Prohlašuji, že jsem tuto práci vypracovala samostatně a že jsem použila pouze těch zdrojů, které uvádím v bibliografii. U všech formulací, které nejsou mé vlastní, ale použité od jiných autorů, vyznačuji (např. uvozovkami) jejich rozsah a uvádím podle citačních zvyklostí daného jazyka jejich zdroj. U převzatých myšlenek též uvádím jejich zdroj, i když se jedná o mé vlastní formulace. V případě obhájení práce s kladným výsledkem souhlasím s tím, aby moje práce byla uložena v knihovně a sloužila ve shodě s mými autorskými právy zájemcům o moji práci, protože jsem si uvědomila, že tato práce byla vypracována jako součást mých povinností v rámci studijního programu, jehož dílčí výsledky jsou zároveň plněním badatelských cílů ústavu, fakulty a univerzity.
V …………………… dne ……………………. ……………………………. (vlastnoruční podpis)
Annotation der Diplomarbeit
Titel: Funktion und Bedeutung der Migrationsliteratur im deutschsprachigen Raum Name: Karel Březina
Lehrstuhl: Fremdspracheninstitut, Philosophisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Schlesischen Universität in Opava Fachkombination: Geschichte - Deutsch Gutachter: Mag. Daniela Unger-Ullmann Anzahl der Seiten: Anzahl der Beilagen: Jahr der Verteidigung: 2003 Resümee:
Der Autor versucht mit dieser Arbeit die Einführung in die Problematik der Migrationsliteratur vorzulegen. Anhand der angeführten Beispiele hat der Verfasser die unterschiedliche Sichtweise und Erkenntnisse der Autoren illustriert. Die Diplomarbeit ist in 10 Kapitel gegliedert.
Die ersten Kapiteln beinhalten die Migrationsgeschichte, derzeitige Situation der Migranten in Deutschland, Entstehung und Entwicklung der Migrationsliteratur, Begriffsbestimmung, Gattungen der Migrationsliteratur und Motivation zum Schreiben mit Adressanten.
Im weiteren Kapiteln werden dann die wichtigsten Themen der
Migrationsliteratur ausführlicher untersucht. Es handelt sich um die Sprache, Identität, Integration und Heimat.
Anotace diplomové práce
Název práce:
Jméno a příjmení: Karel Březina
Ústav: Ústav cizích jazyků, Filozoficko-přírodovědecká fakulta, Slezská univerzita v Opavě Obor: Dějepis - Německý jazyk Vedoucí práce: Mag. Daniela Unger-Ullmann Počet stran: Počet příloh: Rok obhajoby: 2003 Resumé:
Autorka předložené diplomové práce zkoumá cvičební úlohy v učebnicích němčiny na základě kritérií, která si stanovují jednotlivé typologie cvičebních úloh. Diplomová práce se skládá ze dvou částí - z části teoretické a praktické. Teoretická část obsahuje charakteristiku cvičebních úloh, vymezuje cvičební úlohy podle jejich funkce a role v rámci metod výuky. Tato část vymezuje základní pojmy, principy, na základě kterých jsou cvičební úlohy klasifikovány a kritéria, která se uplatňují při výběru, sestavování a vyhodnocení cvičebních úloh. V praktické části diplomové práce autorka zkoumá cvičební úlohy na základě klasifikací vypracovaných v teoretické části diplomové práce. Jedná se o kritéria stanovená v rámci komunikativní výuky jazyka německého (Neuner/Krüger/Grewer 1981) a v rámci taxonomie cvičebních úloh, jak je zpracovala D. Tollingerová (1970). Z provedené analýzy vyplývají rozdíly mezi zkoumanými učebnicemi v oblasti didakticko-metodické koncepce učebnic a efektivity cvičebních úloh při rozvoji psychických procesů.
