Diese Arbeit, noch dazu in so kurzer Zeit, zu schreiben, war für mich
kein leichtes Unterfangen. Ich hatte weder den Tristan vollständig
gelesen, noch hatte ich Zeit, mich schon mit meinem Thema
auseinanderzusetzen. Als erstes begann ich also den Tristan zu lesen,
und zwar auf Mittelhochdeutsch. Dass ich damit nicht so schnell
vorankam, wie bei neuhochdeutschen Texten, ist klar. Jedoch wiegte
mich schon der Prolog in eine so angenehme Stimmung ein, dass ich
das Lesen fast zu genießen begann. Da ich mich selbst als einen
romantischen Typ sehe, war ich nach kurzer Recherche sehr zufrieden
mit meinem Thema und stellte mich der Problematik der edelen herzen.
Als erstes versuchte ich für mich ein Licht auf die damaligen
Bedeutungen der Einzelwörter dieser Phrase zu werfen. Schon dabei
wurde mir die Schwierigkeit bewusst, welche die Beurteilung der
Bedeutung des Wortes edel aufwerfen würde. Die Bedeutung von edel
würde auch die Bedeutung von herze stark beeinflussen.
Ich habe nun versucht, mich etwas durch die Sekundärliteratur zu
kämpfen, um von den Ideen der Autoren über diese Begriffe inspiriert
zu werden. Freilich habe ich mir nach der Lektüre des Prologs und nach
meinen Empfindungen dabei, Gedanken über die Aussagen und die
möglichen Ziele Gottfrieds gemacht. Ich habe meine eigenen Gedanken
mit der Sekundärliteratur verglichen, mich entweder auf falschen
Wegen gesehen oder bestätigt gefühlt.
Weiters habe ich versucht, die Kernüberlegungen der einzelnen Autoren
etwas zu präsentieren, miteinander zu vergleichen und gegeneinander
abzuwägen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Zur Etymologie des Wortes edel
2 Grundlegende Überlegungen zum Wort edel
2.1 Edel bei Gottfried
2.2 Herze bei Gottfried
2.3 Die edelen herzen
3 Die Liebeskonzeption bei Gottfried
4 Bedeutungswandel der Minne durch den Prolog
5 Betrachtung des Prologs
6 Esoterischer Kreis der edelen herzen
7 Schusswort
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Bedeutung und Interpretation der im Tristan von Gottfried von Straßburg zentralen Phrase der „edelen herzen“. Ziel ist es, ausgehend von etymologischen Grundlagen und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur zu klären, ob es sich dabei um eine exklusive gesellschaftliche Gruppe oder um eine universelle Geisteshaltung handelt.
- Etymologische Analyse der Begriffe „edel“ und „herze“ im mittelhochdeutschen Kontext.
- Untersuchung der Liebeskonzeption bei Gottfried von Straßburg.
- Analyse des Bedeutungswandels der Minne durch den Prolog.
- Kritische Reflexion der Thesen eines esoterischen Kreises der „edelen herzen“.
Auszug aus dem Buch
Die edelen herzen
Dem Prolog, in dem edele herzen mehrmals erwähnt werden, messen einige Wissenschaftler einen beträchtlichen Stellenwert bei der Interpretation dieser Phrase zu. Sayces Meinung nach seien in den Prolog zu viele Deutungen hineingelegt worden, die gar nicht darin liegen und die daher auch einen falschen Schluß bei der Beurteilung der edelen herzen nach sich ziehen. Im großen und ganzen ist sie der Meinung, dass nichts Anlass gäbe für edele herzen eine andere Bedeutung als eben die ursprüngliche, von adeliger Herkunft, zu sehen.
