Thema : Was versteht Platon unter dem Begriff „Gerechtigkeit“ und
verdeutlicht er es an seinem Modell von der ´gerechten Stadt ?“
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Die Entstehung der Definition der Gerechtigkeit bei Platon 1
I. Gängige Vorstellungen der Gerechtigkeit
1. Das Gespräch mit Kephalos - Gerechtigkeit ist
Wahrhaftigkeit und Wiedergeben, was man empfangen
Hat 1
2. Das Gespräch mit Polemarchos - Gerechtigkeit ist
Freunden zu nützen und Feinden zu schaden 2
3. Das Gespräch mit Thrasymachos - Gerechtigkeit ist
der Vorteil des Stärkeren 4
4. Das Gespräch mit Glaukon - Fortführung vom
„Lob der Ungerechtigkeit 7
II. Die Entstehung der Polis
1. Vom Urstaat zum aufgedunsenen Staat 10
2. Vom aufgedunsenen Staat zum vollkommenen Staat 12
3. Die vollkommene Polis 13
III. Platons Stände
1. Die Wächter und Regenten 14
2. Der Mythos als Legitimation der Ungleichheit 15
3. Weitere Funktionen der Wächter und Regenten 15
IV. Platons Kardinaltugenden
1. Die Weisheit 17
2. Die Tapferkeit 17
3. Die Besonnenheit 17
4. Die Gerechtigkeit 18
a) Die Gerechtigkeit im Staat 18
b) Die Gerechtigkeit in der Seele 18
)C Schluss 19
Quellen - und Literaturverzeichnis
II
Platon hat sich in seinen Werken intensiv mit der Frage nach der Gerechtigkeit beschäftigt. So kündigt sich seine Politeia zwar im Titel nur als ein Beitrag zur politischen Philosophie oder Staatsphilosophie an, aber ihr wurde später der
Untertitel „Über das Gerechte“ (peri tou dikaiou) hinzugefügt. „Die Politeia ist Platons philosophisches und politisches Hauptwerk“ 1 .
Sie behandelt neben der Gerechtigkeit viele Teilgebiete: sie befaßt sich mit einer Erziehungslehre, sie vertritt die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sie entfaltet eine Kritik der Dichtung sowie auch eine Theorie der Musik. Nicht zuletzt ist der Höhepunkt der Politeia die Idee des Guten. Die Gerechtigkeit ist allerdings der rote Faden, der sich durch das ganze Werk zieht. Diese Arbeit beschäftigt s ich ausschließlich mit Platons Definition der Gerechtigkeit. Deswegen werde ich nicht auf alle Teilgebiete eingehen, sondern mich hauptsächlich auf die Bücher I bis V beschränken. Diese beinhalten das Problem der Gerechtigkeit und ihres Nutzens und die Darstellung der Gerechtigkeit an einem Modell der gerechten Stadt. Ich möchte mich dabei eng an die Struktur halten, die Platon in seinem Werk verwendet, um an seine Definition der Gerechtigkeit hinzuführen.
Gängige Vorstellungen der Gerechtigkeit
Die Politeia beginnt mit mehreren Dialogen, wobei Sokrates von unterschiedlichen Gesprächspartnern deren Vorstellung von Gerechtigkeit erzählt bekommt. Diese ersten Versuche einer Gerechtigkeitsdefinition sind geläufige Vorstellungen der Gerechtigkeit, die auch meist bei der Allgemeinheit zu finden sind.
