Die Arbeiter im Weinberg
Inhaltsverzeichnis:
Seite :
1) Einleitung 2
2) Der Text des Gleichnisses 4
2.1) Eine exegetische’ Übersetzung 4
2.2) Zur Quelle 12
3) Stellung, Abgrenzung und Funktion des
Gleichnisses als Perikope 12
4) Das Gleichnis und sein „Sitz im Leben“ 13
5) Analyse der Perikope 17
5.1) Erzählgang 17
5.2) Aufbau 20
5.3) Semantische Analyse 21
6) Synoptischer Vergleich 24
7) Die Funktion(en) des Gleichnisses im Makrotext 25
7.1) Das Gleichnis im Kontext des Matthäusevangeliums 25
7.2) Das Gleichnis als Reaktion und Opposition 26
8) Auslegungen des Gleichnisses 28
9) Theologische Deutung 30
10) Quellen- und Literaturverzeichnis 33
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Die Arbeiter im Weinberg
1) Einleitung
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in Mt 20, 1-16 ist aus vielerlei Hinsic ht interessant. Beim ersten Lesen der Perikope fällt sofort eines auf: Der offensichtliche Konflikt zwischen Güte und Gerechtigkeit. Die Reaktion der Arbeiter, die den ganzen Tag im Weinberg gearbeitet hatten, scheint auch heute noch für den Leser verständ lich und nachvollziehbar. Der Unmut dieser scheint im ersten Augenblick durchaus berechtigt, er erscheint als legitime Antwort auf die wahrgenommene Ungerechtigkeit. Um so mehr verblüfft die Antwort des Hausherrn, der sich auf Recht und (sein Recht auf) Güte beruft. Hier wird nach unseren Maßstäben eine Diskrepanz sichtbar, zum einen zwischen dem, was Recht, und dem, was gerecht ist, zum anderen zwischen Gerechtigkeit und Güte. Das Gleichnis aber löst diesen Konflikt nicht weiter auf, es endet mit der klaren Reaktion des Hausherrn und läßt den Leser nun mit diesem Konflikt allein. Und genau hier fesselt das Gleichnis seine Leser, hier wird es zur ‚Bibel interaktiv’ par Excellenze: Der Leser muß den Konflikt weiter denken, um ihn zu lösen, in dem ‚ungeschriebenem Schluß’ des Gleichnisses liegt es am Leser, das Gleichnis und seinen Konflikt aktiv mit- und zu Ende zu denken, der Leser wird gefordert, die mit „Du“ formulierte Schlußfrage in Vers 15 selbst zu beantworten. 1 Konnte er den Unmut der Arbeiter der ersten Stunde verstehen, so ist nun die Antwort des Hausherren auch keineswegs unverständlich - die Symphatie des Lesers weiß nun nicht mehr wohin. Und da ist ja auch noch Vers 16, der in diesem Konflikt irgendwie störend wirkt und auch keine ausreiche nden Antworten auf die sich den Lesern stellenden Fragen geben will - die Frage lautet also, was ‚will’ dieser Vers hier? Gehört er tatsächlich an diese Stelle oder ist eine redaktionelle Anfügung? Und wenn ja: Trifft er die Intention des Gleichnisses? Und hieran stellt sich nun die Frage: Welche Intention verfolgte Jesus mit dem Gleichnis? Gibt es überhaupt eine einzelne Intention? Wie eben bereits angesprochen, kommen in dem Gleichnis mindestens zwei Diskrepanzen zum Vorschein, die es zu vereinigen gilt. Kann man daher nun nicht davon ausgehen, daß es mehr als eine Intention gibt, die Jesus mit diesem Gleichnis verfolgte? Beim ersten Brainstorming fallen mehrere mögliche Motive in diesem Gleichnis auf, so z.B. die Allgewalt des
1 Vgl. Luz, Ulrich, Das Evangelium nach Matthäus, 3. Teilband Mt 18-25 (EKK I/3), Zürich / Düsseldorf / Neukirchen-Vluyn 1997
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Hausherren, mit dem Seinen zu tun was er will, die Güte des Hausherren denen gegenüber, die eigentlich weniger verdient hätten, der Unmut der Arbeiter der ersten Stunde über die Güte des Hausherren scheinbar aus Gerechtigkeitsstreben heraus oder auch der offensichtliche Gleic hstand, den alle Arbeiter am Ende des Tages erreicht haben - „Mt 20,1-15 [!] kann als klassisches Beispiel dienen für die Vielfalt der Auslegungsmö glichkeiten, der sich der Exeget hier und bei anderen Gleichnissen gegenüberstehen sieht und die ihm die nie endgültig zu beantwortende Frage nach der richtigen, der sachentsprechenden Auslegung kräftig zu Gehör bringt.“ 2 Nun ist nach einer möglichst ‚exegetischen’ Übersetzung nach dem unmittelbaren Umfeld des Gleichnisses zu fragen. Als Zeugnis einer uns fremden (antiken 3 ) Welt können Themen und Motive im ursprünglichen Kontext ganz andere Implikationen haben als dies heute bei uns der Fall ist. Über diesen Weg der (versuchten) Einbettung des Gleichnis in sein eigentliches Umfeld ergibt sich dann - so ist zu hoffen - ein mögliches Bedeutungsspektrum.
