3
1. Einleitung _____________________________________________________________ 3
2. Bernhard und die Übertreibung____________________________________________ 4
3. Die Darstellung der Schauplätze ___________________________________________ 6
4. Thomas Bernhard und der Begriff Heimat ___________________________________ 7
5. Österreichische Zustände_________________________________________________ 8
6. Der Skandal um das Stück „Heldenplatz“ ___________________________________ 9
7. Schlußwort ___________________________________________________________ 13
1. Einleitung
Österreich hat Bernhard in seinen Werken immer wieder beschäftigt und er thematisierte die österreichischen Verhältnisse nicht nur in seinen Romanen. Seine Beziehung zu Österreich könnte man als Haßliebe umschreiben, den einerseits zieht sich Österreich als Thema durch sein Gesamtwerk, andererseits kommt es dabei nicht unbedingt gut weg. Bernhard hat Österreich, seine Politiker und seine Bevölkerung oft auf das übelste beschimpft und kritisiert.
„Es ist alles Lüge, was gesagt wird, das ist die Wahrheit (...).“ 1
„Die Wahrheit, die wir kennen, ist logisch die Lüge, die, indem wir um sie nicht herumkommen, die Wahrheit ist.“ 2
Dies sind Zitate aus Bernhards Werken, an denen man erkennen kann wie ambivalent und teilweise fast schizophren seine Aussagen interpretiert werden können. Alles ist Lüge und Wahrheit zugleich.
In dieser Arbeit möchte ich versuchen Bernhards Aussagen und Schimpftiraden aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Außerdem werde ich anhand von Beispielen versuchen zu erklären, dass Bernhards teilweise doch sehr heftige Kritiken nicht oder
1 Bernhard, Thomas. Watten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995. S 266
2 Bernhard, Thomas. Keller. Salzburg: Residenz-Verlag, 1976. S 33
4
selten wörtlich zu nehmen sind, sondern als literarische Mittel Umgebungen, Empfindungen und Seelenleben zu beschreiben versuchen. Im letzten Kapitel dieser Arbeit setze ich mich mit dem Stück Heldenplatz etwas näher auseinander, da „Heldenplatz“ einen der größten Skandale um Bernhards Äußerungen über Österreich und seine Bevölkerung hervorrief.
2. Bernhard und die Übertreibung
Bernhard arbeitet sehr viel mit Übertreibungen. Er hat sie zu einer Kunstform erhoben. Schmidt-Dengler wurde oft zitiert, nachdem er Bernhard als „Übertreibungskünstler“ bezeichnete. In Auslöschung schreibt Bernhard:
„Wenn wir unsere Übertreibungskunst nicht hätten, hatte ich zu Gambetti gesagt, wären wir zu einem entsetzlich langweiligen Leben verurteilt, zu einer gar nicht mehr existierenswerten Existenz. Und ich habe meine Übertreibungskunst in eine unglaubliche Höhe entwickelt, hatte ich zu Gambetti gesagt. Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben, hatte ich zu ihm gesagt, nur die Übertreibung macht anschaulich, auch die Gefahr, daß wir zum Narren erklärt werden, stört uns in höherem Alter nicht mehr.“ 3
Etwas später in Auslöschung schreibt er, dass Übertreibung schließlich eine Möglichkeit sei, die Existenz auszuhalten. Ein Maler oder ein Musiker, welcher nicht übertreibt, sei ein schlechter Künstler, ebenso wie ein Schriftsteller, der nicht übertreibt, ein schlechter Schriftsteller sei. 4
Auf diese Weise hat Bernhard schon selbst den Zweck der Übertreibung erklärt und verdeutlicht. Ich bin mir sicher, dass sich jeder schon einmal der einen oder anderen Übertreibungen bedient hat, um anderen etwas vor Augen zu führen oder mitempfinden zu lassen. Nun stellt sich mir die Frage, warum man bei Bernhard
3 Bernhard, Thomas. Auslöschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988. S 128
4 nach: ebd. S 612
5
immer wieder auf das Neue entrüstet und schockiert war, wenn er sich dieser Kunst bediente. Ein möglicher Erklärungsversuch scheint mir, dass Österreich immer wieder im Brennpunkt Bernhardscher Kritik lag und diese meist in eine stark negative und angreifende Richtung ging. Die Österreicher fühlten sich schlichtweg provoziert und vielleicht sogar verraten von ihrem Landsmann. Wenn es sich um die eigenen schlechten Eigenschaften handelt, geht man mit Untertreibungen wesentlich freundlicher und leichter um als mit Übertreibungen. Niemand läßt sich gerne einen Spiegel mit Vergrößerungseffekt vor das Gesicht halten, der ausgerechnet die schlechten Seiten hervorhebt.
Ein anderer Grund, warum Bernhard so übertrieb, mag auch in der Tatsache liegen, dass er sich unverstanden fühlte. Einen Hinweiß darauf gibt ein Zitat aus Verstörung:
„Ich übertreibe. Es ist alles ganz anders. Es ist immer alles ganz anders. Sich verständlich zu machen ist unmöglich.“ 5
Um dennoch den Versuch zu machen sich verständlich zu machen, griff Bernhard auf immer noch brutalere und drastischere Formulierungen zurück. Auch Donnenberg spricht davon, dass Bernhard davon überzeugt gewesen sein muss, dass Kritik völlig nutzlos und vergeblich sei. Nicht zuletzt deswegen s eien seine „ kritischen Äußerungen in jene der nüchternen Analyse ferne Maßlosigkeit, die ihr oft die Glaubwürdigkeit (ge)raubt“ 6 haben, geglitten.
