

Maria Magdalena -
Aspekte der Interpretation
einer biblischen Gestalt im 20. Jahrhundert
Schriftliche Hausarbeit
vorgelegt im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt für die Sekundarstufe I
in evangelische Theologie
von
Manuela Gresselmeier
Extertal, den 15. Mai 2001
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 4
I Quellen für die Maria-Magdalena-Rezeption des 20. Jahrhunderts ... 6
I.1 Maria Magdalena im Neuen Testament ... 7
I.1.1 Bibelstellen zu Maria Magdalena ... 7
I.1.2 Eine Jüngerin aus Galiläa (Lk 8,1-3) ... 8
I.1.3 Eine Zeugin der Kreuzigung (Mk 15,40f; Mt 27,55f; Lk 23,49) ... 9
I.1.4 Maria Magdalena bei der Grablegung (Mk 15,42-47; Mt 27, 57-66; Lk 23,50-56) ... 10
I.1.5 Eine Zeugin der Auferstehung (Mk 16,1-8; Mt 28,1-15; Lk 24,1-12) ... 11
I.1.6 Die Johannes-Version ... 13
I.1.7 Der längere unechte Markus-Schluss (Mk 16,9-14) ... 14
I.1.8 Fazit und Ausblick auf die frühste Wirkungsgeschichte ... 15
I.2 Maria Magdalena in den gnostischen Schriften ... 16
I.2.1 Ein Beispiel: das Evangelium der Maria (EvMar) ... 17
I.2.2 Kritik an Maria Magdalena durch die Jünger ... 18
I.2.2 Maria Magdalena als hervorragende Jüngerin ... 19
I.2.3 Maria Magdalenas Beziehung zu Jesus ... 20
I.3 Von der biblischen zur kirchlichen Maria Magdalena ... 21
I.3.1 Die theologischen Deutungen ... 21
I.3.2 Das Magdalenenbild seit den Homilien von Papst Gregor dem Großen ... 22
I.3.4 Weitere Gleichsetzungen ... 25
I.3.5 Eine Biografie entsteht ... 25
I.3.6 Maria Magdalena als Patronin für bekehrte Prostituierte ... 28
Exkurs: Die Salbungserzählungen in den Evangelien (Mt 26,6-13; Mk 14,3-9; Lk 7,36-50; Joh 12,1-8) ... 29
II Maria Magdalena in der Literatur des 20. Jahrhunderts ... 32
II.1 Maria-Magdalena-Literatur um die Jahrhundertwende ... 32
II.1.1 Paul Heyse: Maria von Magdala. Drama in fünf Akten ... 34
II.1.2 Johannes Schlaf: Jesus und Mirjam ... 38
II.1.3 Anna Freiin von Krane: Magna Peccatrix ... 41
II.2 Die neuere Maria-Magdalena-Literatur ... 45
II.2.1 Luise Rinser: Mirjam ... 45
II.2.2 Regina Berlinghof: Mirjam. Maria Magdalena und Jesus ... 50
II.3 Die Transfigurationen ... 56
II.3.1 Ludwig Thoma: Magdalena ... 56
II.3.2 Franz Xaver Kroetz: Maria Magdalena ... 58
II.3.3 Lilian Faschinger: Magdalena Sünderin ... 60
II.4 Schreiben Männer anders über Maria Magdalena als Frauen? Ein geschlechtsspezifischer Vergleich der Maria-Magdalena-Bilder ... 63
III. Maria Magdalena auf der Bühne und im Film ... 74
III.1 Die Rockoper "Jesus Christ Superstar" ... 74
III.1.1 Die Entstehung und Vermarktung ... 74
III.1.2 Konzeption der Rockoper ... 75
III.1.3 Inhalt der Rockoper und die Darstellung Maria Magdalenas ... 76
III.1.3.1 "Heaven On Their Minds" ... 76
III.1.3.2 "What′s The Buzz?" ... 77
III.1.3.3 "Strange Thing Mystifying" ... 78
III.1.3.4 "I Don′t Know How To Love Him" ... 80
III.1.3.5 Vom Verrat bis zur Verhaftung ... 81
III.1.3.6 "Peter′s Denial" ... 82
III.1.3.7 "Could We Start Again Please" ... 82
III.1.3.8 "Judas′ Death" ... 83
III.1.3.9 Der weitere Verlauf ... 84
III.1.4 Das Maria-Magdalena-Bild in Jesus Christ Superstar ... 84
III.2 Der Kinofilm "Die letzte Versuchung Christi" ... 85
III.2.1 Entstehung und Kontroverse des Films ... 85
III.2.2 Inhalt des Films und die Darstellung Maria Magdalenas ... 86
III.2.3 Das Maria-Magdalena-Bild in "Die letzte Versuchung Christi" ... 92
III.3 Vergleich des Maria-Magdalena-Bildes in Film und Musical mit dem der Autoren ... 93
IV Fazit und Ausblick ... 95
Anhang ... 97
Abbildungnachweis ... 97
Literaturverzeichnis ... 98
Texte zu Jesus Christ Superstar ... 102
Einleitung
