1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG 1
2 KÖPFE UND KONZEPTE - FERNSEHNACHRICHTEN IM WANDEL 5
2.1 Von der Tagesschau zur News-Show 5
2.2 Vom Sprecher zum Anchor 8
2.3 Einflussfaktoren auf die Attraktivität von
Nachrichtenpräsentatoren 12 2.3.1 Glaubwürdigkeit 12 2.3.2 Zuverlässigkeit 14 2.3.3 Ästhetik 14 2.3.4 Soziales 15
2.4 Exkurs: Die Rezeption von Fernsehnachrichten im Wandel 17
3 SYMBOLISCHER INTERAKTIONISMUS 23
3.1 Einbettung in die Handlungstheorie 23
3.2 Die Theorie der Rollenübernahme (G.H. Mead ) 24
3.3 Interaktion als Bedeutungskonstruktion (Herbert Blumer) 26
3.4 Mediennutzung als soziales Handeln 27
3.5 Wissenschaftstheoretische Implikationen 30
3.6 Kritik 32
4 PARASOZIALE INTERAKTION 34
4.1 Theorie 34
4.1.1 „Intimacy at a distance“: Das Konzept der Parasozialen Interaktion nach Horton & Wohl (1956) 34
4.1.2 „Breaking the fourth wall“ - Parasoziale Interaktion in der Texttheorie
37
4.1.3 Parasoziale Interaktion als role-taking 38
4.1.4 Parasoziale Interaktion als Gratifikation 40
4.2 Empirie 41
4.2.1 Parasocial interaction scale - Entwicklung und Kritik 41
4.2.2 Parasozialität und Fernseh-Lieblingspersonen 43
4.2.3 Parasozialität und Fiktionale Fernsehpersonen 45
4.2.4 Parasozialität und non-fiktionale Fernsehpersonen 46
4.2.5 Ergebnisse im Überblick 50
4.3 Kritik 51
4.4 Anwendung des Konzepts auf die Problemstellung 53
5 ZIEL DER UNTERSUCHUNG UND FORSCHUNGSFRAGEN 55
6 METHODE DER GRUPPENDISKUSSION 58
6.1 Definition 58
6.2 Entwicklung 59
6.3 Konzeption 60
6.4 Gütekriterien 61
6.5 Stärken und Schwächen 62
6.6 Begründung der Methodenwahl 64
7 KONZEPTION UND DURCHFÜHRUNG DER UNTERSUCHUNG 67
7.1 Größe und Anzahl der Gruppen 67
7.2 Teilnehmer 68
7.2.1 Stichprobe 68
7.2.2 Rekrutierung 70
7.2.3 Zusammensetzung der Gruppen 71
7.3 Pretest und Instrumente 74
7.3.1 Pretest 74
7.3.2 Leitfaden 75
7.3.3 Fragebogen 78
7.3.4 Skala 78
7.4 Organisatorisches 81
7.5 Schematischer Diskussionsverlauf 82
7.6 Diskussionsverlauf in den einzelnen Gruppen 84
7.7 Datenaufbereitung und auswertung 89
7.7.1 Transkription 89
7.7.2 Auswertung 89
7.7.2.1 Indikatoren für Parasozialität 90
7.7.2.2 Analyse der Gruppendiskussion 91
7.7.2.3 Analyse der Skala 93
7.7.2.4 Analyse des Fragebogens 94
8. ERGEBNISSE 95
8.1 Rezipiententypologie 95
8.1.1 Der Fremde 97
8.1.1.1 Nachrichtenbiographien der Fremden 97
8.1.1.2 Parasozialität 99
8.1.1.3 Moderator 101
8.1.1.4 Fernsehnachrichten 103
8.1.1.5 Zusammenfassung 104
8.1.2 Der Treue 105
8.1.2.1 Nachrichtenbiographien der Treuen 105
8.1.2.2 Parasozialität 106
8.1.2.3 Moderator 109
8.1.2.4 Fernsehnachrichten 110
8.1.2.5 Zusammenfassung 112
8.1.3 Der Empathische 113
8.1.3.1 Nachrichtenbiographien der Empathischen 114 8.1.3.2 Parasozialität 117 8.1.3.3 Moderator 122 8.1.3.4 Fernsehnachrichten 124 8.1.3.5 Zusammenfassung 126
8.2 Einzeltyp: Der empathische Fremde 127
8.3 Ergebnisse der schriftlichen Befragung 131
8.3.1 Ergebnisse aus dem Fragebogen 131
8.3.2 Ergebnisse aus der Skala 133
8.3.2.1 Antworten im Überblick 133
8.3.2.2 Kommentierung des Instruments durch die Teilnehmer 136
8.3.2.3 Diskrepanzen im Antwortverhalten 138
8.3.2.4 Beurteilung des Instruments 140
9. SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK 142
9.1 Parasozialität: Differenzierung, Einflussfaktoren und Funktionen 142
9.2 Das Verhältnis von parasozialer Interaktion und parasozialem Verhalten 148
9.3 Ergebnisse im Literaturvergleich 149
9.4 Fazit 152
9.5 Ausblick 153 9.5.1 Wissenschaft 153 9.5.2 Praxis 155
LITERATURVERZEICHNIS 157
ANHANG 171
Screening-Fragebogen für Teilnehmer-Rekrutierung 171
Begrüßung und Vorstellung der Moderatorin (in Stichworten) 174
Fragebogen zur Gruppendiskussion 175
Diskussionsleitfaden / Version 1 178
Diskussionsleitfaden / Version 2 180 PSI - Skala 182
Beispiel für die Auswertungsschritte 3 & 4: 183
Einordnung in Unterkategorien & 1. Kürzung 183
Beispiel für die Auswertungsschritte 5 & 6: 186
Einordnung in Unterkategorien und 2. Kürzung/ paraphrasierung 186
Beispiel für den Auswertungsschritt 8: Einzelfallprofil 191
Übersicht über die im Verlauf der qualitativen Inhaltsanalyse gebildeten Kategorien und Dimensionen 193
Übersicht über die Zuordnung der PSI-Items nach der inhaltlichen Faktorenstruktur von Parasozialität (Gleich 1995; 1997) 195
PSI-Skala nach Rubin, Perse & Powell (1985) 198
1 Einleitung und Problemstellung 1
1 EINLEITUNG UND PROBLEMSTELLUNG
„Fernsehen braucht gute Köpfe wie die Bratwurst den Senf oder der Narziß den
Spiegel. Begabte Moderatoren und Entertainer sind - zusammen mit einem
brauchbaren Konzept - Garanten für einen Quotenerfolg und mehr.“ (Lesche
1998: 33)
Dieses Zitat des ehemaligen Nachrichtenchefs von RTL macht deutlich, dass die zunehmende Personalisierung von Fernsehprogrammen mit deren Akzeptanz sowie dem damit verbundenen - wirtschaftlichen - Erfolg eines Rundfunkanbieters sehr eng zusammenhängt. Dies gilt im Hinblick auf den seit der Deregulierung des Rundfunks bestehenden Konkurrenzdruck zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehveranstaltern insbesondere für Nachrichtensendungen, die das Aushängeschild eines jeden Senders sind und dessen Image sehr nachdrücklich prägen (vgl. Lesche 1998: 35; Nieland 1996: 172). Angesichts der herrschenden Programmvielfalt sowie der damit einhergehenden Segmentierung des Publikums kann die Personalisierung von Nachrichtensendungen helfen, deren jeweiligen Wiedererkennungswert zu steigern und somit eine höhere Zuschauerbindung herzustellen (vgl. Hefter 1999: 163; Hamm 1998: 67). Anders als in den USA, wo die News-Anchor aller großen Networks als Verkäufer der täglichen Nachrichten besonders viele Zuschauer binden und dafür Millionengagen beziehen, präsentiert sich hierzulande ein uneinheitliches Bild: Jede Sendung hat mittlerweile ihre eigene Präsentati-onsform hervorgebracht; Berufsbild und Bedeutung der Präsentatoren variieren „vom traditionellen, distanzierten Erzähler bis zum welterklärenden Sympathieträger“ (Kremer 1998: 50). Ein Trend lässt sich jedoch auf allen Kanälen - wenngleich auch nicht in allen Formaten - feststellen: Die Person des Präsentators 1 ist im Laufe der letzten Jahre immer mehr in den Mittelpunkt gerückt: Bis auf die Sprecher der Tagesschau um 20 Uhr nehmen die Moderatoren vielfältige Aufgaben wie Begrüßung, Anmodera-
1 Aufgrundder unterschiedlichen Berufsbilder wird der Begriff Präsentator im Rahmen
der vorliegenden Arbeit als Sammelbegriff verwendet. Zugunsten der Lesbarkeit des
Textes wird zusätzlich die Bezeichnung Moderator als Synonym für Präsentator ge-
braucht, auch wenn dies nicht ganz ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht. Beide Be-rufsbezeichnungen implizieren - ebenfalls zugunsten der Lesbarkeit des Textes - die
weibliche Form.
1 Einleitung und Problemstellung 2
tion, Überleitung, Interview und Verabschiedung wahr. Somit bieten sie sich dem Zuschauer innerhalb der Sendung als Bezugsperson an und stellen für diesen im Gesamtangebot der Programme eine wichtige Orientierungshilfe dar.
Die zunehmende Personalisierung von Nachrichtensendungen sowie die darüber hinausgehende Präsenz der Moderatoren in anderen Medienzumal in den von ihnen eigens geschaffenen 2 - kann nicht ohne Folgen für den Zuschauer geblieben sein. Mehrere US-amerikanische Studien (vgl. u.a. Levy 1979; Houlberg 1984; Henningham 1988) legen die Vermutung nahe, dass viele Zuschauer eine Nachrichtensendung vor allem wegen ihrer Vorliebe für einen bestimmten Moderator ansehen und die präsentierten Inhalte dabei in den Hintergrund treten: „Who reads the news may be more important than what’s on the news“ (Henningham 1988: 138). Betrachtet man außerdem die in den Fernsehnachrichten vermittelte Illusion eines Zwiegesprächs, welche durch die direkte Adressierung des Moderators an sein Publikum erzeugt wird, so dürfte es nicht verwundern, wenn sich der Zuschauer darauf einließe und dem Moderator eine wichtige Rolle im Prozess der Nachrichtenvermittlung zuschriebe. Wurde dieses Thema bereits Ende der achtziger Jahre in den USA relativ umfassend behandelt, so liegen für die Rezeption von Fernsehnachrichten deutscher Sender keine Untersuchungen vor, welche diesen Aspekt fokussieren. Vielmehr befasst sich die Mehrzahl der hierzulande durchgeführten Studien mit der Frage nach der Informationsvermittlungskompetenz von Fernsehnachrichten - gemessen anhand der Behaltensleistung der Rezipienten.
Daher soll in der vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen werden, ob sich die Rezipienten ihrerseits auf die Personenzentrierung von Nachrichtensendungen in Form von parasozialer Interaktion einlassen und welche Funktion dieses Phänomen sowie die Präsentatoren von Nachrichtensendungen selbst für den Rezipienten erfüllen. Dabei werden die bisher mehrheitlich als auf ein Phänomen hinweisend begriffenen
2 Sowohl von Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert als auch von dem ehemaligen
heute-Moderator Peter Hahne existieren Publikationen, die ein breites Publikum anspre-
chen.
