EINLEITUNG 4
1 EHE UND FAMILIE IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19
JAHRHUNDERTS 6
1.1 Ergebnisse 6
1.1.1 Neue Ehe- und Familienkonzepte im 19. Jahrhundert 7
1.1.2 Unterbürgerliche Familien 8
1.1.3 Bürgerliche Familien 10
1.1.4 Die Ehe 11
1.2 Kontroversen 18
1.2.1 Der Mythos der vorindustriellen Grossfamilie und die moderne Kernfamilie 18
1.2.2 Funktionsentlastung der Familie 19
1.2.3 Partnerwahl und Heiratsverhalten 19
1.2.4 Geburtenkontrolle, Verhütung, Kindsmord 20
1.2.5 Das Verhältnis zwischen den Ehepartnern und zu Kindern 21
1.2.6 Matrifokalität und marginalisierte Männer 21
1.2.7 Gewalt und Missbrauch 22
2 EMILE ZOLA 24
2.1 Forschung 24
2.2 Biographie 25
3 „LES ROUGON-MACQUART“ 27
3.1 Der Romanzyklus 27
3.2 Ehe und Familie in „Les Rougon-Macquart“ 29
3.2.1 Die Demaskierung des bürgerlichen Familienideals: „Pot-Bouille“ 29
3.2.2 Die Halbwelt der Prostitution: „Nana“ 32
3.2.3 Die Gier der Aufstrebenden: „Le ventre de Paris“, „L’argent“ und „La curée“ 35
3.2.4 Die Arbeiterfamilie zwischen Zerfall und Revolte: „L’assommoir“ und „Germinal“ 38
4 FAZIT UND AUSBLICK 45
4.1 Neue Ehe- und Familienkonzepte und Zolas Idealvorstellungen 45
4.2 Unterbürgerliche Familien 45
2
4.3 Bürgerliche Familien 46
4.4 Die Ehe 47
4.5 Ausblick 49
QUELLEN 52
BIBLIOGRAPHIE 53
3
Einleitung
Zola schrieb seinen 20-bändigen Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ im Zeitraum von 1873-1891 mit der Absicht, anhand einer grossen, verzweigten Familie die soziale Wirklichkeit der Gesellschaft zur Zeit des zweiten Kaiserreichs zu beschreiben. Die Handlung erstreckt sich über alle Gesellschaftsschichten und in jedem Roman stehen andere Mitglieder der Rougon-Macquart-Familie und andere Milieus im Zentrum. So spielt zum Beispiel „Germinal“ in einem Kohle-bergwerkarbeiterdorf, w ährend „Ein feines Haus“ die Verhältnisse in dem grossbürgerlichen Zweig der Familie thematisiert.
Im Zentrum der Arbeit soll die Frage stehen, inwiefern die Beschreibung der Ehe- und Familienverhältnisse in dem Zyklus realen Verhältnissen (d.h. heute gesicherten Forschungsergebnissen) entspricht und wie weit sie vom sozialen/politischen Hintergrund, resp. den Absichten des Autors (Klassenkampf, Meinungsbildung, eigener Hintergrund, Protest, literarische Zwecke) verfälscht worden sind.
Anhand von repräsenta tiven Textausschnitten/Handlungsabläufen/Situationen aus einigen Romanen aus dem Zyklus, welche in verschiedenen Milieus spielen, werde ich versuchen, diese Themen genauer zu beleuchten.
Es ist natürlich nicht möglich, anhand eines literarischen Werkes, we lches das Bild einer ganz bestimmten Familie an einem ganz bestimmten Ort in einer ganz bestimmten Situation zeigt, allgemeine Aussagen zu machen, aber man kann durchaus - im Vergleich mit gesicherter Forschung - versuchen aufzuzeigen, inwiefern die gezeigten Verhältnisse im Bereich der damaligen Realität liegen (respektive repräsentativ sind) und inwiefern das gezeichnete Bild und damit das (intendierte) Empfinden des Lesers durch Übertreibung/Idealisierung/literarische Überhöhung gezielt oder unbewusst gesteuert oder sogar verfälscht wird. Über Motive des Autors lässt sich dank der Fülle von expliziten Aussagen (Werk-Skizzen, Briefe) einiges sagen.
