Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als
Gegenstand der christlichen Sozialethik 7
2.1 Die Familie in den lehramtlichen
Au ßerungen der katholischen Kirche 7
2.2 Das christliche Familienbild 11
2.3 Orientierungslinien f ur eine Ethik der Familie 12
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel 13
3.1 Familie im historischen Wandel 16
3.1.1 Das ganze Haus“ - Nachfahre des antiken Oikos 17
3.1.2 Die b urgerliche Familie - auf dem Weg zur Romantik 18
3.1.3 Die moderne Kleinfamilie der Nachkriegszeit - Ergebnis des
Wirtschaftswunders 20
3.2 Familie heute 22
3.2.1 Deinstitutionalisierung und Individualisierung 22
3.2.1.1 Familie als Institution - Aufgaben und Funktion in
der Gesellschaft 22
3.2.1.2 Demographischer Wandel seit der Nachkriegszeit 24
3.2.1.3 Die Individualisierungsthese 25
3.2.1.4 Wandel der Rollenverteilung innerhalb der Familie 27
3.2.1.5 Deinstitutionalisierung der Ehe 31
3.2.1.6 Deinstitutionalisierung der Familie 34
3.2.2 Formen heutiger familialer Lebensgemeinschaften 36
3.2.2.1 Eltern-Familien 37
3.2.2.2 Ein-Eltern-Familie 38
3.2.2.3 Nichteheliche Lebensgemeinschaften 40
3.2.2.4 Drei- oder Mehrkinderfamilien 42
3.2.2.5 Patchworkfamilien 43
4 Fernseh-Werbung und Familienbilder 44
4.1 Entwicklung moderner Kommunikation und die Rolle der Fernseh-
werbung 46
4.1.1 Geschichte des Fernsehens - Geschichte der Fernsehwerbung 46
4.1.2 Bedeutung der Fernsehwerbung f ur die Werbewirtschaft 48
4.1.3 Funktion von Werbung - Werbung als Form persuasiver Kom-
munikation 50
4.2 Familie als Konsumgemeinschaft 51
4.2.1 Das Familienbild des Marketings 51
4.2.2 Werbestrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
4.2.3 Nutzung von Sozialtechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
4.2.4 Werbewirkung und Werbewahrnehmung . . . . . . . . . . . . 60
4.2.5 Kinder als Kommunikationsagenten . . . . . . . . . . . . . . . 65
5 Analyse aktueller Spots 67 5.1 Vorwerk: ” Familienunternehmen“ - 2003 . . . . . . . . . . . . . . . . 68 5.1.1 Spot-Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 5.1.2 Dargestelltes Familienbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
5.2 McCain 1-2-3 Frites - ” Truck“ - 2003 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.2.1 Spot-Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 5.2.2 Dargestelltes Familienbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
5.3 Procter & Gamble: Bounty - ” Indianer“ - 2003 . . . . . . . . . . . . . 74
5.3.1 Spot-Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 5.3.2 Dargestelltes Familienbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
5.4 Melitta: Kaffee Harmonie - ” Zeugnis“ - 2002 . . . . . . . . . . . . . . 76
5.4.1 Spot-Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 5.4.2 Dargestelltes Familienbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.4.2.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.5 Langnese Iglo/ Unilever Bestfoods: Kampagne ” 5.5.1 Spot-Beschreibung: ” 5.5.2 Spot-Beschreibung - ”
5.5.3 Dargestelltes Familienbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
6 Sozialethische Reflexionen: Familienbilder in Werbung und Gesellschaft 82 6.1 Werbung als Kommunikationstr¨ ager der Wirtschaft . . . . . . . . . . 82 6.1.1 ¨ Okonomisches Interesse und Legitimation der Werbung . . . . 82 6.1.2 Der Vorwurf der Manipulation - Grenzen der Beeinflussung . 83 6.2 Einfluss der Werbung auf das Familienbild der Gesellschaft . . . . . . 85 6.2.1 Werbung als Vermittler von Leitbildern . . . . . . . . . . . . . 85 6.2.2 Werbung und Pluralisierung der Familienformen . . . . . . . . 86 6.2.3 Die Frage nach der Idealfamilie . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
6.2.4 Problematische Verzerrungen der Familienwirklichkeit . . . . . 90
6.3 Verantwortungstr¨ ager . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 6.3.1 Werbetreibende Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 6.3.2 Der Deutsche Werberat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 6.3.3 Verbraucher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
7 Schlussbemerkungen 96
8 Literatur 100
1 Einleitung
1 Einleitung
Mit dem Slogan ” Iglo - so ist man heute“ wird eine Werbebotschaft verk¨ undet, die einen allgemeinen Zeitgeist verk¨ orpern soll. Diese Botschaft spiegelt Bilder und Vorstellungen wieder, die in den K¨ opfen der Menschen als schon pr¨ asent unterstellt oder als Zeitgeist eingef¨ uhrt werden sollen. ” Zeitgeist“ impliziert immer einen Wandel von Vorstellungen. Wohl keine Institution ist dem Geist, dem Denken der Zeit so verhaftet, wie die Familie. Das Ph¨ anomen, das wie kein anderes Zeitgeist und Verg¨ anglichkeit widerspiegelt, n¨ amlich die Werbung, und die Institution, die als Institution quasi unwandelbar und unaufl¨ oslich erschien, dr¨ angen sich auf, miteinander in Beziehung gebracht zu werden.
Nicht nur die Zeit, auch der Ort einer geistigen Vorstellungen ist relevant. Mit dem Ort ist n¨ aherhin die jeweilige Kultur verbunden. Kultur ist der Ort, an dem das ” man“ definiert wird. F¨ ur diese Untersuchung ist der westliche Kulturraum, genauer die Bundesrepublik Deutschland massgeblich.
Die Beeinflussung von Geistesvorstellungen durch reizvolle Ph¨ anomene hat die Menschen seit jeher begleitet. Werbung transportiert Aussagen und Geisteshaltungen. Sie ist ein Spiegel menschlicher Vorstellungen und Werte, so dass ihre Geschichte mit der menschlicher Kulturen nahezu gleichgesetzt werden kann. 1 An dieser Stelle stellt sich die Frage nach der Werbung als Indikator f¨ ur den jeweils aktuellen Zeitgeist.
Werbung ist in unserer Gesellschaft zu einem allt¨ aglichen Begleiter geworden. So allt¨ aglich, dass sie nicht immer oder kaum noch bewusst wahrgenommen wird. (Vorausgesetzt, sie ist nicht ein bewusst konsumiertes Unterhaltungsprogramm.) Sie ist jedoch stets pr¨ asent und pr¨ agt unser Leben, vor allem unser Konsumverhalten, weitaus mehr als uns bewusst ist. Diese Arbeit will die Wirkung der Bilder des Ph¨ anomens Familie, mit denen Werbung arbeitet, untersuchen; die konsumsteigernde oder -anregende Wirkung wird als Konfliktpotential ebenso angesprochen. Aus der Komplexit¨ at des Themas Familie wird ein Ausschnitt der Vorstellungen und Leitbilder von Familie fokussiert und der Stand der soziologischen Forschung eingearbeitet. Die Tatsache, dass eine Vielzahl an aktuell gesellschaftlich akzeptierten Familienformen attraktiv geworden ist, um mit ihnen Produkte zu bewerben, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Werbung ist ein Indikator daf¨ ur, dass diese verschiedenen Le-bensformen gegen¨ uber anderen an Attraktivit¨ at gewonnen haben. Denn Werbung arbeitet bekanntlich am Puls der Zeit bzw. am Puls des Zeitgeistes. Es soll desweiteren untersucht werden, ob bewusste und unbewusste Wahrnehmung von Werbebildern Auswirkung auf Leitbild und Begriff der Familie haben, insofern eine Wechselwirkung vermutet wird. Die Zusammenh¨ ange dieser Wechselwirkungen aufzuzeigen und die Frage, inwieweit diese Wechselwirkung zwischen
