zerschmissen.Oberst Deimlings Plan: Die Witbois zerschmeißen. Dann in den Süden marschieren und Morenga mit seinen Leuten ebenfalls zerschmeißen. (33)
Demgegenüber ergreift Weiss Partei für die Kolonisierten, auf deren Unterdrücker er mit den Fingern zeigt:
[...] Alle werden ihn erkennen
und beim rechten Namen nennen.(12)
Damit ist die Solidaritätsbekundung Weiss’ mit den Afrikanern angesagt, die er in einer metaphorischen Ausdrucksweise zum Aufruhr aufruft:
Reißt die Erde auf wühlt sie auf werft sie auf
[...]
Reißt die Erde auf wühlt sie auf werft sie auf (22)
Dass die Solidarität mit Befreiungsbewegungen in der «Dritten Welt », die hier in Form eines subversiven Diskurses bekundet wird, wobei den Kolonialherren kein Pardon gewährt wird, das programmatisch-soziale Engagement Weiss’ darstellt, wird an den folgenden Aussagen des Autors selbst deutlich :
Ich identifiziere mich mit den Juden nicht mehr als mit dem Volk von Vietnam oder mit den Schwarzen in Südafrika. Ich identifiziere mich ganz einfach mit den Unterdrückten dieser Welt. 3
Weiss ist in die Durchsuchung des Kolonialismus so tief eingedrungen, dass er neokoloniale Abhängigkeiten erkennt, vor denen er in indirekter Anrede gnadenlos warnt:
Und auch wenn es jetzt heißt er sei tot [ „er“ steht für den Popanz]
er der uns so lange im eigenen Lande bedroht so ist sein Gefolge doch immer noch da (71)
Der bildliche Hinweis auf den Neokolonialismus, wie aus vorhergehendem Zitat hervorgeht, findet ihren konkreten Ausdrucksweg in weiteren Quellen:
Die Folgen des in der Kolonialzeit begonnen Kultur- und Zivilisations-Imperialismus sind heute eines der
3 Peter Weiss zu Oliver Clausen. Zitiert nach : Cohen , Robert: Peter Weiss in seiner Zeit. Leben und Werk, Verlag J. B. Metzler Stuttgart/Weimar 1992.
3
schwerwiegendsten Entwicklungsprobleme und Entwicklungshemmnisse des afrikanischen Kontinents. 4
Eine bittere Abrechnung mit dem Vorgang der Apartheid, einer damals in Südafrika vorherrschenden besonderen Form des Kolonialimus, wurde von Thomas in einem Entwicklungsroman mit dem Titel Es ist mir leid um dich mein Bruder Jonathan 5 erprobt. Hinter der Figur des Titelhelden (Jonathan Mageba) steht Stephen Bantu Biko, genannt „Steve Biko“ 6 . Mittels einer Palette von Dokumenten vermittelt Ross die diversen Facetten der Apartheid in aller Gründlichkeit. Die kärgliche Wohnungslandschaft der „Schwarzen“ verschafft einen deutlichen Eindruck des schrecklichen Bildes des Systems. Infolge der „Großen Apartheid“ bzw. der Siedlungspolitik durften „schwarze“ Menschen nur zusammengepfercht in überfüllten Gettos, den so genannten „Townships“ leben, wo sie in unvorstellbar schlechten Wohnverhältnissen ihr Dasein fristen mußten:
Schwarze Siedlungen, rote Erde, Baracken aus Ziegeln, Dreck, Schlamm, spielende Kinder, ein Gewimmel von Kindern, Kinder, die aus Abfällen leere Konservendosen angeln und auslecken, knochendürre Hunde, kein Wasser, kein Strom für die Baracken. Schwitzende schwarze Männer. Hitze. Bedrängte Ausfallstraßen. Roodepoort, Krugersdorp. Massen von Schwarzen vor den Fabriktoren, Schichtwechsel, Menschenschlangen, die auf den Abtransport mit Lastwagen warten. (Ross 1979: 257)
Ross‘ Roman fungiert offensichtlich als politischer Roman, wo die Brandmarkung der Rassendiktatur in den Mittelpunkt gerückt wurde. Ähnlich Timm und Weiss erhebt der Schriftsteller den Anspruch auf eine wahrheitsgemäße Beschreibung der Apartheid. Erwähnt sei hier ein Gespräch zwischen dem Abgeordneten van der Bijl und dem Anti-Apartheid -Professor Gudkowsky, in dem eine scharfe Polemik über die Wahrhaftigkeit oder Nicht-Richtigkeit der Begründung des Todes Jonathan Magebas durch die Apartheid-Regierung ausgetragen wird:
„Warum provozieren Sie den Justizminister dermaßen, Professor Gudkowsky“, fragte van der Bijl unvermittelt.
