Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Therapeutischen Reiten - Der Einsatz des Pferdes in Medizin, Pädagogik und Sport 4
2.1 Die Hippotherapie - Krankengymnastische Förderung auf dem Pferd. 5
2.2 Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren - Ganzheitliche Förderung von Kindern
und Jugendlichen 7
2.3 Reiten als Sport für Behinderte - Integrative Freizeitgestaltung und Leistungssport 9
3 Pferd - Kind - Pädagoge: Die Partner im heilpädagogischen Reiten / Voltigieren 11
3.1 Das Pferd - Symbolhaftigkeit und gemeinsame Entwicklungsgeschichte mit dem
Menschen 12
3.1.1 Verhaltensspezifische Eigenschaften und Beziehungsfähigkeit des Pferdes 14
3.1.2 Zum Motivationsaspekt- der (auf)fordernde Charakter des Pferdes. 22
3.1.3 Das geeignete Therapiepferd 24
3.2 Das Kind/ der Jugendliche - Zielgruppenbestimmung und Lebensweltbetrachtung 28
3.2.1 Reduzierung der Freiräume für Kinder - Multimedialität versus Realitätsprinzip 30
3.2.2 Zur Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten/ -störungen, Lernstörungen/-behinderungen 33
3.3 Der Reitpädagoge - Grundsätzliche Einstellung und Verhalten des Pädagogen 40
3.3.1 Sachorientierte Partnerschaft als Handlungskonzept im Heilpädagogischen
Reiten /voltigieren. 42
3.3.2 Berufsbezeichnung, Qualifikation 45
3.4 Das Beziehungsgeschehen im Setting des Heilpädagogischen Reitens/Voltigierens 47
4 Verschiedene methodische Ansätze und spezielle Zielsetzungen des HPR/V 53
4.1 Entwicklungsorientierung - Zur Entwicklung der Persönlichkeit nach Freud und
Erikson 55
4.2 Psycho- und sensomotorische Förderung durch das Pferd. 60
4.3 Psychoanalytisch-orientiertes Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren 65
4.4 Erwerb individueller und sozialer Kompetenzen durch den Umgang mit dem Pferd 69
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5 Zusammenarbeit mit Kostenträgern, ltern sowie anderen Institutionen. 80
5.1 Zur Finanzierung des Therapeutischen Reitens - Leistungserbringer und Kostenträger
80
5.2 Zusammenarbeit mit anderen Institutionen sozialer Arbeit. 82
5.3 Die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Eltern 83
5.3.1 Der erste Kontakt mit den Eltern - Absicherung, Kosten, Anamnese. 85
5.4 Qualitätssicherung im HPR/V - Qualitätsstandards und Zielüberprüfung 87
6 Die Grenzen der Arbeit mit dem Pferd 92
7 Fazit 95
8 Literaturverzeichnis 98
1 EINLEITUNG
Das Oberthema dieser schriftlichen Arbeit lautet : „Das Pferd als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit“ und wirft als erstes die Frage auf, welche Gründe dazu veranlassen können, einem Tier therapeutische Fähigkeiten zuzuschreiben. Als Therapeutenvariablen gelten im allgemeinen „spezifische verbale, nonverbale und soziale Verhaltensaspekte und Interventionsstrategien eines Therapeuten zur Lösung von psychischen Problemen eines Hilfesuchenden“ (Fachlexikon der sozialen Arbeit, 1997, S. 957). Da das Werkzeug des Sozialarbeiters insbesondere die Sprache ist, scheint dem Laien die Frage an dieser Stelle genügend beantwortet. Das Pferd ist nicht zur verbalen Kommunikation mit dem Menschen fähig, demnach vermag es in keinster Weise einen gesprächstherapeutischen Prozess zu unterstützen. Dennoch sei an dieser Stelle behauptet, dass das Pferd zu einer umfangreichen Kommunikation mit dem Menschen fähig ist und außerdem über eben die spezifische Grundhaltung verfügt, die ein Therapeut gegenüber seinem Klienten einnehmen soll. Das Unterthema der Arbeit „Methoden, Finanzierung, Grenzen und Perspektiven des Therapeutischen Reitens“ soll darauf hinweisen, dass innerhalb dieser Ausführung zum Thema im Sinne der Ganzheitlichkeit der Sozialarbeit eben nicht nur die Beziehung des Therapeuten zum Klienten, hier die Beziehung zwischen Therapeut, Co-Therapeut und Klient, betrachtet werden soll, sondern inwiefern das Therapeutische Reiten in der sozialen Arbeit bereits eingebetet ist bzw. wie es eingebetet werden könnte. Dazu ist es zum Einen notwendig, die unterschiedlichen Methoden in ihrer Bandbreite genauer zu betrachten und zum Anderen die Rahmenbedingungen und insbesondere die Finanzierbarkeit des Therapeutischen Reitens abzuklären. Ziel dieser Arbeit ist es, den Einsatz des Pferdes als effektiven Sozialhelfer anhand von ausgewählten methodischen Ansätzen und Handlungskonzepten zu prüfen.