1 Vgl.: Buchli, 6000 Jahre Werbung, 11.
4
1 Einleitung
gesellschaftlich anerkannter Normalit¨ at der verschiedenen Familienformen und der Wahrnehmung von Fernsehwerbung besteht, soll in den folgenden ¨ Uberlegungen untersucht werden. Ebenso, ob die Darstellung der Familienbilder zu einer Pluralisierung der Familienformen beitr¨ agt. Eine Beeinflussung des Familienbegriffes ist als ein Nebeneffekt der Werbung anzusehen, nicht als eine Absicht der werbetreibenden Unternehmen. Eine Absicht kann werbetreibenden Unternehmen dort unterstellt werden, wo sie auf Grund von Ver¨ anderung in der Einstellung, wie z. B. bei Sch¨ onheitsidealen, einen Vorteil von ver¨ anderten Einstellung hat. Der Einfluss von Werbung kann durch solche Vorg¨ ange nachvollzogen werden. Familie und Familienbegriff befinden sich im Wandel. Gekl¨ art werden soll, inwieweit ¨ uber die Vorstellung der Normalfamilie als kulturelles Leitbild ein Konsens besteht. Diese Arbeit will darauf aufmerksam machen, dass Werbung auf die Begriffsbildung einen Einfluss haben kann; aber auch darauf, dass Werbung die bestehenden Bilder von Familie, wenn sie attraktiv sind, aufgreift, um sie f¨ ur ihre Zwecke nutzbar zu machen. Die Entwicklung der unterschiedlichen Familienformen ist abh¨ angig von verschiedensten demographischen, gesellschaftlichen und sozialen Faktoren sowie Institutionen, wie zum Beispiel den Kirchen oder - heute auch durch den Einfluss der Massenmedien - Ph¨ anomenen wie der Werbung. Die Entwicklung von Familie und des Familienbegriffs sowie der Zusammenhang dieser mit der Werbung im deutschsprachigen Fernsehen sind von Interesse f¨ ur die Sozialethik, weil die Familie ein oder vielmehr der traditionelle Gegenstand der Sozialethik ist, der in seiner ebenso traditionellen Form durch neue Formen von Familie - respektive der als Familie ver-standenen Lebensformen - erg¨ anzt wird. Dieser Ver¨ anderung muss in der heutigen Zeit besondere Aufmerksamkeit gelten, f¨ uhrt man sich die Sozialisationsfunktion der Familie vor Augen. Dass die ethischen und moralischen Wertvorstellungen, die innerhalb der Familie vermittelt werden, die heranwachsenden Generationen pr¨ agen, ist unbestritten. Somit geh¨ ort die Betrachtung von Familie in der Werbung in den Themenbereich der Sozialethik.
Wenn von Familie die Rede ist, ist damit immer eine Diskussion um den Stellenwert der Familie und die Bedeutung der Ehe verbunden, deshalb wird im Rahmen der vorliegenden Untersuchung auf die Deinstitutionalisierung der Ehe eingegangen. Ohne auf den Begriff des Wertes oder des Grundwertes n¨ aher eingehen zu wollen, wird Familie als Wert empfunden, da in ihr die Keimzelle der Gesellschaft gesehen wird. In diese Keimzelle dringt das Medium Fernsehen ein, das wie keine andere Institution, keine Organisation, keine Schule und kein Gedankengut so fl¨ achendeckend pr¨ asent ist. In fast allen deutschen Haushalten ist heute mindestens ein Fernsehger¨ at zu finden. 2 Seit den 1960er Jahren hat sich das Fernsehger¨ at als Grundausstattung des deutschen Haushaltes etabliert. 3
2 Vgl.: Statistisches Jahrbuch f¨ ur die Bundesrepublik Deutschland, 2002, Tabelle 21.1.1/2002.
3 Vgl.: Statistisches Jahrbuch f¨ ur die Bundesrepublik Deutschland, Tabellen XV.2.b/1962,
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1 Einleitung
Wegen der Reduktion der Lebensphase, in der die Kinder bei ihren Eltern leben, machen die Familienhaushalte nur noch rund ein Drittel der bestehenden Haushalte in Deutschland aus. 4 Somit ist die Realit¨ at der Fernsehspots, die vor ein paar Jahren noch mit der heilen Welt der sogenannten ” Kernfamilie“ d. h. Vater, Mutter
und Kinder geworben hat, nicht diejenige der statistischen Realit¨ at in Deutschland. Vielleicht ist aus gerade diesem Umstand abzuleiten, warum die Fersehwerbung dem Rezipienten heute eine Vielzahl an Familienbildern zur Auswahl stellt. Der Markt der Idealfamilie ist klein geworden. Darauf reagiert die Werbebranche mit einer Variation der Familienbilder, d. h. die bedient sich der verschiedenen Formen von Familie. Um Werbung erfolgreich zu gestalten, werden die Trends, die sich in der Gesellschaft abzeichnen durch psychologische Marktforschung erhoben, um die Werbung auf den Lebensssteil der Zielgruppe, in diesem Fall der Familie, abzustimmen, denn die ” Erlebnisse (Bilder), welche die Werbung vermittelt, m¨ ussen das vorherrschende Lebensgef¨ uhl bzw. den Lebensstil der Zielgruppen treffen.“. 5 Die Umstrukturierung der Familienhaushalte wurde von der Trendforschung erfasst, wodurch die zielgruppenspezifische Kreativit¨ at eine enorme Potentialsteigerung erlebt. 6 Das Ergebnis ist eine Pr¨ asentation der Produkte in einer breiten Vielfalt familialer Lebensr¨ aume von der alleinerziehenden Mutter, dem alleinerziehenden Vater bis zur Normalfamilie, ohne diese Reihung mit einer Wertung verbinden zu wollen.
Mit einer Darstellung der p¨ apstlichen Lehrschreiben, die die Familie thematisieren wird die Untersuchung begonnen. Hieraus wird das christliche Familienbild entwickelt. Daran schließen sich Orientierungslinien f¨ ur eine Ethik der Familie an. Auf die volle Komplexit¨ at des Themas Familie einzugehen liegt nicht in den M¨ oglichkeiten einer solchen Arbeit. Versucht wird dem Thema angemessen den Stand der soziologischen Forschung wiederzugeben. An verschiedenen Stellen wird auf weiterf¨ uhrende Literatur verwiesen. Deskriptiv wird eine ¨ Ubersicht ¨ uber die historischen
und soziologischen Wandlungsprozesse sowie die gegenw¨ artige Situation gegeben. Auf diese Beschreibungen folgen in gleicher Methodik Darstellungen ¨ uber Geschichte und Entwicklung von Fernsehen und Fernsehwerbung, um damit auf die Rolle des Ph¨ anomens Familie in der Werbung vorzubereiten.
Als praktischer Teil schließt sich die Analyse einiger aktueller Werbespots an, um an diesen konkreten Beispielen die verschiedenen Familienbilder, die in der Werbung Verwendung finden, darzustellen. Von hier aus wird in der abschießenden sozialethischen Reflexion versucht, mit dem Wandel von Familie aus ethischer Perspektive umzugehen. Hier wird problematisiert, welche Konflikte die Werbung im Hinblick auf die Familie aufwirft.
20.7/1982, 21.6/1992, Seite 22*/1972.
4 Vgl.: Nave-Herz, Familie heute, 16f.
5 Kroeber-Riel, Strategie und Technik der Werbung, 82.
6 Vgl.: Kroeber-Riel, Strategie und Technik der Werbung, 25f.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als
Gegenstand der christlichen Sozialethik
2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der
Familie als
Gegenstand der christlichen Sozialethik
Die Familie als Institution und gesellschaftliches Teilsystem unterliegt einem st¨ andigen Wandel und entwickelte sich in einem Prozess funktionaler Differenzierung zu einem - gegen¨ uber den anderen gesellschaftlichen Teilsystemen (Staat, Recht, Wissenschaft, Religion, etc.) - abgegrenzten System, das in seiner Existenz und Erscheinungsform auf Grund wechselseitiger Beeinflussung (Interpenetration) stark von anderen gesellschaftlichen Einfl¨ ussen abh¨ angig ist. 7 Die Intention des ersten Kapitels ist es, den familialen Wandlungsprozess in der Wahrnehmung der Kirche darzustellen. Dies geschieht anhand ausgew¨ ahlter kirchlicher Sozialdokumente (v. a. Rerum novarum, Gaudium et spes, Mulieris dignitatem, Familiaris consortio), da der Themenkomplex Familie in lehramtlichen ¨ Außerungen stets im Kontext gesellschaftlichen Wandels aufgegriffen wird. Auf der Grundlage dieser Betrachtungen soll der kirchliche Familienbegriff erarbeitet werden, um eine Basis f¨ ur die sozialethische Diskussion um Familie und Werbung und einen Vergleich zum Familienbild der Werbewirtschaft und der Werbung selbst zu schaffen.