"Maria Magdalena? Die große Sünderin? Warum schreibst du gerade über die?" So oder ähnlich lauteten die Reaktionen, wenn ich davon berichtete, was ich als Examensthema in Betracht zog. Immer wieder begegnete mir das alte Klischee: Maria Magdalena die Sünderin. Und immer wieder musste ich den Sachverhalt klarstellen. "Maria Magdalena war die Jüngerin, die Jesus bis unters Kreuz gefolgt war, die bei seiner Grablegung dabei war und die zuerst die Auferstehungsbotschaft erhielt." Irgendwann fragte ich mich, warum in unserem "aufgeklärten Jahrhundert" dieses falsche Bild von Maria Magdalena nicht aus den Köpfen der Menschen ging und ob es wirklich das einzige Bild war, das von Maria Magdalena propagiert wurde. Somit konkretisierte sich die Fragestellung für meine Examensarbeit. Ich wollte Aspekte der Interpretation von der biblischen Gestalt im 20. Jahrhundert analysieren.
Da ich aufgrund des zeitlich begrenzten Rahmens nicht jede Form der Auseinandersetzung mit Maria Magdalena ausführlich untersuchen kann (Exegese, darstellende Kunst, Film, Literatur, usw.), beschränke ich mich auf eine exemplarische Auseinandersetzung mit zwei Formen. Ich möchte besonders auf die Interpretation der Profanliteratur, die des Films bzw. Musicals eingehen. Das halte ich für sinnvoll, denn Medien überliefern Weltanschauungen und prägen bewusst oder unbewusst ein bestimmtes Bild beim Rezipienten, also auch ein Bild von Maria Magdalena. Literatur und filmische Inszenierungen sind die am einfachsten zugänglichen und auch immer noch am weitesten verbreiteten Medien. Ich gehe deshalb davon aus, dass gerade diese Medien Einfluss haben auf das Maria-Magdalena-Bild und ziehe sie deshalb für meiner Untersuchung heran.
Da ich mit dieser Arbeit am Ende einer langen traditionsreichen Wirkungsgeschichte ansetze, lässt es sich nicht vermeiden, einen Abriss der Wirkungsgeschichte zu liefern (Kap. I). Eine isolierte Betrachtung der Maria-Magdalena-Rezeption des 20. Jahrhunderts wäre ohne die vorangegangene Wirkungsgeschichte nicht möglich. Daher werde ich, nachdem ich die Aussagen der Evangelien erläutert habe, auf die Wirkungsgeschichte eingehen. Vollständigkeit kann ich hierbei keinesfalls anstreben; das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Ich beschränkt mich daher auf die wirkungsgeschichtlichen Aspekte, die in der Maria-Magdalena-Rezeption des 20. Jahrhunderts immer noch eine tragende Rolle spielen. Dazu gehören außer den gnostischen Schriften, die im 2. und 3. Jahrhundert entstanden sind, die theologischen Deutungen, die Verknüpfungen mit anderen Frauengestalten und die Legendenbildung um die Gestalt der Maria Magdalena. Diese Quellen, aus denen die Maria-Magdalena-Rezeption schöpft, werde ich im ersten Kapitel dieser Arbeit darstellen.
Im folgenden werde ich auf die Literatur zu Maria Magdalena eingehen (Kap. II). Da sich mir eine Fülle von Materialien bot, musste ich die Literatur, die ich behandeln wollte, einschränken. Ich werde daher nur auf deutschsprachige Literatur eingehen, die Maria Magdalena als eine Hauptfigur auftreten lässt. Auch die Literatur, die nur indirekt von Maria Magdalena handelt, da das Thema aktualisiert wurde, soll hier berücksichtigt werden, sofern der Person, die auf Maria Magdalena anspielt, die Hauptrolle zukommt. Die Werke der einzelnen Autoren werde ich jeweils so zusammenfassen, dass deutlich wird, wie Maria Magdalena dargestellt wird und welche wirkungsgeschichtlichen Traditionen dazu aufgegriffen bzw. verändert wiedergegeben wurden. Bei der Einzeldarstellung soll deutlich werden, wie Maria Magdalena interpretiert wird, was ihre Rolle bzw. Funktion in der Werken ist und welche Botschaft anhand der biblischen Gestalt vermittelt werden soll. Nach dieser Intention der Autoren zu fragen halte ich für wesentlich, denn jemand der über Maria Magdalena schreibt und sie zur Hauptfigur seines Romans macht, wird eine Botschaft durch diese Frau vermitteln wollen.
