Inhaltsverzeichnis
I POPULARITÄT UND RELEVANZ DER GOTTESBEWEISE. 1
II GESCHICHTE DER GOTTESBEWEISE SEIT ANSELM VON CANTERBURY. 4
1 Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury. 4
2 Reaktionen auf Anselms Beweis und Gegenentwürfe. 6
2.1 Überblick und Vorgehensweise. 5
2.2 Entwürfe, die Anselms Beweis befürworten und ggf. ergänzen. 8
2.2.1 René Descartes. 8
2.2.2 Gottfried Wilhelm Leibniz. 10
2.2.2.1 Kosmologischer Gottesbeweis in Anlehnung an den christlichen Platonismus. 10
2.2.2.2 Kontingenzbeweis mit Hilfe des Satzes vom unzureichenden Grunde. 11
2.2.2.3 Gottesbeweis auf Basis der monadologisch interpretierten Wirklichkeit. 11
2.2.3 Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 12
2.2.3.1 Kritik am kosmologischen und am physikotheologischen Gottesbeweis. 15
2.2.3.2 Würdigung des anselmschen Beweises. 17
2.2.4 Karl Barth. 18
2.2.5 Charles Hartshorne. 21
2.3 Kritik und Gegenentwürfe. 23
2.3.1 Gaunilo und der nominalistische Einwand. 23
2.3.2 Thomas von Aquin. 24
2.3.2.1 Doppelter Einwand gegen Anselms ontologischen Gottesbeweis. 24
2.3.2.2 Fünf Wege, auf denen Gott bewiesen werden kann. 25
2.3.3 Immanuel Kant. 28
2.3.3.1 Die radikale Trennung von Glauben und Wissen und die damit verbundene Ablehnung der
Gottesbeweise. 28
2.3.3.2 Das Postulat Gottes mit Hilfe der Moralphilosophie. 33
2.3.4 Richard Swinburne. 34
2.3.5 Robert Meyer. 38
2.3.6 Werner Gitt. 39
2.3.7 Michael Drosnin. 40
2.4 Gottesbeweise ablehnende Positionen. 43
2.4.1 Johannes Calvin. 43
2.4.2 Blaise Pascal. 44
2.4.3 Baruch de Spinoza. 46
2.4.4 Johann Gottlieb Fichte. 46
2.4.5 Ludwig Wittgenstein. 48
2.4.6 Kritische Beurteilung der alternativen Entwürfe. 49
2.4.6.1 Kritik an René Descartes Gottesbeweis aus der Vorstellung von Gott. 49
2.4.6.2 Kritik an den leibnizschen Gottesbeweisen. 50
2.4.6.3 Kritik an Hegels Konzept der denkenden Erhebung zu Gott. 51
2.4.6.4 Kritik an Thomas von Aquins Aussagen über die Beweisbarkeit Gottes. 51
2.4.6.5 Kritik an Swinburnes kumulativer Argumentation. 53
2.4.6.6 Kritik an den beiden modernen Entwürfen von Meyer und Gitt. 53
III STÄRKE UND RECHT DES ANSELMSCHEN GOTTESBEWEISES. 55
1 Zweck und Kontext des anselmschen Beweises. 55
2 Stärken des anselmschen Gottesbeweises. 58
3 Fazit: Der ontologische Gottesbeweis - auch heute noch unverzichtbar für
Theologie und Kirche. 60
Anhang
Veranschaulichungen................................................................................................................................ i
Literaturverzeichnis vi
1
I POPULARITÄT UND RELEVANZ DER GOTTESBEWEISE
„Gott? Wurde er nicht von Marx aus dem Himmel verjagt, von Freud ins Unbewusste verbannt und von Nietzsche als tot erklärt?“ 1 Diese Frage, mit der ein Autor des Time Magazines im Jahre 1980 einen Artikel über moderne Gottesbeweise einleitete, fasst drei der modernen religionskritischen Strömungen, mit denen Christinnen und Christen in der heutigen Zeit konfrontiert werden, treffend in einem Satz zusammen und deutet an, dass Gläubige oft in die Defensive gedrängt werden. Die Gesellschaft, in der wir leben, zeichnet sich aus durch einen Pluralismus der Religionen und Weltanschauungen. Dies ist zum einen Folge der innerhalb der letzten 150 Jahre enorm gewachsenen Mobilität der Menschen, die es ermöglicht sich durch Migration in bessere soziale und wirtschaftliche Verhältnisse zu bringen oder durch Reisen seinen Horizont zu erweitern. Zum anderen haben es moderne Kommunikationsmittel ermöglicht, die einzelnen Teile der Welt eng miteinander zu vernetzen und einen regen Informationsaustausch zu schaffen. So treffen im „Global village“ 2 die verschiedensten Kulturen, Traditionen und Weltanschauungen aufeinander, so dass aus großen räumliche Distanzen