1 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.22
1
Sokrates erster Gesprächspartner ist Kephalos. Dieser Dialog bildet die Ausgangslage einer philosophischen
Gerechtigkeitsuntersuchung. Über Sokrates` Frage nach dem Reichtum Kephalos und seinem Nutzen daraus, gelangen sie schnell zum Hauptthema. Nach Kephalos sind wir unseren Mitmenschen Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit schuldig. „Wahrhaftigkeit heißt dabei soviel wie, ein ehrlicher Geschäftsmann sein, niemanden betrügen, niemanden etwas
schuldig bleiben“. 2 Was man sich einmal geborgt hat, muß man auch wieder zurückgeben. Und wer seine Schuldigkeitspflicht erfüllt, ist ein gerechter Mensch. Reichtum macht es einem dabei leichter keine ungerechten Handlungen zu begehen. Sokrates widerlegt die These von Kephalos, denn „wenn einer von einem Freunde, der ganz bei besonnenem Mute war, Waffen empfangen hat und dieser sie im Wahnsinn wiederfordert, er ihm dergleichen weder verpflichtet ist wiederzugeben, noch selbst recht täte, wenn er sie ihm wiedergäbe oder in einem solchen Zustand ihm von allen Dingen die Wahrheit sagte“ 3 . „Kephalos´ Bestimmung von Gerechtigkeit erweist sich als unzureichend, weil sich hinter seiner Definition die
allgemeinere Frage verbirgt, was für den Einzelnen nützlich oder schädlich ist, was jemand denn gerechterweise überhaupt besitzen oder sein Eigen nennen kann“ 4 . Allerdings ist Kephalos sowieso kein guter Gesprächspartner für eine philosophische Diskussion, denn er kann nur erzählen, aber nicht argumentieren.
Sokrates` neuer Gesprächspartner ist Polemarchos, der Sohn des Kephalos. Er versucht seinen Vater zu verteidigen, indem er die Definition erneut aufgreift und sie erweitert. Nicht jeder ist jedem etwas schuldig, sondern Freunde sind es Freunden schuldig, Gutes zu tun, also müssen sie die Auswirkungen der
2 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.26
3 Politeia, 331c
4 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.26
2
Rückerstattung auch berücksichtigen. Bei Feinden dagegen muß man nicht auf negative Auswirkungen achten, denn sie verdienen eine schlechte Behandlung. Also ist Gerechtigkeit „Freunden Gutes tun und Feinden Böses“ 5 . Diese Definition ist wohl e in sehr gängiges Gerechtigkeitsverständnis, „denn Gerechtigkeit über
Schuldigkeit zu bestimmen ist alles andere als extravagant, sondern trifft einen sich über die Zeiten durchhaltenden und tief in den Überzeugungen des common sense verankerten Bedeutungskern“ 6 . Damit ist der Gerechte allerdings Experte des Guten und des Bösen. Und „durch welche Handlung und in Absicht auf welches Geschäft ist er vorzüglich imstande,
Freunden zu nutzen und Feinden zu schaden? -Durch 7 . Kriegsführung und Bundesgenossenschaft“ Wenn Frieden
herrscht, zeigt sich die Gerechtigkeit allerdings nur im gegenseitigen Umgang miteinander.
Aufgrund der Definition Polemarchos könnte man sagen, dass der Gerechte so auch der beste Partner bei Geldgeschäften sein muß; zwar nicht, wenn es ums Kaufen geht, aber dafür, wenn es darum geht, das Geld zu verwahren. Denn der Gerechte gibt
das, was er seinem Freund schuldet in jedem Fall zurück. Damit ist die Gerechtigkeit allerdings wertlos, denn sie ist nur für den Nicht-Gebrauch der Dinge nützlich. Außerdem drängt sich auch die Frage auf, wie man einen schlechten Gerechten von einem Ungerechten unterscheidet. Was passiert, wenn man jemanden für seinen Freund hält, der kein Freund ist oder jemanden als Feind behandelt, der eigentlich Freund ist. „Täusche man sich darüber, handele man ungerecht, da man dem falschen Freund nütze oder dem vermeintlichen Feind schade“ 8 . Um sich aus der Affaire zu ziehen ersetzt Polemarchos den Freund durch einen ´wahren Freund` und den Feind durch einen ´wahren Feind` - allerdings ist auch das keine Lösung, da sich
5 Politeia, 332 b
6 Wolfgang Kersting, Werkinterpretationen, Platons Staat, S. 21
7 Politeia, 332 e
8 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S. 27
3
der wahre Freund und der wahre Feind meist erst hinterher feststellen läßt.