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Da das Therapeutische Reiten ein Oberbegriff ist, dient das erste Kapitel als Orientierungshilfe innerhalb der vielseitigen
Einsatzmöglichkeiten des Pferdes in Medizin, Pädagogik und Sport. In der Betrachtung des Pferdes als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit wird hier der Bereich des Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens akzentuiert. Im zweiten Kapitel soll das Pferd mit seinen spezifischen Verhaltensaspekten als, weitläufig in seinen besonderen Qualitäten noch relativ unbekanntes, Medium besondere Beachtung finden. Des weiteren findet über die Beschreibung entwicklungsbehindernder Lebensumstände eine genaue
Zielgruppenbestimmung des Heilpädagogischen Reitens/Voltigierens statt. Darüber hinaus werden die notwendigen beruflichen Qualifikationen des Reitpädagogen sowie die Sachorientierte Partnerschaft als sein grundlegendes Handlungskonzept
beschrieben. So kann anschließend auf das Beziehungsgeschehen der drei beteiligten Komponenten genauer eingegangen werden. Das dritte Kapitel umfasst unter Berücksichtigung des allen reitpädagogischen Maßnahmen gemeinsamen Förderzieles, der Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit, zunächst
entwicklungstheoretische psychologische Grundlagen. Darauf aufbauend werden verschiedene Förderbereiche und methodische Vorgehensweisen unter dem Aspekt der bisher erarbeiteten Erkenntnisse vorgestellt. Im vierten Kapitel soll konkret auf die Einbeziehung äusserer beeinflussender Faktoren eingegangen werden. Es wird auf die Bedeutung der Elternarbeit für die Effektivität heilpädagogischer Interventionen hingewiesen. Des weiteren wird die Finanzierbarkeit und die Qualitätssicherung im Bereich des Therapeutischen Reitens im Sinne der Neuen Steuerung der öffentlichen Verwaltung hinterfragt.
Die Grenzen der Arbeit mit dem Pferd werden im fünften Kapitel aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Der letzte Teil der Arbeit, mein Fazit, stellt, unter Einbeziehung meiner persönlichen Erfahrungen im Heilpädagogischen Voltigieren/Reiten und meinen Erkenntnissen aus dem Studium der Sozialarbeit, zusammenfassend
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die effektiven Qualitäten des Pferdes als Co-Therapeut der kritischen Auseinandersetzung mit der Effizienz der Methode gegenüber.
Die Wahl meines Themas begründet sich in einer nicht uneigennützigen Vision der idealen Verbindung von Hobby und Beruf. So stieß ich während meines Studiums auf der Suche nach einer entsprechenden Möglichkeit auf das Heilpädagogische
Reiten/Voltigieren. Aus meiner langjährigen privaten Erfahrung im Umgang mit dem Pferd weiß ich um die einzigartige Faszination dieses Tieres und durch die praktische Arbeit im Zentrum für therapeutisches Reiten in Lünen um die vielfältigen Möglichkeiten, die sich unter Einbeziehung des Pferdes im sozialen Kontext ergeben können. Diese beiden Aspekte motivierten mich dazu, dieses komplexe Thema nun auch wissenschaftlich im Rahmen meiner Diplomarbeit zu hinterfragen.
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2 THERAPEUTISCHEN REITEN - DER EINSATZ DES PFERDES IN MEDIZIN, PÄDAGOGIK UND SPORT
Unter dem Sammelbegriff „Therapeutisches Reiten“ subsumieren sich drei Bereiche : „Hippotherapie“, „Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren“ und „Reiten als Sport für Behinderte“, die unter Einsatz qualifizierten Fachpersonales und unter Aufsicht des „Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR)“ den Rahmen für die therapeutische Arbeit mit dem Pferd bilden. „Das Pferd bietet durch seine artspezifischen Möglichkeiten spezielle
Vorraussetzungen für den Einsatz in Krankengymnastik, heilpädagogischem Voltigieren/Reiten und Reiten als Sport für Behinderte“ ( C. Klüwer, 1997, S.15). Auch wenn es in den drei Bereichen einige Überschneidungen gibt, sie sich ergänzen und aufeinander aufbauen, gilt es zunächst, sie im einzelnen zu erläutern. Hierbei wird insbesondere auf das „Heilpädagogische Reiten und Voltigieren“ eingegangen. In diesen Bereich fällt die Arbeit mit verhaltensauffälligen, lern- oder geistig behinderten sowie psychisch kranken Menschen und trifft somit auf Praxisfelder und Methoden aus der sozialen Arbeit.