Inhaltverzeichnis
Einf ührung 6
1. Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland. 9
2. Die multikulturelle Gesellschaft als gesellschaftlicher Rahmen für Migration 11
3. Die Entstehung der Migrationsliteratur 14
4. Begriffsbestimmung. 16
5. Gattungen der Migrationsliteratur 20
6. Motivation zum Schreiben und Adressanten 22
7. In zwei Sprachen leben. 24
7.1. Gastarbeiterdeutsch 28
7.2. Schreiben in der Fremdsprache? 31
7.3. Migrationsliteratur als Bereicherung für die deutsche Sprache und Literatur? 37
8. Identität in der Fremde 38
8.1. Zwischen Anpassung und Verteidigung der Andersartigkeit. 38
8.2. Identitätsverlust durch die Sprache 38
8.3. Erfahrungen und Experimente mit der eigenen Identität in der Fremde 41
8.4. Identität und die ´zweite Generation´ 47
9. Integration - Schein oder Realität? 53
10. ´Neue Heimat´ : Erwartungen und Realität 59
10.1. Ursachen der Emigration. 59
10.2. Die Abfahrt ins Schlaraffenland. 60
10.3. Die Vetreibung aus dem Paradies. 61
10.4. Das hässliche Deutschland und das schöne Heimatland 63
10.5. Bilder 67
10.6. Rückkehr in die Heimat. 68
10.7. Heimat und zweite Generation 71
Zusammenfassung 73
Literaturverzeichnis 76
Einführung
Ziel der Arbeit ist es, die literarästhetische Gestaltung von Alltagserfahrungen in Texten professioneller und nicht professioneller AutorInnnen zu untersuchen und Möglichkeiten interkultureller Wirklichkeitsverarbeitung anhand von Berichten, Erzählungen und Gedichten aufzuzeigen. Dabei wird auf die Sprachdeformation als Gleichnis für Sozialisationsprozesse, auf den möglichen Sprachverlust/gewinn als Gleichnis für Identitätssuche sowie auf die
Sprachbeherrschung als Ausdruck für Selbstbewusstsein/-bestimmung hingewiesen.
In Kapitel 1, betitelt mit ´Von Auswanderungs- zum Einwanderungsland´, versuche ich die Migrationsgeschichte kurz zu beschreiben, mit dem Schwerpunkt auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.
In Kapitel 2 beschäftige ich mich mit der heutigen Situation der Migranten in Deutschland. Unter anderen habe ich untersucht, in welchen deutschen Bundesländern sich die meisten Ausländer befinden, aus welchen Herkunftsländern die Migranten sind (was sich sehr stark in der Literatur widerspiegelt) und wie lange sie sich in Deutschland aufhalten (die Mehrheit länger als 10 Jahre). Dabei bin ich auch kurz auf die einzelnen Formen des Aufenthaltsstatus eingegangen, was für die Migranten von großer Bedeutung ist. Im dritten Kapitel versuche ich die Entstehung und weitere Entwicklung der Migrationsliteratur näher zu bringen. In darauf folgenden Kapitel habe ich mich mit der Begriffsbestimmung auseinandergesetzt. Die häufigsten Benennungen wie ‘Migrantenliteratur’, ´Migrationsliteratur´, ´Ausländerliteratur´, ´Gastarbeiterliteratur´ wurden dargelegt und deren wichtigsten Unterschiede beschrieben und erklärt. In weiteren zwei Kapiteln habe ich versucht zu zeigen, wie vielfältig die Migrationsliteratur ist und die Fragen zu beantworten,
warum die Migranten eigentlich schreiben und für welche Adressanten diese Literatur bestimmt ist.
Im Kapitel ´In zwei Sprachen leben´ habe ich den Schwerpunkt auf den Gebrauch der deutschen Sprache gelegt. Dabei habe ich mich mit der Sprachdeformation als Gleichnis für Sozialisationsprozesse,
Sprachverlust/-gewinn als Gleichnis für Identitätsuche und der Sprachbeherrschung als Ausdruck für Selbstbewusstsein/-bestimmung beschäftigt. Meine Aufmerksamkeit habe ich auch einer speziellen Variante des Deutschen gewidmet und zwar dem ´Gastarbeiterdeutsch´. Weiter habe ich versucht zu erforschen, was eigentlich die Schriftsteller bewogen hat, die Muttersprache aufzugeben und eine neue Sprache zu wählen.