1 Einleitung und Problemstellung 3
Aussagen zur Erfassung parasozialer Interaktion in Anlehnung an eine frühere Studie in drei Faktoren eingeteilt, um der Verwendung des Interaktionsbegriffs in der Primärquelle gerecht zu werden. Die Ergebnisse einer qualitativen Rezeptionsstudie sollen einen Vergleich mit den Befunden amerikanischer Studien erlauben und Schlussfolgerungen sowie mögliche Veränderungen für die Fernsehpraxis aufzeigen. Außerdem können aus dem Einsatz und der Beurteilung eines zusätzlichen Befragungsinstruments Konsequenzen für dessen zukünftige Verwendung im Rahmen von Studien zu parasozialer Interaktion gezogen werden. Die kommunikationswissenschaftliche Einbettung der Arbeit erfolgt in einem ersten Schritt in Anlehnung an die von KAMPS & MECKEL (1998) aufgestellte Systematik der Fernsehnachrichtenforschung, der zu Folge sich die Forschungsbereiche Nachrichtenproduktion, Nachrichteninhalte und Nachrichtenrezeption voneinander abgrenzen lassen 3 (vgl. Kamps/Meckel 1998: 20f.). Auf dem Gebiet der Nachrichteninhalte erfolgt eine Darstellung der unterschiedlichen Nachrichtenformate und deren gestalterischer Merkmale unter besonderer Berücksichtigung des Stellenwerts und der Funktion des Präsentators 4 . Im Anschluss wird eine Beschreibung unterschiedlicher Aspekte, welche die Attraktivität von Mode-ratoren beeinflussen, vorgenommen. Das darauffolgende Kapitel zur Rezeption von Fernsehnachrichten beschreibt die Veränderung von Rezeptionsgewohnheiten vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung von Nach-richtenformaten und der Segmentierung des Publikums. Ihren theoretischen Anschluss findet die vorliegende Arbeit im Symbolischen Interaktionismus, welcher den handlungstheoretischen Rahmen und somit das der Arbeit zugrundeliegende Verständnis vom aktiven Rezipienten impliziert. Darüber hinaus verlangen die wissenschaftstheoretischen Implikationen dieses Konzepts ein qualitatives empirisches Vorgehen und begründen somit die Methodenwahl. Im Rahmen dieser Theorie erscheint parasoziale Interaktion als interaktionistisches Modell für Me- 3 InErmangelung des thematischen Anschlusses entfällt eine Berücksichtigung des Be-
reichs Nachrichtenproduktion.
4 Die Zuordnung der Nachrichtensendungen zu den unterschiedlichen Formaten bezieht
sich auf den Zeitraum der Datenerhebung.
1 Einleitung und Problemstellung 4
dienkommunikation. Da das Konzept der parasozialen Interaktion eine wesentliche Grundlage der durchgeführten Rezeptionsstudie darstellt, wird ihm ein ausführliches Kapitel gewidmet, in welchem relevante Studien und unterschiedliche theoretische Interpretationen vorgestellt werden. Schließlich erfolgt eine Anwendung des Konzepts auf die eingangs skizzierte Problemstellung.
Im Anschluss an den theoretischen Teil der Arbeit wird eine ausführliche Darstellung von Konzeption und Durchführung der Untersuchung sowie der verwendeten Auswertungsstrategien vorgenommen. Anschließend erfolgt eine detaillierte Präsentation der Untersuchungsergebnisse, auf deren Basis schließlich Vergleiche mit US-amerikanischen Studien und Rückschlüsse für die Fernsehpraxis möglich sein werden.
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 5
2 KÖPFE UND KONZEPTE - FERNSEHNACHRICHTEN IM WANDEL Seit der Einführung des dualen Rundfunksystems in der Bundesrepublik Deutschland Mitte der achtziger Jahre hat sich die Fernsehlandschaft stark gewandelt. Private Rundfunkanbieter schufen neuartige Programme und Programmformen - eine Veränderung, die sich vor allem im Genre der Hauptnachrichtensendungen bemerkbar macht, welche nicht zuletzt aufgrund ihrer zeitlichen Positionierung 5 für eine hohe Zuschauerbindung sorgen (vgl. Brosius 1998: 285). Waren die Zuschauer bis 1984 vor allem die seriösen Sprecher von Tagesschau und heute gewöhnt, so präsentieren die Privaten dem Zuschauer locker moderierte News-Shows im amerikanischen Stil.
2.1 VON DER TAGESSCHAU ZUR NEWS-SHOW
Der neuartige Konkurrenzdruck durch die privaten Rundfunkanbieter und der damit einhergehende Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zwang die Programmverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender, sich nun ihrerseits verstärkt um die Hauptnachrichtensendungen zu bemühen. Neben den Inhalten selbst 6 veränderte sich auch deren Präsentation 7 : Boten ARD und ZDF ihre Informationen bis Mitte der achtziger Jahre nüchtern und seriös dar, so haben ‚bunte’ Präsentationsweisen mit den privaten Anbietern in Deutschland auch Eingang in öffentlich-rechtliche Informationssendungen gefunden 8 (vgl. Wilke 1999: 55). Wie GOERTZ in einer Studie nachweisen kann, hat sich das Erscheinungsbild von Nachrichtensendungen in den vergangenen zehn Jahren stark verändert: Hinsichtlich der gestalterischen Mittel deutschsprachiger
5 Diese Bindung überträgt sich häufig auf die nachfolgende Sendung. Dieses Phänomen
wird mit dem Begriff audience flow bezeichnet, da nur ein geringer Austausch der Seher-schaft stattfindet. (Vgl. Brosius 1998: 285)
6 Die Themenbereiche Politik und Wirtschaft werden von den öffentlich-rechtlichen Nach-
richten weitaus stärker (40-50%) bedient als beispielsweise von RTL (16%). Bei den
Privatsendern hingegen dominieren die Bereiche Gesellschaft, Kultur, Umwelt sowie die
sogenannten ‚Soft News’ (Verbrechen, Katastrophen, etc.). (Vgl. Hamm 1998: 66f.)
7 Nach BARTEL stellt die Präsentation ein Strategieelement im Medienwettbewerb dar
(vgl. Bartel 1997: 92f.).
8 Die zunehmende Verschmelzung von Information und Unterhaltung bezeichnet das
Schlagwort Infotainment (vgl. Wittwen 1995: 22).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 6
Fernsehnachrichten - in der Unterteilung nach privaten und öffentlichrechtlichen Anbietern - existiert inzwischen kein signifikanter Unterschied mehr. (Vgl. Goertz 1996: 205f.) Diese Ergebnisse sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Hauptnachrichtensendungen im deutschen Fernsehen durchaus voneinander unterscheiden. Allerdings bietet sich hier inzwischen keine ‚klassische’ Zweiteilung nach der Rechtsform der Sender mehr an, sondern vielmehr eine Typologie, welche die unterschiedlichen Formate beschreibt, die von öffentlich-rechtlichen wie privaten Rundfunkanbietern bei der immer stärker zielgruppenorientierten Gestaltung von Hauptnachrichtensendungen verwendet werden. Dabei reicht die Spanne der Präsentationsformen von der traditionellen Sprechersendung über das Nachrichtenjournal bis zur amerikanischen News-Show. Bekanntestes und inzwischen seltenes Beispiel für die Sprechersendung ist die Tagesschau der ARD, die im Gegensatz zu allen anderen Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen dem traditionellen Sprecher-Prinzip treu geblieben ist. Der Sprachstil ist formell und zurückhaltend, die Sätze sind komplexer gebaut und mit anspruchsvollerem Vokabular erstellt als in anderen Nachrichtensendungen. Da die in der Sendung präsentierten Ereignisse nicht kommentiert und kaum in größere Zusammenhänge gestellt werden, ist die Spanne der journalistischen Prä-sentationsformen stark eingeschränkt - es dominiert die neutrale Sprechermeldung. Darüber hinaus verzichtet die Sprechersendung auf den Einsatz moderner Styling-Elemente wie Trailer, Themenüberblick oder Jingles. (Vgl. Wittwen 1995: 32; Goertz 1996: 208) Die Nachrichtenjournale 9 erheben den Anspruch, die Tagesereignisse zu vertiefen und Hintergrundinformationen zu liefern. Sowohl das Themenspektrum als auch die Palette journalistischer Präsentationsformen sind in diesem Format wesentlich breiter angelegt als in der klassischen Sprechersendung. Auch folgen die Gewichtung und Reihenfolge der präsentierten Ereignisse keinem immergleichen Schema: Vielfach steht nicht
9 Die Bezeichnung Nachrichtenmagazin wird synonym verwendet (vgl. Pos-selt/Rieglhofer 1996: 17). Beispiele für dieses Format im deutschen Fernsehen sind das
heute-journal (ZDF), die Tagesthemen (ARD) sowie deren jeweilige Spätausgaben und
das Nachtjournal (RTL).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 7
das relevanteste 10 Thema, sondern ein sportliches oder kulturelles Ereignis am Beginn der Sendung - neben Relevanz gelte für das heute-journal auch Attraktivität als wichtiges Selektionskriterium, ließ dessen ehemaliger Chefredakteur Peter Voss seine Mitarbeiter in einer ZDF-internen Anleitung wissen (vgl. Posselt/Rieglhofer 1996: 18). Außerdem präsentiert das Nachrichtenmagazin zu bestimmten Themen häufig mehrere Beiträge, die sich dem Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Die Sprache ist weniger distanziert und formell als in der Sprechersendung und wird bisweilen durch alltagssprachliche Formulierungen durchbrochen. Letzteres ist vor allem bei vermischten Beiträgen der Fall (vgl. o.N. 1994: 10). Durch das Verwenden unterschiedlicher Kameraeinstellungen sowie die partielle Einblendung des Studioraums hebt sich das facettenreichere Nachrichtenmagazin auch optisch von der Sprechersendung ab. Die News-Show ist der Prototyp einer amerikanischen Nachrichtensendung und stellt insbesondere im dortigen Fernsehen eine beliebte und gängige Präsentationsform dar. Dieses Format geht dabei am weitesten in dem Versuch, Nachrichten und Unterhaltung miteinander zu verbinden. Der Studioraum wird in weitaus größerem Maße genutzt als im Nachrichtenjournal: Häufig können sich die Moderatoren frei darin bewegen. Dies erlaubt Schauplatzwechsel und Live-Elemente 11 , die in anderen Nachrich-tenformaten nicht in diesem Ausmaß möglich sind. Der thematische Rahmen der News-Show geht über den des Nachrichtenjournals noch hinaus: Die Relevanz eines Beitrages ermisst sich vor allem anhand dessen vermuteter Bedeutung für den Zuschauer und am Grad der Betroffenheit, welchen er beim Publikum auszulösen vermag. In der News-Show spiegelt sich am deutlichsten der Trend „weg von der reinen, harten Information, hin zu den Nachrichten, die mit netten Nebensächlichkeiten aus aller
10 Der Begriff der Relevanz ist insofern problematisch, als er von Kommunikator und
Rezipient unterschiedliche Interpretationen erfahren kann. Aus konstruktivistischer Per-spektive, die hier zugrundegelegt werden soll, handelt es sich bei Relevanz jedoch nicht
um eine Eigenschaft von Ereignissen, sondern vielmehr um eine Zuschreibung seitens
Kommunikatoren und Rezipienten. Im Falle der Nachrichtenmagazine sind relevante
Ereignisse diejenigen, die von den Redakteuren als solche erachtet werden; attraktive
Ereignisse in diesem Zusammenhang sind solche, die - in den Augen der Redaktion -vom Publikum als attraktiv eingeschätzt werden. Vgl. abgrenzend dazu den der News-Show zugrundeliegenden Relevanzbegriff.
