Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 4
2. DER BEGRIFF WIRKUNGSGESCHICHTE 5
3. DIE KULTUREPOCHEN 6
3.1. Die Aufklärung 6
3.2. Der Sturm und Drang 7
3.3. Die Leserschaft 7
3.4. Die literarische Tradition 8
4. ZEITKRITIK IM WERTHER 10
4.1. Die Rationalisten 10
4.2. Die Aufklärer 12
4.3. Der Orthodoxer Klerus 14
4.4. Die Sturm und Dränger 18
4.5. Das Publikum 20
4.6. Goethes Rezension 21
5. SCHLUSSWORT 23
6. REZENSIONEN 24
LITERATUR: 31
4
1. Einleitung
Goethes Wirken hat eindrucksvolle Spuren in der Entwicklung der deutschen Literatur hinterlassen. Seine Wirkungsgeschichte zu betrachten, heißt ihrem Einfluss auf die Geschichte und auf die Etablierung der deutschen Literatur in der Weltliteratur auf den Grund zu gehen. Die R eaktionen auf Goethes Werke waren schon zu seinen Lebzeiten enorm zahlreich und vielseitig. Das mag darin liegen, dass Goethe seine Kritiker, sowohl ihm wohl Gesonnene als auch Zweifler, immer wieder vor das Problem stellte, ihn nicht einordnen zu können. Bestehendes durchbrach und revolutionierte er, sich in Entwicklung Befindliches trieb er auf nicht mehr überbietbare Höhepunkte und erweiterte immer wieder den Spielraum, in dem sich Literatur befand. Die Wirkung seiner Werke übertraf in vielen Fällen den Erwartungshorizont des Publikums und führte es an die Grenzen des allseits anerkannten Verständnisses und Geschmackes von Literatur. Mandelkow schreibt hier von der Entstehung eines neuen selbstbewußten Publikums und von der Entwicklung der Disziplin. 1 literarischen K ritik zu einer eigenständigen Die Wirkungsgeschichte des Werthers ist geradezu ein Modellfall dieser Entwicklung und zeigt in welches Spannungsverhältnis von Meinungsbildnern dieses Werk seinen Fuß gesetzt hat. Was auf die Veröffentlichung des Werthers folgte, übertraf alles bisher Dagewesene, weil auch „Die Leiden des jungen Werther“ alles bisher Dagewesene übertraf und den Briefroman wie auch den empfindsamen Roman an einen Punkt führte, der keine Weiterentwicklung mehr zuließ.
Im Jahre 1774 erschienen „Die Leiden des junge Werthers“ von J. W. Goethe. Goethe schrieb diesen Briefroman in nur vier Wochen nieder. Er verarbeitet damit eine Reihe persönlicher Erlebnisse, wie den Selbstmord eines Bekannten, Jerusalem, Probleme in der Arbeit und die unglückliche Liebe zu Charlotte Buff.
1 Mandelkow, K. R. Goethe im Urteil seiner Kritiker. Bd. I. München, 1975. S XXV
5 Schon kurz nachdem das Werk erschienen war, löste es eine Flut von Reaktionen aus, positiver als auch negativer Natur. Zunächst möchte ich die geistigen und literarischen Strömungen dieser Zeit näher betrachten, um der Frage auf den Grund zu gehen, warum dieses Werk so einen heftigen Literaturstreit vom Zaun brechen konnte. Dann möchte ich den einzelnen Lagern, wie und in welcher Weise sie auf den Werther reagiert haben, meine Aufmerksamkeit widmen. Es geht mir dabei nicht darum, Kritiken zu beurteilen und von Mißverständnissen zu sprechen, wie es Engel in ihrer Dissertation macht, denn das Verständnis und die Akzeptanz für Literatur und die Toleranz, die wir Literatur heute entgegen bringen, unterscheidet sich wesentlich von damaligen Zugängen. Mein Ziel ist es, mit Rücksicht auf die Historie, die Meinungen vor dem geistigen Hintergrund vor dem sie gebildet wurden, zu veranschaulichen. Jedes Lob und jede Kritik hatte sein Berechtigung mit der ihr zugrunde liegenden Weltanschauung, die ich durch dies Arbeit zu verstehen helfen möchte.