Das sechste Kapitel beinhaltet das Schlüsselthema der Migrationliteratur die Identität in der Fremde. Hier versuche ist den ständigen Kampf der Autoren mit der eigenen Identität in allen ihren Formen zu beschreiben.
Im nächsten Kapitel habe ich mich mit dem, in den letzten Jahren im Zusammenhang mit den Ausländern, immer öfters diskutiertem Problem der Integration beschäftigt. Anhand der Beispiele habe ich versucht den Unterschied zwischen der offiziellen Erklärungen und Realität zu zeigen.
Im achten Kapitel beschäftige ich mich mit dem Thema der Heimat. Sei es die alte verlassene Heimat oder das neue ´zu Hause´ in der Bundesrepublik. Der Schwerpunkt liegt auf dem Unterschied zwischen den oft trügerischen Erwartungen der Migranten und der realen Situation in Deutschland.
Wenn es möglich war, habe ich versucht ein Unterkapitel auch den Schriftstellern der zweiten Generation zu widmen. Diese zweite bzw. schon dritte Generation ist bestimmen für die zukünftige Entwicklung dieser Literatur.
Mit der Migrationsliteratur als Untersuchungsobjekt haben sich die literarischen Wissenschaftler erst in den 80er und 90er Jahren anfangen
zu beschäftigen. Diese wissenschaftliche Tätigkeit machen aber nicht nur sie deutschen Literaten, sondern auch die Migranten selbst. 1
Einige der Exponenten der Migrationsliteratur haben Mehrfachrollen übernommen, wodurch ihr Status als Stellvertreter sich noch verstärkt. Neben der
Herausgebertätigkeit, dem Übersetzen, der Kritik und der eigenen literarischen Produktion versuchen einige Autoren gleichzeitig auch noch, die Geschichte der Migrationsliteratur zu schreiben, wobei oft zum Konflikt des ´Ichs´ als Autor und des ´Ichs´ als Literaturhistoriker vorkommt. 2
Die Menge der Sekundärliteratur zu dieser Problematik ist in den letzten Jahren wesentlich angestiegen. Trotzdem gibt es noch viele Bereiche in dieser Literatur, die noch weitere Erforschung erfordern. Ich hoffe, dass ich mit der vorliegenden Arbeit zum besseren Kenntnis dieser Literatur auch in Tschechien beiträgt.
1 Anm.: Der wichtigste ist ohne Zweifel Gino Chiellino der mit seinen Werken
2 Vgl. Klaus Briegleb / Sigrid Weigel (Hrsgg.) : Gegenwartsliteratur seit 1968. In: Rolf Grimmer (Hrsg.): Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Band 12, München: Carl Hanser Verlag 1992, S. 216.
1. Vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland
Heutzutage können wir in Deutschland 7 318 628 Ausländer finden. 3 Das heißt: etwa jeder 11. Einwohner ist Ausländer. Das war aber nicht immer so.
Wenn wir kurz in die Geschichte blicken, können wir feststellen, dass im 19. Jahrhundert das Deutsche Reich ein typisches Auswanderungsland war. Rund 5,5 Millionen Deutsche sind zwischen Wiener Kongress (1815) und Erstem Weltkrieg ausgewandert. 4 Das Hauptziel waren die Vereinigten Staaten. Es war eine so große Zahl, dass im Jahre 1973 9,9 Prozent der US-Gesamtbevölkerung von sich sagten, sie seien deutscher Abstammung. 5 Als Folge der steigenden Industrialisierung und Zunahme internationaler wirtschaftlicher Verflechtungen stieg aber die
Ausländerzahl stetig an. Bei der Volkszählung gaben fast 1,3 Mio. oder 2 Prozent aller Einwohner des deutschen Reiches an, keine deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen. 6 Das war die Zunahme um mehr als 1 Mio. Menschen im Vergleich zu dem Jahr 1871, als auf diesem Gebiet rund 207 000 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit lebten. Diese Entwicklung wurde durch den 1. Weltkrieg unterbrochen. 7 Die Nachkriegsverhältnisse, vor allem die ungünstige Wirtschafts-und Arbeitsmarktlage verursachten den Rückgang der Zahl ausländischer Einwohner. „Die menschenverachtende Politik Nazi-Deutschlands ist bekannt. Zu keiner Zeit waren mehr Ausländer in Deutschland
3 Vgl. Bericht des Statistischen Bundesamtes über die ausländische Bevölkerung nach der Staatsangehörigkeit am 31.12.2001 in Deutschland.
