2
Inhaltsverzeichnis
S. 3
1. Einleitung
S. 4
2. Zur Genese des modernen Nationalismus
S. 5
2.1 Feindbilder
S. 8
3. Die Karikatur als Pressemedium
S. 10
3.1 Zur Wirkungsweise der politischen Karikatur
S. 12
4. Europa und der Deutsch-Französische Krieg
S. 14
4.1 Le Charivari und der Kladderadatsch
S. 16
5. Karikaturen 1870/71
S. 23
6. Schlussbetrachtung
Der deutsch-französische Krieg endete mit der Kapitulation Paris’ am 28.01.1871, förderte entscheidend die seit 1868 stagnierende deutsche Einigungsbewegung und brachte die Proklamation Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser noch während der Belagerung von Paris am 18.01.1871 im deutschen Hauptquartier in Versailles zum Abschluss. Nachdem am 26. Februar 1871 der Vorfriede von Versailles unterzeichnet wurde, folgte am 10. Mai desselben Jahres der Frankfurter Friede, in dem Frankreich sich im Rahmen der Kriegsentschädigungen zu einer Zahlung von 5 Mrd. Francs sowie zu Gebietsabgaben an Deutschland verpflichtete. Nicht zuletzt durch die erzwungene Abtretung der Gebiete Elsass und Lothringen bedingte dieser Krieg ein Zerwürfnis beider Nationen, das von langer Dauer sein sollte. Inwiefern das deutsch-französische Verhältnis durch den Krieg und dessen Ausgang belastet wurde, lässt sich anhand von Ausgaben zeitgenössischer Pressemedien ersehen und durch Beiträge sowohl schriftlicher als auch graphischer Art belegen.
Der in Frankreich zu Beginn der Revolution 1789 gebildete Begriff der „opinion publique“, wurde erst nach Ausbruch der Revolution als „öffentliche Meinung“ ins Deutsche übertragen. Einen derart politischen Einfluss wie in England und Frankreich konnte die öffentliche Meinung in Deutschland jedoch nicht gewinnen. 1
Im Rahmen der Medienrevolution des 19. und 20. Jahrhunderts, aus welcher der Aufstieg der Massenpresse seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts resultierte 2 , hatte die Presse einen enormen Einfluss auf die bürgerliche Öffentlichkeit, die sich derzeit noch in ihrer Konsolidierungsphase befand. In ihrer Eigenschaft als Organ der veröffentlichten Meinung entwickelte sich die Presse alsbald zu einer Einfluss- und Kontrollinstanz 3 , deren Erzeugnisse von der Masse verstärkt rezipiert wurden. In Form der Karikatur war es der Presse möglich eine besonders breite Masse an Rezipienten zu erreichen. Einflussstärke und Wirkungsweise dieser graphischen Darstellung politischer und alltäglicher Sachverhalte sowie deren Vermögen das Nationalbewusstsein zu stärken und den Groll gegen den Feind zu schüren, sollen im Folgenden erklärt werden.
1 vgl. L. Hölscher, S. 1026
2 vgl. A. Schulz, S. 69 u. 82
4
2. Zur Genese des modernen Nationalismus
Der Weg vom Nationalbewusstsein zum Nationalismus, wie er in den europäischen Völkern, insbesondere in Frankreich und Deutschland auftrat, war unablässig verwoben mit der Begrifflichkeit des Feindes. Einem roten Faden gleich zieht sich der Begriff des Feindbildes durch die Geschichte des Nationalismus, jenem übersteigerten Nationalbewusstsein, das einzig die Macht und Größe der eigenen Nation gelten lässt.
Erste Ansätze eines Nationalbewusstseins, die bereits zu Zeiten der Renaissance sichtbar wurden, nahmen im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts, bedingt durch innenpolitische Differenzen, deutlichere Strukturen an. Jene innenpolitischen Differenzen entstanden im Frankreich des 17. Jahrhunderts zwischen Adel und Bourgeoisie im Hinblick auf die Frage, wodurch sich die französische Nation definiere. Zwei Klassen von Menschen traten an, um den Begriff der Nation für sich zu beanspruchen:
Während der französische Adel sich auf die Eroberungen der aristokratischen Ahnen berief, argumentierte die Bourgeoisie mit ihren eigenen Vorfahren, den Gallo-Romanen, in dessen Besitz jenes Land vor der angeführten Eroberung lag. Eine derartige Abgrenzung zwischen Adel und Bürgertum lässt sich auch im Deutschland des 18. Jahrhunderts beobachten, allerdings entsprang diese Kluft einem anderen Motiv. Das deutsche Bürgertum, insbesondere Künstler und Literaten, die sich gegen die französische Konkurrenz benachteiligt sah, nahm Anstoß an der vom französischen Hofzeremoniell geleiteten deutschen Aristokratie. 4
Wenngleich der jeweilige soziale Konflikt zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Klassen unterschiedlichen Ursprungs war, führte er dennoch zu gleichem Ergebnis - einem Paradigma, das später auf internationaler Ebene zum „Ausdruck nationaler und kultureller Gegensätze zwischen Deutschland und Frankreich“ 5 wurde. Selbstbild, Fremdbild bzw. Feindbild und Nationalgefühl bzw. Nationalbewusstsein entwickelten sich mit wechselwirkendem Einfluss parallel zueinander, wobei letzteres im 19. und frühen 20. Jahrhundert von nichts als Kriegen geprägt worden zu sein scheint, so prangert Jeismann nahezu an, und
3 vgl. E. Conze, S. 131
4 vgl. M. Siebe, S. 9
5 vgl. M. Siebe, S. 10
5
sieht den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 von den Franzosen „wie selbstverständlich als Fortsetzung der Befreiungskriege verstanden.“ 6 Tatsächlich war der Nationalismus, der die eigene Nation absolut setzt und damit die Existenz anderer Nationen bedroht, charakteristisch für die Zeit des Imperialismus sowie für die Zeit zwischen den Weltkriegen. Das Nationalbewusstsein der europäischen Völker, die noch keinen eigenen Nationalstaat besaßen, orientierte sich zunächst an Sprache, Kultur, Abstammung und an ihrer historischen Rolle im Verhältnis zu anderen Völkern und führte schließlich zu den Nationalstaatsgründungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ein entscheidendes Merkmal für das Nationalbewusstsein ist die Überzeugung von der Anders- und Besonderheit der eigenen Nation im Vergleich zu allen anderen Nationen. Durch die Hervorhebung von Gegensätzlichkeiten lässt sich eine derartige Ansicht, aber auch die Herausbildung eines Feindbildes umstandslos herbeiführen. Polarisierung und die damit verbundenen adversativen Wahrnehmungsmuster können als Hauptursache für die Entstehung von Feindbildern angesehen werden.