11 Zum Beispiel Studio-Interviews oder Gesprächsrunden.
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 8
Welt den Zuschauer von seinem tristen Alltag ablenken sollen“ (Posselt/Rieglhofer 1996: 20).
Um ihre Dynamik zu erhöhen, versucht die News-Show, die klassische Nachrichten-Dramaturgie - das heißt: Präsentation der Ereignisse nach dem Prinzip abfallender Wichtigkeit - zu durchbrechen, indem sie bewußt Höhepunkte setzt und Ruhepunkte einbaut. Nachrichten komplexer Art werden nur begrenzt berücksichtigt; das Sprachniveau erscheint gegenüber anderen Nachrichtenformaten stark vereinfacht. (Vgl. Wittwen 1995: 33f.). 12
2.2 VOM SPRECHER ZUM ANCHOR
Die unterschiedlichen Präsentationsformen implizieren auch verschiedene Moderationsstile, wobei Bedeutung und Aufgaben des Präsentators stark variieren. In der traditionellen Sprechersendung ist es die vorwiegende Aufgabe der Sprecher, die Nachrichten zu verlesen. Sie sind keine Redakteure oder Moderatoren, sie lesen Nachrichten, die von anderen geschrieben wurden, „ohne Körperregung“ (Posselt/Rieglhofer 1996: 16) vom Blatt. Daher wird auf den Einsatz des Teleprompters bei dieser Prä-sentationsform bewusst verzichtet. 13 Das Verhältnis des Sprechers zu den Meldungen ist distanziert - er „leiht ihnen seine Stimme, aber er stellt ihnen nicht seine Persönlichkeit zur Verfügung“ (Straßner 1982: 36). Die von dem als neutrale Instanz stilisierten Sprecher vorgetragenen Ereignisse erhielten vor allem in den frühen Jahren der Tagesschau für
12 Ergänzend muss hinzugefügt werden, dass es die News-Show jedoch nicht gibt - es
handelt sich dabei vielmehr um einen Sammelbegriff für eine möglichst unterhaltsame
Aufbereitung von Aktualitäten. Das Spektrum der Subformate reicht vom Eyewitness-
News-Format, welches die Person des Reporters besonders hervorhebt, über die soge-
nannten Action-News und den Happy-Talk bis hin zum Electronic News-Format. (Vgl.
Posselt/Rieglhofer 1996: 20f.) Da sich die aufgeführten Formate zwar theoretisch von-
einander abgrenzen lassen, es sich bei der Umsetzung unterschiedlicher News-Shows
aber immer um Mischtypen handelt, ist diese Typologie idealtypisch zu verstehen. An
diese Präsentationsform lehnt sich im deutschen Fernsehen vor allem die Nachrichten-
sendung RTL aktuell an. Doch auch die Privatsender SAT.1 (18.30-Nachrichten), PRO7
(PRO7-Nachrichten) und VOX (Vox-Nachrichten) bemühten sich in der Vergangenheit,
ähnliche Nachrichtenformate zu etablieren.
13 Dies soll sich jedoch in diesem Jahr ändern. Die ehemalige Chefsprecherin Dagmar
Berghoff kritisierte diese geplante Neuerung, da sie einen Verlust der Glaubwürdigkeit
des Moderators befürchtet (vgl. o.N. 1999: 16).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 9
einen Großteil der Zuschauer einen öffiziösen Anstrich. 14 Durch die bis 1973 gleichbleibende Kameraeinstellung wurde der Sprecher in den Mittelpunkt der Sendung gerückt - mit dem Ergebnis, dass von den Zuschauern jede Veränderung in der angestammten Moderatorenrolle überbewertet wurde. Seit der Einführung des Blue-Screen-Verfahrens, welches den Einsatz zusätzlicher visueller Informationen erlaubt 15 , ist jedoch ein Teil der Aufmerksamkeit vom Sprecher abgelenkt, der seitdem nicht mehr den gesamten Bildschirm ausfüllt, sondern an die rechte Seite versetzt wird. Für viele Zuschauer bedeutet dies einen „Verlust an ‘Menschlichkeit’ in den täglichen Welt-Nachrichten“ - sie müssen „die zusätzliche Klarheit mit der Schrumpfung von Familienfreuden“ (Netenjakob 1973; zitiert nach Kremer 1998: 53) bezahlen. Dennoch schafft gerade die sachliche und distanzierte Präsentation der Nachrichten beim Publikum Identifikation und Vertrauen - trotz wachsender Konkurrenz gilt die Tagesschau auch heute noch mit Abstand als die glaubwürdigste Nachrichtensendung (vgl. Darschin 1999: 164).
Die Moderatoren der Nachrichtenjournale sind sogenannte ‘Redakteure im Studio’, die im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit ihre Texte selbst verfassen (vgl. Kremer 1998: 54f.). Typisch für dieses Nachrichten-format ist, dass die jeweiligen Moderatoren den Rezipienten nicht nur über die neuesten Ereignisse in Kenntnis setzen, sondern diese auch bewerten und einordnen 16 , ihr Publikum durch das Tagesgeschehen leiten und sich ihm dabei als wichtige Bezugspersonen anbieten. Der Moderator soll „eine Persönlichkeit sein, die entschieden auftritt und vorträgt, was es zu sagen gilt; er vermeidet [...] angestrengte Lockerheit, besonders originelle Überleitungen oder spaßiges Andienen“ (Wittwen 1995: 31). Obwohl den Präsentatoren des Nachrichtenjournals eine wesentlich zentralere Rolle innerhalb der Sendung zukommt als denjenigen einer Sprechersendung, betreibt dieses Format keine vollständige und konse-
14 ImFall des Tagesschau-Sprechers Karl-Heinz Köpcke führt dies so weit, dass er von
mehr als 60 Prozent der Bevölkerung für den Sprecher der Bundesregierung gehalten
wird (vgl. Launer 1979: 290).
15 Zum Beispiel Grafiken, Stichworteinblendungen oder Symbole.
16 Dadurch vollziehen sie jedoch eine permanente Gratwanderung zwischen erlaubter
Subjektivität und der gebotenen Zurückhaltung im Meinungsbereich.
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 10
quente Personalisierung, da es nicht auf einen Moderator setzt, sondern eine Ablösung unterschiedlicher Moderationsteams praktiziert. Dennoch erfüllen auch hier die einzelnen Moderatoren die Funktion, beim Rezipienten für eine höhere Identifikation und Programmbindung zu sorgen. 17,18 Im Falle der News-Show kommt der Moderation eine weit gewichtigere Rolle zu als im Nachrichtenjournal, weshalb ihr Gelingen noch stärker an die Person des Moderators gebunden ist als bei anderen Nachrichtensendungen. Durch die Sendung führt - häufig gemeinsam mit einem Co-Moderator, der in den meisten Fällen für die Kurznachrichten und den Sport zuständig ist - ein Anchorman 19 , dessen bildhafte Bezeichnung bereits deutlich macht, dass „seine Hauptfunktion darin besteht, seinen Namen mit der Sendung zu verkoppeln und somit einen ruhenden, zuverlässigen Pol zu bilden“ (Kremer 1998: 61). Entsprechend seiner zentralen Rolle hat der Anchor einer News-Show vielfältige Aufgaben, die von der Begrüßung über Anmoderation, Überleitung und Kommentierung bis zur Verabschiedung der Zuschauer reichen. Im Gegensatz zum distanzierten Sprecher tritt der Anchor nicht hinter der Meldung zurück - er fungiert vielmehr als ‚Nachrichtenverkäufer’, prägt die Sendung durch seine persönliche Ausstrahlung und wird somit zum wichtigen Bindeglied zwischen Information und Zuschauer (vgl. Hefter 1999: 161). Abgesehen von ihrer essentiellen Rolle innerhalb der meisten Nach-richtenformate haben sich einige Präsentatoren auch abseits ‘ihrer’ Sendung sowie außerhalb des Fernsehens einen Namen gemacht: Seit Mitte letzten Jahres zeigte der Fernsehsender Phoenix in der Reihe Zeitzeugen mehrere Interviews mit politischen Persönlichkeiten wie beispielsweise
17 Beispiele für dieses Format sind die Tagesthemen (ARD) und das heute-journal
(ZDF).
18 Vermutlich aus diesem Grund wird in der Literatur teilweise die Bezeichnung ‚Anchor’
nicht nur für Moderatoren von News-Shows, sondern auch für Präsentatoren von Nach-
richtenjournalen verwendet (vgl. beispielsweise Hefter 1999: 161; Kremer 1998: 61;
Seesslen 1996: 140). Dass die Bedeutung dieses Terminus für die beiden Formate diffe-
rent ist, wird im folgenden deutlich werden.
19 Dieser Begriff wurde von Sig Mickelson, dem ehemaligen Präsidenten der CBS News,
geprägt, als er 1952 für den Nachrichtenmoderator Walter Cronkite eine passende Be-
rufsbezeichnung suchte. „I visualized the ‘anchorman’ as the best-informed person at the
convention. All our communication lines would terminate at him.“ (Mickelson 1989, zitiert
nach Wittwen 1995: 66) ‚Anchorwoman’ oder ‚Anchor’ sind Variationen dieses Begriffs
(vgl. Bliss 1991, zitiert nach Wittwen 1995: 66).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 11
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundeskanzler Gerhard Schröder, die von Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert geführt wurden. Sowohl von Peter Hahne, einem ehemaligen heute-Moderator, als auch von Ulrich Wickert existieren Publikationen, die ein breites Publikum ansprechen und in welchen vor allem Ulrich Wickert Stellung zu aktuellen Fragen und Entwicklungen in Deutschland nimmt. 20 Zusätzlich finden sich auch in der Boulevardpresse Artikel und Meldungen über Nachrichtenpräsentatoren 21 , die außerdem gern gesehene Gäste in Talkshows sind. 22 Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass viele Präsentatoren offensichtlich Medienpersönlichkeiten sind, deren Präsenz auch außerhalb der Nachrichtensendung gefragt ist. Ihr Name und das damit verbundene Image - Seriosität, Vertrauenswürdigkeit, Zuverlässigkeit, Kompetenzdienen der Attraktivitätssteigerung von Sendungen und Sendern. Dem Rezipienten bieten sie sich in unterschiedlichen Medien als Identifikationsfigur an und sorgen infolgedessen auch dort für eine höhere Publikumsbindung.
20 Vgl. Wickert, Ulrich (1994): Der Ehrliche ist der Dumme: über den Verlust der Werte.
Hamburg.; Wickert, Ulrich (1997): Deutschland auf Bewährung - der schwierige Weg in
die Zukunft. Hamburg.; Hahne, Peter (1994): Gute Nachrichten. Von und mit Peter Hah-
ne. Stuttgart.
21 Prominentestes Beispiel ist die ehemalige Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke, die
aufgrund freizügiger Fotos im Boulevardblatt Gala in Konflikt mit ihrem Arbeitgeber ge-
riet.