2.1 Die Familie in den lehramtlichen ¨ Außerungen der
katholischen Kirche
Die Enzyklika Rerum novarum (1891) wendet sich gegen die Missst¨ ande der Ausbeutung und Armut der Arbeiter in den industrialisierten L¨ andern Europas und Nordamerikas gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Katholische Sozialreformer 8 sowie die Amtskirche in England, Irland und den Vereinigten Staaten von Amerika dr¨ angten Papst Leo XIII. zu einer ¨ Außerung gegen¨ uber den zunehmenden Problemen in
den heranwachsenden Industrienationen. Im Rahmen dieser Fragestellung wird auch die Situation der Familien angesprochen, die unmittelbar von den Entwicklungen betroffen waren und deren Auswirkungen zu tragen hatten. 9 Grunds¨ atzlich macht das nat¨ urliche und urspr¨ ungliche Recht“ 10 eines jeden auf Ehe und Fa-Dokument das ”
milie deutlich. Unabh¨ angig davon sieht der Heilige Stuhl das Recht der Arbeiter auf Privateigentum und verurteilt das sozialistische Gedankengut uneingeschr¨ ankt. Die Enzyklika fordert, dass der Familienvater durch seine Arbeit und einen daf¨ ur angemessenen Lohn in die Lage versetzt werden solle, seinen Grundpflichten (Sorge
7 Anzenbacher, Christliche Sozialethik, 85.
8 Z. B. die Arbeitsgemeinschaft katholischer Sozialreformer ” Freiburger Union f¨ ur soziale und ¨ okonomische Studien“.
9 Vgl.: Kerber - Heimo - Hainz (Hg.): Katholische Gesellschaftslehre im ¨ Uberblick, 41-45.
10 Rerum novarum, Nr. 9.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
f¨ ur den Lebensunterhalt der Familie und die Zukunft der Kinder) nachzukommen. Deutlich wird die Sicht der Geschlechterrollen des ausgehenden 19. Jahrhunderts: der Vater sei f¨ ur den Unterhalt der Familie zust¨ andig; die Mutter finde in der Hausarbeit und der Erziehung der Kinder ihre W¨ urde und Berufung. Durch ihre Aufgabe in der Familie f¨ ordere sie gleichzeitig das h¨ ausliche Gl¨ uck. 11 Die Familie untersteht ¨ außerst Bedr¨ angten“ 12 der v¨ aterlichen Gewalt, in die der Staat nur subsidi¨ ar bei den ” helfend einzugreifen habe. Sonst gleiche die Familie in ihrer Struktur dem Staat, da n¨ amlich die v¨ aterliche“ 13 . Deshalb verurin ihr eine selbst¨ andige Gewalt regiere, ”
teilt die Enzyklika das sozialistische System auf das Sch¨ arfste, da es ” die elterliche
F¨ ursorge beiseite setzt, um eine allgemeine Staatsf¨ ursorge einzuf¨ uhren“ 14 . Die Autonomie der Familie und ihre patriarchale Struktur werden durch Rerum novarum vor allem in der Abgrenzung zum Sozialismus betont. Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes (1965) als ein Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils setzt f¨ ur die katholische Soziallehre deutliche Eckpfeiler. Zeichen der Zeit“ 15 nimmt es sich der ” Sensibilisiert f¨ ur die ” Spannungen und Un-
gleichgewichte [, die] das Leben der Familie, der Generationen, der Geschlechter, das Verh¨ altnis zwischen arm und reich, zwischen Rassen und V¨ olkern, zwischen internationalen Institutionen, die dem Frieden dienen wollen, und ehrgeizigen Ideologien, die sich mit Gewalt an die Macht bringen wollen (...)“ 16 an. In diesem Sinne geht das Konzilsdokument auf die Situation von Ehe und Familie ein und fordert f¨ ur beide mehr Achtung seitens der Gesellschaft. Es beklagt den innerehelichen Missbrauch
der Liebe in Form von ” ken“
17
sowie ”
andere Entartungen“ 18 , die die Ehe und die Institution der Familie in ihrer W¨ urde angriffen. Der zentrale Gedanke der Pastoralkonstitution wird klar wie folgt formuliert: ” Das Wohl der Person sowie der menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zuinnerst mit einem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden.“ 19 Damit definiert das Dokument die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, die im h¨ ochsten Maße als sch¨ utzens- und achtenswert anzusehen ist. Es wird auf der Grundlage der Naturrechtslehre ein Familienbild kommuniziert, das in erster Linie verdeutlicht, dass die Familie zur Zeugung und Erziehung von Nachwuchs bestimmt ist. Auf diesen Zweck sei die Institution der Ehe ausgerichtet und erfordere deshalb
11 Rerum novarum, Nr. 33.
12 Rerum novarum, Nr. 11.
13 Rerum novarum, Nr. 10.
14 Rerum novarum, Nr. 11.
15 Gaudium et spes, Nr. 4.
16 Weber, Einleitung, in: Zweites Vatikanisches Konzil: Pastoralkonstitution, Die Kirche in der Welt von heute, 15.
17 Gaudium et spes, Nr. 47.
18 Gaudium et spes, Nr. 47.
19 Gaudium et spes, Nr. 47.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
die Unaufl¨ oslichkeit. 20 Die Zeugung von Nachwuchs bedeutet einen Beitrag der Eheleute zum Sch¨ opfungswerk Gottes, ” der durch sie seine eigene Familie immer mehr
vergr¨ oßert und bereichert.“ 21 Zudem wird der Aspekt der innerfamilialen Solidarit¨ at herausgestellt. Die Kinder sollen ” (...) das erwidern, was die Eltern ihnen Gutes tun,
und ihnen (...) im Ungl¨ uck und in der Einsamkeit des Alters beistehen.“ 22 Gegenuber Rerum novarum wird eine ver¨ anderte Sicht der Rollenzuweisung von Mann und ¨
anteilnehmende Gegenwart“ 23 Frau innerhalb der Familie deutlich erkennbar: die ”
des Vaters trage viel zur Erziehung der Kinder bei. Der h¨ ausliche und m¨ utterliche Stellenwert der Frau wird nach wie vor hoch angesetzt, allerdings ” ohne daß eine berechtigte gesellschaftliche Hebung der Frau dadurch irgendwie beeintr¨ achtigt (...)“ 24 werde.
Als Reaktion auf die gesteigerte Unsicherheit gegen¨ uber der Bedeutung des ehelichen und famili¨ aren Lebens widmete Papst Johannes Paul II. mit Familiaris con-sortio (1981) den Belangen der Familie ein eigenes Schreiben. Als Hauptproblem der Familie wird die Verk¨ ummerung fundamentaler Werte gesehen: ” (...) irrige theoretische und praktische Auffassung von der gegenseitigen Unabh¨ angigkeit der Eheleute; die schwerwiegenden Mißverst¨ andnisse hinsichtlich der Autorit¨ atsbeziehung zwischen Eltern und Kindern; die h¨ aufig konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; die steigende Zahl der Ehescheidungen; das weit verbreitete ¨ Ubel der Abtreibung; die immer h¨ aufigere Sterilisierung; das Aufkommen einer regelrechten empf¨ angnisfeindlichen Mentalit¨ at.“ 25 Als Ursache f¨ ur diese Schwierigkeiten nennt der Papst einen falsch verstandenen Freiheitsbegriff, der egoistisches Streben ¨ uber verantwortliches Handeln stelle. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse finden in Familiaris consortio die grundlegenden Aussagen ¨ uber die Familie bezugnehmend auf Gaudium et spes besondere Betonung: Die Familie zeichne sich durch die gegenseitige Hingabe der Partner in der ehelichen Gemeinschaft und durch die Weitergabe des Lebens aus. 26 Das apostolische Schreiben verdeutlicht vier Dimensionen des familialen Zusammenlebens: die Bildung einer intergenerationellen Solidargemeinschaft; den Dienst am Leben; die Teilnahme an der Entwicklung der Gesellschaft; die Teilnahme an Leben und Sendung der Kirche. 27 Der nat¨ urliche Charakter und die Berufung der Familie verpflichte die Familie ihre gesellschaftlichen Aufgaben wahrzunehmen, da sie selbst die Grundlage f¨ ur jede Gesellschaft bilde. 28
20 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 48.
21 Gaudium et spes, Nr. 50.
22 Gaudium et spes, Nr. 48.
23 Gaudium et spes, Nr. 52.
24 Gaudium et spes, Nr. 52.
25 Familiaris consortio, Nr. 6.
26 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 6.
27 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 17.
