1. Ludwig Thoma 1 Sexuelle Aufklärung 2 Der alte Storch wird nun begraben. 3 Ihr Kinder lernt im Unterricht, 4 Warum wir dies und jenes haben, 5 Und es verbreitet sich das Licht. 6 Zu meiner Zeit, du große Güte! 7 Da herrschte tiefe Geistesnacht. 8 Man ahnte manches im Gemüte 9 Und hat sich selber was gedacht. 10 Mich lehrte dieses kein Professer; 11 Nur eine gute, dicke Magd 12 Nahm meine Unschuld unters Messer 13 Und machte auf dieselbe Jagd. 14 Ihr Unterricht war nicht ästhetisch, 15 Im Gegenteil, sehr weit entfernt. 16 Und doch, wenn auch nicht theoretisch, 17 Ich hab` es ziemlich gut gelernt.
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2. Analyse der Textebene 2.1 Die graphische Ebene
Das Gedicht besteht aus einer Überschrift und vier Textblöcken bzw. vier Strophen. Die Überschrift hat einen Bezug zum Gedicht. Sie stellt eine Zusammenfassung und das Thema des Gedichtes dar. Das Gedicht hat eine geradzahlige Anzahl von Strophen und eine geradzahlige Anzahl von Versen im Gesamten und in jeder einzelnen Strophe. Die Strophenstruktur ist AAAA. Die graphische Struktur jeder Strophe wiederholt sich bei jeder Strophe. Deshalb entsteht kein Kontrast und keine Spannung auf der graphischen Ebene dieses Gedichtes.
Jede Strophe hat vier Verse. Die Verslänge ist graphisch betrachtet relativ gleic h. Nur die Zeile sechszehn, der dritte Vers in der vierten Strophe, weist einen längeren Vers auf. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Wort „theoretisch“ am Ende dieses Verses gelenkt, welches er mit der Überschrift in Beziehung setzen kann. Insgesamt hat das Gedicht sechszehn Verse. 2.2 Die klangliche Ebene
Alle Strophen des Gedichtes haben das Reimschema a b a b. Es handelt sich hier um Kreuzreime. In jeder Strophe kommen zwei Endreime vor: "begraben" / "haben", "Unterricht" / "Licht", " Güte" / "Gemüte", "Geistesnacht" / " gedacht", "Professer" / "Messer", "Magd" / "Jagd", "ästhetisch" / "theoretisch", "entfernt" / "gelernt". Jeder Endreim hat immer ein und denselben Stammvokal.
In der ersten Strophe hat der erste Endreim den neutralen Stammvokal "a" ("begraben" / "haben") und der zweite Endreim den hellen Stammvokal "i" (Unterricht" / "Licht"). Das bedeutet am Versende wechseln sich klanglich neutrale Töne („begraben“ / „haben“) mit klanglich hellen Tönen („Unterricht“ / „Licht“) ab. Ins gesamt kommen in der ersten Strophe meistens klanglich helle Töne („Kinder“ / „dies“) vor. Aber man findet auch klanglich dunkle („Und“ / „nun“) und klanglich neutrale Töne („alte“ / „das“), welche allerdings in der Minderheit sind.
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Die zweite Strophe hat am Versende auch einen regelmäßigen Wechsel zwischen dem klanglich hellen Stammvokal "ü" ("Güte" / "Gemüte") und dem klanglich neutralen Vokal "a" ("Geistesnacht" / "gedacht").
Die klangliche Verteilung der anderen Vokale in dieser Strophe besteht überwie gend aus hellen Tönen („meiner“ / „tiefe“) und einigen dunklen („Zu“ / „und“) und neutralen Tönen („da“ / „ahnte“).
Auch in der dritten Strophe kommt dieser regelmäßige Wechsel zwischen dem klanglich hellen Vokal "e" ("Professer" / "Messer") und dem klanglich neutralen Vokal "a" ("Magd" /"Jagd") vor. In dieser Strophe überwiegen bei den Vokalen wieder die klanglich hellen Töne („mich“ / „lehrte“). Es gibt aber auch hier wieder einige dunkel-und neutral klingende Vokale („Nur“ / „Unschuld“ und „Nahm“ / „machte“). Die letzte Strophe hebt sich ein wenig, in ihrer klanglichen Form am Versende, von den anderen Strophen ab. Hier findet man am Versende nur klanglich helle Stammvokale, wie das "i" ("ästhetisch" / "theoretisch") und das "e" ("entfernt" / "gelernt"). Die übrigen Vokale in der vierten Strophe sind zu meist hell klingend („Ihr“ / „sehr“), wobei auch hier wiederum wenige dunkle („Unterricht“ / „Und“) und neutrale Klänge („war“ / „auch“) vorkommen.