2. Der Begriff Wirkungsgeschichte
Wenn man die Wirkungsgeschichte eines Werkes näher betrachten will, muss man sich auch immer den historischen Hintergrund, soziokulturelle Strömungen und gesellschaftliche Konventionen der Zeit vor Augen führen. Ohne die Aufnahme eines Werkes durch den Leser und das Publikum, deren Meinungen und Interpretationen, wäre es ziemlich uninteressant seine Wirkungsgeschichte zu verfolgen. Die Wirkungsgeschichte f indet also im Leser statt. Seine Interpretationen bezeichnet Jäger als Konkretisationen eines Werkes. Dabei darf man nicht vergessen, dass Leser aus unterschiedlichen Schichten und geistigen Lagern in unterschiedlichen Zeiten ein Werk auch unterschiedlich konkretisieren. Die Konkretisationsgeschichte ist Teil der
6 Literaturwissenschaft, die aber bislang noch keinen allzu großen Stellenwert in der Wissenschaft behaupten konnte. 2 Grundsätzlich sollte man Kunst nicht ihrer Zeit entheben und die Möglichkeiten immer neuer Konkretisationen in den Blick der Arbeit über ein Werk rücken. Die Bedingungen, unter denen ein Werk unterschiedlich konkretisiert wird, soll Forschungsgegenstand der Wirkungsgeschichte sein und interessiert auch mich am Beispiel „Der Leiden des jungen Werther“. Bevor ich mich aber ganz dem Werther in seinem Kommunikationssystem widme, möchte ich im nächsten Kapitel kurz die literarischen Strömungen mit ihren Zielen und Vertretern wiederholen, an deren historischen Schnittpunkt der Briefroman Goethes erschienen ist.
3. Die Kulturepochen
3.1. Die Aufklärung
Die Aufklärung wird von 1700 bis 1770 angesetzt. Zwei Strömungen waren Wegbereiter für die Aufklärung: der Rationalismus und der Empirismus.
Die Aufklärung war eine vom städtischen Bürgertum getragene geistige Bewegung. Sie glaubte an die Vernunft als wichtigstes Ziel der Erkenntnisfähigkeit. Der Mensch sollte nach Bildung streben und von Vernunft geleitet werden. Eine neue Staatslehre wurde begründet, die unter anderem die Trennung der Gewalten durch voneinander unabhängige Einrichtungen vorsah. Die Macht des Herrschers lag in der Hand des Volkes, vom Volk erhielt er die Macht und vom Volk konnte sie ihm auch wieder entzogen werden. Auch in der Religion strebte man eine Vernunftreligion an. Glaubensinhalte und logisches Denken sollten nicht in Widerspruch stehen. Die Erziehung der Bevölkerung zu besseren Menschen war ein wichtiges Ziel der Aufklärung.
Auch die Literatur hatte die Aufgabe den Menschen zu erziehen und zu bilden. Der Dichter hatte vom Verstand kontrolliert und nach Regeln zu
2 Jäger, G. Die Wertherwirkung. Ein Rezeptionsästhetischer Modellfall. In: Historizität in Sprach- und
Literaturwissenschaft. Walter Müller-Seidel, (Hrsg.). Wilhelm Fink Verlag: München, 1974.
7 arbeiten. Oft beschrieb er den Entwicklungsprozess eines Menschen zu einem vernunftgeleiteten Individuum. Den meisten Werke war eine Lehre inhärent.
3.2. Der Sturm und Drang
Der Sturm und Drang war eine Strömung, die von 1770 bis 1785 dauerte und sich an die Aufklärung anschloß. Sie wurde hauptsächlich vom akademischen Bürgertum getragen. Man eiferte Idealen wie Freiheit, Genie, Natur und Gefühl nach. Vor allem wurde Freiheit zu einem wichtigen Schlagwort, in politischer, persönlicher und künstlerischer Hinsicht. Wahre Genies dürften nicht von Zwängen der Form und Gesetzen eingeengt und in ihrem Schaffen beschnitten werden. Die Stürmer und Dränger wandten sich auch gegen das herrschende Gesellschaftssystem. Sie forderten die Bildung des Herzen. Der Geburtsadel sollte nicht mehr entscheidend sein, jedoch war das Bürgertum politisch machtlos und so drückten sie ihre Unzufriedenheit und den von ihnen geforderten neuen Lebensstil auf der Bühne aus.
Mitte des 18. Jahrhundert s nahm die Zahl der Romane zu, besonders auch der Unterhaltungsromane, die sentimentale und rührende Inhalte hatten.
Goethes Werther entstand genau zu einem Zeitpunkt, in dem Prinzipien der Aufklärung und des Sturm und Drangs parallel existierten. Auf der einen Seite wurde er begeistert aufgenommen, verherrlicht und nachgeahmt, auf der anderen Seite war man entsetzt, besorgt über die Wirkung bei den jungen Menschen und rief sogar zur Zensur auf. Ein Umschwung in der Literatur und in sozialen Verhältnissen fand statt, der das Publikum spaltete. Den einzelnen Vertretern und ihren Meinungen auf den Grund zu gehen, wird der nächste Schritt dieser Arbeit sein.
