Inhalt
1. Einleitung. 1
1. Who is Who? 2
2. Machtkampf? „Chirurgi“ und „Medici“ 3
1. Freibrief: „mag jederman dem andern helffen“ 3
2. Krise: „soll keiner dem andern Eingriff thun“ 4
3. Teamwork: „in brüderlicher Harmonie“ 7
3. Niederlage: Wundärzte zwischen den Fronten. 9
1. Internes: Bader contra Barbier. 11
4. Schlussbemerkungen. 12
5. Literaturverzeichnis. 14
1. Literatur. 14
2. Quellen 15
1. Einleitung
Der Arzt der Gegenwart ist meist ein hochangesehener Gesundheitsdienstleister mit akademischer Laufbahn und immer ein Spezialist auf seinem Gebiet. Doch neben den akademischen Ärzten, den Medici, wie sie sich nannten, stand das Gesundheitswesen in der frühen Neuzeit auf einem zweiten Bein, das so gar nicht in unser heutiges Ärzteverständnis passt: Der Wundarzt, er entstammte den Badern und Barbieren, war ein handwerklich organisierter Arzt. Für ihn galt Ordnung und Gesetz seiner Chirurgenzunft. Seine medizinischen Fertigkeiten wurden vom Meister an den Gesellen weitergegeben, ganz so wie es auch ein Schmied oder Maurer tat. Diese, oft fälschlicherweise als Laienärzte bezeichneten Wundärzte, deckten in weiten Teilen die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung ab. Vom Aderlass bis zur Amputation kümmerten sie sich um einen Großteil der Krankheitsbilder, mit denen die frühneuzeitliche Bevölkerung Kontakt hatte 1 .
Wundärzte sind seit dem 19. Jahrhundert aus dem Alltag verschwunden und gingen voll in einer akademischen Laufbahn auf. Wichtige Weichenstellungen ihrer Entwicklung nahmen im 16. Jahrhundert ihren Lauf. Von da an kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen gelehrtärztlichen und wundärztlichen Interessen, die sowohl direkt als auch über die Obrigkeit geführt wurden. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, welche Dienstleistungen und Kompetenzen die jeweiligen Lager für sich beanspruchen konnten. Konkret also wer welche Art von Krankheiten und Verletzungen behandeln durfte und wer in medizinisches Fragen gesetzgebende Instanz war. Viele Quellen belegen diese Entwicklung, vor allem ab dem 18. Jahrhundert nimmt ihre Dichte stetig zu.
Den Machtkampf zwischen akademischer und handwerklicher Medizin soll diese Analyse beleuchten. Hier ist zu beantworten, welche Art von medizinischen Leistungen die jeweiligen Lager für sich beanspruchten. Danach soll anhand vorhandener Literatur und Quellen untersucht werden, ob sich überhaupt eine ausgeprägte Konkurrenzsituation entwickelt hat oder ob vielmehr ein Austausch unter den Berufsgruppen dominierte. Es stellt sich folglich die Frage, aus welchen Gründen es zu dieser Situation in den vorzufindenden Ausprägungen kam. Ein besonderes Augenmerk soll schließlich auch auf die Rolle der Obrigkeit in diesem Auseinandersetzung gelegt werden. Am Ende soll aus den gewonnenen Erkenntnissen die Frage beantwortet werden, ob und wie weit dieser Disput mit dem allmählichen Verschwinden der Wundärztzünfte in Verbindung steht.
1 Vgl. Widmann, Martin / Mörgeli, Christoph: Bader und Wundarzt. Medizinisches Handwerk in vergangenen Tagen, Zürich 1998.
Einleitung 1
Da sich die vorhandene Literatur meist lokal- und regionalgeschichtlich mit dem Thema auseinander setzt, können die Antworten auf diese Fragen aller Erwartung nach zu keinen allgemein gültigen Feststellungen gelangen. Um dennoch ein differenziertes Ergebnis zu erhalten, werden die Fragestellungen aus Sicht der Schweizer Regionalgeschichte betrachtet und den Entwicklungen im süddeutschen Raum gegenübergestellt. Am Schluss kann so eine größere Bandbreite an Entwicklungen beurteilt werden. Es wird belegt innerhalb welcher Grenzen sich Arzt-Wundarzt Beziehungen abspielten.
Insgesamt ist bei der Analyse Vorsicht geboten. Wundärzte sind in der von akademischen Medizinern dominierten Geschichte der Medizin lange Zeit weitgehend ignoriert und missinterpretiert worden. Erst in der jüngeren Forschung werden erste Schritte unternommen dieses nicht-akademische Kapitel der Medizingeschichte zu erforschen 2 . Deshalb muss aber auch Literatur zu diesem Thema, vor allem von Medizinern verfasste, auf eventuelle Befangenheit überprüft werden. Eine gelungene Analyse - zudem mit umfangreichem Quellen- und Datenmaterial - findet man in den Werken von Sabine Sander und Urs Leo Gantenbein 3 . Sie bilden deshalb einen roten Faden in dieser Untersuchung.
