Theologische Hochschule Friedensau
Veröffentlichung: 2/2002-02-11
Kategorie: Rezension und Meta-Theoriekritik
Rezension des Buches von:
HUBERT KNOBLAUCH & HANS-GEORG SOEFFNER (Hg.):
Todesnähe: Interdisziplinäre bzw. wissenschaftliche Zugänge zu einem
außergewöhnlichen Phänomen. Konstanz: UVK, Universitätsverlag Konstanz, 1999.
Autor:
Holger Karsten Schmid
Datum: 2002
Inhaltsverzeichnis:
Todesnäheerlebnisse: mit den Sinnen im Übersinnlichen 1
Einleitung 1
I. Vom weltanschaulichen Idealismus zum anthropologischen Dualismus: postplatonische Deutungswege der NDE-Phänomenologie 4
II. Von der Wirklichkeitsattribution zum realexplikativem Theorem 8
III. Von rationalen Kurz- und Fehlschlüssen: vom Circulus vitiosus logizistischer Deduktion oder wenn sich die Schlange in den Schwanz beißt 15
IV. Schlussgedanken: Athanasia als Folge gottgewirkter Auferstehung nach der Parusie 17
Forschungsschwerpunkte
Todesnäheerlebnisse: mit den Sinnen im Übersinnlichen
Einleitung:
Diese Rezension ist das Ergebnis einer wissenschaftskritischen Analyse der dem obigen Buch entnommenen Hypothesen und Metahypothesen (a posteriori sowie a priori). Sie deckt ,,blinde Flecken" der Forscher bei der Betrachtung und Deutung der Todesnähephänomene ebenso auf wie die Widersprüche in den Aussagen einzelner Autoren und deren verzweifelten Versuchen ,,wissenschaftlich" zu bleiben in ihren Grundpositionen. Diese Rezension ist als Anregung zu vertiefenderem Diskurs gedacht, zeigt aber auch messerscharf die Grenzen menschlicher Erkenntnis auf. Dabei verweist sie indirekt auf ein transrationales Verstehen, das in Gestalt des ,,Für-wahr-glaubens" besteht und eindeutig christozentrisch ausgerichtet ist (Hebr. 11,1). Denn alle Erkenntnisse über Zustände und Ereignisse, die jenseits von Raum und Zeit liegen, lassen nur eine bedingte Wirklichkeitsdeutung zu bzw. lassen sich überhaupt nicht sprachlich vermitteln, da Sprache selbst zeitgebunden ist. Was für uns begreifbar ist, liegt im Bereich menschlicher Erfahrung, die innerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums in einer Erlebniswelt stattfindet, die ein zeitliches Nacheinander aufweist. Diese Erfahrung ist jenseits der Todesgrenze jedoch ausgeklammert. ,,Auch scheinbar feststehende Säulen der Erkenntnis, wie Raum und Zeit, müssen statt als Gegebenheit der objektiven Welt als unvermeidliches Begriffsgerüst unserer Vernunft betrachtet werden (von Glasersfeld 1991, S.23). Dies bringt eine radikale Verschiebung des Wissensbegriffs mit sich."1
,,Wenn Zeit und Raum Koordination oder Ordnungsprinzipien unseres Erlebens sind, dann könnten wir uns Dinge jenseits der Erlebenswelt überhaupt nicht vorstellen, denn Form, Struktur, Ablauf von Vorgängen und Anordnungen irgendwelcher Art sind ohne dieses Koordinatensystem im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar. Was wir Wissen nennen, kann demnach unmöglich Abbild oder Repräsentation einer vom Erleben unberührbaren >Realität< sein".2
Die Einleitung des Buches verspricht eine längst fällige Systematik der ,,recht unterschiedlichen Haltungen zum erkenntnistheoretischen Status der Todesnäheerfahrung". Es werden die ,,untrennbar mit den meisten wissenschaftlichen Erklärungen verbundenen weltanschaulichen (typologischen) Grundpositionen (Grundhaltungen), vor deren Hintergrund die Theorien entwickelt werden", unterschieden (18-19)." Es sind dies die ,religiös-ontologischen′, ,skeptischen′ und neutralen oder ,agnostischen′ Positionen. Sofort fällt dem Leser auf, dass mit der obigen Aussage dem Anspruch der Wissenschaften auf trockener Objektivität und Messbarkeit der Phänomene nicht gerecht wird. Von ,,wissenschaftlichen Zugängen zu einem außergewöhnlichen Phänomen" kann daher gar nicht die Rede sein, denn die Prämissen zur Erforschung desselben entstammen individuellen (weltanschaulichen) Glaubenssätzen (vgl. 164). Überschneidungen der obigen unterschiedenen Grundpositionen sind bei einzelnen Forschern festzustellen. Die Grundpositionen und ihre Vertreter werden kurz angerissen. Im Laufe des Buches werden, wie besonders im Artikel von dem Thanatologen MICHAEL SCHRÖTER-KUNHARDT ersichtlich, die Erklärungsmuster von Todesnäheerfahrungen vieler Vertreter ,,abgeschossen" bzw. verworfen. Eine ,,neutrale Position" kann es nach Aussage der weltanschaulichen Voreingenommenheit nicht geben, böte allerdings auch genauso wenig Erkenntnisse wie eine agnostische Position.