Das aufgeführte Schema (Abbildung Nr. 1) veranschaulicht den breit gefächerten Einsatzbereich des Pferdes im Therapeutischem Reiten und gibt vorweg einen Überblick über die Förderungsgebiete, die Zielgruppen und die entsprechenden, notwendigen beruflichen Qualifikationen, auf die im weiteren Verlauf näher eingegangen werden soll
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Abbildung 1 : Therapeutisches Reiten
(Abbildung 1: C. Klüwer, 1997, S.16 /17)
2.1 Die Hippotherapie - Krankengymnastische Förderung auf dem Pferd
Die Hippotherapie ( griechisch „hippos“= Pferd, „therapeia“= Therapie, Behandlung) sei hier an erster Stelle erwähnt, da sie die zuerst entwickelte Form des therapeutischen Reitens darstellt. Seit den fünfziger Jahren wird dem physiotherapeutischen Einsatz des Pferdes wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil, obwohl die Wurzeln des Wissens um „die heilende Wirkung des schreitenden Pferdes“ bis in die Zeit des römischen Kaisers Marcus Aurelius (121-180 n.Chr.) zurückreichen, dessen Arzt Galenos von Pergamon sich bereits mit dem Reiten als Form einer gymnastischen Übung
auseinandergesetzt hat. Auch der Arzt Bartholomaeus Castellius schrieb bereits im Jahr 1663, der reitende Mensch müsse, „die Bewegungen des Pferdes in sich aufnehmen“ und „mit den Bewegungen des eigenen Körpers in Einklang bringen“. Dieser Satz
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beinhaltet ein therapeutisches Prinzip, das noch heute als wesentliches Wirkprinzip der Hippotherapie angesehen wird. Die ausgleichende Wirkung des rhythmischen Bewegtwerdens bei verschiedenen körperlichen Störungen und Krankheitsbildern wird von Ärzten und Physiotherapeuten als Bestandteil und Ergänzung krankengymnastischer Behandlungsmaßnahmen genutzt; auch und insbesondere dort, wo herkömmliche Methoden nicht (mehr) greifen. Die Hippotherapie wird bei bestimmten Erkrankungen und Schädigungen des Zentralnervensystems und des Stütz- und Bewegungsapparates angewandt, wie beispielsweise bei Spastiken, Querschnittslähmungen, im rehabilitativen Bereich nach Unfällen, Operationen oder Infarkten und bei Kindern mit angeborenen Störungen wie z.B. Kinderlähmung oder Ataxie. Die
physiotherapeutische Wirkung des Bewegtwerdens auf dem in der Gangart Schritt gehenden Pferd geht von den dreidimensionalen, rhythmischen Schwingungen seines Rumpfes aus. Der Rumpf des Pferdes, auf dem der Patient während der Therapie sitzt, bewegt sich durch die diagonale Fußfolge mit wechselseitigem Absinken der Kruppe bei jedem Schritt vertikal (auf und nieder), horizontal (Beschleunigung und Verzögerung bei jedem Ab- und Auffußen der Hinterhand des Pferdes) und im Sinne der Torsion des Rumpfes nach links und rechts. Im Schritt überträgt das Pferd auf den Patienten ein den menschlichen Gangbewegungen entsprechendes Bewegungsmuster, wodurch auch dem Menschen mit
Gehbehinderung oder Gehunfähigkeit Bewegungserfahrungen vermittelt werden , die ihm sonst, auch durch die konventionelle Krankengymnastik, nicht zugänglich gemacht werden können (vgl. H. Riesser, 1996). Die Hippotherapie wirkt hauptsächlich im Bereich neurophysiologischer Funktionsabläufe, hat aber auch Einwirkungen auf die zentralnervös-motorischen Steuerungszentren und ihre Leitungsbahnen, und zwar in einer Form, die durch keine andere physiotherapeutische Methode und keinerlei Apparaturen zu simulieren ist. Sie gilt als eine „einzigartige Möglichkeit bewegungstherapeutischer Intervention“ (H. Riesser, 1996, S.8). Einzigartig und von anderen krankengymnastischen
Behandlungsmethoden
auch aufgrund der psychischen Motivation des Patienten, ausgelöst durch den lebenden Übungspartner Pferd. Das Pferd hat besonders gegenüber Kindern und Jugendlichen einen hohen
Aufforderungscharakter (s. dazu Kapitel 2.1.2). Kinder mit cerebraler Bewegungsstörung, die seit frühester Kindheit einer oft als lästig und schmerzhaft empfundenen Krankengymnastik unterzogen wurden, erleiden häufig mit der Zeit eine sogenannte „Mattenmüdigkeit“. Sie werden der Behandlung, die sie oft in vielfältiger Weise einschränkt und vor allem als kranker zu therapierender Mensch „abstempelt“, überdrüssig (vgl. C. Klüwer, 1995 /1997). Da der Erfolg einer Behandlung aber im starken Maße von der Motivation des Patienten abhängt, empfiehlt sich hier oft Hippotherapie als motivationsfördernde und ergänzende Maßnahme zur
konventionellen Krankengymnastik.
2.2 Das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren -Ganzheitliche Förderung von Kindern und Jugendlichen
Die grundlegenden Wirkungsweisen der Hippotherapie greifen ebenso beim Heilpädagogischen Reiten/Voltigieren (im weiteren HPR/V). Der Übungspartner Pferd kommt hier in gleicher Weise im sensomotorischen Bereich und im motivierendem Maße zum Einsatz, wie bei der rein krankengymnastischen Behandlung. Im Gegensatz zur körperlich orientierten Hippotherapie meint das HPR/V jedoch Maßnahmen, die hauptsächlich in der Pädagogik, der Psychologie und bestimmten Bereichen der Psychiatrie Eingang finden. Unter dem Begriff ‘Heilpädagogisches Reiten und Voltigieren’ werden pädagogische, psychologische, psychotherapeutische, rehabilitative und soziointegrative Angebote mit Hilfe des Pferdes
zusammengefasst. Hierbei soll insbesondere die individuelle Förderung im Sinne einer positiven Beeinflussung der Entwicklung,
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des Befindens und des Verhaltens im Vordergrund stehen. Der Mensch wird hierbei ganzheitlich angesprochen; körperlich, geistig, emotional und sozial (vgl. M. Gäng, 1998a). Erfahrungen von Selbstwertgefühl und angemessener Selbsteinschätzung, Umgang mit Ängsten und Frustrationen und soziales Verhalten innerhalb einer Gruppe und gegenüber dem Lebewesen im Allgemeinen sollen, sowohl durch den Umgang mit dem Pferd als auch durch das Erleben in der Gruppe, vermittelt und gefestigt werden. Kinder/Jugendliche erlernen den Umgang mit Antipathien und Aggressionen und werden im Bereich der Konzentrationsfähigkeit geschult. Gruppen- und Einzelförderungen können sowohl reitend als auch voltigierend durchgeführt werden. Das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen Reiten und Voltigieren ist die Führung des Pferdes, die beim Voltigieren in der Hand des Longenführers (Pädagogen) bleibt, beim Reiten aber in der Einwirkung des Reiters (Klienten) liegt. Übergangsformen sind z.B. Sitz-Voltigierübungen auf dem geführten Pferd, Handpferdereiten u.ä.. Unter heilpädagogischem Voltigieren (im weiteren: HPV) versteht man selbsterfahrungsrelevante, turnerische, psychomotorische Übungen auf dem ungesattelten zumeist mit einem sogenannten Voltigiergurt (mit Haltegriffen für das Kind) versehenen Pferd in den drei Gangarten Schritt, Trab und Galopp. Das Pferd wird dabei von dem in der Mitte eines Zirkels stehenden Voltigierpädagogen an der Longe (lange Leine) auf der Zirkellinie geführt bzw. gelenkt. Das heilpädagogische Reiten (im weiteren: HPR) hingegen ist die selbstständige Einflussnahme auf ein gesatteltes oder ungesatteltes Pferd unter Zuhilfenahme adäquater Einwirkungsmöglichkeiten (Zügel und Hilfen vom Reiter durch körperliche und materielle Signale) mit dem Ziel der selbstgeführten Fortbewegung von Reiter und Pferd, soweit dieses in den körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Reiters liegt. Unter Umständen bleibt das HPR auch auf der Ebene des Geführt-werdens auf dem Pferd. So können zunächst elementare Wirkungen vermittelt werden. Das bietet sich bei schwereren Beeinträchtigungen und auch bei Frühfördermassnahmen an.