22 Am 22. April 1999 lud beispielsweise Alfred Biolek prominente Moderatoren wie Gabi
Bauer (Tagesthemen, ARD), Petra Gerster (heute, ZDF) und Peter Kloeppel (RTL aktu-
ell) unter dem Titel „Nachrichtenfieber“ in seine Sendung Boulevard Bio ein und diskutier-
te mit ihnen über Karriere, Selbstverständnis und Arbeitsalltag.
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 12
2.3 EINFLUSSFAKTOREN ATTRAKTIVITÄT AUF DIE VON NACHRICHTENPRÄSENTATOREN
Welche Faktoren machen Nachrichtenpräsentatoren für Rezipienten attraktiv und erhöhen somit das Potential für parasoziale Interaktion? 23 Eine Antwort auf diese Frage sollen die nachstehenden Ausführungen geben, wobei deutlich wird, dass es sich bei Attraktivität um ein mehrdimensionales Konstrukt handelt 24 .
2.3.1 GLAUBWÜRDIGKEIT
Erkenntnisse auf dem Gebiet der Persuasionsforschung, die im wesentlichen von der YALE-Gruppe um den amerikanischen Sozialpsychologen Carl Iver HOVLAND begründet wurde zeigen, dass Glaubwürdigkeit durch eine imaginäre Beziehung zwischen der Quelle und dem Empfänger von Botschaften entsteht. In modifizierter Form hat diese Annahme, der ein klassisches Stimulus-Response-Modell zugrunde liegt, auch heute noch Gültigkeit (vgl. Posselt/Rieglhofer 1996: 37). Gegenüber dem Kommunika-tor entwickelt der Rezipient bestimmte Erwartungen, Vorstellungen und Images, aus denen er - häufig noch vor Beginn einer Kommunikation -Schlussfolgerungen zieht, welche sich im wesentlichen auf drei Eigenschaften des Kommunikators beziehen: Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Dynamik.
In der Tradition der YALE-Schule erscheint Glaubwürdigkeit folglich als Eigenschaft des Kommunikators. Dies wie auch die Tatsache, dass die Forscher um HOVLAND mit einem kausalmonologischen Wirkungsmodell arbeiten, wurde in der Vergangenheit unter anderem von dem Leipziger Kommunikationswissenschaftler Günter BENTELE kritisiert. Aus seinen Studien geht hervor, dass Glaubwürdigkeit keine kommunikatorimmanente Eigenschaft, sondern vielmehr eine Konstruktion des Publikums ist, mit deren Hilfe Komplexität reduziert wird. (Vgl. Bentele 1988:
23 Verschiedene Untersuchungen zu parasozialer Interaktion zeigen, dass das Auftreten
dieses Phänomens mit der Fähigkeit der Benennung einer TV-Lieblingsperson zusam-menhängt (vgl. Kapitel 4.2).
24 Die folgende Klassifikation erfolgt in Anlehnung an GROEBEL (1990).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 13
408; Bentele 1994: 297) Die von den YALE-Forschern benannten Dimensionen finden jedoch auch in neuere Studien Eingang und können somit weiterhin unter dem Konzept ‘Glaubwürdigkeit’ subsumiert werden: Vertrauenswürdig erscheinen Moderatoren dann, wenn über die „Ehrlichkeit und Lauterbarkeit ihrer Motive“ (Nawratil 1999: 17) kein Zweifel besteht, sie also aufrichtig und unabhängig wirken. Auch Offenheit, Gerechtigkeit und Fairness sind Eigenschaften, die glaubwürdigen Kommunikatoren zugeschrieben werden. (Vgl. Weischenberg 1995: 301) Sowohl berufliche Qualifikationen als auch allgemeinere Eigenschaften wie Geschicklichkeit, Erfahrung und Sachverstand werden in der Kompetenz-Dimension erfasst. Je kompetenter ein Moderator wahrgenommen wird, desto höher ist die Glaubwürdigkeit, die seine Aussagen beim Publikum genießen. Ein besonderes Charakteristikum des Fernsehens bezeichnet die Dynamik-Dimension - in diesem Medium wirken Kommunika-toren umso glaubwürdiger, je höher ihre Aktivität, Extrovertiertheit, Aggressivität, Tapferkeit und Entscheidungsfreude von den Rezipienten eingeschätzt werden. (Vgl. Weischenberg 1995: 301f.) Eine weitere Komponente, welche die Einschätzung eines Kommuni-kators als glaubwürdig beeinflusst, ist die wahrgenommene Ähnlichkeit zwischen diesem und dem Rezipienten. Dabei können sowohl Ähnlichkeiten hinsichtlich Einstellungen und Werthaltungen als auch Ähnlichkeiten hinsichtlich der Gruppenzugehörigkeit mit einer Meinungs- und Einstellungsänderung des Publikums zusammenhängen (vgl. Nawratil 1999: 18). Darüber hinaus identifiziert NAWRATIL die soziale Billigung eines Mediums sowie den Grad der dem Kommunikator entgegengebrachten Sympathie als weitere Dimensionen, welche sich unter dem Konzept ‘Glaubwürdigkeit’ subsumieren lassen. Alle sechs vorgestellten Dimensionen - Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz, Dynamik, Ähnlichkeit, soziale Billigung und Sympathie - gelten als Basis für die Zuschreibung von Glaubwürdigkeitsowohl gegenüber Medien als auch gegenüber Kommunikatoren. Im Prozess medialer Kommunikation ist die wahrgenommene Glaubwürdigkeit der Quelle abhängig von den Informationen, welche der Rezipient über diese erhält. Da diese Erfahrung ebenfalls via Massenkommu- nikation vermittelt wird und nicht der interpersonalen Kommunikation ent-
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 14
stammt, entwickeln sich die Vorstellungen bezüglich der Vertrauenswürdigkeit einer Quelle in Abhängigkeit von der Mediennutzung. Nach einiger Zeit verfestigen sich diese Vorstellungen zu relativ stabilen Images, die handlungsleitend für die Selektion von Medienangeboten sind und somit für die Rezipienten eine Orientierungsfunktion erfüllen. (Vgl. Nawratil 1999: 20)
2.3.2 ZUVERLÄSSIGKEIT
Eine weitere Erklärung für den Erfolg und die Bedeutung eines Modera-tors ist die Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit, mit welcher dieser am Bildschirm erscheint. Der aus der Psychologie bekannte Mere-Exposure-Effekt erklärt das Phänomen, nach dem die in zeitlich festgelegten Abständen regelmäßige Wiederholung eines (Moderatoren-)Gesichts auf dem Bildschirm als wichtiges Element für die wahrgenommene Zuverlässigkeit und somit die Akzeptanz eines Programms oder Senders gilt 25 (vgl. Groebel 1998: 44). In einer sich rasant ändernden Welt mit immer komplexeren Problemen und einem ständig wachsenden Informationsangebot ist der „besonnen einordnende und ebenso sympathische wie kompetente Moderator [wie] ein Fels in der Brandung, ein verläßlicher Freund“ (Lesche 1998: 35). Doch nicht nur emotionale, sondern auch zeitstrukturierende Faktoren haben Einfluss auf wahrgenommene Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit: Die Nachrichtensendung strukturiert den Tagesablauf der Rezipienten und stellt darin ein wiederkehrendes Moment dar. (Vgl. Groebel 1990: 62; Posselt/Rieglhofer 1995: 35; sowie vertiefend Mikos 1994: 34f.; Kunkel 1998: 113f.)
2.3.3 ÄSTHETIK
Nicht unbedeutend für den Erfolg eines Moderators sind außerdem rein äußerliche Attribute wie Erscheinungsbild und Charisma. Bezeichnend für den Stellenwert, welchen ein attraktives Äußeres von Nachrichtenpräsen- 25 DiesesPhänomen wird auch als Werner-Höfer-Effekt bezeichnet, da dieser über Jahre
hinweg ‚pünktlich’ sonntags um 12 Uhr mit seinem „Internationalen Frühschoppen“ auf
dem Bildschirm erschien (vgl. Groebel 1998: 44).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 15
tatoren im US-amerikanischen Fernsehen einnimmt, ist die ironische Bemerkung Neil POSTMANs, der vermutet, dass „die meisten von ihnen [den Nachrichtenpräsentatoren, Anm. d. Verf.] mehr Zeit unter ihrem Fön denn über ihren Skripten“ verbringen - mit dem Ergebnis, dass „sie die bestaussehendsten Leute diesseits von Las Vegas sind“ (Postman 1993: 13). Obwohl die Zuschreibung von Attraktivität eine subjektive Größe ist, herrscht innerhalb eines Kulturkreises und innerhalb einer Zeitperiode ein hoher Konsens über die Kriterien für ein angenehmes Äußeres (vgl. Groebel 1990: 59). Demzufolge haben die Zuschauer auch stereotype Vorstellungen bezüglich des Erscheinungsbildes eines Nachrichtenprä-sentators, welche besonders in den USA von profitorientierten News Consultants 26 bedient werden: Die Präsentatoren der Hauptnachrichtensendungen müssen unter anderem bestimmten optischen Kriterien entsprechen, weshalb sich die Anchor der großen Networks sehr ähnlich sehen (vgl. Wittwen 1995: 61). Auch hierzulande spielt das Aussehen der Prä-sentatoren offensichtlich eine Rolle: Bewusste Veränderungen des Erscheinungsbildes werden vom Publikum nicht kommentarlos hingenommen. 27 Neben physiognomischen Attributen wird offenbar auch der Kleidung viel Wert beigemessen, wie unter anderem eine HÖRZU-Umfrage aus dem Jahr 1992 zeigen kann (vgl. Wittwen 1995: 61).
2.3.4 SOZIALES
Nach GROEBEL beschreibt diese Dimension die Beziehung, die der Zuschauer zum Moderator aufbaut: die ‘parasoziale Interaktion’. Da sich eines der nachfolgenden Kapitel sehr eingehend mit diesem Konzept aus-einandersetzt, wird an dieser Stelle auf eine Definition sowie eine ausführliche und differenzierte Darstellung verzichtet. Der Faktor ‘Soziales’ hängt zum Teil von den vorgenannten Faktoren wie Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und Ästhetik ab, beziehungsweise ist mit diesen verschränkt. GROEBEL findet für den Fernsehmoderator verschiedene Standorte in-
26 Dieseberaten die Sender bezüglich der Gestaltung ihrer Nachrichten.
27 Als beispielsweise der Tagesschau-Sprecher Karl-Heinz Köpcke nach seinem Urlaub
mit einem Bärtchen auf dem Bildschirm erschien, löste dies beim Publikum Entsetzen
aus (vgl. Wittwen 1995: 61).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 16
nerhalb der parasozialen Interaktion: Das unerreichbare Ideal, dem sich der Zuschauer entweder nähern oder von dem er sich bewusst - zum Zwecke der Glorifizierung - distanzieren will, die Identifikationsfigur sowie die Einstufung der Moderatoren als gute Freunde. Besonders für ältere und einsame Menschen können Fernsehpersonen sowie das Fernsehen selbst außerdem die Funktion erfüllen, eine soziale Anwesenheitsillusion zu erzeugen. (Vgl. Groebel 1990: 64f.)