4 W. Michler, 1884-1984. Vom „Wettlauf um Afrika" zur „Afrikanischen Perspektive". Schulfunk SDR, SR, SWF, S. 21. Zitiert nach: Ludszuweit, Christoph: B. Traven. Über das Problem der „inneren Kolonisierung" im Werk von B. Traven, Dissertation, Karin Kramer Verlag, Berlin 1996, S. 112.
5 Ross, Thomas: Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 1979. Weitere Zitate werden in runden Klammern wiedergegeben.
6 Steve Biko, am 18. Dezember 1946 in einer anglikanischen Familie von King William’s Town geboren, war ein radikaler schwarzer Nationalistenführer. Er zeichnete sich damals durch einen entschlossenen Kampf gegen die Rassendiktatur in Südafrika. Am 11. September 1977 wurde Biko nach Pretoria in ein Gefängnis gebracht, wo er im Polizeigewahrsam starb. Die Polizei trat zunächst die Beschuldigung ab, ihn zum Tod mißhandelt zu haben und verteidigte die These, dass Biko er vom Hungerstreik gestorben sei. Später wird sich die erste These bewahrheiten.
4
„Na hören Sie! Sie erklären vor Ihren Studenten, er lüge. Sie fordern dazu auf, die Regierung mit konstitutionellen
Mitteln zu stürzen, Sie sagen, wir müssen den Tod Magebas nutzen. Sie verlangen den Rücktritt des Ministers.“ […]
„Fall sich erweist, dass er nicht die Wahrheit gesprochen hat“, sagte Gudkowsky, „muß er selbsverständlich zurücktreten. Der Tod Magebas ist ein Skandal.“ […] „Ich glaube ihm“, sagte der Abgeordnete […] „Die Wahrheit.“
„Die Wahrheit…die Wahrheit, verehrter Professor. Das ist so eine Sache mit der Wahrheit.“ (ebd., S. 64) [Unterstreichung ist von mir, L. Y.]
In einem Roman mit dem Titel Kain und Abel in Afrika (2001) 7 führt Hans Christoph Buch 8 den Nachweis dafür, dass die Ursachen vieler ethnischer Konflikte im postkolonialen Afrika in der kolonialen Vergangenheit dieses Kontinents zu suchen sind, eine kontroverse These, die immer wieder in der postkolonialen Kritik verfochten wird. Buch gestaltet nämlich eine kritische Abrechnung mit dem Völkermord zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda mit einer Gedankentiefe, aus der sich das Verständnis der tiefgründigen Ursachen des traurigen Geschehens speist. Er bringt uns peu à peu zu Bewußtsein, dass die Ursachen der menschlichen Brutalität, die wahre Orgien im Hutu-Tutsi- Bürgerkrieg feierte, weit in die Geschichte des europäischen Kolonialismus zurückreichen. Im Nachwort des Buches gibt der Autor in aller Deutlichkeit zu verstehen, dass die fernliegenden Ursachen des Genozids bei den ehemaligen Kolonialmächten aufzusuchen sind:
Ruanda und das benachbarte Burundi, beide von Hutu-Mehrheiten und Tutsi-Minderheiten bewohnt, waren bis Ende des Ersten Weltkrieges Teil von Deutsch-Ostafrika, danach belgisches Treuhandgebiet. Schon damals warnten protestantische Missionare vor einer gewaltsamen Explosion der sozialen Unzufriedenheit, denn die Kolonialmacht hatte den Druck der Tutsi-Hirten auf die Hutu-Bauern verschärft und gleichzeitig das traditionelle Feudalsystem zerstört [...] (Buch 2001: 220)
Dem politischen Programm der untersuchten Autoren liegt ein kulturkritischer Diskurs zugrunde, der ein zentrales Motiv in der literarischen Aufarbeitung der k olonialen Vergangenheit nach 1960 darstellt: Es geht nämlich um die Identitätsfrage der kolonisierten Völker Afrikas nach dem Zusammenbruch der Kolonialherrschaft. Mit den Worten „ Ich wollte typisch Neger sein, das war nicht mehr möglich. Ich wollte weiß sein- das war eher
7
Buch , Hans Christoph:
Kain und Abel in Afrika.