Der erste Teil der Arbeit umfasst eine Zusammenfassung des Forschungssta ndes und der aktuellen Diskussionspunkte bezüglich Ehe und Familie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der zweite Teil bietet eine kurze Übersicht zum Forschungsstand und der Biographie Emile Zolas. Im dritten Teil werde ich erst auf den „Rougon-Macquart“ Zyklus eingehen und dann exemplarisch die
4
verschiedenen Aspekte des Ehe- und Familienlebens anhand von einigen Romanen aus dem Zyklus beleuchten. Im Fazit werde ich die Erkenntnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf ein mögliches Forschungsfeld geben. Es ist mir in dem Umfang dieser Seminararbeit leider nicht möglich, alle Romane des Zyklus’, auf alle historischen Aspekte hin zu untersuchen - die Arbeit kann nur punktuell Anstoss zu weiterer Diskussion und Forschung geben.
5
1 Ehe und Familie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Eine sehr gute Übersicht über den Forschungsstand und die aktuellen Kontroversen bietet Andreas Gestrichs „Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahr-hundert“ von 1999 1 , welches sich aber nur auf den Raum des Deutschen Reiches bezieht. Eine auf ganz Mittel- und Westeuropa bezogene, gute Forschungsübersicht ist das von Joseph Ehmer, Tamara K. Hareven und Richard Wall herausgegebene Buch „Historische Familienforschung. Ergebnisse und Kontroversen“ von 1997 2 .
Die wichtigsten aktuellen Monographien zum Thema Ehe und Familie sind: „Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa“ (1986) und „Geschichte der Familie“ (2000) von Jack Goody 3 , „Familiengeschichte, Lebenslauf und sozialer Wandel“ (1999) von Tamara K. Hareven 4 und „Die historische Entwicklung von Familie und Ehe im Kulturvergleich“ (2000) von Georg W. Oesterdiekhoff. 5
1.1 Ergebnisse
Die Familien- und Eheforschung ist eine relativ junge Wissenschaft. Ihre Ursprünge fallen mit den Anfängen der Soziologie, Ethnologie und Psychoanalyse im 19. Jahrhundert zusammen. Einzug in die Geschichtswissenschaft hat sie erst vor wenigen Jahrzehnten mit dem immer grösser werdenden Interesse an Alltags-, Sozial- und Geschlechtergeschichte gehalten. Dementsprechend dür ftig ist das empirische Material, vor allem aus der sogenannte n vorstatistischen Zeit. Viele Quellen sind noch nicht aufgearbeitet, über Zahlen kann oft nur spekuliert werden.
1 GESTRICH, ANDREAS, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999
2 EHMER, JOSEF, HAREVEN, TAMARA K. und WALL, RICHARD (HG.), Historische Familienforschung. Ergebnisse und Kontroversen, Frankfurt am Main 1997
3 GOODY , JACK, Die Entwicklung von Ehe und Familie in Europa, Berlin 1986 und GOODY , JACK, Geschichte der Familie, München 2002
4 HAREVEN, TAMARA K., Familiengeschichte, Lebenslauf und sozialer Wandel, Frankfurt am Main
1999
5 OESTERDIEKHOFF, GEORG W., Familie, Wirtschaft und Gesellschaft in Europa. Die historische Entwicklung von Familie und Ehe im Kulturvergleich, Stuttgart 2000
6
1.1.1 Neue Ehe - und Familienkonzepte im 19. Jahrhundert Die Familie und die Verbindlichkeit des Familienverständnisses wurden von einer schier ununterbrochenen Folge von Instanzen eingeprägt und befestigt: Elternhaus, Schule und Kirche, Recht und Verwaltung, Ärzte, Literatur, Zeitungen etc. Wer die Familie angriff, stellte sich ausserhalb der Gesellschaft und provozierte die stärksten Emotionen. Es war für einen Erwachsenen die Norm, verheiratet zu sein; Singles, vor allem alte Jungfern, waren Gegenstand des Spottes. Nur Künstler mit Bohèmeneigungen machten eine - missbilligte wie beneidete - Ausnahme. 6