Weitere
reichen bis in die erlebnispädagogische Dimension, z.B. Zirkusprojekte, Wanderritte, Ferienfreizeiten mit dem Pferd. Diese sind aufgrund ihres Projektcharakters an vorbereitende Förderung gebunden, bereichern aber die pädagogische Arbeit durch kreative Überschreitung des bereits Erlernten um eine sozio-emotionale Verdichtung der vielfältigen Möglichkeiten mit dem Pferd (vgl. M. 1997 2 ; Schulz,
M. Gäng, 2001). Zwar steht der Erwerb reiterlicher Kompetenz beim HPR/V eher im Hintergrund, doch wirkt er sich insbesondere bei Kindern /Jugendlichen durch das hohe Ansehen, welches der Reitsport in Gesellschaft, Familie und besonders im Freundeskreis genießt, oft stark motivierend aus und beeinflusst dadurch die Therapie positiv. Auf die spezielle Wirkung des „Mediums“ Pferd und die Beziehung zwischen Therapeut, Klient und Pferd, Verfahrensweisen in Gruppen-und Einzelförderung und
zielorientierte Methoden, wird in folgenden Kapiteln ausführlich eingegangen.
2.3 Reiten als Sport für Behinderte - Integrative Freizeitgestaltung und Leistungssport
Beim dritten großen Bereich des Therapeutischen Reitens, dem Reiten als Sport für Behinderte, handelt es sich um eine Sportart, die nicht nur sowohl von Menschen mit als auch ohne Behinderung sondern vor allem auch von beiden Gruppen gemeinsam ausgeübt werden kann (vgl. M. Gäng, 1998a). Im Gegensatz zur Hippotherapie als physiotherapeutische Einzelbehandlung auf dem Pferd im Schritt, ist bei der sportlichen Auseinandersetzung mit dem Pferd selbstständiger aktiver körperlicher Einsatz, je nach grad der Behinderung, in allen drei Gangarten möglich (vgl. S. Fieger, 1998). Reiten und/oder Fahren als Sport ist problemlos von Menschen mit körperlichen sowie geistigen Defiziten zu erlernen und wird von ihnen
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in gleicher Weise als befriedigende, erfüllende,
sportliche Freizeitgestaltung erlebt, wie von ihren nichtbehinderten Reitkollegen. Zusätzlich zur Möglichkeit soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, die sich ja bei allen sportlichen Aktivitäten bietet, schafft das Pferd hier einen Ausgleich zur behinderungsbedingten Bewegungsarmut. Auf dem Pferd sitzend überwindet der Rollstuhlfahrer, die ihm sonst zuteil werdende „Froschperspektive“ und erlebt ungehinderte Bewegungsfreiheit auf „vier gesunden Beinen“. Dies bietet ihm zumindest für den Zeitraum des Reitens die Möglichkeit die Behinderung zu vergessen oder zu überwinden und führt so zu psychischer und physischer Entspanntheit. Mit speziellen Hilfsmitteln und besonders geschulten Pferden ist der Reitsport auch Schwerstbehinderten zugänglich. Durch den Einsatz akustischer und /oder optischer Hilfen, das Anbringen eines „Lifters“ oder von Rampen und Treppen in der Reithalle als Aufstiegshilfe, speziell umgebauter Reitausrüstung oder durch den Fahrsport bietet sich fast jedem Menschen, unabhängig vom Grad der Behinderung, die Möglichkeit das Getragenwerden auf dem Pferderücken zu erleben. Als Einstieg für das Reiten als Sport für Behinderte dient oftmals die Hippotherapie oder auch das HPR/V, wo der Reiter bereits Erfahrungen auf und mit dem Pferd sammeln konnte und diese dann im Reitsport zu optimieren lernt. Im Behindertenreiten als Leistungssport finden dann auch Wettkämpfe und Turniere statt (vgl. W. Kaune, 1995/97).