schon lange nicht mehr Fremdheit resultiert. Fortschrittliche Verfassungen ermöglichen es den Bürgern in vielen Staaten, ihre Religion bzw. die Muster, in denen sie die Welt interpretieren, frei zu wählen, ihre Ansichten uneingeschränkt zu artikulieren und ihren Überzeugungen entsprechend zu leben. Die modernen Naturwissenschaften eröffnen durch einen rasant wachsenden Wissensfundus dem Menschen die Möglichkeit, die Welt, in der er lebt, immer mehr zu gestalten und so seine Lebensbedingungen und seinen Lebensraum zu verändern. In vielen Bereichen kann der Erdenbewohner aufgrund seiner umfangreichen Kenntnisse autonom handeln, so dass es immer weniger Phänomene gibt, für deren Erklärung man die Instanz „Gott“ heranziehen muss: „Es ist nicht zu leugnen, dass mit dem Anwachsen des Feldes des Wissens die Domäne des Glaubens abnimmt.“ 3 So wurde der Zuständigkeitsbereich religiöser Aussagen mehr und mehr eingeengt und die Naturwissenschaften entwickelten im Laufe der Zeit ein eigenes Weltbild. Dieses kommt ebenso wie eine Reihe der nach der Aufklärung entstandenen
S. 48.
2
philosophischen Entwürfe ohne Gott aus oder proklamiert, Gott sei ein vom menschlichen Verstand zum Zwecke der Kontingenzbewältigung geschaffenes Postulat. So wie es in vergangenen Zeiten selbstverständlich war, an Gottes Existenz und seine Allmacht zu glauben, ist es heute legitim oder mancherorts en vogue, Gottes Existenz zu bezweifeln. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen heute religiösen Fragen gleichgültig gegenüber stehen oder ihre religiösen Bedürfnisse mit Hilfe anderer nicht konventioneller Religionen bedienen. „ Ständisch geprägte Sozialmilieus und klassenkulturelle Lebensformen verblassen. Es entstehen der Tendenz nach individualisierte Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu zwingen, sich selbst (...) zum Zentrum ihrer eigenen Lebensplanungen und Lebensführung zu machen.“ 4 Mit diesem Individualisierungsprozess geht die Möglichkeit verloren, bestimmte Denk- und Handlungsmuster damit zu erklären, dass man einer bestimmten Gruppe oder Tradition angehört. Persönliche Begründungen für den eigenen Glauben sind gefragt, doch diese überfordern viele Menschen angesichts der zahlreichen auf sie einstürzenden kritischen Argumente, so dass sie ihren Glauben in einem möglichst geringen Maße öffentlich zur Schau tragen. Die Säkularisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass der gesellschaftliche Einfluss der Kirchen stark abgenommen hat, die christliche Position in politischen Debatten immer schwächer beachtet und als eine neben zahlreichen anderen Positionen verstanden wird. So wird in unseren pluralistischen Gesellschaften Christsein nur noch als private Entscheidung angesehen. „Wo aber Christsein auf eine private Entscheidung reduziert wird, haben Christen keine Basis mehr, die Gesellschaft zum Beispiel in ethischen Fragen auf Gottes Ordnung hinzuweisen.“ 5 Es stellt sich aus kirchlicher Sicht also die Frage, wie man das Fortschreiten des Autoritätsverlustes der Kirche einschränken und die Relevanz der eigenen Position für die Gesellschaft begründen kann, wie man es legitimieren kann, in einer vielstimmigen Zeit von Gott zu reden. 6 Heutzutage sind bei Gläubigen apologetische Fähigkeiten sehr gefragt. Dieses gestiegene Bedürfnis nach Apologetik führte in den letzten dreißig Jahren vor allem im angelsächsischen Raum zu einer Renaissance der Gottesbeweise. Diese Beobachtungen und die
3
Tatsache, dass ich mich in meinem gemeindlichen Alltag immer häufiger mit der Frage nach Gottes Existenz konfrontiert sah, veranlassten mich zu einer intensiven Beschäftigung mit einzelnen Gottesbeweisen, deren Ergebnisse in dieser Arbeit dargelegt werden sollen.