Eine weitere sich aufdrängende Frage ist, ob es überhaupt gerecht sein kann, einem anderen zu schaden. Sokrates versucht anhand des Vergleichs mit einem Pferd zu beweisen, „daß es auf keine Weise Sache des Gerechten ist, anderen zu schaden“ 9 . Denn wenn ein Pferd Schaden nimmt, wird es keineswegs besser, sondern es taugt dann nicht mehr als Reittier, es verliert an Tüchtigkeit. Wenn m an also Menschen Schaden zufügt, dann werden sie ungerechter. Aber ein gerechter Mensch kann einen anderen nicht ungerechter machen, „denn es ist auch nicht Sache der Wärme abzukühlen, sondern ihres Gegenteils [...] . Auch nicht der Trockenheit anzufeuchten, sondern ihres
Gegenteils [...]. Also auch nicht des Guten zu schaden, sondern seines Gegenteils [...]. Also ist es nicht die Sache des Gerechten zu schaden“ 10 . Und damit hat Sokrates auch die ´These vom Feind` von Polemarchos widerlegt.
Das Gespräch mit dem Sophisten Thrasymachos ist das
Hauptgespräch des ersten Buches. „Das Bild, das Platon von dem Sophisten Thrasymachos zeichnet, ist eine bösartige und gehässige Karikatur“ 11 . Er bringt auch eine überraschende Wendung ins Gespräch, denn er baut seine Argumentation nicht auf den Thesen seiner Vorgänger auf. Seine Rede kann als „Lob der Ungerechtigkeit“ bezeichnet werden, denn er behauptet, „das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren Zuträgliche“ 12 . Dabei meint Thrasymachos „die Stärke der politischen Macht“ 13 . Seine Definition ist nicht ganz ungerechtfertigt, denn es ist sinnvoll, Gerechtigkeit mit Legalität zu verbinden. Man kann es an unserem heutigen Gesetzbuch sehen, denn dort werden Paragraphen aufgestellt,
9 Politeia, 335 b
10 Politeia 335 d
11 Wolfgang Kersting, Werkinterpretationen, Platons Staat, S. 29
12 Politeia, 338 c
13 Henning Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Band 1 / 2, S.28
4
Arbeit zitieren:
Claudia Lorenz, 2003, Was versteht Platon unter dem Begriff "Gerechtigkeit" und wie verdeutlicht er dies an seinem Modell der gerechten Stadt?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Embedded Democracy - Ein Konzept zur Erforschung von Demokratien
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Hausarbeit (Hauptseminar), 16 Seiten
Freiheit des Selbstbewusstseins durch die Erfahrung der Arbeit, des Ve...
In: G.W.F. Hegel: Phänomenolog...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Der Dispositionsbegriff bei Ryle
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
"Bloß" Aristoteliker? Kritische Untersuchung der Aristoteles...
Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Gespräch des Sokrates mit Thrasymachos
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 7 Seiten
Die "Natur" im Marxschen Denken
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 17 Seiten
Was ist Verständlichkeit? Wie schreibt man verständliche Texte?
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit, 15 Seiten
Platons Menschenbild in der Politeia - Eine Untersuchung des platonisc...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 18 Seiten
Das Gefangenendilemma: Auswege aus der Rationalitätenfalle
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Stadt und Land bei Montesquieu
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Bestätigung einer Theorie? Neorealismus, Europäische Sicherheitsorgani...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 28 Seiten
Der 'ökologische' Marx - Zum Marxschen Naturbegriff
Politik - Internationale Politik - Klima- und Umweltpolitik
Seminararbeit, 19 Seiten
Platonische und Aristotelische Auffassung von Gerechtigkeit - Ein krit...
Philosophie - Philosophie der Antike
Seminararbeit, 21 Seiten
Wolfgang Merkels Theorie der defekten Demokratie am Beispiel der Insti...
Politik - Internationale Politik - Region: Südasien
Hausarbeit, 16 Seiten
Platons Ideenlehre - erläutert anhand der drei zentralen Gleichnisse d...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 22 Seiten
Der Geruch und der Geruchssinn - eine soziologische Betrachtung über d...
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Claudia Lorenz hat den Text Was versteht Platon unter dem Begriff "Gerechtigkeit" und wie verdeutlicht er dies an seinem Modell der gerechten Stadt? veröffentlicht
Claudia Lorenz hat einen neuen Text hochgeladen
Gerechtes Sprechen: Ich sage, was ich meine
Das Kommunikationsmodell in de...
Cornelia Schinzilarz
bsv Grundkurs Ethik. Recht und Gerechtigkeit
Ein Arbeitsbuch für die Oberst...
Dieter. Menath
Lexikon der Gerechten unter den Völkern
Deutsche und Österreicher
Daniel Fraenkel, Jakob Borut
0 Kommentare