Ich vermute, dass es gravierende Unterschiede gibt, je nachdem ob Männer oder Frauen über Maria Magdalena schreiben. Nachdem ich die Literatur vorgestellt habe, möchte ich deshalb herausarbeiten, ob es eine Tendenz in der Maria-Magdalena-Darstellung gibt, und ob sich das Verständnis von Maria Magdalena in eine männliche und eine weibliche Sichtweise differenzieren lässt. Dieses Ergebnis soll die Grundlage für den nächsten Schritt liefern.
Hier möchte ich untersuchen, ob sich das Ergebnis auf andere Medien übertragen lässt (Kap. III). Anhand des Musicals Jesus Christ Superstar und dem Kinofilm Die letzte Versuchung Christi möchte ich exemplarisch das Maria-Magdalena-Bild herausarbeiten (entsprechend der Vorgehensweise zur Bearbeitung der Literatur), um anschließend das Bild mit der von mir herausgearbeiteten Tendenz in der Darstellung zwischen Männern und Frauen zu vergleichen.
Eine Anmerkung sei hier noch zu dem Gebrauch der Namen Mirjam, Maria von Magdala und Maria Magdalena gemacht. Die Namen bezeichnen ein und dieselbe Frau. Mirjam ist ihr aramäischer Name. Maria ist die griechische Form. Durch die Nennung ihres Herkunftsortes wurde sie von den vielen anderen Frauen mit demselben Namen unterschieden. Magdalena ist eine abgewandelte Form ihres Herkunftsortes, das zum Beinamen geworden ist. Es soll somit nicht verwundern, wenn innerhalb dieser Arbeit alle Namen auftauchen und synonym verwendet werden.
I Quellen für die Maria-Magdalena-Rezeption des 20. Jahrhunderts
In diesem Kapitel werde ich die Quellen der Maria-Magdalena-Rezeption, geordnet nach ihrem Entstehungszeitpunkt, darstellen.
„The Easter story is where the story of Mary Magdalen begins, for it is here, at the climax of Christ’s life on earth, that she makes her first appearance. Accounts of Christ’s life and death were passed down orally | from those who had been witnesses of the events or, as Luke tells us, ‘which from the beginning were eyewitnesses, and ministers of the word’ (1:2), until the point when, some time before the beginning of die second century, and probably within fifty years of Christ’s death, they were written down in what were to become the four canonical books of the New Testament, the gospels.”1 Die Evangelien sind somit die ersten schriftlichen Überlieferungen von Jesu Leben, Sterben und Auferstehung. Aus diesem Grund bietet es sich an, sie an erster Stelle auf Hinweise über die Gestalt der Maria Magdalena zu untersuchen.
Nach der Abfassung der kanonischen Evangelien entstanden im Laufe des 2. und 3. Jahrhunderts weitere Schriften, die sog. neutestamentlichen Apokryphen, in denen das frühe Christentum sein Leben und seinen Umgang mit erzählten und schriftlichen Traditionen dokumentierte. Auch in diesen Schriften taucht Maria Magdalena immer wieder auf. Da in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das neu erwachte Interesse an den gnostisch geprägten Apokryphen zu fantastischen Neuauflagen der Mischgestalt der Maria Magdalena geführt hat2, müssen auch diese berücksichtigt werden. Besonders das Evangelium der Maria ist hier zu erwähnen.
„Neben dem biblischen Befund erfuhr Maria Magdalena zudem eine reiche theologische Deutung als Symbolfigur“3, sie wurde mit diversen anderen Personen gleichgesetzt (z.B. mit der großen Sünderin aus Lk 7,36-50) und es bildete sich ein ausladender Legendenkranz um ihre Person. Auf diese Quellen für die Maria-Magdalena-Rezeption, die ihr im Laufe der Zeit eine Art Biographie andichteten, werde ich in diesem Kapitel zuletzt eingehen.
Die Ausführungen dieses Kapitels sollen verdeutlichen, welche Bilder im einzelnen von Maria Magdalena geprägt werden. Die Ergebnisse dieses Kapitels sollen als Grundlage für das Verständnis der Interpretationsansätze zu Maria Magdalena im 20. Jahrhundert dienen.
[...]
1 Haskins 1994, S. 4f
2 Vgl. Maisch 1996, S. 173
3 Motté 1999, S. 457
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Manuela Gresselmeier, 2001, Maria Magdalena - Aspekte der Interpretation einer biblischen Gestalt im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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