3.3. Die Leserschaft
Kurz nach der Erscheinung des Werthers waren die Reaktionen durchwegs positiver Natur. Hauptsächlich waren es Gelehrte, die ihre Meinung zu
8 dem neuartigen Roman kund taten. Die Gelehrten waren sehr belesen und hatten auch schon Erfahrung mit fiktionaler Literatur. Das Werk wurde gelobt, ohne darin Gefahren für die Leser zu sehen. Erst als das Buch einem größeren Publikum zugänglich wurde, brach der Literaturstreit aus. In den 70er Jahren des 18ten Jahrhunderts breiteten sich Leihbibliotheken vermehrt aus und trugen so zu einem zahlenmäßigen Aufschwung des Lesepublikums bei. Diese neuen D istributionswege erreichten auch das Kleinbürgertum. Jedoch waren die Leser an eine gewisse Art von Literatur gewöhnt. Zur Zeit der Aufklärung war der Stoff der Literatur didaktischen Prinzipien untergeordnet. Der Autor sollte einen Inhalt transportieren, der meist moralischer und pädagogischer Natur war und der die Bildung und Erziehung des Lesers zum Ziel hatte. An fiktionale Literatur war das damalige Publikum nicht gewöhnt.
Etwa zugleich mit der großen Verbreitung der Leihbibliotheken ist auch eine Anstieg der Lesegesellschaften zu verzeichnen. Lesegesellschaften wurden aber vor allem von akademischen Kreisen im Bürgertum gegründet und besucht.
Lesen war also sehr modern und Goethes Werther traf genau in diese Entwicklung und spiegelte den Zeitgeist d es jungen neu entstandenen Lesepublikums wider. Aufgrund der Rahmenbedingungen, wie die Verbreitung von Leihbibliotheken und Lesegesellschaften, konnte eine Masse an Lesern entstehen, die das Wertherfieber erst ermöglichten. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang, die Leserschaft nach ihrem sozialen und bildungskulturellen Hintergrund und nach ihrer Erfahrung mit Literatur, vor allem mit fiktionaler Literatur, zu unterscheiden.
3.4. Die literarische Tradition
Das Konzept des Romans war in eine Wandlung begriffen. Die Forderung nach Emotionalisierung und Sensibilisierung der Ästhetik wurde immer stärker laut. Empfindsame Romane wie die von Richardson, Rousseau und Gellert bereiteten den Weg, fügten sich aber noch ganz in die
9 aufklärerische Tradition. Die „Rührung der Gemüter“ 3 , wie Sulzer es in der „Allgemeinen Theorie der Schönen Künste“ anspricht, war gegeben, aber die zugrundeliegende Absicht ist die Bildung und Erziehung des Lesers. Goethe sprengte nun sämtliche aufklärerische Prinzipien und traf mit seinem Briefroman die Erwartungen und Hoffnungen eines Lesepublikums mitten ins Herz, das sich gerade neu zusammensetzte und versuchte, sich vom bisher dagewesenen ästhetischen Verständnis zu emanzipieren. Dieses junge Publikum war begeistert vom Werther und konnte sich mit dem Roman identifizieren. Gelehrte aber, wie auch Bodmer und Lessing, die sich selbst für den Einzug der Empfindsamkeit in der Literatur eingesetzt hatten, machten nun ihre Bedenken über den Werther äußerst kritisch deutlich.
Mandelkow meint der Grund warum gerade diejenigen, die eigentlich Wegbereiter für den Werther waren, so vehement gegen ihn auftraten, läge darin, dass das rührende Element im Werk für sie nur dienende Funktion hätte. Die allgegenwärtige moralische Wahrheit kontrolliert die Gefühlsebene. Keine noch so emotionale Erregung kann die handelnden Figuren zu einer Unvernunft und einem Wanken in moralischen Grundsätzen verleiten. Bei Goethe allerdings läßt sich Werther ganz und gar von seinen Emotionen leiten. Er ist ihnen ausgeliefert und sie allein bestimmen sein Handeln. Das rührende Element hat hier einen sich selbst erfüllenden Zweck und ist nicht nur Verpackung für aufklärerische Dogmen.
Die junge Leserschaft nahm Goethes Roman mit offenen Armen und sehnendem Herzen auf, den er stellte eine fehlbare Persönlichkeit dar, er stellte das Leben und die Liebe dar, wie sie sind und sein konnten und nicht wie sie sein sollten. Das Lager der Aufklärer sah, wie der Einfluß ihrer Literatur abnahm und kritisierte daher den Werther und zeigte seine Gefahren auf.
3 Sulzer, J. G. Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Zweyter Theil. Leipzig, 1774. S. 611.
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Birgit Sedelmaier, Mag., 2003, Die Wirkungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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