Mit dem Gedankengut der Aufklärung und der Romantik hielt in Europa ein neues Bild der Familie und Ehe Einzug, welches jedoch lange weitgehend auf die Theorie beschränkt blieb und vorerst nur in bürgerlichen Oberschichten eine gewisse Wirkung entfaltete. „Die Romantiker lehnten jeden äusseren rechtlichen oder religiösen Rahmen für die Begründung und Stabilisierung des Zusammenseins von Mann und Frau, Eltern und Kindern ab. Ehe und Familie sollten ausschliesslich auf Liebe gründen. Solche romantischen Beziehungsformen wurden in der Folgezeit zum Leitbild bürgerlichen Familienlebens.“ 7 Doch auch im Bürgertum fand dieses Ideal häufig nur wenig Entsprechung in der Realität. Der weltlichen Herrschaft und damit auch dem Hausvater als Herr der Familie wurde durch die politische Philosophie der Aufklärungszeit die religiöse Legitimation entzogen. Dieses Gedankengut umfasste prinzipiell auch die Gleichheit der Geschlechter, durch die verschärfte Betonung der Geschlechtscharaktere (biologisch verankerte Geschlechtsmerkmale) wurde der Gleichheitsgedanke aber entschärft, um patriarchalische Rollenverteilung und Familienstrukturen nicht zu gefährden. Frauen wurden als passiv, emotional und mütterlich beschrieben, während Männer aktiv, rational und berufsorientiert sein sollten. Diese Geschlechterpolarität wurde selbst vo n den bürgerlichen Frauenbewegungen akzeptiert, sie forderten Gleichberechtigung, aber auf der Grundlage von Andersartigkeit. 8
6 NIPPERDEY , THOMAS, Deutsche Geschichte 1866-1918. Arbeitswelt und Bürgergeist. Band I, München 1990, S.44f
7 GESTRICH, Familie, S.5
8 GESTRICH, Familie, S.6
7
Das gesellschaftliche Ideal war vor allem in unterbürgerlichen Schichten weiterhin ein sozialkonservatives Familienkonzept, welches sich nach wie vor an den alten Strukturen des „ganzen Hauses“ orientierte. Wilhelm Riehl (1823-1897), Pionier der Volkskunde, propagierte das Bild der vorindustriellen Grossfamilie, in welcher sowohl mehrere Generationen, als auch Herrschaft und Gesinde in religiös legimitierten, patriarcharlischen Strukturen zusammenlebten. Riehls Schriften erfreuten sich bis in die Arbeiterbewegung hinein grosser Beliebtheit, mit der historischen Realität hatte dieses Ideal jedoch nicht viel zu tun. Auch sozialistische Gesellschaftstheoretiker und Frauenbewegungen sahen die Entwicklung der Familienstrukturen in der Arbeiterschaft als Verfall stabiler Kernfamilien. 9
„Dass die Realität der Familie hinter deren Idealen zurückblieb, ist nicht mehr als selbstverständlich und mindert nicht deren Kraft. Auch die brüchige Realität stand unter dem Gesetz der Norm, auch die Gegner der Idealisierungen der Familie oder der Familie überhaupt, die Zyniker, konnten sich der öffentlichen Bekundung der Norm kaum entziehen.“ 10
1.1.2 Unterbürgerliche Familien
In ländlich-bäuerlichen Schichten war die Familie Arbeits- und Produktionsgemeinschaft. Arbeit und Haushalt waren Familienbetrieb, Eltern, Kinder und Grosseltern bildeten die Kernfamilie. Von den Jugendlichen galt die Regel, so viele wie möglich abzustossen (d.h. als Knechte auf grösseren Höfen zu verdingen oder in die Handwerkerlehre zu schicken), als Erwachsener blieb nur der Erbe auf dem Hof, manchmal noch unverheiratete Geschwister. Anders als in der Stadt bestand der Hausverband hier noch aus drei Generationen.