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 17
2.4 EXKURS: DIE REZEPTION VON FERNSEHNACHRICHTEN IM WANDEL Insbesondere die wachsende Ausdifferenzierung der Medienangebote in der Sparte Informationssendungen 28 wirft seit Mitte der achtziger Jahre die Frage nach der gesellschaftlichen Integrationsleistung im Mediensystem auf. Die Diskussion wird von der These beherrscht, dass die mit der Vermehrung des Angebots verbundene stärkere Zielgruppenorientierung zu einer Segmentierung des Publikums in Teilöffentlichkeiten mit unterschiedlichen Wissensbeständen und somit schließlich zu der „Auflösung von Öffentlichkeit und zu gesellschaftlicher Desintegration“ (Hasebrink 1998: 360) führt 29 . (Vgl. ebd.; sowie anstatt vieler Wilke 1999, Ruhrmann/Woelke 1998; Ruhrmann 1996)
Konnten die bundesdeutschen Zuschauer bis Mitte der achtziger Jahre nur drei bis vier terrestrisch verbreitete Programme empfangen, so haben sie heute die Wahl zwischen rund dreißig Kabel- bzw. fünfzig Satelliten-Kanälen. Mit der Ausweitung des Programmangebots vergrößerte sich auch das verfügbare Angebot an Informationssendungen 30 . Einer Analyse der GfK für das Jahr 1998 zufolge betrug das tägliche Sendevolumen in diesem Bereich rund 204 Stunden, dies entspricht 42 Prozent aller aus-Programme 31 . gewerteten (Vgl. Schulz 1998: 69; Blö-dorn/Klingler/Gerhards 1999: 88)
Eine Analyse des Nutzerverhaltens im Jahr 1999 zeigt, dass von durchschnittlich 185 Minuten, welche die Bundesbürger vor dem Fernseher verbrachten, im Schnitt 52 Minuten für die Rezeption von Informati-
28 Darunterfallen laut GfK-Codierung Nachrichten und Nachrichtenmagazine, regionale
Information und Frühsendungen, Schul- und Bildungssendungen sowie Informationssen-
dungen zu unterschiedlichen Themen (Politik, Wirtschaft). Diese Codierung bezeichnet
nur die Sendungsebene und sagt nichts über den tatsächlichen Informationsgehalt der
einzelnen Programme aus. (Vgl. Blödorn/Gerhards/Klingler 1999: 86f.)
29 Dass diese These meistens im Zusammenhang mit der Nutzung des Mediums Fern-
sehen geäußert wird, liegt vermutlich daran, dass es bis Mitte der achtziger Jahre eine
recht stabile und überschaubare Angebotssituation - vor allem im Hinblick auf die Haupt-
nachrichtensendungen von ARD und ZDF - gegeben hat.
30 So stieg in der Zeit von 1985 bis 1990 das gesamte Informationsangebot des Fernse-
hens von 761 auf 2.010 Minuten (= durchschnittliche Sendedauer pro Tag in Minuten)
(vgl. Jäckel 1996: 148).
31 Von durchschnittlich 33 in der Bundesrepublik empfangbaren Programmen sind knapp
20 auswertbar, auf die 1998 rund 95 Prozent der Fernsehnutzung entfielen. (Vgl. Blö-
dorn/Gerhards/Klingler 1999: 88.)
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 18
onssendungen aufgewendet wurden. Von dieser Zeit entfallen an einem durchschnittlichen Wochentag des vergangenen Jahres 35 Minuten auf die Informationssendungen von ARD (inkl. Dritte Programme), ZDF oder 3sat, auf die entsprechenden Sendungen der privaten Programme hingegen 17 Minuten. Dabei kann die Tagesschau der ARD den größten Marktanteil für sich verbuchen. 32 (Vgl. Darschin 2000: 152ff.) Diese Verteilung spiegelt die Zuschreibung von Kompetenz im Informationsbereich wider, welche die Zuschauer bezüglich öffentlichrechtlicher und privater Anbieter vornehmen: ARD und ZDF werden von den deutschen Fernsehzuschauern als eindeutig seriöser, glaubwürdiger und anspruchsvoller als die Privatsender RTL, SAT.1 und ProSieben beurteilt. Letztere haben immer noch mit einem Seriositätsdefizit zu kämpfen. Insbesondere die Ausführlichkeit und Gründlichkeit bei der politischen Berichterstattung sowie die Professionalität der Korrespondenten sind Leistungsmerkmale, aufgrund derer sich die Mehrzahl der Zuschauer den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF zuwenden. Überdies gelten die Tagesschau und heute als vergleichsweise vollständiger und verläßlicher als adäquate Informationsangebote der Privatsender. (Vgl. Darschin 1999: 164) Die vorgestellten Daten zeigen, dass sich trotz einer Ausweitung des Angebots an Nachrichtensendungen die Präferenzen der Nutzer auf wenige Kanäle verteilen, deren Hauptnachrichtensendungen regelmäßig ein großes Publikum erreichen. 33 Der vor allem im Bereich fiktionaler Unterhaltungsprogramme anhaltende Trend zur Publikumssegmentierung kann folglich für die Sparte Information als nicht signifikant eingestuft werden, wenngleich der private Konkurrent RTL mit seiner Nachrichtensendung RTL aktuell inzwischen durchschnittlich ein knappes Viertel der bundesdeutschen Nachrichtenzuschauer für sich gewinnen kann. (Vgl. Schulz 1998: 71f.; Hamm 1998: 66)
Diese eher pauschalen Befunde können jedoch nicht darüber hinweg-
32 Tagesschau 39,0Prozent; heute 26,6 Prozent; RTL aktuell 18,5 Prozent. Die Zu-
schauer in Ostdeutschland beachten die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF et-
was weniger, die von RTL hingegen etwas stärker (vgl. Darschin 2000: 154).
33 An einem Durchschnittstag im Jahr 1999 informierten sich 9,42 Millionen Bundesbür-
ger bei der Hauptausgabe der Tagesschau. Weitere 5,13 Millionen verfolgten die heute-
Sendungum 19.00 Uhr; die Hauptnachrichten von RTL sahen 4,11 Millionen Zuschauer.
(Vgl. Darschin 2000: 153)
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 19
täuschen, dass alle drei tagesaktuellen Medien - Fernsehen, Hörfunk und Zeitung - seit 1964 erhebliche Imageeinbußen hinnehmen mussten 34 . Obwohl die Nachrichtenreichweiten öffentlich-rechtlicher wie privater Sender in den vergangenen Jahren leicht gestiegen sind, ist das deutsche Nachrichtenpublikum seit 1980 kontinuierlich kleiner geworden. Vor allem Jugendliche gehen dem Informationsangebot des Fernsehens aus dem Weg: Weniger als 40 Prozent der 14- bis 19jährigen nehmen ein Informationsangebot in ihr tägliches Fernsehmenu auf. Daneben zeigt insbesondere die Gruppe der formal höher Gebildeten ein sinkendes Interesse am Medium Fernsehen - mit dem Ergebnis, dass das Fernsehen diese Gruppe mit seinem Informationsangebot sogar schlechter erreicht (53 Prozent) als die geringer Gebildeten (62 Prozent). (Vgl. Darschin/Horn 1997: 269; Berg/Kiefer 1996: 183)
Inzwischen liegen außerdem zahlreiche Befunde vor, die für die Existenz eines „dualen Publikums“ (Hasebrink 1998: 355) sprechen, welches in zwei Gruppen aufgeteilt ist, die sich dem Bildmedium mit jeweils spezifischen Erwartungen zuwenden: Das öffentlich-rechtliche Publikum zeichnet sich durch eine hauptsächlich informationsorientierte Nutzung aus, wohingegen sich die Zuschauer privater Programme dem Medium überwiegend aufgrund von Unterhaltungsmotiven zuwenden, so dass hier von einer Spezialisierung des Nutzerverhaltens gesprochen werden kann 35 . (Vgl. Hasebrink 1994: 271f.) Wie stark sich die jeweiligen Funktionserwartungen in der Nutzung widerspiegeln, wird auch dadurch bestätigt, dass 68 Prozent der 1999 in der Bundesrepublik genutzten Informationsangebote von öffentlich-rechtlichen Anbietern stammen. Hingegen entfallen 60
34 Nach Ergebnissen der Langzeitstudie Massenkommunikation erfährt das Fernsehen
zwar nach wie vor die höchste Bestätigung aller drei Medien, muss jedoch seit 1964
auch die stärksten Imageeinbußen hinnehmen. Erstmals seit 1970 wandelt sich die Ein-
schätzung des Fernsehens vom Informations- zum Unterhaltungsmedium - dieser Wan-
del geht hauptsächlich vom Publikum privater Programme aus, das nach wie vor diese
Funktion stärker bestätigt als das Publikum öffentlich-rechtlicher Kanäle. Deutlich skepti-scher als in den Vorjahren fällt auch eine Beurteilung des Fernsehens als Mittler politi-
scher Information aus, was sich vor allem durch einen starken Verlust an zugeschriebe-
ner Glaubwürdigkeit und Objektivität des Bildmediums bemerkbar macht. (Vgl.
Berg/Kiefer 1996: 183f.; 255f.)
35 Ergänzend muss jedoch hinzugefügt werden, dass diese Spezialisierung nicht zur
Exklusivnutzung bestimmter Angebote führt. Öffentlich-rechtliche und private Angebote
werden i.d. Regel miteinander kombiniert. (Vgl. Hasebrink/Krotz 1996: 365)
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 20
Prozent der Unterhaltungsnutzung auf private Angebote. (Vgl. Darschin 2000: 152ff.) 36
Über diese eindimensionale Unterscheidung hinaus lassen sich Nutzergruppen weiter differenzieren. Neben der klassischen Einteilung nach soziodemographischen Kriterien wie Alter, Bildung und Einkommen lässt sich beispielsweise zeigen, dass der Anteil von Informationssendungen an der Gesamtnutzung und die tägliche Sehdauer nicht zusammenhängen, da sich Zuschauergruppen mit unterschiedlichen Merkmalskombinationen - zum Beispiel Vielseher mit hohem und Wenigseher mit niedrigem Informationskonsum - identifizieren lassen 37 . Diese Nutzergruppen unterscheiden sich dann auch massiv darin, welchen Stellenwert sie den Informationsangeboten in ihren Fernsehmenus zuschreiben. Zudem spielt der mit der Auswahl der Sendung und der in ihr präsentierten Informationsangebote verbundene Grad der Selektivität für die Vermittlung politischen Wissens eine nicht unwesentliche Rolle. (Vgl. Hasebrink 1998: 358f.) Überdies können die Motive, aufgrund derer sich Rezipienten Informationsangeboten im Fernsehen zuwenden, sehr unterschiedlich sein und somit zu variablem Rezeptionsverhalten führen. Neben dem generellen Informationsmotiv und dem Wunsch nach Unterhaltung können auch das Bedürfnis nach parasozialer Interaktion sowie die Motive Entscheidungshilfe und interpersonale Nützlichkeit für die Informationsrezeption handlungsleitend sein (vgl. Palmgreen/Wenner/Rayburn 1980;
Palmgreen/Wenner/Rayburn 1981; Wenner 1985). Diese Rezeptionsmotive gehen mit spezifischen Mustern der Mediennutzung einher: Instrumentelle Nutzung ist zielgerichtet und intentional und wird hauptsächlich von dem Motiv Informationssuche geleitet, wohingegen rituelle/habituelle Nutzung in erster Linie dem Zeitvertreib und der Entspannung dient, wenig selektiv und durch geringere Aufmerksamkeit und Reflektion der Inhalte gekennzeichnet ist. (Vgl. Rubin/Perse 1987:
36 Auch an dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Zahlen für die ost-
deutschen Nutzer von denen für die Zuschauer aus Westdeutschland insofern abwei-
chen, als diese in höherem Maße die Angebote der Privatsender nutzen.