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3 PFERD - KIND - PÄDAGOGE: DIE PARTNER IM HEILPÄDAGOGISCHEN REITEN / VOLTIGIEREN
In folgendem Kapitel werden die Partner im HPR/V genauer betrachtet. Das „Medium“ Pferd erleichtert oft den Zugang besonders zu stark zurückhaltenden Menschen und wirkt gleichermaßen beruhigend auf sehr aktive, unruhige Menschen ein. Der korrekte Umgang mit dem Pferd und die Pflege des Tieres fördern die Teilnehmer des HPR/V nicht nur in der Bildung sozialer Kompetenzen durch das gemeinschaftliche Versorgen, Kümmern und
Auseinandersetzen mit dem artspezifischen Verhalten des Pferdes, sondern stärken auch das Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft emotionale Zuwendung zu geben und zu empfangen. So soll das artspezifische Verhalten des Pferdes und seine Beziehungsfähigkeit genauer betrachtet werden, um ein Verständnis zu entwickeln und die Möglichkeit zu schaffen, uns seine positiven Eigenschaften in der Arbeit mit dem Menschen nutzbar machen zu können. Ausserdem soll ein Einblick in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen und damit einhergehende problematische Entwicklungsverläufe
geschaffen werden. Des weiteren wird auf ein grundsätzliches, weit verbreitetes Handlungskonzept des HPR/V und die notwendigen Qualifikationen der Menschen verwiesen, die sich in pädagogischer und therapeutischer Weise unter Einbeziehung des „Mediums“ Pferd mit den Zielgruppen des HPR/V auseinandersetzen.
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3.1 Das Pferd - Symbolhaftigkeit und gemeinsame Entwicklungsgeschichte mit dem Menschen
„ Wäre [das Pferd] nützlich, aber plump, wie etwa das Schwein oder die Kuh, wüßten wir zwar seinen Gebrauchswert zu schätzen, doch wohl kaum sein erhabenes Wesen in Gedichten zu preisen. Das Geheimnis seiner Wirkung besteht darin, daß es sich für uns abschindet und dabei so edel wirkt. Trotz seines aristokratischen Auftretens ist es unser ergebenster Diener. Diese Mischung ist magisch: Wenn solch ein würdevolles Tier sich unserem Willen unterwirft, dann müssen wir in der Tat die Herren der Welt sein“ (Morris nach S. Kupper-Heilmann, 1999, S.25) Der Dienst, den das Pferd in der gemeinsamen
Entwicklungsgeschichte dem Menschen erbracht hat, kann vielleicht zum Verständnis der tiefen (emotionalen) Bindung des Menschen zum Pferd beitragen. Als Reit-, Last- und Zugtier half es der Menschheit große Entfernungen zu überwinden, diente als Schlachtross in unzähligen Kriegen, seine Kraft und Ausdauer wurden in der Jagd, in der Landwirtschaft und sogar im Bergbau genutzt und es fungierte als Statussymbol großer Herrscher. Auf die vielfältigen Arbeitsbereiche des Pferdes weisen die unzähligen Reitweisen des heutigen Freizeit- und Leistungssports hin, die alle auf dem ursprünglich militärischen (z.B. Wiener Hofreitschule) oder landwirtschaftlichen (z.B. Westernreitweise) Einsatz des Pferdes basieren. Obwohl das Pferd heute kaum noch wirklich überlebenstechnisch nutzbare Funktionen für den Menschen hat, erfreut es sich großer Beliebtheit und genießt in unserer Welt eine enorm hohe Präsenz und ein nicht minder hohes Ansehen. Es scheint eine tiefe Verbindung zum Wesen Pferd zu bestehen, ein Phänomen das trotz Technisierung und Abwendung von der Natur weiter bestand hat. Es kann uns zurückführen, zu „maß- und taktvoller Beweglichkeit“, uns helfen den Rhythmus im Einklang mit uns selbst wiederzufinden (vgl. I.-M. Pietrzak, 2001). Von den bereits
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erwähnten physisch -therapieunterstützenden
Aspekten abgesehen, übt das Pferd auf den Menschen auch eine starke psychische Wirkung aus und verfügt über Wesenszüge, die in positiver Weise in der Beziehung zum Klientel eingebracht werden können. In dem jahrhundertlangen Miteinander von Mensch und Pferd hat sich in den Köpfen der Menschen eine ausgeprägte Symbolhaftigkeit manifestiert. „Ein ganzes Kaleidoskop menschlicher Träume, Sehnsüchte und Ängste menschlichen Werdens und Vorgehens wird in der Pferdegestalt symbolisiert, ein Archetypus (griech. Urbild) wie C.G. Jung es beschreibt, der im kollektiven Unbewußten der Menschheit fest verankert ist.“ (I.M. Pietrzak, 2001, S.12). Das Pferd hat die Gabe in der Seele des Menschen Gefühle auszulösen, die tief aus dem Inneren des menschlichen Befindens stammen. „ (...) Daß das Pferd ein Gefühl der Freiheit und Lebendigkeit vermittelt und die Erlebnismöglichkeiten mit ihm oftmals in den Vordergrund gestellt werden, hat sicher neben den unmittelbaren Bewegungserfahrungen etwas mit der Übertragung bestimmter Vorstellungen und Phantasien auf das Pferd zu tun.“ (Deppisch nach S. Kupper-Heilmann, 1999 S.25). Auch M. Scheidhacker stützt sich auf Jung’ s Ausführungen archetypischer Symbole , als „ererbte Disposition zu bestimmten Gedankengängen, Vorstellungen und Handlungsbereitschaften ,(...). Sie werden im kollektiven Unbewussten jedes einzelnen aufbewahrt und beeinflussen von dort aus Träume, Denken und Handeln.“ (M. Scheidhacker, 1995, S.43). Nach Scheidhackers Beobachtungen kann das Pferd symbolhaft für diese archetypischen Urbilder erlebt werden, so dass mit dem Pferd das persönliche und das kollektive Unbewusste in das therapeutische Geschehen tritt und damit eine tiefere Schicht mobilisiert als die rein bewusst reflektierte Beziehungsebene. So kann zusätzlich zur Beziehungsarbeit auch Bewusstes und Unbewusstes entdeckt und integriert werden (vgl. M. Scheidhacker, 1995).