Darauf aufbauend ist zu erfragen, welche Optionen bei der Auslegung bestehen. Die Suche nach Optionen vollzieht sich dabei zuerst im Diskursuniversum des Gleichnisses, indem dort textimmanent nach Motiven jeglicher Art gesucht werden soll, sei es ein Motiv als solches wie z.B. das Motiv der Gerechtigkeit oder seien es Motive in Verhältnis wie z.B. die Opposition zwischen Hausherr und Arbeitern der ersten Stunde oder, weiterführender, die Opposition zwischen Recht und Gerechtigkeit. Dabei wird sich sicherlich ergeben, daß kein Motiv für sich allein steht, sondern daß jedes Motiv in Beziehung steht.
Dabei ist nicht nur auf das kulturelle, sondern auch auf das neutestamentliche und das ma tthäische Umfeld zu achten: In welchem Rahmen ist dieses Gleichnis plaziert, in welcher Beziehung steht dieser Text zu seinen ‚Nachbartexten’ und gibt es eine thematische Klammer? Und werden die in unserem Gleichnis vorgefundenen Themen und Motive vielleicht an anderen
2 Dietzfelbinger, Christian, Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg als Jesuswort, in: EvTh 43 (1983), S. 126-137, hier: S. 126
3 In dieser Arbeit ist immer mitgedacht, daß die Welt der Antike die mediterrane Welt ist (Vgl. Gehrke, Hans-Joachim / Schneider, Helmuth (Hrsg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, Stuttgart / Weimar 2000, S. 1).
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Stellen in diesem Umfeld moduliert und das Verständnis dadurch erleic htert?
Nach der textimmanenten Analyse und nach der Untersuchung der Einbettung in seine Kontexte können wir versuchen, Auslegungsoptionen zu finden. Dabei möchte ich nicht nur mögliche Auslegungen benennen und begründen, sondern auch weniger passende Auslegungen benennen und deren Ablehnung begründen. Das Bedeutungsspektrum soll daher zunächst sehr weit gefaßt und später dann im Selbstdiskurs gründlich kanalisiert werden.
2) Der Text des Gleichnisses 2.1) Eine ‚exegetische’ Übersetzung
Als erstes ist nun der Text des Gleichnisses als solcher zu betrachten. Dabei möchte ich Vers für Vers analysieren und die in Deutschland am weitesten verbreiteten Übersetzungen g egenüberstellen. Den Text der Lutherbibel stelle ich dabei vo ran, während der Text der Einheitsübersetzung zur besseren Lesbarkeit kursiv darunter steht. Als Basis soll mir jedoch der griechische Urtext dienen. Unterschiede in den Übersetzungen oder auch etwaige Ungenauigkeiten in beiden möchte ich anhand des Urtextes erläutern. Schließlich möchte ich nach jedem Vers den Schritt wagen, an diese Analyse anschließend jeden Vers möglichst textnah zu formulieren und dann diese Version zur Exegese heran zu ziehen, diese Version erscheint in Fettschrift.
Vers 1:
Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
Auffällig hier ist die unterschiedliche Übersetzung von οικοδεσποτες, einmal mit „Hausherr“ und einmal mit „Gutsbesitzer“. Das aus οικος (Haus, Haushalt) und δεσποτες (Herr, Besitzer) zusammen gesetzte Wort kommt unserem heutigen Verständnis mit der Übersetzung „Gutsbesitzer“ näher. Was Luther mit „verließ“ übersetzt, ist tatsächlich eine Aoristform von εξερχοµαι „ausgehen“), wie es die Einheitsübersetzung wiedergibt. Formen von εξερχοµαι sind hier und in den Versen 3, 5 und 6, was die Paralle-
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lität im Tun verstärkt. Von „Haus“ (Einheitsübersetzung) steht im Urtext nichts.