28 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 42.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
Auswirkungen auf das Bild der Familie rief das sich wandelnde Rollenverst¨ andnis der Frau in der Gesellschaft und schließlich auch in der Kirche hervor. Mit Mulieris dignitatem (1988) wurde der ” W¨ urde und Berufung der Frau“ ein eigenes Apostoli-
sches Schreiben gewidmet. 29 Mehrmals wird im Dokument die Gleichheit, genauer die gleiche Personenw¨ urde von Frau und Mann betont. Sie seien beide als Abbild
Gottes geschaffen und nur durch die ” beiden als Person ergibt, (...)“ k¨ onne den ”
rakter einer echten ,communio personarum‘ (Personengemeinschaft) (...)“ 30 verliehen werden. Auf diesen Grundzusammenhang baue auch der Gedanke der Ehe auf. Der Mensch k¨ onne nur als ” Einheit von Zweien“ existieren, also nur in Beziehung zu einer anderen Person. Es handle sich um eine gegenseitige Beziehung: des Mannes zur Frau und der Frau zum Mann. 31
Der Brief an die Familien (1994) hebt noch einmal die fundamentale Rolle der Familie als zentrale gesellschaftliche Institution menschlichen Daseins hervor. 32 Er verdeutlicht das Verst¨ andnis der Familie als communio personarum begr¨ undet auf ¨ Anlichkeit mit Gott“ 33 . Genauer als in vorherigen Dokumenten geht der Brief der ”
an die Familien auf die innerfamiliale Solidarit¨ at ein: zwischen Ehegatten, Eltern und Kindern und den Generationen. Allerdings h¨ alt Johannes Paul II. fest, dass Eltern so handeln sollen, dass ihr Verhalten die Ehre und Liebe der Kinder auch verdient. 34 Die Verpflichtung zur Zeugung und Erziehung der Nachkommen wird auch hier als grundlegend betont, neben den gemeinwohlorientierten Aufgaben wird der Subjektstatus der Familie gegen¨ uber der Gesellschaft und dem Staat herausgestellt. 35 Demzufolge solle sich die Interaktion zwischen Familie und Staat nach den Grunds¨ atzen des Subsidiarit¨ atsprinzips richten. 36 Im Hinblick auf das Frauenbild ¨ außert das Dokument einen neuen Ansatz: es pl¨ adiert f¨ ur eine h¨ ohere gesellschaftliche Anerkennung der h¨ auslichen und erzieherischen Leistungen. 37 Die Enzyklika Evangelium Vitae (1995) setzt sich intensiv mit den medizinischtechnischen Entwicklungen, v. a. im Hinblick auf den Schutz des menschlichen Lebens zu dessen Beginn und Ende auseinander. Im Zuge der Er¨ orterungen wird auch eine entscheidende Aussage zur Rolle der Frau getroffen: Es wird der Appell formuliert, einen ” neuen Feminismus“ zu f¨ ordern, ” (...) ohne der Versuchung zu verfallen,
29 Das Zweite Vatikanische Konzil spricht in Gaudium et spes bereits von einer berechtigten gesellschaftlichen Hebung der Frau. Humanae vitae (1968) umgeht eine Stellungnahme zur einsetzenden und gesellschaftlich stark diskutierten Emanzipation der Frau.
30 Mulieris dignitatem, Nr. 10.
31 Vgl. Mulieris dignitatem, Nr. 7.
32 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 16.
33 Brief an die Familien, Nr. 6.
34 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 15.
35 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 16.
36 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 17.
37 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 17.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
M¨ annlichkeits-Vorbildern“ nachzujagen“ 38 . Hier wird der Mutterrolle die Verant-
”
wortlichkeit f¨ ur das Leben ¨ ubertragen, was damit verbunden ist, andere Interessen
(Karriere, Beruf), die sich im Laufe der Emanzipation herauskristallisiert haben, zur¨ uckzustellen.
2.2 Das christliche Familienbild
In der christlichen Soziallehre wird die Familie ihrem Wesen nach als Generationen-und Zeugungsgemeinschaft verstanden. 39 Dabei kommt ihr eine eindeutige Bestimmung zur Verantwortungs- und F¨ ursorgegemeinschaft zu. Innerhalb dieser F¨ ursorgegemeinschaft muss die W¨ urde der Person geachtet und ihre personale Entwicklung, auch in religi¨ os-sittlicher Perspektive gew¨ ahrleistet sein. Die Basis der Familie liegt in der Institution der Ehe, in der Mann und Frau in ” inniger Verbundenheit der
Personen und ihren Tuns“ 40 eine Einheit bilden. Das Wohl der Kinder und die ” innige Vereinigung als gegenseitiges Sichschenken“ 41 verlangen ihren unaufl¨ oslichen Charakter.
In der Relation zum Staat wird die Autonomie der Familie durchweg stark betont. 42 Familie wird als Grund- und Urform des Staates - als seine Keimzelle 43 - ver-standen. Die Kirche sieht in der Familie nicht nur die Grundlage f¨ ur das eigene, das kirchliche Wohl, sondern auch f¨ ur das des einzelnen und der Gesamtgesellschaft. 44 Das Verh¨ altnis zwischen Staat und Kirche wird auf die Grunds¨ atze des Subsidiarit¨ atsbegriffs reflektiert. Somit ist der Staat verpflichtet, der Familie bei Bedarf zu helfen, darf ansonsten aber nicht in die Familie eingreifen, es sei denn zum Schutz vor gewaltt¨ atigen ¨ Ubergriffen innerhalb der Familie. 45 In ihrer Verantwortung gegenuber der Gesellschaft geh¨ ort es zu den Aufgaben der Familie aktiv zur Entwicklung ¨
beizutragen und am ¨ offentlichen Leben teilzunehmen. 46 Die Generationengemeinschaft der Familie steht im sch¨ opfungstheologischen Kontext und ist damit im Unterschied zu anderen Familienbegriffen ein theologischer Begriff. In der Fortf¨ uhrung der Sch¨ opfung liegt gleichsam die Begr¨ undung der Familie. ¨ Die Elternschaft als Fortf¨ uhrung der Sch¨ opfung zeichnet sich durch ihre ” Ahnlichkeit mit Gott“ 47 aus, auf die sich die Familie als communio personarum, als eine Gemeinschaf von Personen, die in der Liebe vereint sind, gr¨ undet. Die Sozialenzykliken haben stets gesellschaftliche Entwicklungen aufgegriffen und
38 Evangelium vitae, Nr. 99.
39 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 48; Familiaris consortio, Nr. 33.
40 Gaudium et spes, Nr. 48.
41 Gaudium et spes, Nr. 48.
42 Vgl.: Rerum novarum, Nr. 10; Brief an die Familien, Nr. 17
43 Gaudium et spes, Nr. 47.
44 Vgl.: Gruber, Familie und christliche Ethik, 3.
45 Vgl.: Rerum novarum, Nr. 10.
46 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 17.
47 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 6.
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2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
auf die Belange der Familie reflektiert. Dabei haben Ver¨ anderungen sozio¨ okonomischer und geistig-kultureller Art auch immer zu Ver¨ anderungen im christlichen Verst¨ andnis von Ehe und Familie gef¨ uhrt. 48 Vor allem der Zweck der Ehe als bloße Zeugungsgemeinschaft wurde in ihrem Wert als unaufl¨ osliche Lebensgemeinschaft betont, auch wenn keine Kinder innerhalb dieser Gemeinschaft geboren werden. 49 Die Familie als Institution erf¨ ahrt dabei in ihren grundlegenden Dimensionen keine ¨ Anderung. Es scheint jedoch sehr deutlich auf, dass sich das kirchliche Verst¨ andnis im Bezug auf die einzelnen Rollen innerhalb der Familie ver¨ andert hat. W¨ ahrend Rerum novarum den autorit¨ aren Vater stark betont und die Mutter auf die h¨ auslichen und m¨ utterlichen Pflichten reduziert, werden diese strikten Zuweisungen in Gaudium et spes relativiert. Es ergeht ein eindeutiger Apell zur W¨ urdigung der Arbeit der Frau in Haushalt und Erziehung und zur verst¨ andnisvollen Teilhabe des Vaters an der Erziehung der Kinder. 50 Mit Mulieris dignitatem wendet sich die Kirche der Rolle der Frau noch einmal im Besonderen zu. Hier steht die Betonung der Gleichheit beider Partner im Vordergrund. 51
2.3 Orientierungslinien f¨ ur eine Ethik der Familie
Die Sozialethik wendet sich der Familie als gesellschaftlicher Institution zu. Sie besch¨ aftigt sich mit den kulturellen Leitbildern von Familie, den der Familie zugewiesenen Aufgaben sowie den damit verbundenen Erwartungen. Zudem reflektiert eine Ethik der Familie die bestehenden sozialen Normen, d. h. die Verhaltensmustern und die innerfamilialen Rollenzuweisungen, die der Familie gegen¨ uber aus moralischem und rechtlichem Anspruch heraus entstehen. 52
F¨ ur eine Ethik der Familie ist vor allem ein Bestimmungsmerkmal der familialen Gemeinschaft herausragend: die Personalit¨ at. Die Familie wird zum Tr¨ ager sozialer, personaler und religi¨ oser Sinngehalte, d. h. sie ist in physischer Hinsicht ver-antwortlich f¨ ur die Weitergabe des menschlichen Lebens, darauffolgend aber auch verpflichtet zur personalen Reifung und Entfaltung der einzelnen Familienmitglieder beizutragen. Menschliche N¨ ahe und pers¨ onliche Vertrautheit setzen den qualitativen Rahmen der Familie als personaler Lebensgemeinschaft. Aus christlicher Sicht besteht die Aufgabe der Familie in erster Linie darin erf¨ ulltes personales Leben zu erm¨ oglichen, dies bedeutet auch F¨ ursorgebereitschaft und Solidarit¨ at unter den Fa-