2.1 Feindbilder
Feindbilder, die im Aufkeimen des Nationalgefühls und -bewusstseins, im Zuge der Entstehung des Nationalismus auftauchten, scheinen seit ihrem Ursprung von jähem Bestand zu sein. Selbst in Friedenszeiten waren jene negativen Fremdbilder in den Köpfen der Menschen, einem Virus gleich, latent vorhanden. Metaphorisch beschreibt Jeismann diesen Zustand als „Überwinterung des Feindes“, die mit Beginn jeden neuen Krieges endet und die Figur des Feindes „als alte, vertraute Figur, gekleidet nach der neuesten politischen Mode“ erscheinen lässt. 7 Auch bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 wurden die eher unbewusst vorhandenen Feindbilder mit Augenmerk auf die Befreiungskriege kurzerhand übernommen. Sowohl für Deutschland als auch für Frankreich war der Feind mehr als nur Ergebnis der Polarisierung. Er war „konstitutives Element“ des
6 vgl. M. Jeismann, S. 161
7 ebd. S. 161
6
Nationalbewusstseins, und stärkte den „Verheißungscharakter des Nationalen“ gerade weil seine Existenz als „Hindernis nationaler Erfüllung“ galt. 8 Sich auf die Nation zu berufen, war daher ein wirksames Mittel, um die Bevölkerung zu mobilisieren. 9 Bei Ausbruch des Krieges kam dem französischen Regime Napoleons III. dieses Mittel sehr gelegen, um die Frage, wessen Krieg dies eigentlich sei, beantworten zu können. Indem die Nation, die Ehre und Interessen Frankreichs, in den Augen des französischen Volkes zum Handlungssubjekt des Krieges wurde, richteten sich Selbstbild, Feindbild und die dazugehörigen Paradigmen entsprechend aus. 10
Der Prozess der Nationalisierung, verbunden mit Militarisierung und dem Streben nach Waffenruhm, wurde durch die Öffentlichkeit noch weiter forciert, indem politische Köder ausgelegt wurden, welche die Gesamtheit aller Lager, ob „katholisch, liberal, royalistisch oder revolutionär“ ansprachen. 11 Die Mobilisierung des Volkes und die Entfachung eines gewissen Enthusiasmus konnten, wenn auch nur von kurzer Dauer, durch diese napoleonische Verbindung bewirkt werden. Schwerlich zu sagen, ob dieser Zustand hätte erhalten werden können, wenn die Franzosen im Sommer 1870 nicht eine Niederlage nach der anderen hätten verkraften müssen. Der Zusammenhalt der Nation schrumpfte, das Ziel der Nationalisierung verschwand, Passivität kehrte ein, und man verstand sich als Opfer der bonarpartistischen Politik. Eine Art Entlastungsfunktion „machte Napoleon zum Schuldigen des unglücklich verlaufenen Krieges.“ 12 Da der Versuch der Nationalisierung durch Militarisierung kläglich gescheitert war, galt es jetzt, nachdem das Kaiserreich Frankreich nicht mehr existierte, ein politisches Ziel für den Krieg zu finden. Die Nationalisierung durch Politisierung, die bereits in der Französischen Revolution Erfolge verzeichnen konnte, wurde nun mit der Republik und dem Volk als Handlungsträger in die Wege geleitet. Die Republik Frankreich kämpfte nun sowohl gegen das Empire als auch gegen Preußen an. Als eine Idee des Fortschritts und der europäischen Zivilisation erkannte Victor Hugo diesen getroffenen doppelten Minimalkonsens. 13 Da der französische Zivilisationsbegriff, der Bildung, Unterricht, Gewerbefleiß und Ackerbau in sich vereinte, das Zentrum darstellte, von dem aus Selbst- und
8
vgl. M. Jeismann, S. 374/375
9 vgl. M. Siebe, S. 11
10 vgl. M. Jeismann, S. 173
11 ebd. S.175/177
12 ebd. S. 173/174
Arbeit zitieren:
Yvonne Vitt, 2002, Zur Bedeutung der Karikatur als Pressemedium in der öffentlichen Meinung des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Annexion Elsass-Lothringens im Deutsch-Französischen Krieg 1870-71, München, GRIN Verlag GmbH
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