37 Dies widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung von der Zweiteilung des Publikums
in unterhaltungsorientierte Viel- und informationsorientierte Wenigseher (vgl. Hasebrink
1998: 357).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 21
59f.; Konig/Renckstorf/Wester 1998: 517f.) Offensichtlich fungiert der Grad der Publikumsaktivität 38 als intervenierende Variable hinsichtlich Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und trägt somit ebenfalls zu einer Fragmentierung des Publikums bei. 39 Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass sich die Informationsrezeption seit der Einführung des privaten Rundfunks in Deutschland trotz Programmvermehrung und Ausdifferenzierung des Angebots hinsichtlich ihrer Quantität nicht gravierend verändert hat: Die Deutschen sind nach wie vor treue Nachrichtenzuschauer und nutzen Fernsehnachrichten als Quelle tagesaktueller Information mit der größten Reichweite. Ein Großteil des Publikums informiert sich kontinuierlich bei den Hauptnachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Anbieter und schreibt diesen die größte Informationskompetenz zu. Angesichts des wachsenden Selektionsdrucks haben sich jedoch verstärkt individuelle Auswahl- und Rezeptionsmuster herausgebildet, so dass der Wandel im Rezeptionsverhalten mit einer rein quantitativen Analyse offenbar nicht ausreichend erfasst werden kann. Wollte man eine differenzierte Aussage über die Fragmentierung der Zuschauerschaft treffen, so müssten intervenierende Variablen wie Publikumsaktivität und die der Informationsrezeption zugrunde liegenden Motive berücksichtigt werden. Zudem müsste beachtet werden, dass die Gruppe der Informationsverweigerer 40 vor allem im Bereich der durch das Fernsehen zur Verfügung gestellten Informationsangebote größer wird (vgl. Berg/Kiefer 1996: 188).
Zusammenfassend lässt sich aussagen, dass sich hinsichtlich der In-formationsrezeption der Bundesbürger sowohl Konstanten als auch Veränderungen feststellen lassen. Die Fragmentierung des Publikums, die für das übrige Programmangebot seit Mitte der achtziger Jahre zu verzeich- 38 DerTerminus Publikumsaktivität stammt aus der Gratifikationsforschung und bezeich-
net den zielgerichteten und intentionalen, von bestimmten Motiven geleiteten Umgang
mit Medienangeboten (vgl. Katz et al. 1974: 21f.).
39 Da Motive jedoch von Zeit zu Zeit wechseln können, handelt es sich um keine starre,
sondern um eine sehr variable Fragmentierung. Für diese flexible Informationsrezeption
prägte Brosius den Begriff der Alltagsrationalität (vgl. Brosius 1998: 293f.).
40 Informationsverweigerer sind Personen, die angeben, am Stichtag (Tag vor der Befra-
gung) kein massenmedial verbreitetes Informationsangebot wahrgenommen zu haben
(vgl. Berg/Kiefer 1996: 188).
2 Köpfe und Konzepte - Fernsehnachrichten im Wandel 22
nen ist, findet in der Sparte Information in weitaus geringerem Maße statt.
3 Symbolischer Interaktionismus 23
3 SYMBOLISCHER INTERAKTIONISMUS
Die Theorie des Symbolischen Interaktionismus nach Herbert BLUMER ist ein handlungstheoretischer Ansatz, der sich mit der Erklärung des All-tagshandelns und des Alltagswissens beschäftigt. Seine Bedeutung für die vorliegende Arbeit liegt darin, dass er die Vorstellung vom aktiven Rezipienten impliziert, Medienhandeln als Alltagshandeln konzipiert und die Rezeption von Medienangeboten als Prozeß subjektiver Sinnkonstruktion beschreibt.
3.1 EINBETTUNG IN DIE HANDLUNGSTHEORIE
Unter Handlungstheorien werden soziologische Theorien verstanden, die sinnhaftes Handeln von Individuen oder Gruppen in sozialen Interaktionen erklären (vgl. Schäfers 1986: 121ff.) Max WEBER, Begründer der sozialen Handlungstheorie, unterscheidet grundsätzlich zwischen Verhalten und Handeln:
„Handeln soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder inner-
liches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder
die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.“ (Weber 1972: 1) Soziales Handeln, welches WEBER als eine Sonderform des Handelns definiert, ist dem Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen und darin in seinem Ablauf orientiert 41 . Nach WEBER ist Sinn „nicht etwa irgendein objektiv ‘richtiger’ oder ein metaphysisch ergründeter ‘wahrer’ Sinn“ (Weber 1972: 1), sondern vielmehr das, was der Handelnde mit seiner Handlung meint. Da die handlungstheoretische Perspektive das kommunikative Handeln sozialer Akteure verständlich machen will, werden in der Regel Bezüge zwischen Kommunikation, Sprache und Sozialisation hergestellt. Kommunikation als allgemeine Voraussetzung für soziales Handeln, für die wechselseitige Beeinflussung und Verhaltensorientierung von Individuen, und Interaktion als Beschreibung von Formen und Ablauf kommunikativer Handlungen bedingen sich aus handlungstheoretischer Perspektive gegenseitig. (Vgl. Schenk 1995: 173f.)
41 WEBER stellte darüber hinaus vier Kategorien auf, die soziales Handeln bestimmen.
Auf ihre Darstellung wird hier bewußt verzichtet.
3 Symbolischer Interaktionismus 24
3.2 DIE THEORIE DER ROLLENÜBERNAHME (G.H. MEAD )
Als ‚geistiger Vater’ des Symbolischen Interaktionismus gilt der amerikanische Philosoph und Sozialpsychologe George Herbert MEAD, der diesen Begriff zwar nicht selbst geprägt hat, jedoch die theoretischen Grundlagen dieser Tradition legt. Dabei orientiert er sich stark am nordamerikanischen Behaviorismus 42 und an der Philosophie des Pragmatismus 43 . Formuliert wird die Theorie des Symbolischen Interaktionismus von Herbert BLUMER, einem Schüler MEADS. Sie wird im folgenden Kapitel dargestellt. Für die nachfolgend skizzierten Überlegungen MEADS ist das Bestreben, die Verbindung zwischen Organismus, Denken und Umwelt nachzuvollziehen, handlungsleitend. Zwar fühlt sich MEAD dem Forschungsprogramm des Behaviorismus verpflichtet, doch geht es ihm auch darum, innere Erfahrungen miteinzubeziehen, weshalb die Sprache als Medium der Vergesellschaftung in seiner Theorie eine wichtige Rolle spielt. MEAD vergleicht tierisches mit menschlichem Verhalten, wobei er davon ausgeht, dass Tiere interagieren und dabei bestimmte Gesten (Laute oder Gebärden) verwenden. Dem Menschen schreibt MEAD eine Sonderstellung zu: Seine Gesten haben im Gegensatz zu denen der Tiere einen Sinn. Menschliche Gesten bezeichnet er als „signifikante Symbole“ (Treibel 1993: 112), die non-vokal, vokal oder verbal - wobei letztere wichtiger sind als die vorgenannten - zum Ausdruck gebracht werden können. Signifikante Symbole werden von den Interaktionspartnern wahrgenommen, interpretiert und lösen aufgrund dieser Interpretationen bestimmte Reaktionen (= soziales Handeln) aus, so dass Handeln im wesentlichen ein Akt von Interpretationen ist. (Vgl. Weiss 1993: 69) Der gemeinsame Besitz signifikanter Symbole, welche nur dem Men- 42 Derdurch J.B. WATSON (1878-1958) begründete Behaviorismus ist die einflußreichste
Schule nordamerikanischer Psychologie, deren Vertreter äußere, beobachtbare Verhal-
tensweisen von Mensch und Tier analysieren und diesen ein Reiz-Reaktions-Schema
zugrunde legen. Menschliches wie tierisches Verhalten kann und soll von außen beo-
bachtet und erfasst werden und wird von den Behavioristen als das einzig empirische
und wissenschaftlich zugängliche erachtet. Gefühle, Bewußtseinsinhalte und Sinnkon-
struktionen bleiben unberücksichtigt. (Vgl. Treibel 1993: 90)
43 Für den durch die nordamerikanischen Soziologen C.S PEIRCE, W. JAMES und J. DE-
WEYs zuBeginn des 20. Jahrhunderts begründeten Pragmatismus hat die praktische
Orientierung im menschlichen Handeln Priorität. Diese Philosophie der Handlung stellt
das Paradigma der Vertreter der Chicagoer Schule dar, die untrennbar mit der Institutio-
nalisierung der nordamerikanischen Soziologie verbunden ist. (Vgl. Treibel 1993: 111)
3 Symbolischer Interaktionismus 25
schen zur Verfügung stehen, begründet die soziale Bedingtheit von Denken und Handeln. Folglich stellt soziale Interaktion die Grundvoraussetzung für Sozialisation und die subjektive Interpretation der Umwelt dar. (Vgl. Weiss 1993: 68) Diese ist sprachlich vermittelt und durch zwei Merkmale gekennzeichnet: Selbstwahrnehmung und Verhaltensantizipation. Der Mensch nimmt sich selbst wahr und sieht sich mit den Augen des Anderen. Zu dieser Annahme formuliert MEAD seine zentrale These vom generalisierten Anderen 44 :
„Im Prozeß der Kommunikation ist das Individuum ein anderer, bevor er es
selbst ist. Indem es sich selbst in der Rolle eines anderen anspricht, entsteht
seine Ich-Identität in der Erfahrung [...]“. (Mead 1983: 217)
Individuen haben demnach die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln, sich in dieser selbst wahrzunehmen und das Verhalten anderer zu antizipieren. Während Menschen interagieren, übernehmen sie ständig Rollen ihrer Interaktionspartner, unterstellen oder erwarten ein bestimmtes Verhalten und verhalten sich selbst entsprechend. Diesen Prozeß nennt MEAD role-taking. Wenn die Rollen der anderen übernommen werden, entwickelt sich das Selbstbild des Einzelnen im Spiegel der anderen und spiegelt als sozialisiertes Ich das komplexe, organisierte Handlungsmuster der Gesellschaft wider. Ich und Denken, Sprache und Gesellschaft verschränken sich bei MEAD zu einem System, für dessen Erhalt Kommunikation die Grundvoraussetzung darstellt. (Vgl. Burkart 1995: 146f.; Treibel 1993: 110f.; Weiss 1993: 71f.) MEAD sowie weiterhin alle Vertreter des Symbolischen Interaktionismus weisen dem Individuum eine aktive Rolle im Kommunikationsprozeß zu. Kommunikatives Handeln wird als intentional betrachtet in dem Sinne, als dass die sozialen Akteure Verständigung zwischen sich und anderen Personen herzustellen beabsichtigen.
44 Die Bezeichnung Signifikanter Anderer wird im Rahmen dieser Arbeit synonym ver-
wendet.