4 Anm.: Die wichtigsten Gründe waren schlechte wirtschaftliche und soziale Bedingungen der Kleinbauer, Bevölkerungsvermehrung und dadurch auch steigende Arbeitslosigkeit.
5 Vgl. Horst Hamm.: Fremdgegangen - freigeschrieben. Einführung in die deutschsprachige Gastarbeiterliteratur. Würzburg: Könighausen & Neumann 1988, S. 14. Im Flogenden zitiert: HFF.
6 Anm.: Dabei wurden die hohe Anzahl der illegal Zugewanderten sowie rund 1 Million ausländische Wanderarbeiter nicht erfasst.
7 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland. Wiesbaden: Metzler- Poeschel 2001, S.10.
beschäftigt als unter dem Nazi-Terror.“ 8 Es waren vor allem die sog. ´Zwangsarbeiter´ und die russischen Kriegsgefangenen, die unter den oft unmenschlichen Bedingungen in der deutschen Industrie und Landwirtschaft arbeiteten. 9
Gegen Ende des 2. Weltkriegs flohen aus den ehemaligen Ostgebieten vor der Roten Armee Millionen Deutsche in die Bundesrepublik. Bis 1963 waren es insgesamt 12,6 Mio. Auf dem Arbeitsmarkt entstand in dieser Zeit ein Überangebot an Arbeitskräften. Kein Wunder, dass im Oktober 1951 im früheren Bundesgebiet 506 000 Ausländer lebten, was nur 1 Prozent der Gesamtbevölkerung war. 10 Aber die wirtschaftliche Konjunktur der 50er Jahre verlangte immer mehr und mehr Arbeitskräfte. Diese Arbeitskräftenachfrage wurde lange Jahre von den Kriegsheimkehrern und Flüchtlingen gedeckt. Aber schon im Jahre 1955 entstand ein Mangel an Arbeitern vor allem im Südwesten Deutschlands. Die Bundesregierung löste dieses Problem mit dem Abschluss einer bilateralen Anwerbevereinbarung mit Italien im Dezember 1955. Das Jahr 1960 war das Jahr der Vollbeschäftigung und markiert den Beginn der Gastarbeiterpolitik, weil auch ein Jahr später der Flüchtlingsstrom aus dem Osten durch den Bau der Mauer gestoppt wurde. Die deutsche Regierung reagierte auf diese Situation mit dem Abschluss weiterer Anwerbeverträge. Im Jahre 1960 kam es zum Vertrag mit Spanien und Griechenland, 1961 folgte der Vertrag mit der Türkei, dann 1963 mit Marokko, 1964 mit Portugal, 1965 mit Tunesien und zuletzt 1968 mit Jugoslawien. 1961 waren nur 686 000 Ausländer in der Bundesrepublik beschäftigt, im Jahre 1971 waren es schon 3,4 Mio. Das Rotationsprinzip, mit dem die Bundesregierung rechnete, d.h. dass diese Arbeiter mit ihrem verdienten Geld nach einem gewissen Zeitraum wieder in ihre Heimat zurückkehren und dort ihre neue Existenz aufbauen, setzte sich nicht durch. Die meisten Angeworbenen wollten nicht zurück in ihre Heimat, wo die Arbeitslosigkeit noch anstieg. Trotzdem kehrten elf Millionen ausländische Arbeiter zurück. Durch den