48 Vgl.:Gruber, Familie und christliche Ethik, 2f.
49 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 50; Das ver¨ anderte Eheverst¨ andnis leuchtet auch in der neuen Fassung des Codex Iuris Canonici (1983) auf: ” Unfruchtbarkeit macht die Eheschließung weder
unerlaubt noch ung¨ ultig (...)“ . Die Ehe beh¨ alt also auch ihren Wert, wenn die Zeugung von Nachwuchs nicht oder nicht mehr m¨ oglich ist. Vlg.: CIC, can. 1084 § 3.
50 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 52; Die Autorit¨ at des Vaters wird hier nicht eindeutig verneint, aber auf Grund der ver¨ anderten Begrifflichkeiten kann im Vergleich zu Rerum novarum durchaus von einer Relativierung der v¨ aterlichen Autorit¨ at gesprochen werden.
51 Vgl.: Mulieris dignitatem, Nr. 7.
52 Vgl.: Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 37f.
12
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
milienmitgliedern. Schließlich kommt der christlichen Familie auch die Aufgabe der Glaubensweitergabe zu. 53
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel 54
Zu Beginn der folgenden Er¨ orterungen ist es unumg¨ anglich, den Begriff der Familie zu definieren, da er in seiner Komplexit¨ at die gesamte Debatte um den Wandel der Familienformen fassen und gleichzeitig f¨ ur die Reflexion der Familie in Hinblick auf die Werbedarstellungen nutzbar sein muss. Gruppe eigener Art“ . 55 In der Ehe sieht K¨ onig den K¨ onig definiert die Familie als ”
Beginn einer Gruppe durch die Vermittlung von zwei Individuen, als Entstehungsbedingung einer Familie. Mit der Erg¨ anzung des Ehepaares durch das Dazukommen der Kinder wandeln sich die Rollen der tragenden Personen vom Gattenpaar zum Elternpaar. Die Familie gr¨ unde nicht in der Ehe, ” wohl aber umgekehrt, da alle
rechtlichen Regelungen der Ehe einzig um der Familie willen getroffen werden. Kurz gesagt: die Ehe gr¨ undet in der Familie.“ 56 Der Unterschied der Familie zu anderen Gruppen bestehe in den engen Zusammenh¨ angen intimer Gef¨ uhle, der Kooperation und der gegenseitigen Hilfe, ” wobei die Beziehungen der Familienmitglieder
den Charakter der Intimit¨ at und der Gemeinschaft innerhalb der Gruppe haben.“ 57 Die Familie wird als Zeugungsgruppe verstanden, wobei dies nicht als das alleinige Wesen der Familie verstanden wird, sondern als die erste ” Stufe zum Aufbau der
sozial-kulturellen Pers¨ onlichkeit“ . Weiter sei die Blutsgemeinschaft nicht allein konstitutives Merkmal der Familiengruppe. Das Verwandtschaftsband gr¨ unde vielmehr in ” dem sozial-moralischen Zusammenhang, der durch die Familiengruppe errichtet wird.“ 58 K¨ onig stellt im Bezug auf die Familie also fest, dass ihr Wesen nicht ausschließlich in der Zeugung und Aufzucht von Kindern besteht (M¨ oglichkeit der Zeugung und Geburt auch außerhalb der Familie), sondern in ihrem Wesen als soziale Institution.
Bei Arn wird die Familie als eine Personengruppe bezeichnet, welche durch Elternschaft verbunden ist. Im Zentrum steht dabei das faktische (vor allem Kinder-, prinzipiell aber auch Alten-) Betreuungsverh¨ altnis, somit verantwortliche soziale El-
53 Vgl.:Gruber, Familie und christliche Ethik, 64-73.
54 Die Entwicklung der Familienformen ist in in der ehemaligen DDR, bzw. den neuen Bundesl¨ andern und der Bundesrepublik Deutschland unterschiedlich verlaufen. Dieses Ph¨ anomen ist auch heute noch erkennbar. In der hier dargestellten Entwicklung wird nicht gesondert auf ostbzw. westspezifische Besonderheiten eingegangen. Sollte hier eine Differenzierung stattfinden, beziehen sich diese auf die Erkenntnisse von Peukert; weiterf¨ uhrend hierzu: Familienformen im Wandel, Opladen 4 , 2002. Im Anhang (S. 361) geht Peukert gesondert auf die Entwicklungen von Ehe und Familie in den L¨ andern der Europ¨ aischen Union ein.
55 K¨ onig, Rene, Materialien zur Soziologie der Familie, 93.
56 K¨ onig, Materialien zur Soziologie der Familie, 96.
57 K¨ onig, Materialien zur Soziologie der Familie, 98.
58 K¨ onig, Materialien zur Soziologie der Familie, 104.
13
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
ternschaft, nicht prim¨ ar die biologische Verwandtschaft. 59 Diese Definition fasst zwar ein entscheidendes Kriterium der Familie, allerdings kann dieser Begriff auf die folgenden ¨ Uberlegungen nicht angewendet werden. Es fehlt die Festlegung auf eine Haushaltsgemeinschaft.
Wird der Begriff Familie zu eng gefasst, z. B. auf die Gattenfamilie beschr¨ ankt, schließt dies die Rede von einem Wandel der Familie von vorn herein aus. Dass ein f¨ ur alle familialen Lebensformen, d. h. Eltern mit ihren Kindern, gleich in welcher Konstellation und welcher Art sozialer Elternschaft, offenstehender Familienbegriff erst in der neueren Geschichte gepr¨ agt wurde, zeigt die Entwicklung der amtlichen Begrifflichkeit von Familie: ” Noch bis 1969 galten unverheiratete Paare mit Kindern
nicht als Familie. Entscheidendes Merkmal f¨ ur eine Einordnung als Familie war die Ehe.“ 60 Heute werden solche Lebensgemeinschaften auch aus rechtlicher Perspektive weitgehend als Familien ber¨ ucksichtigt. Im Zuge dieser Ver¨ anderungen weitete sich der Begriff der Familie auch im gesellschaftlichen Bewusstsein aus. Allerdings war dieser Prozess lange Zeit verbunden mit Diskriminierungen verschiedener Art. An der Entwicklung des amtlichen Familienbegriffs l¨ asst sich die Entwicklung des Definitionskriteriums Ehe hin zur Elternschaft nachvollziehen. Um zu einem m¨ oglichst weit gefassten Begriff von Familie zu gelangen, muss die Definition auf Hauptcharakteristika beschr¨ ankt werden. Diese sind: das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen in einer Haushaltsgemeinschaft. Diese Kurzdefinition darf (wie hier angemerkt werden muss) mit Recht angezweifelt werden, vor allem bei der Einschr¨ ankung auf eine Haushaltsgemeinschaft. Dieser Zusatz mag umstritten sein, zumal man im Fall sogenannter Commuter-Ehen (ein Partner lebt auf Grund beruflicher T¨ atigkeit nur am Wochenende bei seiner Familie) oder in ¨ ahnlich konstruierten F¨ allen trotz getrennter oder zeitlich getrennter Haushalte von einer Familie sprechen kann.