die Kirche dadurch, dass sie in einer vielstimmigen Zeit von Gott redet.“.
4
II GESCHICHTE DER GOTTESBEWEISE SEIT ANSELM VON CANTERBURY
1 Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury (1033 bis 1109) als erster vollständiger christlicher Gottesbeweis Am Beginn der Untersuchungen stand der Gottesbeweis des Benediktinermönches Anselm, des späteren Erzbischofes von Canterbury, bei dem es sich um den ersten vollständigen, christlichen Gottesbeweis handelt. 7 In seinem Werk Proslogion leitet Anselm den Beweis für Gottes Existenz aus dessen Dasein her, weshalb dieser Gottesbeweis seit Kant 8 auch die Bezeichnung ontologischer Gottesbeweis trägt. Anselm geht davon aus, dass sich jeder Mensch unabhängig davon, ob es sich um einen Gläubigen handelt oder nicht, ein Wesen mit göttlichen Eigenschaften denken kann. Da der Begriff „Gott“ im Denken eines jeden Menschen vorhanden ist, also jeder Mensch begreift, was dieser meint, kann mit seiner Hilfe ein allgemeingültiger Beweis entwickelt werden. Charakteristisch für dieses in unserem Verstand existierende mit dem Namen „Gott“ bezeichnete Wesen ist, dass man sich kein Wesen erdenken kann, welches größer als dieses gedachte Wesen ist. So kann Anselm den Namen Gott auch durch die Worte „aliquid quo nihil maj us cogitari possit“ 9 ersetzen. Nun könnte aber der Ungläubige den Einwand erheben, dieser Gott existiere lediglich in unseren Gedanken und nicht in der Wirklichkeit. Wenn Gott aber nur in unserem Verstand und nicht auch in der Wirklichkeit existierte, so ließe sich ein größeres Wesen denken, nämlich der Gott, der in unserem Verstand und in der Wirklichkeit existiert. Die Existenz dieses Wesens stünde jedoch im Widerspruch zu dem in unserem Verstand existierenden Gottesbegriff, dem zufolge Gott „etwas, über dem nichts größeres gedacht werden kann“ 10 ist. Wenn das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, im Verstande allein ist, dann ist es etwas, über das hinaus Größeres gedacht werden kann. Somit würde sich unser Verstand bei dieser Annahme selbst widersprechen. Anselm beweist also Gottes Existenz,
seinerzeit gängigen Grundarten von Gottesbeweisen dar, ordnete ihnen Namen zu und widerlegte sie. Seitdem sind die Bezeichnungen physikotheologischer Beweis, kosmologischer Beweis und ontologischer Beweis üblich und in der Wissenschaft weithin gebräuchlich (Vgl. Kant, Immanuel, Kritik der reinen Vernunft, S. 626!). So werden sie neben gängigen alternativen Bezeichnungen auch in dieser Arbeit verwendet.