8 HFF, S. 21f.
9 Vgl. ebda, S. 21f.
10 Vgl. HFF, S. 22 und Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland, S. 11.
1973 erlasennen Aufnahmestopp 11 sank in den Jahren 1975/77 die Zahl der ausländischen Beschäftigten. 12
Aber die Zahl der Ausländer in Deutschland stieg weiter. Es lag daran, dass immer mehr Gastarbeiter ihre Familien nachholten, was auch gefördert wurde. Aus den Gastarbeitern wurden Einwanderer, die rechtlich vom Staat nicht anerkannt wurden. Die Bundesrepublik wollte sich lange Jahre auf keinen Fall als Einwanderungsland erklären. Auch wegen der stetig zunehmenden Einreise der Asylsuchenden lebten im September 1982 in Deutschland 4,7 Mio. Ausländer. In den Jahren 1983/84 ging die Zahl der Ausländer zurück. Die Ursachen waren eine deutliche Abnahme der Asylsuchenden, wesentlich weniger
Familienzusammenführungen und auch das Rückkehrshilfsgesetz, das einige Ausländer zur Rückkehr nutzten. Bis in die 90er Jahre kam es zu einem wesentlichen Anstieg von Asylsuchenden, der sich aber mit der Änderung des Asylrechts verringerte. In den letzten Jahren ist die Zahl der Ausländer in Deutschland nur minimal angestiegen und die Bundesregierung versucht die auf deutschem Bundesgebiet dauerhaft lebenden Ausländer zu integrieren. 13
Die ausländische Bevölkerung ist nicht gleichmäßig über das Bundesgebiet verteilt. Fast drei Viertel aller Ausländer leben in vier Bundesländern. Die meisten leben in Nordrhein-Westfalen, sehr viele dann auch im Baden-Württemberg gefolgt von Bayern und Hessen. In den neuen sind die Ausländeranteile vergleichsweise sehr gering. Das ist u.a. auch davon abhängig, dass es in der ehemaligen DDR keine Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer gegeben hat, die man mit den
11 Anm.: Dem Gastarbeiterzustrom setzte vor allem die Energiekrise und Sorgen um Vollbeschäftigung ein Ende.
12 Vgl. Pimonmas Photong-Wollmann: Literarische Integration in der Migrationsliteratur anhand der Beispiele von Franco Biondis Werken. Phil. Diss. Chiang Mai 1996, S. 25f und Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland, S. 11 und HFF, S. 23f.
13 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland, S. 11f.
Verhältnissen im früheren Bundesgebiet vergleichen konnte. Wichtig ist selbstverständlich auch die finanzielle Seite, weil die Löhne in den alten Bundesländern höher sind. 14
Wenn man die Staatsangehörigkeit der Ausländer im Deutschen Reich mit der in der Bundesrepublik Deutschland vergleicht, zeigen sich klare Veränderungen. Während die Hälfte aller Ausländer bis zum 1. Weltkrieg die österreichische Staatsangehörigkeit besaß und im Jahre 1925 50 Prozent aller Ausländer aus Polen und der Tschechoslowakei stammten, sieht die Situation heutzutage ganz anders aus. Obwohl auch heute rund 81 Prozent aller Ausländer Staatsangehörige europäischer Länder sind, können wir in Deutschland auch eine starke asiatische Minderheit finden (11 Prozent). Selbstverständlich sind in Deutschland mehr oder webiger auch andere Kontinente vertreten. In der Migrantenliteraturforschung bilden das Herkunftsland bzw. die Herkunftsregion eine wichtige Zugangskategorie. Unter diesem Untersuchungsaspekt wurden schon mehrere Studien veröffentlicht. Auch heute noch sind die Menschen aus den sog. ´Anwerbeländern´ am stärksten vertreten. So bilden die Türken mit fast 2 Mio. Menschen die stärkste Minderheit in Deutschland und deswegen steht auch die Literatur der türkischen Migranten im Zentrum des Interesses. Unter anderem sind es die Werke von Frederking 15 oder Wirschke, 16 aber zu Wort meldet sich auch die Gruppe der Forscher mit biographischem Bezug zur Türkei wie Göktürk, 17 Kurayazici 18 oder Yesilada 19 . Den
14 Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.): Daten und Fakten zur Ausländersituation. Berlin 2002. S.12 und Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland, S. 12f.