Jugendliche Knechte und Mägde waren je nach Grösse des Hofes in verschiedener Zahl die Regel, vor allem in kleineren Höfen wurden sie oft nahtlos in die Familie integriert. In grösseren Betrieben vollzog sich eine Absonderung der Lebensbereiche von Familie und Gesinde.
Bei dem Gesinde konnte es sich sowohl um nicht-erbende Geschwister des Bauernpaares, Kinder verwandter oder befreundeter Familien oder um Knechte
9 ebd., S.7
10 NIPPERDEY , Deutsche Geschichte, S.45
8
und Mägde von auswärts handeln. Gesindedienst endete in der Regel mit der Heirat, der grösste Teil des Gesindes in Mitteleuropa war zwischen 15 und 30 Jahre alt. In dieser Zeit konnten sie sowohl berufliche als auch hauswirtschaftliche Fähigkeiten lernen als auch Geld für eine spätere Haushaltsgründung sparen. 11
Die bäuerliche Familie war noch immer, anders als die städtische nach aussen nicht streng abgeschlossen, die Kernfamilie öffnete sich dem Dorf.
Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war traditionell bestimmt: Frauen (und auch Kinder) nahmen nur eingeschränkt an der Feldarbeit teil und kümmerten sich um Garten, Haus und Stall, während Männer die körperlich anstrengenderen Arbeiten verrichteten. Arbeitstage von 14 Stunden und mehr waren die Regel.
Mit der Proletarisierung der ländlichen Unterschichten nahm vor allem die Zahl der Kleinbauern stark ab. Realteilung des Erbes, Ausbreitung der Hypotheken, teurer werdendes Gesinde, Vordringen der Maschinen und Agrarkrisen zwa ngen viele Bauern, ihren Hof zu verkaufen. 12
Ähnlich wie der bäuerliche Familienbetrieb war auch der Handwerksbetrieb im
19. Jahrhundert meist ein Familienunternehmen. Das Prinzip des „ganzen Ha uses“ bestand hier aber nicht mehr, viele junge Handwerker heirateten schon als Gesellen und gründeten einen eigenen Hausstand. In diesen Haushalten bildeten sich bald ähnliche Strukutren heraus wie in denen der Arbeiter. Das bedeutete, dass die Familien für ihren Unterhalt auch auf die Erwerbstätigkeit der Frauen - meist Heimarbeit - und auf ein Einkommen aus Untervermietung angewiesen waren. Nur im kleinen produzierenden Handwerk war das Mitwohnen von Gesellen beim Meister noch an der Regel, durch die Verrechnung von Kost und Logis gegen Lohn konnte Geld gespart werden.
Die materielle Situation der Meisterhaushalte war sehr verschieden. Schneider und Schuster lebten z.B. ständig am Rande des Existenzminimums, während
11 OESTERDIEKHOFF, Familie und Ehe, S.53
12 NIPPERDEY , Deutsche Geschichte, S.59, vgl. auch GESTRICH, Familie, S.11 und S.25f
9
speziell Mitglieder des Lebensmittelhandwerkes fast immer zu den besser verdienenden gehörten. Sie waren typische Vertreter des neuen Mittelstandes. 13
Im Zuge der Fabrikindustrialisierung und Urbanisierung entstand eine neue, meist land- und besitzlose Bevölkerungsschicht, in welcher die Familie ihre Funktion der primären Produktion und der Erhaltung und Weitergabe von Vermögen verloren hatte. Diese meist in offenen Wohnformen mit vielen Untermietern lebenden Familien entsprachen in keiner Weise dem bürgerlichen Ideal der Familie als emotionale, auf die Erziehung der Kinder konzentrierte Gemeinschaften. Durch die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten fehlte den Arbeiterfamilien häufig auch der intergenerationelle Zusammenhang, der vorher durch das gemeinsame „Produzieren“ gegeben war. 14