5
„indem er einen Namen Gottes voraussetzt, aus dessen Verständnis
sich ergibt, dass die Aussage <
denkbar sein, so ist Gott unmöglich als bloßer Gedanke, ohne Existenz in re vorstellbar.“.
6
2 Reaktionen auf Anselms Beweis und Gegenentwürfe
2.1 Überblick und Vorgehensweise
Anselms Ansatz ist von so großer Genialität und erfreute sich einer derart hohen Popularität, dass er eine Reihe von Befürwortern fand. Andere Denker hat er herausgefordert, ihn zu falsifizieren oder alternative Beweise zu entwickeln. Die Reaktionen auf Anselms Beweis lassen sich 15 in drei Kategorien einteilen: 16 Zunächst werde ich mich (in 2.2) denjenigen Philosophen widmen, die Anselms Beweis zwar nicht ohne Einschränkungen befürworten, jedoch Modifikationen an ihm vornehmen und ihn so bestätigen. Eine zweite Gruppe bilden diejenigen, die Anselm ausdrücklich aufnehmen, ihn jedoch widerlegen und seinem Entwurf eigene Gottesbeweise entgegensetzen (Siehe 2.3!). Ebenfalls zu dieser Gruppe zähle ich Denker, die ohne Bezugnahme auf Anselm eigene Beweise entwickeln. Eine dritte Gruppe (Siehe 2.4!) lehnt Gottesbeweise aus Gründen, die noch zu erläutern sind, ganz ab. Die Darstellung der Positionen innerhalb der einzelnen Gruppen wird sich im Mittelalter beginnend in chronologischer Reihenfolge vollziehen. Die einzelnen Entwürfe lassen sich hinsichtlich des in ihnen verwandten Beweisverfahrens und der Grundauffassung, aus der heraus sie entwickelt wurden, in sieben verschiedene Untergruppen 17 unterteilen:
• Der bereits in der Antike bei Aristoteles und Cicero 18 vorkommende kosmologische Beweis 19 basiert auf dem Kausalitätsprinzip. Es wird angenommen, jedes Dasein müsse eine Ursache haben. Wenn man die Kette dieser Ursachen in Gedanken zurückverfolgt, wird man an einen Punkt gelangen, für den keine weitere Wirkursache gedacht werden kann. Bei diesem Primum movens „aber stehen wir vor dem Dasein Gottes.“ 20 Es wird also vom Dasein der Dinge auf Gott geschlossen.
• Der ebenfalls bereits bei Cicero 21 zu findende teleologische bzw. physikotheologische Beweis 22 basiert auf einem Analogieschluss. Alle
ausspricht.
der Gestalt des Beweises, weithin im Altertum, besonders bei Cicero, dann auch sehr oft bei den Kirchenvätern (...); schon Tertullian ist Zeuge dafür, aber auch Augustin.“.
7
Vorgänge in der Welt sind zweckmäßig, d.h. sie sind auch, wenn sie von vernunftlosen Wesen durchführt werden, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet. „Wie wir da, wo wir im einzelnen Zweckmäßigkeit beobachten, auf einen Urheber schließen, so muss auch im Blick auf das Universum ein Urheber angenommen werden, da sich überall Zweckmäßigkeit konstatieren lässt.“ 23 Alle beobachtbaren Ereignisse geschehen also auf ein bestimmtes Ziel hin. Dieses Ziel muss einen Urheber haben. Dabei handelt es sich um Gott. Im physikotheologischen Beweis 24 wird vom Sosein der beobachtbaren Welt auf die Existenz eines höchsten Wesens geschlossen.
• Im Gegensatz zu diesen beiden ist der bereits dargestellte ontologische Beweis, der sich erstmalig bei Anselm findet, aufgrund seiner rein rationalistischen Vorgehensweise „unabhängig von allen Schwankungen der Welterfahrung“. 25
• Der vierte einzigartige moralische Beweis, für den sich auch die Bezeichnung „ ästhetischer Beweis“ findet, wurde von Immanuel Kant entwickelt, um dessen Sittenlehre zu legitimieren: Es muss einen Grund dafür geben, dass die Menschen auf eine bestimmte Weise handeln sollen, „es muss, wenn das sittliche Handeln und die Wirklic hkeit nicht hoffnungslos auseinander klaffen sollen, einen moralischen Welturheber geben...“ 26 .