15 Vgl. Monika Frederking: Schreiben gegen Vorurteile. Literatur türkischer Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Express Edition 1985.
16 Vgl. Annette Wierschke.: Schreiben als Selbstbehauptung. Kulturkonflikt und Identität in den Werken von Aysel Özakin, Alev Tekinay und Emine Sevgi Özdamar. Frankfurt am Main: Verlag für Interkulturelle Kommunikation 1996.
17 Vgl. Deniz Göktürk: Multikulturelle Zungenbrecher: Literatürken aus Deutschlands Nischen. In: Sirene. Zeitschrift für Literatur 12-13 / 1994, S. 77-93.
18 Vgl. Nülifer Kurayazici: Emine Sevgi Özdamars Das Leben ist eine Karawanserei im Prozess der interkulturellen Kommunikation. In: Howard, Mary (Hrsg.): Interkulturelle Konfigurationen. Zur deutschsprachigen Erzählliteratur von Autoren nichtdeutscher Herkunft. München: Iudicium 1997, S. 179-188.
Vgl. Karin Yesilada: Die geschundene Suleika. Das Eigenbild der Türkin in der deutschsprachigen 19
Literatur türkischer Autorinnen. In: Howard, Mary (Hrsg.): Interkulturelle Konfigurationen. Zur deutschsprachigen Erzählliteratur von Autoren nichtdeutscher Herkunft. München: Iudicium 1997, S. 95- 114.
zweiten und dritten Platz nehmen Staatsangehörige des ehemaligen Jugoslawiens bzw. Italiens ein. Ein Buch, das sich der Literatur italienischer Autoren widmet, hat Gino Chiellino verfasst. 20 Was aber die Zuwanderung nach Deutschland seit Mitte der 90er betrifft, bilden die größte Gruppe der Zuwanderer Personen aus den Ost- bzw. Südosteuropäischen Staaten. 21
Auch die Aufenthaltsdauer und der Aufenthaltstatus der Migranten ist für die Literatur von Bedeutung. Einerseits können Ausländer, die in der BRD schon länger wohnen und einen relativ sicheren Aufenthaltsstatus haben, die Situation mit Abstand und besserer Erfahrung beschreiben, anderseits diese Unsicherheit und der erste Kontakt mit der fremden Kultur zeichnen am besten aus, die Gefühle und die Situation eines Menschen in einem fremden Land. Ende 2000 lebte ein Drittel aller Ausländer schon 20 Jahre und länger in Deutschland. Es handelt sich vor allem um Menschen aus den ehemaligen `´ ´Anwerbestaaten´, die in Deutschland schon sesshaft sind. Zu diesen ´Dauermigranten´ gehören auch die relativ kleinen Gruppen der Österreicher und Niederländer, die aufgrund der gleichen Sprache (bei österreichischen Staatsangehörigen), der vielen verwandtschaftlichen Beziehungen und der engen Verflechtungen über die Grenze hinweg länger in Deutschland ihren Wohnsitz haben. 22 Gemessen an der langen Zeit des Aufenthaltes und der Tatsache, dass die meisten Ausländer in Deutschland eine neue Heimat suchen, sind die Wünsche nach einem sicheren Aufenthaltsstatus nicht erfüllt worden. 23 Die Aufenthaltsberechtigung, was im Rahmen des
Ausländergesetzes der sicherste Aufenthaltsstatus ist, besaßen Ende 2000
20 Vgl. Gino Chiellino.: Literatur und Identität in der Fremde. Zur Literatur italienischer Autoren in der Bundesrepublik. Augsburg 1985.
21 Vgl. Heidi Rösch : Migrationsliteratur im interkulturellen Diskurs. Der Text basiert auf dem Vortrag zur Tagung: Wanderer- Auswanderer - Flüchtlinge. Dresden 1998, S. 1f und Beaftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.): Migrationsbericht der Ausländerbeauftragten. Bonn 2001, S. 9f. Die EU ist in diesem Zusammenhang nicht als Gesamtheit zu betrachten.