Heinz Häller führte die Notwendigkeit zu übertreiben auf eine allgemeine Reizüberflutung zurück:
„Übertreibung schließlich als Kommunikationsproblem: Im Zeitalter der durch Reizüberflutung bewirkten allgemeinen Abgestumpftheit bedarf bereits jegliche zwischenmenschliche Verständigung der Verzerrung, der
5 Bernhard, Thomas. Verstörung. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1967. S 27
6 Donnenberg, Josef. Thomas Bernhards Zeitkritik und Österreich. S 42-63. In: Literarisches Kolloquium Linz 1984: Thomas Bernhard. Materialien. Pillertschatscher, Alfred und Johann Lachinger (Hrsg.). Linz: Land Oberösterreich, 1985. S 48
6
Entstellung, des Outrierens zum Zwecke eben dieser Verständigung; um wieviel mehr erst die Kritik. Will sie diese Mißstände kenntlich machen, muß sie dick auftragen, um überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden - eine Vorgangsweise, deren Legitimität und Effektivität auch im außerliterarischen Bereich durchaus gegeben scheint.“ 7
3. Die Darstellung der Schauplätze
In Holland geboren, fühlte sich Bernhard doch immer als Österreicher. Die Schauplätze seiner Werke sind vornehmlich Ortschaften in Salzburg, Steiermark, Oberösterreich und Niederösterreich. Immer wieder fühlten sich Einheimische durch seine Darstellungen in seinen Romanen und Stücken beleidigt und für dumm erklärt. Ein Grund für diese Mißverständnisse ist oft die Tatsache, dass literarische Aussagen unliterarisch gelesen werden und persönlich genommen werden. 8 Mir stellt sich die Frage, wie man sich von einem poetischen oder literarischen Werk angegriffen fühlen kann. Zum einen denke ich, fehlt es denn Leuten an Selbstbewußtsein, Bernhards Aussagen mit einer gewissen Distanz zur eigenen Persönlichkeit gegenüber zu stehen, zum anderen aber scheint eine gewaltige Selbstüberschätzung bei manchen Leuten zuzutreffen, die meinen, sie wären der Mittelpunkt Bernhards Betrachtungen und Äußerungen. Man kann sich doch nur beleidigt fühlen, wenn man sich als Gegenstand einer Aussage sieht. Bei anderen scheint es möglich, dass sie wohl einen wahren Kern in Bernhards Beschimpfungen erkennen und die persönliche Betroffenheit dadurch entsteht, indem Bernhard offensichtlich sensible Bereiche dieser Leute trifft.
Ein weiterer Grund für das Mißverständnis zwischen Dichter und Gesellschaft ist, dass einzelne Aussagen extrahiert werden und aus dem Zusammenhang eines literarischen Werkes und damit aus einer völlig neu geformten und konstruierten künstlichen Realität gerissen werden.
7 Häller, Heinz. Österreich. Eine Herausforderung. S 111-152. In: Statt Bernhard. Schmidt-Dengler, Wendelin und Martin Huber (Hrsg.). Wien: Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, 1987. S 111
Arbeit zitieren:
Birgit Sedelmaier, Mag., 2003, Thomas Bernhard und Österreich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Sache selbst in Hegels System
Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts
Doktorarbeit / Dissertation, 168 Seiten
Das Motiv der Krankheit in der Darstellung jüdischer Figuren in Thomas...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Das Wiener Burgtheater, ein Überblick über historische Dimensionen, so...
Hausarbeit, 22 Seiten
Die Familienbeziehungen in Thomas Bernhards Prosa am Beispiel von '...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Zur ästhetischen Grenzüberschreitung durch Erotik und Pornographie
Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Figur der Gyburg aus Wolframs von Eschenbach 'Willehalm'
Kriegerische Amazone, höfische...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 30 Seiten
Der poetische Realismus - dargestellt an Theodor Fontanes Roman Effi B...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 10 Seiten
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Allgemeines Schulpraktikum an einer Realschule
Praktikumsbericht / -arbeit, 41 Seiten
Das Vamperl von Renate Welsh im handlungs- und produktionsorientierten...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 11 Seiten
Die Wahrheit über die 'Wahrheit'? - Inszenierung des Politisch...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Hausarbeit, 30 Seiten
William Shakespeare Macbeth - Historische Fakten und Hintergründe
Seminararbeit, 16 Seiten
Unterrichtsstunde: Lautmalerische Elemente im Gedicht „Das Feuer“ von ...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 18 Seiten
Venedig als Décadence-Symbol in 'Der Tod in Venedig' von Thoma...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 16 Seiten
Rom als „idealer Ort“ in Thomas Bernhards Roman "Auslöschung. Ein...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Der amerikanische Kriegsfilm - Full Metal Jacket ein Film über den Kri...
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Unterrichtsstunde: Wiederholung der Satzglieder (4. Klasse)
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 12 Seiten
Be bloody, bold and resolute - Über Ehrgeiz und Gewissen in Macbeth
Seminararbeit, 16 Seiten
Birgit Sedelmaier, Mag. hat den Text Thomas Bernhard und Österreich veröffentlicht
Birgit Sedelmaier, Mag. hat einen neuen Text hochgeladen
Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß
Martin Huber, Manfred Mittermayer, Peter Karlhuber
"Er war sicher der Begabteste von uns allen." Bernhard, Handke und die...
Bernhard, Handke und die öster...
Karl Wagner
Die Kunst, die Komik und das Erzählen im Werk Thomas Bernhards
Textinterpretationen und die E...
Anne Thill
Valentin Tomberg. Band 1. Leben - Werk - Wirkung
Leben-Werk-Wirkung 1900-1944
Elisabeth Heckmann
0 Kommentare