Allerdings scheint die Definition f¨ ur die folgenden Er¨ orterungen, vor allem im Zusammenhang mit den in den thematisierten Werbeformaten angesprochenen Familien, durchaus brauchbar und zweckm¨ aßig, um einen klaren Umriss des Begriffs zu erreichen, der sich bei der bloßen Beschr¨ ankung auf das Zusammenleben von zwei Generationen in v¨ olliger Unklarheit aufzul¨ osen droht. 61 Auf der anderen Seite kann eine weitere Einschr¨ ankung z. B. hinsichtlich demographischer Faktoren nicht erfolgen, da dies die Ausgrenzung einzelner Familientypen zur Folge h¨ atte. Zur weiteren Erg¨ anzung des Begriffs kann lediglich angemerkt werden, dass die Familie eine gesellschaftliche Gruppe darstellt, die allerdings im Unterschied zu anderen Gruppen
59 Vgl.: Arn, Zur Metamorphose des Arbeits- und des Familienbegriffs, 210.
60 Arn, Zur Metamorphose des Arbeits- und des Familienbegriffs, 203.
61 In diesem Falle k¨ amen auch Familien in Frage, bei denen die erwachsenen Kinder bereits einen eigenen Haushalt gegr¨ undet haben. Eltern und Kinder bilden in diesem Fall zwar immer noch eine Familie, allerdings geh¨ oren die Kinder nicht mehr dem elterlichen Haushalt an und sind somit f¨ ur die folgenden ¨ Uberlegungen nicht von Bedeutung.
14
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
ein ihr eigenes Merkmal aufweist: Sie wird stabilisiert durch ein besonderes, d. h. Kooperations- und Solidarit¨ atsverh¨ altnis“ 62 , innerhalb dessen der Familie eigenes, ”
den einzelnen Mitgliedern spezifische und nur f¨ ur sie geltende Bezeichnungen und damit verbundene Rollendefinitionen zugewiesen werden. 63 Eine weitere Formulierung, eine Konsensformel f¨ ur das Leitbild der Familie, die auf diese letzteren spezi-
fisch familialen Eigenschaften aufbaut, ergibt sich aus dem Begriff der ” Lebensgemeinschaft“. Diese Art der Lebensgemeinschaft geht ¨ uber eine verzweckte
wohn- und konsumorientierte Form des Zusammenlebens hinaus, indem die Familie
einen Raum von Privatheit und Intimit¨ at bietet als ” eigenes System“
64
, als Spezialisierung der Familie. ” Das Leitbild der personalen Lebensgemeinschft tr¨ agt schließlich auch deshalb den Charakter einer Konsensformel, weil es offen ist f¨ ur die Pluralit¨ at heutiger familialer oder quasifamilialer Lebensformen.“
65
Ber¨ ucksichtigt man alle Umst¨ ande, die einen Familienbildungs- und -wandlungsprozess beeinflussen k¨ onnen, wie z. B. Geburt, Adoption, Scheidung, Verwitwung, Wiederverheiratung, Pflege, so lassen sich insgesamt 14 verschiedenen Familientypen charakterisieren. 66
Die Tabelle schließt eine weitere Unterscheidung in Stieffamilienverh¨ altnisse nicht ein. Hier wird also deutlich, dass noch weit mehrere Formen m¨ oglich sind. Die Darstellung der verschiedenen Lebens- und Familienformen ist f¨ ur das Verst¨ andnis der vorliegenden Arbeit insofern erforderlich, als nur auf Grund einer eingehenden Analyse der Stellenwert von Ehe und Familie eruiert werden kann. Durch das Aufzeigen
62 Nave-Herz, Familie heute, 5.
63 Z. B. Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Bruder, Schwester, etc.
64 Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 41.
65 Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 42.
66 Vgl.: Nave-Herz, Familie heute, 5ff.
15
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
der Ver¨ anderungen wird die Grundlage vermittelt, von der auch die werbetreibende Industrie bzw. die Werbemacher ausgehen. Werbung setzt n¨ amlich eine genaue Kenntnis des Marktes voraus. Deshalb erfolgt in diesem Kapitel ein ¨ Uberblick zu den
Entwicklungen und Wandlungen der Familie, die zur heutigen Auspr¨ agung familialer Lebensformen gef¨ uhrt haben.
3.1 Familie im historischen Wandel
Zahlreiche familienhistorische Untersuchungen belegen, dass es vor und zu Beginn der Industrialisierung eine außerordentlich große Vielfalt familialer Lebensformen gegeben hat. ” In der deutschen Gesellschaft um 1800 existierten (...) deutlich vonein-ander abgrenzbare und abgegrenzte Familienformen, deren Differenzen offensichtlich an die jeweiligen sozialstrukturellen Positionen gebunden waren. Die Unterschiede wurden durch ein st¨ andisch gegliedertes Familienrecht untermauert.“ 67 Die heute auftretenden Lebensformen d¨ urften schon in dieser Zeit existiert haben, auch wenn sie im Hinblick auf die Lebenslage der Menschen und die kulturelle Bedeutung mit den heutigen Familienformen nur bedingt vergleichbar sind. Alleinerziehende Eltern und Stieffamilien sind also durchaus keine Auspr¨ agungen der heutigen Gesellschaft. 68 Der Unterschied zu fr¨ uheren Generationen besteht haupts¨ achlich in ihrem Zustandekommen und in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Neben den familialen Leitbildern einer bestimmten Zeitspanne existierte also schon immer eine Vielfalt von Familien-formen. Allerdings wird die Vielfalt familialer Lebensweisen heute von der Gesamtgesellschaft gelebt, ohne dass Unterschiede durch st¨ andische Zuweisung vorgegeben sind. Rosenbaum unterscheidet die Familienformen nach Bauernfamilie, Handwerkerfamilie, die Familie in der Hausindustrie 69 , die Familie im B¨ urgertum und die proletarische Familie. 70 Die folgende Darstellung behandelt im wesentlichen die dominanten Leitbilder, die das gesellschaftliche Bild der einzelnen Schichten pr¨ agten bis hin zur modernen Kleinfamilie der Nachkriegszeit.
67 Rosenbaum, Formen der Familie, 15.
68 Vgl.: Beck-Gernsheim, Was kommt nach der Familie?, 21ff.
69 Mit Hausindustrie wurde die Heimarbeit - vor allem in l¨ andlichen Bereichen, also nicht den Regeln der Z¨ unfte unterworfen - verstanden, z. B. Textilarbeiten (Webst¨ uhle), in die die ganze Familie einbezogen wurde und sich damit einen kleinen Nebenerwerb erarbeitete.
70 Weiterf¨ uhrend hierzu: Rosenbaum, Heidi: Formen der Familie, Frankfurt a. Main, 1982.
16
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
ganze Haus“ - Nachfahre des antiken Oikos 71 3.1.1 Das ”
Diese Familien- bzw. Sozialform richtete sich oft nach der gesellschaftlichen Schicht und der damit verbundenen Produktionsweise. Ihr zentrales Merkmal war die ” Einheit von Produktion und Familienleben.“ 72 Vor allem f¨ ur die b¨ auerliche und handwerkliche Lebensweise stellte diese das wichtigste und am weitesten verbreitete Wirtschafts- und Sozialgebilde dar - in der Literatur h¨ aufig als typische Sozialform ganzen Hauses“ bezeichnet. 73 Diese Hausgemeinschaft ¨ des ” ubernahm eine Vielzahl
an gesellschaftlich notwendigen Funktionen, z. B. Produktion, Konsumption, Sozialisation, Alters- und Gesundheitsvorsorge. Innerhalb dieser Hausgemeinschaft dominierte der ” Hausvater“ die allt¨ aglichen Abl¨ aufe und Entscheidungen. Seiner Gewalt unterstanden nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch die Dienstboten bzw. Gesellen oder Lehrlinge. Sie z¨ ahlten in gleicher Weise zum Hausverband. Emotionale Bindungen und Regungen standen in der Regel gegen¨ uber materiellen zur¨ uck, so zum Beispiel bei der Verheiratung der Kinder. Bei diesem ¨ okonomischen Moment wurde die Arbeitskraft des neuen Mitglieds ebenso ber¨ ucksichtigt wie die Mitgift. Diese Art des h¨ auslichen Zusammenlebens st¨ utzte sich also insgesamt großteils auf die materiellen Beziehungsgeflechte einer Produktionsgemeinschaft. Sie wird als der dominante Familientypus der vorindustriellen Zeit gesehen. ” Mit der Ausbreitung
der kapitalistischen Produktionsweise im Verlauf der Industrialisierung und der hiermit verbundenen Trennung von Arbeits- und Wohnst¨ atte b¨ ußte die Sozialform des ,ganzen Hauses‘ enorm an Bedeutung ein.“ 74
Von der Soziologie wurde bis in die 1970er Jahre die Großfamilie (Dreigenerationenhaushalt) als die typische vorindustrielle Haushaltsform in Europa angenommen. Diese These wurde von Mitterauer widerlegt. 75 Der Historiker Gestrich betont, dass komplexe Haushalte (d. h. aus mehreren Familien bestehende und um ledige Perso-
71 DerOikos, das ” Haus“ war die Grundlage der athenischen Gesellschaft. Die B¨ urger wurden nicht als Individuen angesehen, sondern ihr Platz in der Gesellschaft bzw. in der Polis wurde uber die Zugeh¨ origkeit zu einem Oikos definiert. Der Kyrios stand der Hausgemeinschaft vor ¨
und verwaltete sowohl das Verm¨ ogen als auch die politischen und sozialen Beziehungen nach außen. Die Funktion der Oikoi bestand in Produktion (Lebensmittel, Textilien, in erster Linie zur Selbstversorgung), Konsumption und Reproduktion aber auch religi¨ oser und kultischer Hinsicht. Weiterf¨ uhrend hierzu: Krause, Jens-Uwe: Antike, in: Gestrich, Andreas - Krause, Jens-Uwe - Mitterauer, Michael: Geschichte der Familie, Stuttgart, 2003, S. 21-160.