Seit der Aufklärung hüten Wissenschaftler in ihrem Elfenbeinturm des Wissens den Glauben, dass die Ratio das einzigste Mittel zur Erkenntnis unserer Welt, des Kosmos, unseres Erlebens unserer selbst ist. Sie soll bestimmen können, was ,,wirklich, was objektiv, was wahr ist" und also ein sicheres Welt- und Menschenbild liefern. Doch nicht nur der Konstruktivismus und die Systemtheorie ließ die Grundfeste dieses Turmes brüchig werden, sondern die vielen Berichte von Menschen, die sich an der Schwelle zum Tode befanden. Entsprechend dieser Bedrohung des wohlgehüteten geistigen Gebäudes (Weltanschauung) und Machtbereiches kamen in diesem Buch verschiedene Wissenschaftler zu Wort.
Doch dem Leser fällt gleich auf, dass die ,,pseudo-wissenschaftlichen Begriffe und Er-Klärungs-Modelle" wie Synonyme anmuten, die sonst aus dem Vokabular der Geistlichen, Parapsychologen oder Esoteriker stammen. Etwa a) der ,,biologisch implantierte Draht zum Ominösen" im Sinne der cerebralen Veranlagung zu religiösem Erleben (SCHRÖTER-KUNHARDT; 225); b) die ,,wissenschaftlich" untersuchte Überlebens-These, die den Glauben an einer potentiell physisunabhängigen Entität (z.B. des ,,Bewusstseins" als schwammiger Oberbegriff für den Träger der Persönlichkeit oder ,,einen Zeit- und Raum-unabhängigen Anteil der menschlichen Psyche"; 97) impliziert (KELLY, GREYSON, STEVENSON; 123); c) dem Phänomen der geisterhaften Außerkörperlichkeitserfahrung, der außersinnlichen Wahrnehmungen und dem spiritistischen Glauben an herumgeisternde Seelenreisende oder Verstorbene (79 bis 81; THIEDE verweist auf alternative Deutungs- und Erklärungswegen gegenüber der Geister-Hypothese; 160); d) dem seltsam aus dem christlichen Weltbild exzerpierten und assimilierten Begiff der ,,Dämonen" als ,,triebhaften Es-Anteilen" oder ,,Personifikationen eigener Anteile des Unterbewusstseins" (74; 72), die dem NDEr mitunter begegnen wie ein im Geiste simulierter ,,finsterer Persönlichkeitsanteil", der sich aber von den OBE-Geistererscheinungen unterscheidet (80); e) der Spuk auslösenden Person mit epileptischen Störungen, die psychokinetische Leistungen hervorbringen sollen, die ihn zum Poltergeist werden lassen (88); f) der zwei Typen von NDE (himmlischen und höllischen) die wie Derivate katholischer Dogmatik anmuten, von Schröter-Kunhardt aber als Bestätigung der These von einem ,,biologisch angelegten dichotomen Charakter mystisch-religiöser Erfahrungen" gelten, da sie unter Halluzinogeneinfluß ebenfalls auftreten (82; 93); g) des Todesnäheerlebnisses als geistige Erleuchtung, die zum ,kosmischen′ oder ,holistischen Bewußtsein′ führen soll (KENNETH RING; 225); h) dem östlichen Kundalini-Yoga als spirituelle Praxis der Bewusstseinsveränderung, bei der NDE-ähnliche mystische Elemente vorkommen (61; 88); i) und last but not least an den Glauben an die Aussagen der Betroffenen Visionären und an ihr Erlebnis.