Berlin: Verlag und Volk, 2001.
8 In seiner Eigenschaft als Kriegsberichterstatter einer überregionalen Wochenzeitung hat Hans Christoph Buch den Genozid zwischen Hutu-Mehrheit und Tutsi-Minderheit, der durch den Flugzeugabsturz der Staatschefs von Burundi und Ruanda am 6. April 1994 ausgelöst wurde, erlebt. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen forderten etwa 1,7 Millionen Tote und 2 Millionen Vertriebene.
5
Arbeit zitieren:
Lacina Yeo, 2004, Die Rehabilitation "Schwarz-Afrikas" in der deutschen Literatur nach 1960, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
An analysis of Ernest Hemingway’s “Hills like White Elephants”
Hausarbeit, 13 Seiten
Analyse der Kritik des Kolonialismus in Mongo Betis Romanen Ville Crue...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Vergleichende Betrachtung des Mädchenbildes in Emmy von Rhodens "...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Zu: Niklas Frank - "Der Vater"
Ein literarischer Prozess
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Macht ohne Moral? Eine Untersuchung über die anthropologischen Voranna...
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Existiert eine moralische Entwicklung bei E. Urys Nesthäkchen im Sinne...
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Hausarbeit, 19 Seiten
Das Konzept des 'Blended Learning' in virtuellen Studiengängen
Am Beispiel des MBA-Studiengan...
Informatik - Wirtschaftsinformatik
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Der poetische Realismus - dargestellt an Theodor Fontanes Roman Effi B...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 10 Seiten
Der Geniebegriff in Lenz Anmerkungen übers Theater
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 9 Seiten
Funktion und Wirkung des Risikostrukturausgleiches in der gesetzlichen...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Referat (Ausarbeitung), 27 Seiten
Langzeitkonten, Sabbaticals und Zeitwertpapiere
Verführung zum Stundensammeln ...
BWL - Personal und Organisation
Studienarbeit, 33 Seiten
Der Einfluss von Humor auf die Wirkung von Werbung
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Hausarbeit, 17 Seiten
Videoüberwachung und Sicherheit(sgefühl)
Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten
Vordiplomarbeit, 26 Seiten
Das Thema Krieg in der Dichtung Erich Frieds
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Bildung als gesellschaftlicher Auftrag: Subjektive und pädagogische Ve...
Studienarbeit, 38 Seiten
Lacina Yeo hat den Text Die Rehabilitation "Schwarz-Afrikas" in der deutschen Literatur nach 1960 veröffentlicht
Lacina Yeo hat einen neuen Text hochgeladen
Aestheticism and Modernism: Debating Twentieth-Century Literature 1900...
Richard Danson Brown, Suman Sen Gupta
Twentieth-Century Spanish American Literature to 1960
David William Foster, Daniel Altamiranda
Twentieth-Century Spanish American Literature Since 1960
David William Foster, Daniel Altamiranda
Islam in der deutschen und türkischen Literatur
Islam in der deutschen und tür...
Michael Hofmann, Klaus von Stosch
Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philoso...
Bd. 1: Von der Aufklärung bis ...
Jochen Schmidt
Deutsche Literaturgeschichte Band 1
Mittelalter, Humanismus, Refor...
Ernst von Borries, Erika von Borries
Deutsch-französische Literaturbeziehungen
Stationen und Aspekte dichteri...
Marcel Krings, Roman Luckscheiter
0 Kommentare