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3.1.1 Verhaltensspezifische Eigenschaften und
Beziehungsfähigkeit des Pferdes
Ausgehend von einer gesunden psychischen Stabilität kann gesagt werden, dass ein Pferd einfühlsam und rücksichtsvoll ist. So wird es z.B. niemals auf ein am Boden liegendes Geschöpf treten und stehen bleiben, wenn das reitende Kind droht vom Rücken zu rutschen oder die Körperhaltung so verändern, dass das Kind wieder Halt bekommt. Diese Eigenschaft des sogenannten „unters Gewicht treten“ machen sich z.B. Dressurreiter zu nutzen, denen es gelingt durch minimale Gewichtsverlagerung ein Seitwärtsschreiten des Tieres zu erreichen (vgl. C. Klüwer, 1995/1997). Pferde reagieren artgerecht - nicht menschlich, d.h. sie können sich nicht verstellen, sich nicht rächen und nicht strafen, sie sind i.d.R. gutmütig veranlagt und offen gegenüber jedem Menschen, dieses wirkt besonders auf verhaltensbeeinträchtigte Kinder, die so erfahren, dass ihr abweichendes Verhalten nicht unbedingt und nicht unmittelbar aggressive Reaktionen hervorruft. Auf falsche Behandlung reagiert ein Pferd nicht nachtragend oder rachsüchtig, sondern immer artspezifisch. Das feine Gespür für Stimme und Stimmung, die Fähigkeit Angst, Unruhe und Ungeduld ausdrücken zu können, die sich oft aus der Gruppe oder vom Reiter aufs Pferd überträgt , lässt das Pferd zum „Spiegelbild“ der eigenen Empfindung werden. Pferde sind in ihrem Verhalten weitgehend konstant, also verlässlich und somit in Erziehungsprozesse einplanbar, d.h. wenn man ein Pferd gut kennt, mit ihm vertraut ist, kann man seine Verhaltensweisen voraus sagen, es unter Berücksichtigung seiner individuellen Fähigkeiten und Charakterzüge entsprechend den geforderten
Leistungsansprüchen ganz speziell in der Arbeit mit Kindern einsetzen (vgl. M. Gäng 1998a).
Das Pferd verfügt über eine fein ausdifferenzierte Wahrnehmung. Sowohl Gesichts- und Hörsinn, als auch der Geruchs- und Tastsinn sind bei dem Flucht- und Herdentier sehr fein ausgeprägt. Die
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Anordnung der Augen ermöglichen dem Pferd nahezu eine „Rundumsicht“, die Beweglichkeit der Ohren erlaubt ein Ausrichten auf jegliche Geräuschquellen. Die Hautoberfläche ist sehr empfindlich gegenüber Reizen, wodurch die Fellpflege - egal ob von Mensch oder Artgenosse- sehr intensiv wahrgenommen wird. In Haltung, Bewegung, Lautäußerung wie Wiehern und Schnauben und in der Mimik vermag das Pferd seiner momentanen Verfassung Ausdruck zu verleihen. Durch das Spiel der Ohren, der Haltung des Halses, dem Ausdruck der Augen und der Bewegung des Schweifes lässt es seine Empfindungen erkennen (vgl. C. Heipertz-Hengst, 1977). Die Pferdeherde ist ein soziales Gefüge mit klaren Verhaltensregeln im Umgang miteinander. „Nach seiner Herkunft ist das Pferd ein in sozialen Gruppen lebendes Tier der Savanne, d.h. der Wald- oder Parksteppe, und auf gegenseitige Hilfe im Familienverband angewiesen.“ ( W. Blendinger, 1988, S.81) Wird die Gemeinschaft bedroht, schließen sich die Pferde innerhalb der Herde optimal zusammen, so dass die Schwächsten in der Mitte geschützt und die Stärksten zur Verteidigung außen angeordnet sind. Das ist nur dann möglich, wenn die Rangordnung streng eingehalten wird, wobei sich diese nicht nach der Stärke der Tiere, sondern nach deren Überlegenheit, der Fähigkeit im Sinne der Gemeinschaft für die Gruppe überlebenswichtige Entscheidungen zu treffen, zu richten scheint. Es steht nach allgemeiner Anschauung fest, dass das Pferd ein Tier sozialer Geselligkeit ist und seine sozialen Verbände in etwa denen unseres Familienkreises entsprechen (vgl. W. Blendinger, 1988; M. Geitner, 2002). Zwischen Mensch und Pferd können Beziehungen und Bindungen ähnlich einer rein
zwischenmenschlichen Beziehung entstehen. Oft wird das Pferd als Partner, Freund, Kumpel bezeichnet und in seinem Dasein gleichwertig, wenn nicht sogar höherwertig, im Verhältnis zu einer menschlichen Verbindung eingestuft. Antonius Kröger befasste sich eingehend mit der Frage, ob es eine Partnerschaft mit dem Pferd überhaupt geben kann (vgl. A. Kröger, 2000). Als befürwortende Argumente sieht Kröger, dass Leistungswilligkeit und Fähigkeit des Pferdes in gleicher Weise von den ständig variierenden Wirkfaktoren