72 Peukert, Familienformen, 21. ¨ 73 Vgl.: Brunner, Das ” ganze Haus“ und die alteurop¨ aische ” Okonomik“ , 103ff. Anmerkung: Das Wort ” Haus“ bezeichnet in beiden biblischen Sprachen (¨ ahnlich wie in der griechischen Antike) zugleich das Geb¨ aude wie die darin wohnhafte Personengruppe und steht unserem Wort ” Familie“ inhaltlich am n¨ achsten. Ein eigener Begriff f¨ ur ” Familie“ existiert nicht.
Das vermag uns zun¨ achst als Warnung davor zu dienen, unsere eigenen Anliegen zu unbesehen
”
in die Bibel zur¨ uckzuprojizieren, und es kann uns umgekehrt daran erinnern, dass unser Konzept von Familie Ergebnis einer neuzeitlichen Entwicklung ist und verschiedene Differenzierungsprozesse zwischen Berufswelt und h¨ auslichem Leben etwa voraussetzt.“ ; Klauck, Hans-Josef: Die Familie im Neuen Testament, in: Bachl, Gottfried (Hg.): Familie leben: Herausforderungen f¨ ur die kirchliche Lehre und Praxis, D¨ usseldorf, 1995.
74 Peukert, Familienformen, 22.
75 Vgl.: Mitterauer, Der Mythos von der vorindustriellen Großfamilie, 38-63.
17
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
nen erweiterte Haushalte) erst als ¨ Uberlebenstrategie der Arbeiterschaft im Zuge der
Industrialisierung zugenommen h¨ atten. 76 Zudem seien Mehrgenerationenhaushalte bereits auf Grund der geringen Lebenserwartung noch im 18. Jahrhundert (durchschnittlich 55 Jahre) ¨ außerst unwahrscheinlich. 77 Seinen Nachforschungen zufolge nahm die Gr¨ oße der Haushalte erst durch erh¨ ohte Kinderzahl im Laufe des 19. Jahr-hunderts auf Grund von Modernisierungen in der Landwirtschaft und in l¨ andlichen Industriegebieten zu. 78
3.1.2 Die b¨ urgerliche Familie - auf dem Weg zur Romantik
Im Zuge der Industrialisierung und des damit verbundenen gesellschaftlichen Differenzierungsprozesses kristallisierte sich zuerst im gebildeten und wohlhabenden B¨ urgertum (hohe Beamte, Unternehmer, Kaufleute) der ” Typ der auf emotional-intime
Funktionen spezialisierten b¨ urgerlichen Familie als Vorl¨ aufermodell der modernen Kleinfamilie heraus.“ 79 Hier konnten Frauen und Kinder in der Erwerbsarbeit entbehrt werden. Peukert nennt f¨ unf zentrale Punkte, durch die sich die b¨ urgerliche Kleinfamilie von der Lebensform des ” ganzen Hauses“ mit seinen multifunktionalen Lebenszusammenh¨ angen unterscheidet: 80
1. Wohnung und Arbeitsst¨ atte sind r¨ aumlich getrennt. Die Produktion findeteine maßgebliche Voraussetzung f¨ ur die Privatisierung des familialen Zusammenlebens - außerhalb der Familie statt.
2. Gesinde und Dienstboten sind r¨ aumlich ausgegliedert und erhalten immer h¨ aufiger Angestelltenstatus.
3. Die b¨ urgerliche Familie bildet einen privatisierten, auf emotional-intime Funktionen spezialisierten Teilbereich. Das Leitbild der Ehe als Intimgemeinschaft hebt - im Unterschied zur relativen Austauschbarkeit der Partner im ”
Haus“ - die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Partners hervor; ” zum zentralen Ehe stiftenden Motiv.
4. Es erfolgt eine Polarisierung der Geschlechtsrollen. Dem Mann wird die Rolle des Ern¨ ahrers zugeschrieben. Die Frau wird aus der Produktion ausgeschlossen und auf den familialen Binnenraum verwiesen. 81
76 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 388.
77 Vgl.: Hettlage, Familienreport, 46.
78 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 388f.
79 Peukert, Familienformen, 22.
80 Peukert, Familienformen, 22.
81 Hier wird deutlich, dass die familiale Rollenverteilung keineswegs immer so klar gegliedert war. Erst mit der Entwicklung der b¨ urgerlichen Familie erlangte sie ihren gesellschaftlich verpflichtenden Charakter, zumindest in den niedrigeren Schichten. In der Großfamilie bzw. der Produktionsgemeinschaft des ” ganzen Hauses“ konnte zwar ein Schwerpunkt der m¨ utterlichen und
v¨ aterlichen Aufgaben zugeschrieben werden, aber f¨ ur den Fortgang der Produktion und damit
18
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
5. Kindheit wird zu einer selbst¨ andigen, anerkannten Lebensphase. Die Erziehung des Kindes wird zur ” ureigensten“ Aufgabe der Frau.
Die Verbreitung des romantischen Liebesideals verbunden mit der Liebesheirat wurde zwar im 19. Jahrhundert zum kulturellen Leitbild, allerdings barg die Praxis eine enorme Diskrepanz zu diesem Ideal. 82 Die Liebesheirat war aus ¨ okonomischen Gr¨ unden nicht lebbar. Die Mehrzahl der b¨ urgerlichen Kinder ging aus rein materiellen Erw¨ agungen nach wie vor Vernunftehen ein. Zum Leitbild der b¨ urgerlichen Kleinfamilie geh¨ ort auch die Polarisierung der Geschlechterrollen, d. h. die Zust¨ andigkeit des Ehemanns f¨ ur den Außenbereich der Familie und die komplement¨ are Zust¨ andigkeit der Ehefrau und Mutter f¨ ur Haushalt und Familie. ” Die b¨ urgerlichen
Familien erlangten ihre historische Bedeutung vornehmlich durch ihre Leitbildfunktion auch f¨ ur andere Schichten.“ 83
Die Herausbildung der b¨ urgerlichen Kleinfamilie bedeutete allerdings nicht, dass diese Form die Gemeinschaft des ” ganzen Hauses“ vollst¨ andig und ruckartig abl¨ oste. In den niedereren Schichten blieb diese Funktionsgemeinschaft noch ¨ uber einen
l¨ angeren Zeitraum bestehen. Je weiter die Industrialisierung fortschritt, desto mehr verlor sie jedoch an Bedeutung und wurde durch die Arbeiterfamilien abgel¨ ost. In diesen Familien konnte jedoch nicht von einer mit der b¨ urgerlichen Familie vergleichbaren Emotionalisierung und Intimisierung von Ehe und Familie die Rede sein. Schon auf Grund der eingeschr¨ ankten materiellen Mittel (niedrige L¨ ohne, notwendige Erwerbst¨ atigkeit der Frauen und Kinder, beschr¨ ankte Wohnverh¨ altnisse) war hier eine romantische Stilisierung des Lebens und der Liebe nicht m¨ oglich. Eine allgemeine Orientierung am Leitbild b¨ urgerlichen Familie l¨ asst sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts konstatieren. Durchsetzen konnte sich dieses Familienbild letztlich nicht, auch wenn es auf Grund sozialer Umschichtungsprozesse (mehr Angestelltenverh¨ altnisse) zun¨ achst so schien, da es bis 1950 - haupts¨ achlich verursacht durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg - nicht gelang, f¨ ur die Mehrheit der Bev¨ olkerung eine ausschlaggebende Verbesserung der Lebensstandards zu erreichen. 84
f¨ ur die Sicherung der Lebensgrundlage trug die Frau wesentlich mehr Mitverantwortung als in anderen Familienformen, in denen die Frau nicht mehr notwendigerweise an der Erwerbsarbeit partizipieren musste. Vor allem in b¨ auerlichen Betrieben konnte die Rolle der Frau nicht nur auf Haushalt und Kindererziehung beschr¨ ankt werden.
