlich nicht wahrgenommen, wofür die bis heute bestehenden Schwierigkeiten nicht-weißer Bundesbürger sprechen. (KRON, 2003)
3. Die Theorie der Degeneration
3.1 Kulturpessimismus
Das 19. Jahrhundert war eine widersprüchliche Epoche: Einerseits bestimmt durch einen ungebrochenen Fortschrittsglauben, andererseits existierten neben dem offiziell verlautbarten Geschichtsoptimismus der Zeit kulturkritische, pessimistische, und irrationalistische Ideen, Lehren und Theorien eines Niedergangsbewusstseins, deren Einfluss auf die weltanschauliche und ideologische Orientierung auf Teile des gebildeten und kulturell interessierten Bürgertums kaum zu unterschätzen sind. Dieses sich in der zweiten Jahr-hunderthälfte über ganz Europa ausbreitende Degenerationsbewusstsein, das im „fin de siécle“ seinen Höhepunkt fand, knüpfte an eine lange Tradition von Nie-dergangstheorien an. In der Verankerung der Degenerationsangst, sowohl in der Geistesgeschichte aber vor
allem in der zeitgenössischen Wahrnehmung, kann eine entscheidende Voraussetzung für die Resonanz gesehen werden, die eugenische Gedanken fanden. (WEINGART/ KROLL/ BAYERTZ, 1992: 67f.)
Die Entstehung und weite Verbreitung von Theorien der Degeneration im 19. Jahrhundert kann nur vor dem Hin-tergrund der dargestellten tiefgreifend empfundenen gesellschaftlichen Veränderungen begriffen werden. Diese Probleme und der Glauben an eine Degeneration der „menschlichen Rasse“ war die Folge einer
„gesellschaftlichen Stimmungslage“, (WEINGART/ KROLL/
Arbeit zitieren:
Felix Hessmann, 2003, Rassismus und Eugenik im Deutschen Reich, München, GRIN Verlag GmbH
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