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aus der Umwelt beeinflusst werden wie beim Menschen, Pferd und Mensch also gleichermaßen davon betroffen sind. Pferde verfügen außerdem - wie der Mensch - in Interieur und Exterieur über ganz individuelle Leistungspotenziale. Sie besitzen ein enormes Erinnerungs- und Lernvermögen und können innerhalb einer Aufgabenbewältigung bei ungestörtem Beziehungsdialog kooperativ sein; das Tier arbeitet und denkt dann regelrecht mit, es ist in der Lage, unbeabsichtigte Fehler des Menschen von mutwilligen Aktionen gegen sich zu unterscheiden, durch sein Verhalten kann es dann Problemsituationen oft im Sinne echter Partnerschaft lösen. Durch das gezielte entweder partnerschaftliche oder aber auch teamfeindliche Einsetzen seiner Kraft kann es punktgenau einen anbahnenden Bruch in der Partnerschaft anzeigen und Spannungen bewusst werden lassen. Es akzeptiert den Menschen als dominantes Element in der Partnerschaft, solange dieser seine Stellung nicht missbraucht. Die Fähigkeit des Pferdes Zuneigung ausdrücken zu können, spricht die emotionale Ebene des Menschen an und kann eine Basis für Bindungsfähigkeit und neuen Vertrauenserwerb sein. Gegen eine wahre Partnerschaft von Mensch und Pferd spricht jedoch, dass das Pferd, selbst wenn es sich mitzuteilen versteht, in keine echte Diskussion mit seinem Partner treten kann . Es hat kein Mitbestimmungsrecht bei der Planung neuer Durchführungen und ist innerhalb dieser auf die Führung des Menschen angewiesen, so dass das Leistungspotenzial immer abhängig ist von den Fähigkeiten des Reitpädagogen (vgl. A. Kröger, 2000). Das Pferd ist durch seine Domestizierung vollkommen auf den Menschen angewiesen und ihm völlig ausgeliefert. Es herrscht also eine Situation vor, in der einer der Partner von vorneherein als Unterlegener (Pferd) und der andere als Dominanzinhaber (Mensch) festgelegt ist. Das entspricht zwar dem Sozialverhalten des Pferdes innerhalb der Herde, es liegt aber in der Hand des Menschen hieraus eine vertrauensvolle Basis für ein harmonisches, gegenseitig unterstützendes Miteinander zu schaffen (vgl. A. Kröger, 2000; W. Blendinger, 1988; M. Geitner, 2002). Scheidhacker ist der Meinung,
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dass die therapeutisch wichtigen Faktoren gerade in der
Unfähigkeit des Pferdes zur verbalen Kommunikation liegen. Die analoge, nonverbale Kommunikation verhindert die Entstehung krankmachender Doppelbindungen (auch: „Double-bind“), d.h. Verwirrung durch widersprüchliche sprachliche und nichtsprachliche Signale, sowie paradoxer Inhalte, Lügen oder die Verteilung von Schuldgefühlen. „Das Pferd wird zu einem Beziehungsobjekt, das durch sein unmittelbares Reagieren rückhaltlos echt bleibt. Der psychisch kranke Mensch, der innerlich gespalten ist und gelernt hat, ambivalent und misstrauisch auf Beziehungen zuzugehen, kann in der Begegnung mit dem Tier eine heilsame Gradlinigkeit und Eindeutigkeit erfahren“ (M. Scheidhacker, 1995, S.44). Das Pferd wird niemals mit sekundärnarzisstischen Reaktionen drohen, die gerade von verhaltensschwierigen Kindern/Jugendlichen als besonders verletzend empfunden werden, so dass aggressive oder resignierende Verhaltensweisen schon vorbeugend gegen ein Objekt gerichtet werden. Auf der anderen Seite „verlangt“ das Pferd gleiches eindeutiges und aufrichtiges Verhalten im Umgang mit sich selbst. „Das Pferd erlaubt keine Fassade, kein Double-bind im sozialen Umgang, es fordert eine klare Aufrichtung, runden Energiefluß, kreatürliche Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Und das heilt.“ (Steinborn/Wecker nach M. Schulz 1997 1 , S.18). Das Kind/der Jugendliche lernt also im Umgang mit dem Pferd sein Verhalten entsprechend anzupassen, da es/er sonst auf Abwehrreaktionen stoßen würde, wobei ihm jedoch deutlich wird, dass sich die abwehrenden Reaktionen nicht auf emotionalergenerell abneigender - Basis befinden. Das Pferd ist kein menschliches Wesen, so kann es sich weder denkend etwas bewusst machen noch sprachlich kommunizieren, dennoch sind Erlebnis- und Beziehungsfähigkeit mitunter menschgleich differenziert und entwickelt. „ Wenn Mensch und Pferd seit Jahrtausenden eng zusammenwirken, dann ist dafür deren ähnlich ausgeprägte Individualität auf der Beziehungsebene verantwortlich.“ (Blendinger nach J. Voßberg, 1998, S.167). Das
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Pferd, so Voßberg, fordere den Menschen „aufgrund seiner
mannigfacher individueller Körper- und Verhaltenssignale emotionalen Ursprungs“ zu zwischenmenschlich-ähnlichen