η βασιλεια των ουρανων, hier mit „Himmelreich“ übersetzt, heißt wörtlich übersetzt „Königsherrschaft der Himmel“. Der Plural von „Himmel“ ist durch das Himmelsverständnis der Antike, in dem man von mehreren Himmeln ausging, bedingt und für uns von keiner besonderen Bedeutung. In beiden Übersetzungen kommt der Aspekt der ‚Herrschaft’ nicht hervor. Wir können nun „Königsherrschaft“ mit „Gottesherrschaft“ gleichsetzen und vom Himmel im Singular reden, so daß sich folgender Text ergibt: Denn mit der Gottesherrschaft im Himmel ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.
Vers 2:
Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in den Weinberg.
Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.
Was in der Einheitsübersetzung völlig selbstverständlich klingt, übersetzt Luther mit einem kausalen Verhältnis. Luther erweckt den Anschein, als habe der Gutsbesitzer verhandeln müssen und erst nach einer Einigung hätte er die Arbeiter in den Weinberg schicken können. Beide Versionen sind möglich, συµϕωνειν („sich einigen“) steht im Partizip des Aorists, was Vorzeitigkeit (und somit wie bei Luther als temporäre Bedingung), aber auch Gleichzeitigkeit zur Haupthandlung (nämlich das Schicken in den Weinberg) bedeuten kann, wenn es den Aspekt der Einmaligkeit ausdrücktwie wir später sehen werden, ist die Einmaligkeit der Lohnvereinbarung nicht unwichtig.
„Tagelohn“ (Luther) bringt hier stärker hervor, daß die angeworbenen Arbeiter Tagelöhner waren. Ob für ihren Lohn „Denar“ oder „Silbergroschen“ steht, spielt für uns keine Rolle - mit beiden Begriffen können wir heute nichts mehr anfangen. Es ergibt sich also: Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar als Tagelohn und schickte sie in seinen Weinberg.
Vers 3:
Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen...
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Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.
Mit Luthers „müßig“ für αργος („nicht arbeitend“, „untätig“, aber auch „träge“, „faul“) können wir wenig anfangen, dies beinhaltet eher noch eine negative Tendenz, wenn man „müßig“ mit „Muße“ in Verbindung bringt. „Die keine Arbeit hatten“ kommt dem Urtext näher. αργος meint hier einfach „untätig“ und ist nicht disqualifizierend gemeint. 4 Hier findet sich wieder eine Form von εξερχοµαι („ausgehen“), nämlich εξηλθων - genau diese Form findet sich auch in den Versen 5 und 6. „Wieder“ (Einheitsübersetzung) ist eine recht freie Übersetzung aus dem Kontext heraus, die der Text an sich aber nicht hergibt. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt untätig stehen.
Vers 4:
... und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg, ich will euch geben, was recht ist.
Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
Der bestimmte Artikel εις kann dabei als solcher oder auch besitzanzeigend übersetzt werden - „den Weinberg“ und „meinen Weinberg“ sind beides mögliche Übersetzungen.
υπαγειν, was hier jeweils einfach mit „gehen“ übersetzt ist, bedeutet genauer „sich auf den Weg machen“.
δικαιος, hier mit „recht“ übersetzt, kann tatsächlich „rechtmäßig“ bedeuten, eigentlich bedeutet es aber „gerecht“ - ein gewichtiger Unterschied, wenn man an die Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit denkt (siehe bei 1). Der Fortgang des Gleichnisses zeigt, daß der Gutsbesitzer den späteren Arbeitern mehr zahlte, als eigentlich recht war - die Übersetzung mit „gerecht“ scheint im Kontext dieser Perikope angemessener zu sein. 5 Er sagte zu ihnen: Macht auch ihr euch auf den Weg in meinen Weinberg. Ich werde euch geben, was gerecht ist.
Vers 5:
4 Vg l. Dietzfelbinger 1983, S. 126
5 Vgl. Ebach, Jürgen, Weil das, was ist, nicht alles ist (Theologische Reden 4), Frankfurt a.M. 1998, S. 235
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Arbeit zitieren:
Thomas Diehl, 2003, Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (MT 20,1-16), München, GRIN Verlag GmbH
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