Zudem war - im Gegensatz zu heute - die Arbeit im Haushalt mit wesentlich h¨ oherem Auf-wand verbunden und wohl durchaus als ” Full-Time-Job“ anzusehen.
82 Vgl.: Luhmann, Liebe als Passion, 163f.
83 Peukert, Familienformen, 24.
84 Vgl.: Peukert, Familienformen, 20-24.
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3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
3.1.3 Die moderne Kleinfamilie der Nachkriegszeit - Ergebnis des Wirtschaftswunders
Letztlich verantwortlich f¨ ur die ” Etablierung und Generalisierung des modernen,
b¨ urgerlich gef¨ arbten Familienmusters“ 85 ist das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Die Lohnsteigerungen und der Aufbau der sozialen Sicherungssysteme hob die Lebensqualit¨ at der Mittel- und Unterschicht in den 1950er und 1960er Jahren deutlich an. Die moderne Kleinfamilie wurde zur dominanten, massenhaft gelebten ( nor-
”
malen“) Lebensform. Parteien und Kirchen trugen zur Verallgemeinerung dieses Familientyps bei. Das Leitbild der modernen Familie verlangt von jedem Menschen die lebenslange, monogame Ehe. Der Sinn der Ehe erf¨ ullt sich letztlich in der Familiengr¨ undung. 86 Die Ehefrau und Mutter ist prim¨ ar zust¨ andig f¨ ur die emotionalaffektiven Bed¨ urfnisse der Familie und f¨ ur die Haushaltsf¨ uhrung. Dem Vater als Autorit¨ atsperson obliegen die Außenbeziehungen und die instrumentellen Aspekte des Familienlebens. Alternative Formen des Zusammen- oder Alleinlebens werden (bestenfalls) als Not- oder Ersatzl¨ osung toleriert oder sogar diskriminiert (Geschiedene, Nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinlebende). 87 W¨ ahrend der 1950er und 1960er Jahre kann ein H¨ ohepunkt dieser Entwicklung festgemacht werden. In diesem Zeitraum manifestiert sich auch die Rollenverteilung der Geschlechter: Vater - Außenbereich; Mutter - Innenbereich. 88 Die Familie hatte ihre Produktionsfunktion verloren. Dieser soziale Leerraum wurde zugunsten emotionaler Beziehungen aufgef¨ ullt. ” Im Zentrum der modernen oder privatisierten Kleinfamilie stehen intimexpressive Funktionen (die Befriedigung subjektiver Bed¨ urfnisse nach Intimit¨ at, pers¨ onlicher N¨ ahe, Geborgenheit, Sexualit¨ at) und sozialisatorische Leistungen.“ 89 Auch die Kindheit wird mehr und mehr als eigenst¨ andige Entwicklungsphase erkannt und praktiziert. 90 Emotionale Zuwendung und Betreuung - vor allem durch die Mutter - wird zur Regel.
Peukert sieht die Entstehung Kleinfamilie als Ergebnis eines langfristigen ” funktionalen Differenzierungsprozesses von Gesellschaft“
91
an.
92
¨ Altere Gesellschafts-formationen waren eher in Form von Sozialverb¨ anden aufgebaut, die alle Leistungen
85 Peukert, Familienformen, 24.
86 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 483.
87 Vgl.: Peukert, Familienformen, 24f.
88 In der DDR festigte sich der Familientypus in gleicher Form, allerdings ohne die genauen Rollenzuweisungen von Mann und Frau, da die M¨ utter in der Regel genauso f¨ ur den Unterhalt der Familie zust¨ andig waren bzw. einer Erwerbst¨ atigkeit nachgingen wie die V¨ ater. Deshalb entwickelte sich in der DDR im Gegensatz zur BRD ein fl¨ achendeckendes Netz an Kinderbetreuungspl¨ atzen f¨ ur Kinder ab einem Alter von zwei Jahren.
89 Peukert, Familienformen, 25.
90 Weiterf¨ uhrend hierzu: Aries, Phillipe, Geschichte der Kindheit, M¨ unchen 8 , 1988.
91 Peukert, Familienformen, 20.
92 Weiterf¨ uhrend hierzu: Parsons, Talcott: Gesellschaften: Evolution¨ are und komparative Perspektiven, Frankfurt a. M., 1975 und Rothenbacher, Franz: Haushalt. Funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit, in: Zeitschrift f¨ ur Soziologie, Nr. 16, 1987, 450-466.
20
3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
selbst¨ andig erbringen konnten. Im Verlauf der neuzeitlichen Entwicklungen, vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts, entwickelte sich ein differenzierterer Gesellschaftstypus mit eigenst¨ andigen gesellschaftlichen Teilbereichen (Politik, Wirtschaft, Religion, Recht, Wissenschaft). In diesem Zusammenhang ist auch der Strukturwandel der Familie zu sehen.
Die Lebensgemeinschaft der modernen Kleinfamilie ist nach dem Zweiten Weltkrieg zur ” Normalfamilie“ geworden. Keine andere Familienform hat sich jemals so dominant behauptet. Tyrell spricht in diesem Zusammenhang von einer ” institutionellen Dignit¨ at“ von Ehe und Familie. 93 Die Institutionalisierung zeigt sich daran, dass f¨ ur den Einzelnen Eheschließung und Familiengr¨ undung als selbstverst¨ andlich, als Normalverhalten nahe gelegt werden. ” Jeder Erwachsene ist zur Eheschließung
und Familiengr¨ undung nicht nur berechtigt, sondern in gewisser Weise verpflichtet und hat diese soziale Norm im Verlauf seiner Sozialisation internalisiert.“ 94 Zu Beginn der 1960er Jahre lebten ¨ uber 90 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren bei
ihren leiblichen Eltern. Die Heiratswahrscheinlichkeit lag f¨ ur die damals 18j¨ ahrigen M¨ anner bei 96 Prozent, f¨ ur die 16j¨ ahrigen Frauen bei 95 Prozent. 95 Auch heute beherrscht diese Familienform die Vorstellung der Menschen; vor dem Hintergrund der Deinstitutionalisierungstendenzen von Ehe und Familie wird h¨ aufig ihr ” Verfall“ beklagt. In diesem Zusammenhang gibt Peukert zu bedenken: ” Bevor
man ein vorschnelles Urteil abgibt, sollte man bedenken, dass die aktuellen Ver¨ anderungen der privaten Beziehungsformen vor dem Hintergrund einer historisch einmaligen Situation gesehen werden m¨ ussen. Nie zuvor war eine Form von Ehe und Familie so dominant wie in der Nachkriegszeit bis Mitte der 60er Jahre. Die moderne Kleinfamilie 96 als selbst¨ andige Haushaltsgemeinschaft eines Ehepaares mit seinen minderj¨ ahrigen Kindern hatte sich faktisch und normativ (als unhinterfragtes Leitbild) nahezu universell durchgesetzt. Aus Liebe folgte zwingend Heirat/ Eheschließung (. . . ).“ 97 Auf diesem Hintergrund m¨ ussen die Entwicklungen im Bereich der Familien und Lebensgemeinschaften reflektiert werden, was die Dramatik der Ver¨ anderungen in mancher Hinsicht entsch¨ arft.
Angesichts niedriger aber konstanter Heirats- und Geburtenzahlen 98 scheint es in unmittelbarer Zukunft nicht wahrscheinlich, dass sich die abzeichnenden Trends
93 Tyrell, Familie und gesellschaftliche Differenzierung, 13f.
94 Peukert, Familienformen, 25. Peukert geht hier nicht darauf ein, inwieweit Eheschließung und Familiengr¨ undung bereits vorher eine soziale ” Verpflichtung“ dargestellt haben. Ob dies erst seit den 1950er und 1960er Jahren der Fall ist, bleibt ungekl¨ art.
95 Vgl.: Peukert, Familienformen, 26.
96 Die moderne Kleinfamilie bezeichnet bei Peuckert die konventionalisierte Familienform der Nachkriegszeit bis Mitte der 60er Jahre. Im Folgenden wird der Begriff moderne Familie im gleichen Sinn und auf den gleichen Zeitraum bezogen verwendet.
97 Peukert, Familienformen, 9.
98 Statistiker gehen davon aus, dass ca. 60 Prozent der j¨ ungeren Generation heiraten werden; je Frau werden durchschnittliche nur noch 1,4 Kinder geboren; durchschnittlich vier von zehn Ehen werden geschieden.
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Gabriele Merk, 2003, Das gesellschaftliche Leitbild der Familie in der Werbung - sozialethische Reflexionen, München, GRIN Verlag GmbH
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