• Der Gottesbeweis aus der allgemeinen Verbreitung des Gottesgedankens basiert auf der Beobachtung, dass nahezu alle Völker von der Existenz eines göttlichen Wesens ausgehen. Es wird für sehr unwahrscheinlich erachtet, dass eine Vorstellung, die so häufig und noch dazu in unterschiedlichen Kulturkreisen vorkommt, falsch sein kann. Diese Art des Beweises, die bereits in der Antike 27 zu finden war, wird als Beweis e consensu gentium 28 tituliert.
Diesen fünf dem Gottesgedanken gegenüber positiven Positionen stehen zwei negative gegenüber. Die Vertreter dieser Positionen lehnen Gottesbeweise ab:
von Lactantius vertreten wird, ist von der Scholastik wenig beachtet worden...“.
8
• Einige Philosophen verneinen zwar nicht die Existenz eines höchsten transzendenten Wesens, jedoch trennen sie so stark zwischen der Sphäre der menschlichen Sinne und des menschlichen Verstandes auf der einen und der übernatürlichen Sphäre auf der anderen Seite, dass sie Gott für nicht beweisbar halten. Den Grundstein zu dieser Geisteshaltung legte Immanuel Kant im Jahre 1781, als er mit seiner Kritik der reinen Vernunft das Ende des Zeitalters der rationalistischen Metaphysik einläutete.
• Die Angehörigen einer letzten Gruppe, an deren Spitze Friedrich Nietzsche steht, verneinen die Existenz Gottes, indem sie entweder proklamieren, die Zeit der Existenz Gottes sei beendet oder es habe noch nie einen Gott gegeben. Als Bezeichnung kann man die Termini Nihilismus bzw. Atheismus verwenden. Aus dieser Grundhaltung folgt, dass die Vertreter dieser Geisteshaltungen keine Gottesbeweise führen können. Daher wird in dieser Arbeit auf eine Darstellung dieser Entwürfe verzichtet.
2.2 Entwürfe, die Anselms Beweis befürworten und ggf. ergänzen 2.2.1 René Descartes (1596 bis 1650): Ein modifizierter ontologischer Gottesbeweis und der Gottesbeweis aus dem Begriff Gottes
In der fünften seiner Meditationen entwickelt der im Exil lebende französische Philosoph René Descartes einen ontologischen Gottesbeweis, mit dessen Hilfe er die Notwendigkeit der Existenz Gottes aus dessen Wesen heraus ableitet. Dabei geht er wie Anselm davon aus, dass in der menschlichen Vorstellung ein Wesen, dem man den Namen Gott gibt, existiert. Man stellt sich vor, dass es sich bei Gott um das vollkommenste Wesen handelt, das überhaupt denkbar ist. Wenn etwas vollkommen ist, also alle denkbaren Eigenschaften besitzt, muss es auch eine Existenz haben: „Genauso wie es der Natur des Dreiecks widerspräche, wenn die Winkelsumme nicht 180° betrüge, so widerspräche es einem in jeglicher Hinsicht vollkommenen Wesen (...), das Dasein nicht zu haben.“ 29 Somit kann man sich Gott nur als existierend denken, da das Dasein eine seiner Eigenschaften ist. 30
deutlich ein, daß zu seiner [= Gottes] wahren und unveränderlichen Natur gehört, dass er existiert.“.