22 Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Ausländische Bevölkerung in Deutschland, S. 16-18.
23 Anm.: Das Ausländergesetz definiert den Aufenthaltsstatus entsprechend den Zweck des jeweiligen Aufenthalts. Man unterscheidet unter Aufenthaltsbewilligung, befristeter Aufenthaltserlaubnis, unbefristeter Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsberechtigung, Aufenthaltsbefugnis, Aufenthaltsgestattung und Duldung. Zu näheren Infos s.: Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.): Daten und Fakten, S.
20.
von den insgesamt fast 2 Mio. Türken nur 465 100. Bei Personen aus Tunesien, Marokko und dem ehemaligen Jugoslawien ist die Zahl der Aufenthaltsberechtigten noch wesentlich geringer. Der sichere Aufenthaltsstatus ist auch eine der wichtigsten Voraussetzungen für die erfolgreiche Integration und in Hinblick auf dieses Problem hat die Bundesregierung noch viel Arbeit vor sich. 24 Sehr treffend hat den richtigen Ton in seinem Gedicht ´Veränderung´ der italienische Schriftsteller Gino Chiellino getroffen:
3. Die Entstehung der Migrationsliteratur
In der deutschen Literaturlandschaft sind die Schriftsteller anderer Kulturen und Sprachen auch heute noch eher ein Exotikum als eine natürliche Bereicherung. In vielen anderen Ländern hat die Migrationsliteratur schon lange Tradition. Staaten mit
Kolonialvergangenheit wie Frankreich, Großbritannien oder die USA als klassisches Einwanderungsland „haben Anregungen erfahren, die prägende Spuren hinterlassen haben“ 26 . So gehört z.B. die maghrebinische Literatur schon lange Jahre zu der französischen literarischen Tradition, genauso wie die Literatur der Antillen, die einen festen Platz in der englischen Literatur hat. So zeigte der Ire Samuel Beckett der französischen Literatur eine neue Richtung und der Pole Joseph Konrad zum Kanon der englischen Literatur gehört. Der deutschen Literatur fehlten diese Farbe und Anregungen von außen bis in die jüngste Vergangenheit. Für die Anfänge müssen wir in
24 Vgl. Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen (Hrsg.), Daten und Fakten, S. 11f.
25 Gino Chiellino: Mein fremder Alltag. Kiel: Malik 1984, S. 13.
die 50er Jahre, in die Zeit der ersten Anwerbeverträge, zurückgehen. Schon in diesen Jahren erschienen Romane, Gedichte, Briefe, Erzählungen von italienischen Arbeitsmigranten. Aber diese
unterschiedlichen literarischen Erscheinungen wurden noch nicht auf einen Nenner gebracht. Die Bemühungen, einen festen Standort dieser Literatur zu schaffen, zeigten sich erst gegen Ende der 70er Jahre. Das erste Programm wurde von Franco Biondi und Rafik Schami im Jahre 1979 unter dem Titel ´Literatur der Betroffenheit. Bemerkungen zur Gastarbeiterliteratur´ veröffentlicht. Als Hauptaufgaben für diese Literatur wurden die Beseitigung der aufgezwungenen Trennung untereinander und zwischen ihnen und den deutschen Arbeitern, Multikulturalität und Ermöglichung eines kulturellen Austausches aufgestellt. Auch von den Begriffen wie ´Autonomie gegenüber der Literatur des Ursprungs und der neuen Heimat´ und ´Selbsthilfe zur Verteidigung der Identität´ war die Rede. 27 Ein Jahr später gründeten die beiden gemeinsam mit dem Libanesen Jusuf Naoum und Syren Suleman Taufiq die Gruppe ´Südwind gastarbeiterdeutsch´, die in einem kleinen Verlag in Bremen 28 eine gleichnamige Buchreihe herausgab. 29 Noch in demselben Jahr wurde von den ausländischen Autoren eine weitere Gruppe mit dem Namen ´PoLiKunst´ 30 gegründet. Es wurden Lesungen, Ausstellungen,
Diskussionen auf dem ganzen Bundesgebiet organisiert, um die neue Literatur vorzustellen und zu fördern.