Beziehungen geradezu heraus. Das emotionale Erleben lässt sich beim Pferd - ebenso wie beim Kleinkind- weitestgehend am Ausdruck und Verhalten des Körpers ablesen und wird dabei nicht durch „zwischengeschaltete Denkvorgänge abgeändert, verfälscht oder sogar doppeldeutig.“ (J. Voßberg, 1998, S. 168). So werden bei richtiger Auswahl, Haltung, Ausbildung und Training sich die emotionalen Beziehungsinhalte in Ausdruck und Verhalten in unverfälschter Eindeutigkeit als Zuwendungen oder Abgrenzungen widerspiegeln. Zuwendungen entsprechen menschlichen
Beziehungsinhalten wie Akzeptanz, Anerkennung, Wertschätzung, Zugehörigkeit und werden über Blickkontakt, Körperkontakt, Wärme, Dienstbereitschaft und Hilfsbedürftigkeit vermittelt. Ein Pferd schaut dem sich Nähernden entgegen, kommt auf ihn zu oder erwartet ihn. Dadurch vermittelt es ein Beziehungssignal des persönlich Angesprochenfühlens (Zuwendung). Beim „Prüfen“ des Menschen mit den Nüstern und dem „Kopf reiben“ an dessen Körper besteht ein direkter Körperkontakt, auch durch das sich-Berühren-lassen und im Tragen des Reiters wird Zuwendung deutlich. Körperkontakt und Berührungen sind die ursprünglichste Form der sozialen Kommunikation. Fell, Mähne und Schweif des Pferdes suggerieren Wärme als Beziehungsinhalt. Das Kind erfährt das „Mähnekraueln“ als emotionales Erlebnis über eine tatsächlich vom Körper unmittelbar ausgestrahlte Wärme (vgl. J. Voßberg, 1998). Das Pferd verkörpert die Verbindung von hoher Dienstbereitschaft und unmittelbarer Hilfsbedürftigkeit. Der das Pferd versorgende Mensch wird von diesem erwartet und empfindet so vom Pferd her auf der Beziehungsebene Zuwendung. „Sich helfen zu lassen ist nicht für jeden Menschen selbstverständlich. Wenn ein Mensch einem anderem helfen darf, dann erlebt der Helfende diese Bereitschaft als Zuwendung.“ (J. Voßberg, 1998, S.169). Ein weitere
Beziehungsaspekt ist der, der angemessenen Abgrenzung, die die Eigenständigkeit eines Individuums erkennen lässt, mit dem es sich
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lohnt eine Beziehung einzugehen. Die Beziehung zu
einem Partner ohne Abgrenzungen ist einseitig und festgefahren, weil der eine Partner die Beziehungsinhalte bestimmt und der andere sich in Abhängigkeit anpasst (vgl. J. Voßberg, 1998). Die Abgrenzung des Pferdes in der Beziehung tritt rein optisch in seiner Grösse in Erscheinung, die es als nicht unterwürfiges Lebewesen einschätzen lässt, das nicht alles zulassen wird, sondern zur Auseinandersetzung im positiven, produktivem Sinn auffordert, denn seine beachtliche Grösse und sein eindrucksvolles Verhalten wecken zwar Respekt aber zugleich lässt das Tier auch Vertrauen entstehen. Die Abgrenzung spiegelt sich im Verhalten des Pferdes in Abwenden (Desinteresse am Menschen signalisiert durch Kopf abwenden, Hinterteil zudrehen oder Flucht), Widerstand (Reaktion in Form von Verweigern, Wehren oder Angriff auf erzwungene
Beziehungsanbahnung des Menschen durch nahe Einwirkung) und Scheuen (als ursprünglichste Reaktion des Pferdes bei Angst, Ausweichen unter Einsatz aller Kräfte). Gerade das Scheuen kann beim Menschen unterschiedlichste Emotionen auslösen, wie Angst, Respekt bis hin zu Ärger und Wut und Panik oder Abkehr. Die Eindeutigkeit in der Mitteilung des Pferdes auf der Beziehungsebene basiert darauf, dass „dessen emotionale Empfindungen direkt an seinem Körper, an dessen Verhalten und Bewegungen, ablesbar sind.“ (J. Voßberg, 1998, S. 170). Der Eindeutigkeit entsprechen menschliche Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Unmittelbarkeit, Unverstelltheit, Unverfälschtheit, Echtheit und Zuverlässigkeit. Das Pferd verfügt über eine reichhaltige, „optische Sprache, die von relativ groben, weithin sichtbaren Signalen bis hin zu sehr feinen, vom Menschen nur teilweise wahrgenommenen Gesichtsveränderungen abgestuft ist. Wenn ihnen auch das Stirnrunzeln als ein wesentliches (...) Ausdrucksmoment fehlt, sind die mimischen Möglichkeiten der Ohren und die Maul- Nüstern Partie (....) aussagekräftig genug.“ (M. Schäfer, 1986). Es liegt hier bei dem Pädagogen die differenzierten Körpersignale zu interpretieren, und sie korrekt und verständlich zu vermitteln. (vgl. J. Voßberg, 1998).
Arbeit zitieren:
Janina Steen, 2002, Das Pferd als Co-Therapeut in der sozialen Arbeit - Methoden, Finanzierung, Grenzen und Perspektiven des Therapeutischen Reitens, München, GRIN Verlag GmbH
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