9
Neben diesem Beweis, der mit wenigen Modifikationen dem Anselms entspricht 31 , kann Descartes Gottes Existenz auf eine weitere Art, nämlich aus der Vorstellung von Gott, beweisen. Basis dieser den kosmologischen Gottesbeweisen zuzurechnenden Argumentation ist die Beobachtung, dass sich im Denken der Menschen eine Vorstellung von Gott, die Descartes auch als „Idea dei“ bezeichnet, befindet. 32 Descartes Verständnis von Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass er im „radikalen Zweifel“ 33 zur Erklärung von Sachverhalten allein das menschliche Denken zulässt, er also weder Autoritäten noch Sinneswahrheiten, bei denen es sich ja um unbewusste Wahnvorstellungen oder Träume handeln könnte, oder Vernunftwahrheiten, die von einem „bösen Geist“ eingegeben sein könnten, für beweiskräftig erachtet. Dieser zur Erkenntnis der Wahrheit führende radikale Zweifel ist nur möglich, wenn sich der Mensch ein vollkommenes Wesen denken kann, denn „auf welche Weise könnte ich einsehen, dass ich zweifle (...), das heißt, dass mir etwas mangelt und dass ich nicht gänzlich vollkommen bin, wenn keine Vorstellung eines vollkommeneren Wesens in mir wäre, im Vergleich mit dem ich meine Mängel erkennte?“ 34 Nun wendet Descartes das Kausalitätsprinzip an und schlussfolgert, dass jeder Sachgehalt von etwas hervorgebracht sein muss, was mindestens das gleiche Maß an Sachgehalt enthält. Die Vorstellung eines vollkommenen, nicht der Endlichkeit unterworfenen Wesens kann also nicht vom Menschen, der sich täuschen lassen und nur eine begrenzte Zeit existieren kann und somit unvollkommen ist, selbst gebildet sein. Die Vorstellung eines unendlichen und vollkommenen Wesens muss von einem Wesen stammen, das wirklich unendlich und vollkommen ist, „die Vorstellung von Gott, die in uns ist, kann nur Gott selbst zur Ursache haben.“ 35 Die Tatsache, dass der Mensch eine Vorstellung von Gott hat, beweist also für Descartes, dass es Gott gibt.
Gedanken die Vorstellung eines höchst vollkommenen Wesens in mir ist.>>“ .
besonders interessant, weil Descartes radikal an allem zweifelt, um von einem <
10
2.2.2 Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)
Der Mathematiker und Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz unterscheidet vier Wege, auf denen Gott zu beweisen ist. Als ersten Weg erkennt er den Beweis Anselms an, indem er die kartesianische Version des ontologischen Gottesbeweises übernimmt. So ist Leibniz´ gesamter philosophischer Entwurf mit der Vorstellung eines Gottes vereinbar. Leibniz hält die Vernunft ebenso wie den Glauben für eine Gabe Gottes. Somit können Glaube und Vernunft nicht gegeneinander streiten. Der Glaube jedoch ist der Vernunft überzuordnen, da er mehr Phänomene erklären kann. Schließlich ist nicht alles, was im Glauben vorgegeben ist, mit der Vernunft begreifbar. So kann die menschliche Vernunft Gott nicht komplett fassen, denn „da Gott unendlich ist, kann er nicht ganz erkannt werden.“ 36
2.2.2.1 Kosmologischer Gottesbeweis in Anlehnung an den christlichen Platonismus
Leibniz geht in Anlehnung an Platons Ideenlehre davon aus, dass die in der Welt vorzufindenden Phänomene nicht von sich aus so sind, wie sie sich darstellen, sondern ihre Eigenschaften durch eine Reihe von
Möglichkeiten
festgelegt sind. Somit ist alles, was existiert, eine Verwirklichung von Möglichkeiten. Es gibt also Gesetze, die das Wesen der Dinge festlegen, denn die Eigenschaften der Dinge entstammen nicht dem Zufall. An dieser Stelle wendet Leibniz das
Kausalitätsprinzip
an: Diese Ideen können nicht von sich aus existieren, die Eigenschaften der Dinge also keine zufälligen Eigenschaften sein, sondern müssen einen Ursprung haben. „Als diesen sieht er den Verstand Gottes an, denn dieser <