„Das edele herze ist nichts als ein Idealbild adeligen höfischen Menschentums, wobei das Schwergewicht auf der äußeren Stellung in der Gesellschaft eher als auf inneren Vorzügen liegt. Dieses Ideal umfaßt zugleich das höfische Publikum des Dichters und die höfischen Menschen, die er in seinem Werk schildert.“
Das edele herze bezeichnet also einen höfischen Menschen. Sayce geht davon aus, dass Gottfried sein Werk an adelige Menschen gerichtet hat und deshalb auch diese mit edele herzen angesprochen sind. Wäre mit edelen herzen tatsächlich nur ein auserwählter Kreis gemeint, so Sayce, wundert es, dass Gottfried sich so allgemein gehalten hat. Mit etlichen Textstellen untermauert sie ihre Theorie von den edelen herzen als adeliges Publikum. In den Fällen, in denen nicht das Publikum gemeint ist, ist „edelez herze das Idealbild adelig-höfischen Menschentums.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Autorin beschreibt ihre persönliche Annäherung an den Tristan und die methodische Herausforderung bei der Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur zu den „edelen herzen“.
1 Zur Etymologie des Wortes edel: Untersuchung der historischen Bedeutungswandlungen des Wortes „edel“ von der Abstammung hin zu inneren Tugenden unter Rückgriff auf Wörterbücher.
2 Grundlegende Überlegungen zum Wort edel: Analyse der Begriffe „edel“ und „herze“ bei Gottfried und deren Verknüpfung im Kontext der „edelen herzen“.
3 Die Liebeskonzeption bei Gottfried: Erörterung der zweiseitigen Natur der Liebe bei Gottfried, bei der Leid und Schmerz als essenzielle Bestandteile zur Existenz als „edelez herze“ zählen.
4 Bedeutungswandel der Minne durch den Prolog: Analyse, wie Gottfried den Minnebegriff durch religiöse Anspielungen und die Darstellung des Liebesleids transformiert.
5 Betrachtung des Prologs: Untersuchung der strophischen Struktur, des Akrostichons und der Wortwiederholungen im Prolog zur Etablierung einer Verbindung zwischen Dichter und Lesern.
6 Esoterischer Kreis der edelen herzen: Diskussion der Frage, ob Gottfried einen exklusiven Zirkel anspricht oder ob die „edelen herzen“ ein für alle offenes Idealbild darstellen.
7 Schusswort: Kritische Reflexion der bisherigen Forschungsergebnisse und Plädoyer für ein intuitives Verständnis von Literatur abseits rein wissenschaftlicher Überinterpretation.
Schlüsselwörter
Gottfried von Straßburg, Tristan, edele herzen, edelez herze, Minne, Literaturwissenschaft, Mittelhochdeutsch, Prolog, Liebeskonzeption, höfische Gesellschaft, Seelenadel, Forschungsdiskurs, Textanalyse, Leid, Herzensbildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Interpretation der zentralen Phrase „edelen herzen“ im Tristan von Gottfried von Straßburg und der damit verbundenen Frage nach der Zielgruppe des Werkes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Etymologie des Begriffs „edel“, das höfische Liebesideal, der Einfluss des Prologs auf die Rezeption und die Abgrenzung zwischen gesellschaftlicher Klasse und Geisteshaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu ergründen, ob Gottfried mit dem Begriff eine exklusive, adelige Elite meint oder ob er einen allgemeineren Anspruch an eine „edle“ Geisteshaltung und Liebesfähigkeit erhebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse unter Einbeziehung etymologischer Nachschlagewerke sowie einen kritischen Vergleich verschiedener literaturwissenschaftlicher Interpretationen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Einzelbegriffe, die Liebeskonzeption im Gesamtwerk, die Bedeutung des Prologs sowie die in der Forschung kontrovers diskutierte Frage nach einem esoterischen Zirkel der Liebenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tristan, edele herzen, Minne, höfisches Menschentum, Herzensbildung und die kritische Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur.
Warum spielt das Leid bei Gottfrieds Liebeskonzeption eine so große Rolle?
Laut der Arbeit ist das Leid bei Gottfried eine essenzielle Gefühlskomponente, ohne die keine wahre Liebe existieren kann und die den wahren „edelen herzen“ erst ihre Qualität verleiht.
Wie bewertet die Autorin die These eines „esoterischen Kreises“?
Die Autorin lehnt die Vorstellung einer bewussten Abgrenzung zu einem kleinen Zirkel ab und vermutet stattdessen, dass Gottfried möglichst viele Leser ansprechen und diese für sein Liebesideal gewinnen wollte.
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- Birgit Sedelmaier, Mag. (Author), 2003, Die "edelen herzen" im Tristan von Gottfried von Straßburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20641