3 Symbolischer Interaktionismus 26
3.3 INTERAKTION ALS BEDEUTUNGSKONSTRUKTION (HERBERT BLUMER) Von dem amerikanischen Soziologen Herbert BLUMER stammt der Begriff des Symbolischen Interaktionismus, mit welchem er MEADS Position aus seiner Sicht zusammenfaßt und den er selbst wie folgt definiert:
„Der Begriff des ‘Symbolischen Interaktionismus’ hat sich zur Kennzeichnung
eines relativ klar abgegrenzten Ansatzes zur Erforschung des menschlichen Zu-
sammenlebens und des menschlichen Verhaltens durchgesetzt.“ (Blumer 1981:
45 80)
In einem 1969 erschienenen Aufsatz formuliert BLUMER die drei Prämissen des Symbolischen Interaktionismus:
1. Menschen handeln ‚Dingen’ gegenüber auf der Grundlage der Bedeutungen, welche diese Dinge für sie besitzen. Unter ‚Dingen’ wird alles gefaßt, was der Mensch in seiner Welt wahrzunehmen vermag: Gegenstände, Menschen, Institutionen, Leitideale, Handlungen, Situationen.
2. Die Bedeutung solcher Dinge ist aus der Interaktion mit anderen Menschen abgeleitet bzw. entsteht in ihr.
3. Diese Bedeutungen werden in einem interpretativen Prozeß, den Individuen in der Auseinandersetzung mit den ihnen begegnenden Dingen anwenden, gehandhabt und abgeändert. 46 (Vgl. Blumer 1981: 81)
Im Symbolischen Interaktionismus nehmen die Bedeutungen, welche Dinge für Menschen besitzen, einen zentralen Stellenwert ein. Sie gehen aus dem Interaktionsprozeß hervor und ergeben sich aus der Art und Weise, in welcher der Interaktionspartner in bezug auf ein bestimmtes Ding handelt. Bedeutungen sind daher soziale Produkte, die in einem Interpretationsprozeß konstruiert werden. (Vgl. Blumer 1981: 84ff.) Der Mensch erscheint als aktiv handelndes, kommunikatives Wesen, das in einer symbolischen Umgebung lebt, die von ihm selbst - mittels Kommunikation - kon- 45 BLUMERräumt allerdings ein, dass es sich bei diesem Begriff auch um „eine gewis-
sermaßen barbarische Wortschöpfung“ handelt, die er „so nebenbei in einem Artikel“
(Blumer 1981: 144) vornahm.
46 Bei der Massenkommunikation tritt als Besonderheit auf, dass sich die präsentierten
Inhalte in der Regel der Überprüfung durch den Rezipienten entziehen, so dass jegliche
Interpretation vermittelt erfolgen muss (vgl. Schenk 1995: 173f.).
3 Symbolischer Interaktionismus 27
struiert wird. Diese symbolische Umwelt besteht aus Bedeutungen und Bewertungen, welche die Dinge für das Individuum besitzen. Kommunikation als Voraussetzung für Interaktion und Sozialisation ist etwas Wechselseitiges und verlangt von den beteiligten Interaktionspartnern ein hohes Maß an Aktivität.
Aus diesem Menschenbild ergibt sich ein Verständnis von Gesellschaft, welches sich nach BLUMER wie folgt beschreiben lässt: Die menschliche Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl handelnder Personen, die miteinander interagieren. Die Welten, in denen Menschen leben, bestehen aus Objekten, die das Ergebnis symbolischer Interaktion sind. Da jede Person unterschiedliche Objekte wahrnimmt und diesen unterschiedliche Bedeutungen zuschreibt, können Personen in sehr verschiedenen Welten leben. Indem ein Individuum sich selbst zum Gegenstand seiner Handlungen macht, kann es selbst zum Objekt werden, sich aus der Perspektive seines Gegenübers betrachten und so Identität gewinnen (role-taking). Für das gemeinsame Handeln der Individuen sind sich wiederholende Muster der Interaktionen zentral, die jedoch aufgrund der unterschiedlichen Welten voneinander abweichen können. (Vgl. Blumer 1981: 90f.) Aus diesen Kernvorstellungen ergibt sich für BLUMER das Paradigma einer verstehenden Sozialwissenschaft (vgl. Kapitel 3.5).
3.4 MEDIENNUTZUNG ALS SOZIALES HANDELN
Im Verständnis des Symbolischen Interaktionismus erfolgt die Sozialisation von Individuen durch Interaktion mit anderen sowie durch die subjektive Interpretation der Umwelt. Da Medien und der Umgang mit ihnen feste Bestandteile einer durch und durch sozialen Welt sind, stellt Mediennutzung eine Form sozialen Handelns dar (vgl. u.a. Krotz 1996a; Mikos 1994; sowie Teichert bereits 1972). Sie zielt in der Perspektive des Nutzers auf eine Einbindung in kommunikatives Geschehen, erfolgt stets intentional und stellt folglich eine mögliche Interaktionsform dar, in deren Rahmen die Konstruktion der symbolischen Umwelt möglich wird. Dies gilt in besonderem Maße für das Fernsehen: Bereits 1972 plädierte Will TEICHERT dafür, die „Tätigkeit des Fernsehens [als einen] Interaktionsvorgang im Sinne
3 Symbolischer Interaktionismus 28
der umfassenden Interpretation“ (Teichert 1972: 438) aufzufassen. Im Massenkommunikationsprozeß können im Fernsehen präsentierte Medienpersonen Signifikante Andere (vgl. Mead 1983) darstellen, anhand derer die Rezipienten im - parasozialen - Prozeß der Rollenübernahme ihr Selbstkonzept konstruieren, aufrechterhalten und verändern (vgl. Ellis/Streeter/Engelbrecht 1983; Nordlund 1978). Für die Teilnahme am (Massen-) Kommunikationsprozeß ist die Einnahme von Rollen unabdingbare Voraussetzung, da erst in der Rolle aufeinander bezogenes Handeln möglich ist. 47
Dementsprechend können Medien lediglich Informationen bereitstellen, welche in Abhängigkeit von persönlichen und situationalen Faktoren von den Rezipienten als Dinge in deren Umwelt wahrgenommen und gegebenenfalls mit Bedeutung versehen werden. Medieninhalte sind demnach keine Stimuli, sondern Umweltobjekte, welche der Interpretation durch Rezipienten, den „factual creators of message“ (Renckstorf/McQuail 1996: 19), bedürfen. (Vgl. Renckstorf/McQuail 1996: 18f.) Als Medienhandeln kann somit das „sinn- und absichtsvolle Nutzen und Benutzen medial angebotener Information“ (Renckstorf 1989: 314) definiert werden. Diese handlungstheoretische Konzeption von Mediennutzung wird dem Denkmodell der publikumszentrierten Perspektive in der Massenkommunikati-onsforschung zugerechnet, aus welcher der aktive Rezipient mitsamt seinen Zielen, Absichten und Bedeutungszusammenhängen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht. 48
Innerhalb dieser Tradition stellt der Uses-and-Gratifications-Approach ein häufig verwendetes kommunikationswissenschaftliches Erklärungs- 47 Hierbietet sich eine Differenzierung von statischem (Beschreibung von Handlungs-
mustern und damit verbundenen Perspektiven pauschal für einen Zeitraum; z.B.: ‘Fern-
sehnutzer’) und dynamischem (aktive Entwicklung und Gestaltung der Rolle durch den
Rezipienten im sozialen und medialen Handlungsprozeß) Rollenkonzept an. (Vgl. Krotz
1996b: 58)
48 KROTZ bezeichnet den Begriff des aktiven Publikums insofern als problematisch, als
dass dessen Verwendung in den Konzepten des Symbolischen Interaktionismus und
beispielsweise des Uses-and-Gratifications-Approach synonym erfolgt. Er wehrt sich
gegen diese Tatsache mit dem Argument, dass Aktivität im Symbolischen Interaktionis-mus keine - wie im Uses-and-Gratifications-Approach - empirisch feststellbare Erschei-
nung sei, sondern die „anthropologisch gegebene Grundvoraussetzung für menschliche
Kommunikation und Existenz, ohne die [...] menschliches Handeln nicht möglich“ (Krotz
1996a: 52) sei.
3 Symbolischer Interaktionismus 29
modell für die Auswahl und Nutzung von Medien und deren Inhalten dar. Ein funktionalistisches Konzept wie der Uses-and-Gratifications-Approach kann jedoch lediglich erklären, ob parasoziale Interaktion ein Motiv für die Mediennutzung beziehungsweise eine daraus resultierende Gratifikation darstellt. Er erlaubt allerdings weder Aussagen über die Bedeutung von Kommunikation als Mittel der Interaktion und Sozialisation, noch eine adäquate empirische Umsetzung der theoretischen Ausführungen von HORTON & WOHL (vgl. Kapitel 4.1.1), welche die Übernahme von Rollen als Schlüsselhandlung im parasozialen Interaktionsprozeß bezeichnen (vgl. Horton/Wohl 1956: 222) und somit ein „symbolisch-interaktionistisches Modell zur Analyse der Rezeption von Massenkommunikation“ (Krotz 1996b: 73) vorstellen. Die Wahrnehmung und Beschreibung von (Massen)Kommunikation als konstruktiver und interpretativer Prozeß, über den sich Situation und Identität der Beteiligten konstituieren, ist vor dem Hin-tergrund gratifikationstheoretischer Prämissen nicht möglich. (Vgl. Krotz 1996a: 74f.)
Obwohl bei den meisten handlungstheoretisch orientierten Rezeptionsstudien üblich, wird im Rahmen dieser Arbeit auf die Verwendung des Uses-and-Gratifications-Approach 49 verzichtet. Außerdem wird - aufgrund der bestehenden Diskrepanzen hinsichtlich Terminologie, Methodologie und Erklärungsbereich (vgl. Krotz 1996a: 53) - bewußt von dem Versuch Abstand genommen, die theoretischen Perspektiven des Symbolischen Interaktionismus einerseits und des Uses-and-Gratifications-Approach andererseits miteinander in Einklang zu bringen (vgl. Altheide 1985; Renckstorf 1989 50 ).
49 Auf die Entwicklungsgeschichte dieses Ansatzes sowie auf basale Theoreme und
Kritik kann im Rahmen dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden. Vgl. dazu Herzog
(1979 [1942]); Katz/Blumler/Gurevitch (1974); Palmgreen (1984) sowie McQuail (1997).
Einen Überblick zu Studien innerhalb dieser Tradition bieten Teichert (1975) und Schenk
(1989). Zur Kritik vgl. anstatt vieler Merten (1984) und Jäckel (1992).
50 Die im Zusammenhang mit dem von RENCKSTORF bereits in den siebziger Jahren ent-
worfenen Nutzenansatz geforderte interpretative Methodologie wurde von dem Autor
selbst jedoch nicht umgesetzt. Vgl. dazu die in den achtziger Jahren durchgeführten Stu-
dien von Renckstorf/Lutz (1980) und Renckstorf/Ehmke (1985; 1986).