Besonders in der Textilindustrie, zeichneten sich Arbeiterfamilien durch hohe Kinderzahlen aus, meist wohnten drei Generationen und Untermieter auf engstem Raum zusammen, oft teilten sich mehrere Personen ein Bett. 15
Die idealtypische Arbeiterfamilie war für ihren Lebensunterhalt auf ein in der Regel viel zu geringes Einkommen aus Fabrikarbeit angewiesen. Trotz erheblicher Reallohnsteigerungen während des 19. Jahrhunderts m ussten in den meisten Familien die Frauen und oft auch die Kinder (meist ausserhäusliche) Lohnarbeit leisten. Dies wurde jedoch in den nicht völlig verarmten Kreisen von den Männern als sozialer Makel angesehen. Auwege boten die Hereinnahme eines Untermieters und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Heimarbeit der Frauen und Kinder im Bekleidungsgewerbe. Es gab jedoch besonders während der Wirtschaftskrisen in den 1860er bis 1880er Jahre viel Elend. 16
1.1.3 Bürgerliche Familien
In der bürgerlichen Familientheorie wurde die Struktur der Arbeiterfamilie oft als Herd von sozialen Unruhen oder sogar Revolutionen erkannt, doch auch die Struktur der bürgerlichen Familie war im Wandel. Die Form der Familienwirt-
13 GESTRICH,Familie, S.13f
14 ebd., S.6
15 ebd., S.22
16 ebd., S.15f
10
schaft in grossbürgerlichen Haushalten verschwand, im Zuge der Urbanisierung wurden Höfe und Häuser oft durch Etagenwohnungen in modernen Stadthä usern ersetzt. Das Gesinde wurde immer teurer, blieb aber ein wichtiges Statussymbol. 17 Meist kamen die Bediensteten vom Land, lebten bei freier Kost und Logis und bekamen einen geringen Jahreslohn. Sie waren nur wenig in die Familie integriert. Es standen ihnen kleine Schlafkammern zur Verfügung, wo sie mehr oder weniger unter sich lebten. Auch wurden sie nicht in die Tischgemeinschaft der Familie integriert, sondern assen in der Küche. 18
Ein wichtiges Merkmal des Bürgertums war die Trennung von Beruf und Familiensphäre. Erwerbsarbeit war allein Sache des Mannes und fand zunehmend ausser Hause statt, die Frau wurde zur „Haushaltsmanagerin“, die Familie fest von der Öffentlichkeit abgeschlossen. Die Kernfamilie bestand nur noch aus Eltern und Kindern, Grosseltern und andere Familienangehörige gehörten nicht mehr in die Wohn- und Haushaltsgemeinschaft. Die Familie war zu einer intimen Gemeinschaft mit individueller Bewegungsfreiheit geworden. 19
Am unteren Rande des Bürgertums bildete sich mit der Berufssparte der Angestellten und Beamten ein neuer Mittelstand. Dieser umfasste Berufe von kleinen Buchhaltern und Boten bis zu leitenden Funktionen in Fabriken, Banken und Behörden. Sie verfügten über grössere materielle Sicherheit als die unterbürgerlichen Schichten und versuchten, sich in ihrem Lebensstil so stark wie möglich von den Arbeitern zu unterscheiden. Viele Statussymbole des Bürgertums konnten sie sich nicht leisten, zeichneten sich jedoch durch starke Aufstiegsmotivation aus.
1.1.4 Die Ehe
Im 19. Jahrhundert ist immer noch in mehr als 90% der Fälle eine kirchliche Heirat üblich (auch bei Protestanten), für die Familie und Familiengründung ist diese viel wichtiger als die in vielen Regionen obligatorische Zivilehe. Mischehen waren eher selten - diese stiegen erst nach 1900 deutlich an. Als Gründe dafür sind wohl unterschiedliche Auffassungen (vor allem bei der Kindererzie-
17 ebd.,S.18
18 NIPPERDEY , Deutsche Geschichte, S.53ff
19 ebd., Deutsche Geschichte, S.47f
11
Quote paper:
Henning Radermacher, 2003, Ehe und Familie in Emile Zolas Les Rougon-Macquart, Munich, GRIN Publishing GmbH
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