Anfang der 80er Jahre wurde auch von deutscher Seite aus Schritte unternommen, die deutsche Öffentlichkeit mit der neuen ´deutschen´ Literatur bekannt zu machen. Der ´Deutsche Taschenbuchverlag´ und das Institut für Deutsch als Fremdsprache an der Universität München veröffentlichten unter der Leitung von Irmgard Ackermann eine Reihe von Anthologien, die sich mit der Problematik der Migration und des
26 Lerke von Saalfeld (Hrsg.): Ich habe eine fremde Sprache gewählt. Ausländische Schriftsteller schreiben deutsch. Gerlingen : Bleicher 1998, S. 10.
27 Vgl. Carmine Chiellino: Am Ufer der Fremde. Literatur und Arbeitsmigration 1870-1991. Stuttgart-Weimar: Metzler 1995, S. 289-291.
28 Anm.: Dieser Verlag trug den Namen NOC - Verlag
29 Anm.: Beim Wechsel zum Neuen Malik Verlag in Kiel im Jahre 1983 wurde auf den problematischen Zusatz Gastarbeiterdeutsch verzichtet und die Reihe nannte sich von dieser Zeit „Südwind-Literatur“
´Fremdseins´ auseinandersetzten. 31 Aber trotz dieser sehr verdienstvollen Reihe hatte immer noch keiner von den Großverlagen den Mut, die Werke einzelner Autoren zu publizieren und die ausländischen Schriftsteller waren immer noch auf Kleinverlage angewiesen Mit den Anfängen der Migrationsliteratur sind auch sehr eng die Namen des türkischen Schriftstellers resp. Verlegers Yüksel Pazarkaya und Achmed Dogan verbunden. Yüksel Pazarkaya stand bei den Anfängen der Literaturzeitschrift Anadil und dem Achmed Dogan gehören die Verdienste für die Gründung des Ararat-Verlags. Dank dieser beiden ´Wegbereiter´ wurde die türkische Literatur der deutschen Umgebung vorgestellt. 32
Dass die Bezeichnung ´Gastarbeiterliteratur´ nicht ganz treffend war und die Gruppe der schreibenden Autoren streng abgrenzte, wurde bei den osteuropäischen und den nicht europäischen Schriftstellern, die aus ganz anderen Gründen nach Deutschland gekommen waren, sichtbar. Erwähnenswert ist die literarische Bewegung der lateinamerikanischen Schriftsteller, die im Gegensatz zu den Arbeitsmigranten meist politische Exilanten waren. 33
4. Begriffsbestimmung
´Gastarbeiterliteratur´, ´Gastliteratur´, ´Literatur der Ausländer´, ´Ausländerliteratur´, ´Migrantenliteratur´, ´Migrationsliteratur´,
´interkulturelle Literatur´. Sind alle diese Bezeichnungen synonym, oder gibt es doch Unterschiede. Alle diese Begriffe bezeichnen die Literatur, die von den ausländischen Autoren geschaffen wurde. Die Begriffsvielfalt beweist, dass die Definition dieser Literatur sehr problematisch ist. Die einzelnen Benennungen spiegeln die historische Entwicklung dieser Literatur wider.
30 Anm.: Abkürzung für Polinationaler Literatur- und Kunstverein
31 Anm.: Einige von diesen Anthologien sind z.B. Irmgard Ackermann (Hrsg.): Als Fremder in Deutschland. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München: dtv 1982. (= dtv. 1770.) und Dies. (Hrsg.): In zwei Sprachen leben. Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München: dtv 1983. (= dtv. 10189.)
32 Vgl. Photong-Wollmann, Literarische Integration in der Migrationsliteratur, S. 26f.
33 Vgl. ebda, S. 28f.
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Karel Brezina, 2003, Funktion und Bedeutung der Migrationsliteratur im deutschsprachigen Raum, München, GRIN Verlag GmbH
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