3 Symbolischer Interaktionismus 30
3.5 WISSENSCHAFTSTHEORETISCHE IMPLIKATIONEN
Entsprechend der interpretativen Sichtweise von Interaktion und Sozialisation verlangt die wissenschaftstheoretische Position des Symbolischen Interaktionismus nach einer interpretativen Methodologie 51 . Das sogenannte „interpretative Paradigma“ 52 (Mayring 1997: 29) ist der qualitativen Sozialforschung zuzuordnen, in deren Verständnis der Mensch nicht nur Untersuchungsobjekt, sondern auch erkennendes Subjekt ist und damit eine Doppelrolle einnimmt, der eine ihrem Anspruch nach objektivistische Sozialforschung nicht gerecht werden kann (vgl. Lamnek 1999: 37). Das methodologische Vorgehen, welches sich aus diesen Annahmen ableitet, skizziert das nachfolgende Zitat von BLUMER:
„Die Behauptung, dass Menschen auf der Grundlage der Bedeutung ihrer Ob-
jekte handeln, hat tiefreichende methodologische Implikationen. Sie zeigt sofort
an, dass es für den Wissenschaftler, will er das Handeln von Menschen verste-
hen, unumgänglich ist, ihre Objekte so zu sehen, wie sie sie selbst sehen.“
(Blumer 1981: 133)
51 Interpretativ bzw. qualitativ ist diese Methodik insofern, als dass (1) Bedeutungszuwei-
sungen der betroffenen Handelnden im Untersuchungsmaterial zum Ausdruck kommen,
(2) die Begriffe dem zu untersuchenden Wirklichkeitsbereich entstammen und erst später
als Basis einer (begründeten) Theorie dienen und (3) offene Designs auf mehreren We-
gen Einsichten im direkten Kontakt mit der empirischen Welt ermöglichen. (Vgl.
Renckstorf 1995: 79) Das normative Paradigma hingegen steht für soziologische Erklä-
rungen, die menschliches Verhalten dominant als ‚verursacht’ ansehen. Abstrakte sozio-logische Kategorien wie Dispositionen und Erwartungen gelten als feste Indikatoren für
ein bestimmtes, empirisch meßbares Verhalten. (Vgl. Teichert 1973: 375)
52 Unter diesem Begriff sammeln sich neben dem Symbolischen Interaktionismus die
Ethnomethodologie (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen) und die phänomenologisch
inspirierte, auf der Wissenssoziologie von Alfred SCHÜTZ (1932), Peter BERGER und
Thomas LUCKMANN (1970) basierende Forschung (vgl. Renckstorf 1989: 77).
3 Symbolischer Interaktionismus 31
Diese Forderung findet ihre Umsetzung in der qualitativen Methodologie, deren fünf Postulate nun vorgestellt werden 53 :
1. Subjektbezogenheit der Forschung: Die von der Forschungsfrage betroffenen Subjekte müssen immer Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchungen sein.
2. Deskription: Am Anfang der Analyse muss eine genaue und umfassende Beschreibung des Gegenstandes stehen. Dieses Postulat impliziert auch die Forderung nach größtmöglicher Offenheit, mit welcher der Forscher dem Gegenstand (dem Subjekt) gegenüber treten soll.
3. Interpretation: Der Untersuchungsgegenstand der Humanwissenschaften liegt nie völlig offen, er muss immer auch durch Interpretation erschlossen werden. Das Vorverständnis bezüglich des Forschungsge-genstandes ist zu explizieren, da vorurteilsfreie interpretative Forschung nie ganz möglich ist. Forschung ist als Forscher-Gegenstands-Interaktion aufzufassen.
4. Alltägliche Umgebung: Die zu untersuchenden Subjekte müssen immer möglichst in ihrem natürlichen, alltäglichen Umfeld untersucht werden.
5. Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse: Diese stellt sich nicht automatisch über bestimmte Verfahren her; sie muss im Einzelfall schrittweise begründet werden. (Vgl. Mayring 1993: 9f.)
Im Gegensatz zu quantitativen Methoden der Sozialforschung bietet die qualitative Methodologie die Möglichkeit, die Bedeutungszuweisungen und Wirklichkeitskonstruktionen der Handelnden in ihrer Lebenswelt zu erschließen. Für die Anlage kommunikationswissenschaftlicher Studien ist sie vor allem dann von Bedeutung, wenn die Rekonstruktion von Kommu-
53 Diequalitative Sozialforschung kann allerdings nicht auf den Symbolischen Interaktio-
nismus reduziert werden und lässt sich in Abhängigkeit von der Forschungsperspektive
noch weiter differenzieren: Beim (1) Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns sowie
der (2) Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus geht es um die Erfassung von
Oberflächenphänomenen, deren primäres Ziel die Gewinnung deskriptiver Daten sowie
die explorative Strukturierung spezifischer Gegenstandsbereiche ist. Die (3) Rekonstruk-
tion von Strukturen hingegen zielt auf den Nachvollzug deutungs- und handlungsgenerie-
render Tiefenstrukturen und dient in erster Linie der Erprobung und Weiterentwicklung
qualitativer Methoden sowie der grundlagentheoretischen Fundierungen des interpretati-
ven Paradigmas. (Vgl. Lamnek 1988: 32ff.; die Typologisierung geht zurück auf Lü-
ders/Reicherz 1986)
3 Symbolischer Interaktionismus 32
nikationsstrukturen und „darauf gründende Kommunikationsbedingungen und -regeln“ (Krotz 1996a: 54) im Zentrum des Forschungsinteresses stehen. Kognitive Prozesse, welche das Medienhandeln begleiten, können durch direkte Beobachtung und eine offene Untersuchungsanlage besser erfasst werden als durch rein quantitative Instrumente. Allerdings wird von Vertretern der qualitativen Sozialforschung immer wieder darauf hingewiesen, dass das „Grundgerüst qualitativen Denkens [...] keine Alternative zu quantitativem Denken“ (Mayring 1993: 9) darstellt, da quantitatives und qualitatives Denken in der Regel in jedem Forschungs- und Erkenntnisprozess enthalten sind. Es gelte vielmehr, das in diesem Zusammenhang bisher vernachlässigte qualitative Denken zu verstärken. (Vgl. ebd.) 54
3.6 KRITIK
Obwohl der Symbolische Interaktionismus Eingang in aktuelle Konzepte der Kommunikationswissenschaft gefunden hat und von Vertretern des Fachs als wichtiges Paradigma eingeschätzt wird (vgl. u.a. Krotz 1996a; Renckstorf 1989; Renckstorf 1995), ist diese Theorie umstritten:
• Die Grundannahme, dass die Perspektive der sozialen Interaktion zugleich auch die der Gesellschaft einbeziehe, wird von Kritikern als unhaltbar angesehen, da sich die Erklärungen auf der Ebene der Sozialpsychologie und kognitiver Theorien des Individuums bewegen. Diese Vorstellung von „herrschaftsfreier Kommunikation“ (Habermas 1987; zitiert nach Krotz 1996: 54) lässt die Machtgefüge und Institutionen einer Gesellschaft unberücksichtigt, weshalb eine Übertragung von Vorgängen auf der Mikroebene auf die Makroebene nicht zulässig ist. (Vgl. dazu auch Haferkamp 3 1976: 41)
• Die Frage, ob und wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen, innerhalb derer wiederum die kreativen Interpretationsprozesse ablaufen, von breiteren Prozessen beeinflusst werden, kann die Theorie aufgrund der Ausblendung ökonomischer und politischer Einschränkungen nicht beantworten. (Vgl. Weiss 1993: 91f.; Göttlich 1997: 107f.)
54 Die konkrete Umsetzung der Methodologie erfolgt in Kapitel 6.6.
3 Symbolischer Interaktionismus 33
• Der Stellenwert der Begriffe sowie die geringe methodische Fundierung der Forschung lassen den Symbolischen Interaktionismus eher als deskriptives Modell denn als empirisch fundierte Theorie erscheinen, welches keine überprüfbaren Verallgemeinerungen über die Ursachen der Verschiedenheit menschlichen Verhaltens formuliert, obwohl diese ihren zentralen Gegenstand darstellen. (Vgl. Weiss 1993: 91f.)
Die vorgenannte Kritik bezieht sich im wesentlichen auf die Makroebene der Theorie und nicht auf die Grundannahmen und das Menschenbild des Symbolischen Interaktionismus, welche für die hier thematisierten individuellen Rezeptionsprozesse eine wichtige Grundlage darstellen.
4 Parasoziale Interaktion 34
4 PARASOZIALE INTERAKTION
Die nachfolgenden Ausführungen zu dem von HORTON & WOHL (1956) entwickelten Konzept der parasozialen Interaktion stellen die zentrale Grundlage für die durchgeführte Rezeptionsstudie dar. Im Anschluss an eine kritische theoretische Darstellung des Ansatzes sowie einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse empirischer Studien erfolgt eine Modellierung des Konzepts für die vorliegende Arbeit.
4.1 THEORIE
Die theoretische Position der parasozialen Interaktion wird in der neueren Kommunikationswissenschaft kontrovers diskutiert (vgl. z.B. Hippel 1992: 137). Im Anschluss an die Darstellung des originären Entwurfs von HORTON & WOHL (1956) werden unterschiedliche Versuche skizziert, das Konzept in bestehende kommunikationswissenschaftliche Ansätze einzu-ordnen.
4.1.1 „INTIMACY AT A DISTANCE“: DAS KONZEPT DER PARASOZIALEN INTERAKTION NACH HORTON & WOHL (1956)
„One of the striking characteristics of the new mass media [...] ist that they give
the illusion of face-to-face relationship with the performer. [...] We propose to
call this [...] a para-social relationship.“ (Horton/Wohl 1956: 215) So beginnt der 1956 in der amerikanischen Fachzeitschrift Psychiatry erschienene Aufsatz, in welchem die beiden Chicagoer Soziologen Donald HORTON & Richard R. WOHL 55 ein Phänomen beschreiben, welches unter der Bezeichnung parasoziale Interaktion bzw. parasoziale Beziehung 56
55 Dem Aufsatz von 1956 folgt 1957 eine Arbeit von HORTON & STRAUSS, in welchem
hauptsächlich parasoziale Interaktion mit Moderatoren von Fernsehshows behandelt wird
(vgl. Horton/Strauss 1957). Der Einfachheit halber ist im folgenden nur von ‘HORTON &
WOHL’ die Rede, wenn die Urheber der Theorie der parasozialen Interaktion bezeichnet
werden.
56 Die Ausführungen von HORTON & WOHL sind im wesentlichen auf Interaktionsprozesse
während der unmittelbaren Rezeption beschränkt (vgl. dies. 1956: 215f.). Obwohl diese
beiden Begriffe im originären Konzept nicht eindeutig gehandhabt werden, beschreiben
die Autoren darin vor allem diejenigen Zuschaueraktivitäten, welche in der neueren Lite-
ratur (vgl. z.B. Vorderer 1996; 1998) mit parasozialer Interaktion bezeichnet werden. Eine
Weiterentwicklung des Ansatzes um das Entstehen von parasozialen Beziehungen zu
Fernsehakteuren, welche die Rezeptionssituation überdauern, findet sich beispielsweise
in der Studie von VORDERER & KNOBLOCH (1996) sowie bei GLEICH & BURST (1996).
Arbeit zitieren:
Julia Flasdick, 2000, Fremde oder Freunde? Präsentatoren und Rezipienten von Fernsehnachrichten - eine qualitative Studie zu parasozialer Interaktion, München, GRIN Verlag GmbH
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