Im gesamten Gedicht dominiert der helle Klang, gefolgt vom neutralen Klang, vor allem bei dem regelmäßigen Wechsel, von hell und neutral, am Versende in den Reimen. Eine Besonderheit weist das Wort „Professer“ auf. Es erfolgte bei diesem Wort eine klangliche Anpassung des Vokals „e“ in der Wortendung, an den Endreim von „Messer“.
Eine zweite Besonderheit stellen die Diphthonge „ei“ und „ie“ dar. Die erste Strophe beginnt im dritten Vers mit dem Diphthong „ie“ in „dies“. Im vierten Vers dieser Strophe wechselt der Diphthong in „verbreitet“ zum „ei“.
Die zweite Strophe beginnt im ersten Vers mit „ei“ in „meiner“ und „Zeit“ und wechselt im nächsten Vers zum „ie“ in „tiefe“ und wieder hin zum „ei“ in Geistesnacht“. Die dritte Strophe wechselt vom Diphthonge „ie“ in „dieses“, weiter zum „ei“ in „eine“, verbleibt bei diesem Diphthong in „meine“ und beendet die Strophe wieder mit dem Diphthonge „ie“ in „dieselbe“. In der vierten Strophe beginnt der Diphthonge „ei“ in „Gegenteil“ und „weit“ und wechselt in dem letzten Vers zum „ie“ in „ziemlich“.
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Diese genannten Diphthonge in der ersten Strophe und der letzten Strophe bilden einen klanglichen Rahmen. Das Gedicht beginnt sozusagen mit dem Diphthong “ie“ und anschließend „ei“ und endet mit den Diphthongen „ei“ und „ie“. Mit „ie“ beginnt und endet das Gedicht.
Die Reihenfolge der beiden Diphthonge in den Strophen eins und vier wechselt. In der dritten Strophe bilden die Diphthonge „ie“ einen weiteren kleineren Rahmen innerhalb der dritten Strophe. Hier herrscht das Klangschema bezogen auf die Diphthonge a b b a; „ie“ „ei“ „ei“ „ie“. In der dritten Strophe kommt der Diphthong „ie“ in „tiefe“ nur einmal vor. Er wird zum Beginn eingeschlossen von zweimal „ei“ in „meiner“ und „Zeit“ und wird zum Ende wiederum eingeschlossen vom Diphthong „ei“ in „Geistesnacht“. Die Verteilung der Diphthonge „ie“ und „ei“ ist ungleich. Der Diphthong „ie“ kommt fünfmal im Gedicht vor und der Diphthonge „ei“ findet sich siebenmal im Gedicht. Der Diphthonge „ei“ dominiert eher von den beiden Diphthongen. Beide Diphthonge haben einen hellen bis ne utralen Klang. Weiterhin kommt in jeder Strophe das Wort „und“ vor. In der ersten bis dritten Strophe steht das „und“ immer in dem letzten Vers an der ersten Stelle. Nur in der letzten Strophe steht es im vorletzten Vers an erster Stelle. Dies ist das stilistische Mittel der Wiederholung. In jeder Strophe gibt es also in dem Wort „und“ den dunklen Vokal „u“. Des Weiteren findet sich das Mittel der Alliteration. Hier haben zwei aufeinanderfolgende Wörter den gleichen Anlaut. Die Alliteration lässt sich in der Strophe eins, im Vers zwei („warum wir“) finden, in Strophe zwei, Vers eins („große Güte“), in der dritten Strophe, Vers drei („Unschuld unters“) und in der letzten Strophe im Vers vier („gut gelernt“).
Es ist erkennbar, dass sich in jeder Strophe eine Alliteration finden lässt und sie wechselt sich immer ab, so dass sie jedesmal in einem anderen Vers vorkommt. Also 1. Strophe - 2. Vers / 2. Strophe - 1. Vers / 3. Strophe - 3. Vers / 4. Strophe - 4. Vers.
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Arbeit zitieren:
Dana Rothe, 2003, Die Interpretation des Gedichtes "Sexuelle Aufklärung " von Ludwig Thoma mit der Methode der Struktur-Funktions-Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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