Wissenschaftler versuchen Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, die eine gewisse Objektivität und Validität garantieren. Doch HUBERT KNOBLAUCHS empirische Untersuchung von NDE in Ost- und Westdeutschland brachte neue Erkenntnisse über diverse Einflußgrößen für dieses außergewöhnliche Phänomen zu Tage, und revidierte die bislang ,,vertretenden Annahmen zur strukturellen Uniformität und Universalität der Erfahrung" (242). ,,Die empirisch belegbare inhaltliche Vielfalt der Erfahrung lässt darauf schließen, dass es nicht ein fixes (sprich: gesätzmäßiges; Anm. v. Autor) Muster der Todesnäheerfahrung gibt, sondern dass deren Charakteristika auf einer anderen Ebene der Motive liegt, die wir als eine besondere Sinnprovinz bezeichnen möchten", so SCHMIED, KNOBLAUCH & SCHNETTLER (244).
Gegenstand dieses Aufsatzes ist nun die wissenschaftskritische Aanalyse der von den Autoren vorgenommenen Hypothesen und Metahypothesen sowie den persönlichen Deutungen der Betroffenen zu ihrem visionären Erleben.
I. Vom weltanschaulichen Idealismus zum anthropologischen Dualismus: postplatonische Deutungswege der NDE-Phänomenologie
HYPOTHESE Nr.1:
Nicht die NDE ansich, sondern die in ihr verifizierbaren paranormalen Leistungen, die von den Betroffenen einem Realitätstest unterzogen werden (124; 206), verweisen auf einen materieübergreifenden (transzendierenden) Akt und schließen damit medizinisch-psychiatrisch, neurophysiologische und psychologische Ätiologien aus.
METAHYPOTHESE zu Hy.-1:
Eine dem Ich-Bewußtsein meist unbewusste Entität des Menschen ist unter den psychophysiologischen Bedingungen einer todesähnlichen Verfassung zu nichtreproduzierbaren paranormalen Leistungen fähig, die dem Ich-Bewußtsein als paranormale Erfahrung zugänglich werden (80-81). ,,(...) paranormale Fähigkeiten überschreiten (...) die Grenzen der vergänglichen Materie - und damit die des Todes" (81). Folglich gibt es einen ,,unsterblichen Anteil der menschlichen Psyche", und die Überlebenshypothese wird nicht verworfen (31). Äquivalent ist die Metahypothese NDE-Betroffener, dass OOBEs ein Beweis dafür darstellen, dass der Geist des Menschen ,,auch außerhalb des Körpers funktionieren und deswegen auch den Tod überleben kann" (104).
KELLY et.al. glauben, dass paranormale Leistungen ,,als Beleg für die Vermutung gesehen werden dürfen, dass das Bewusstsein unabhängig vom physischen Körper funktioniert und somit auch den Tod des Körpers überstehen kann" (123). Obwohl sie mit diesem Postulat ihrer eigenen Kritik widersprechen, dass während der Erfahrung der NDEr noch am Leben ist und real nicht unabhängig vom Körper existiert hat (104), und dass die ,,rein subjektiven Erfahrungen keinerlei Beleg dafür sind, dass sich die Person tatsächlich von ihrem Körper abgelöst hat" (105). Wahrnehmungspsychologisch gesehen können alle subjektiven Erlebnisse sich im Kopf abspielen, wie der verstorbene Frankfurter Professor PAUL THOLEY mir versicherte.
[...]
1 Schlippe, Arist von (1996: 88): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. 2. durchges. Aufl.
Göttingen; Zürich: Vandenhoeck und Ruprecht.
2 Glasersfeld, E. v. (1991: 23): Abschied von der Objektivität. In: Watzlawick, P., Krieg, P. (Hg.), 17-30. Watzlawick, P., Krieg, P. (Hg.) (1991): Das Auge des Betrachters. München: Piper.
Arbeit zitieren:
Holger Karsten Schmid, 2002, Todesnäheerlebnisse, München, GRIN Verlag GmbH
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