11
2.2.2.2 Kontingenzbeweis mit Hilfe des Satzes vom unzureichenden Grunde
Neben diesen a priori geführten
Beweisen finden sich bei Leibniz zwei a posteriori geführte Beweise. Bei dem ersten von beiden handelt es sich um einen von der Zufälligkeit des Wirklichen ausgehenden Beweis. Leibniz wirft die Frage nach den Eigenschaften auf: Warum sind die Dinge, die wir in der Welt beobachten können, wie sie sind? Als Lösung für dieses Problem der Kontingenz führt Leibniz „ das für ihn zentrale
Prinzip des zureichenden Grundes
ein:
39
<
2.2.2.3 Gottesbeweis auf Basis der monadologisch interpretierten Wirklichkeit
Der zweite a posteriori geführte Beweis geht mit Hilfe von Leibniz´ Monadenlehre vor. Nach dieser besteht die Wirklichkeit aus einzelnen Kraftpunkten, den Monaden. Einer dieser metaphysischen Kraftpunkte ist beispielsweise der menschliche Geist. Die Monaden sind bipolar aufgebaut; die von ihnen ausgehende die Wirklichkeit konstituierende Kraft geht aus dem zwischen den beiden Polen
Vorstellung
und
Streben
entstehenden Kraftfeld hervor. Wenngleich die Monaden, indem sie gemeinsam eine Wirklichkeit bilden, gemeinsam wirken, sind sie doch gänzlich unabhängig von einander: „Jede Monade ist alles, was sie ist, aus sich selber heraus, so <
12
aus ihrem eigenen Urgrund erwachsen muß>> (...).“ 41 Es existiert nur eine einzige Wirklichkeit. Um dies zu ermöglichen, müssen die einzelnen Monaden miteinander harmonieren. Es bedarf also einer Abstimmung. Diese kann - wie eben ausgeführt - nicht aufgrund von Wechselwirkungen zwischen den Monaden geschehen, sondern muss aus dem Ursprung einer jeden Monade heraus geschehen. Es muss also einen Geist geben, der diese prästabilierte Harmonie 42 ermöglicht, der die Monaden von vornherein in dem Maße aufeinander abgestimmt hat, dass sie eine gemeinsame Welt bilden können. Bei diesem Geistwesen handelt es sich um Gott. 43
2.2.3 Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831): Gottesbeweise als denkende Erhebung zu Gott
Mit der Betrachtung der Religionsphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels bewegt man sich zeitlich bereits nach der durch Immanuel Kant vollzogenen radikalen Wende im Blick auf die Möglichkeit der spekulativen Metaphysik und damit der Gottesbeweise. Genaueres dazu kann weiter unten (Siehe 2.3.3!) nachgelesen werden. Die Folgen dieser Wende zeigen sich bis heute in der Theologie und der Religionsphilosophie. „D er Protestantismus hat überwiegend Kants Kritik der Gottesbeweise akzeptiert und sogar begrüßt.“ 44 Kant hatte der spekulativen Theologie den Wind aus den Segeln genommen, indem er plausibel dargelegt hatte, dass es nicht möglich sei, mit Hilfe des menschlichen Verstandes in den Bereich der Metaphysik, also der Domäne des Glaubens, vorzudringen. Die Folge war, dass die protestantischen Theologen seiner Zeit - so Hegel - davon überzeugt waren, „daß die Religion, daß Gott in dem Bewußtsein des Menschen unmittelbar geoffenbart sei, daß die Religion eben dies sei, daß der Mensch unmittelbar von Gott wisse.“ 45 Gott sollte also ganz in der menschlichen Subjektivität aufgehen und konnte so kein wirkliches Gegenüber mehr sein. Diese Beschränkung des Gottesgedankens auf ein religiöses Bewusstsein ist für Hegel problematisch, da so keine weitere
erklärt Leibniz aus der prästabilierten Harmonie.“.
S. 336.
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Hendrik Münz, 2003, Der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury und die Entwicklung der Gottesbeweise. Modifikationen und Alternativen, München, GRIN Verlag GmbH
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