1. Who is Who?
Handwerklich organisierte Ärzte übten in der frühen Neuzeit eine schwer überschaubare Anzahl von Heilmethoden aus. Genauso verwirrend und vielfältig sind auch die Berufsbezeichnungen die sie sich gaben. Chirurgen, Scherer, Barbiere, Wund- und Schnittärzte boten eine mehr oder weniger ähnliche Palette an Leistungen an. Trotz der Gefahr die Grenzen zerfließen zu lassen wird im Folgenden zur besseren Verständlichkeit die Bezeichnung Wundarzt allgemein auf alle Arten von Handwerkschirurgen, die in Zünften oder zunftähnlichen Gesellschaften organisiert waren, angewendet. Sie führten Operationen durch und absolvierten keine akademische Ausbildung. Im Gegensatz hierzu werden Ärzte mit akademischer Ausbildung als „Medici“ oder „Physici“, auch „Doctores“ bezeichnet, um eine deutliche Abgrenzung gegenüber den handwerkenden Wundärzten zu ermöglichen. Um Missverständnissen vorzubeugen werden die korrekten Bezeichnungen teilweise angemerkt. 4
2 Vgl. Sander, Sabine: Handwerkschirurgen. Sozialgeschichte einer verdrängten Berufsgruppe, Göttingen 1989, S. 12.
3 Gantenbein, Urs Leo: Schwitzkur und Angstschweiss. Praktische Medizin in Winterthur seit 1300, Winterthur 1996, S. 320.
4 Sander: Handwerkschirurgen. (1989), S. 11 und S. 245. Die Autorin verfährt ähnlich, verwendet allerdings den Überbegriff „Handwerkschirurgen“. Wegen der Gleichbedeutung „cheirourgia“(griech.) = Handwerk, wird der Begriff Wundarzt bevorzugt.
Einleitung 2
Noch anfangs des 15. Jahrhundert war die Ausübung medizinischer Tätigkeiten in der Schweiz und in Süddeutschland kaum reglementiert. Dies betraf auch die wundärztliche Medizin. 1431 erlaubte der Züricher Rat: „ Es mag jederman dem andern helffen [...] und [...] zu sinem gebresten raten [...],daran die Scherer nieman sumen sullent 5 “. In den Augen der Medici und Wundärzte war bei solcher Freizügigkeit in medizinischen Fragen allerdings ein Eingreifen nötig, denn eine ganze Reihe von unausgebildeten Heilern teilte sich mit ihnen den Gesundheitsmarkt. Ab dem 16. Jahrhundert herrschte eine regelrechte Gründerzeit. Allerorten wurden die Wundärzte in Zünften und Gesellschaften organisiert und umfassende Zunftordnungen regelten die Ausbildung und Ausübung dieses Berufs. So erlangten die Scherer im schweizerischen Winterthur 1591 mit einer frühen „Scherenordnung“ weitgehende Autonomie 6 und errichteten ein Quasi-Monopol für „aderlassen, bartabscheren, harabhouwen“ 7 . Gemeint waren die so genannten äußeren Krankheiten. Heutzutage würde man diese medizinischen Leistungen als Aderlassen, Schröpfen, Behandlung von Wunden und Brüchen, Amputationen und Behandlung von Geschwulsten zusammenfassen 8 . Mit dieser „Scherenordnung“ wurde den Wundärzten, zu dieser Zeit hießen sie noch Bader, Scherer, Barbiere, ein alleiniges Recht zur „Curierung“ dieser Krankheiten eingeräumt. 1597 folgte übrigens die Zürcher Landschaft mit ihrer „Landscherenordnung“, 1651 konnten sich auch württembergische Wundärzte in einer „Bader- und Barbierordnung“ Recht verschaffen.
Die Vermutung, dass diese Monopolbildung zu einer direkten Konfrontation zwischen Wundärzten und gelehrter Medizin führte, liegt nahe. Wie sich zeigen wird ist das für diese Zeit ein Irrglaube. Die Medicis und Physicis hatten zunächst ein eigenes Monopol auf die inneren Krankheiten errichtet. Dies schloss Krankheiten ein, die ohne direkt sichtbare Veränderungen oder Verletzungen auftraten und mit Medikamenten und Tränken kuriert werden sollten. Den Parteien lag folglich vielmehr daran, eine soziale Hierarchie und gefestigte Grundstrukturen aufzubauen. Für ein
5 Nabholz, Hans: Die Zürcher Stadtbücher des XIV und XV Jahrhunderts. Bd. 3, Leipzig 1906, S. 47.
6 Diese Autonomie darf nicht überbewertet werden, schließlich standen die Zünfte vielerorts unter Aufsicht eines studierten Stadtmedici. Wohl aber legte sie einen Grundstein zur geregelten Ausübung des Handwerks.
7 Die Scherenordnung der Stadt Winterthur. Staatsarchiv Winterthur AH 98/1/1/Bar, 26.2.1591, in: Gantenbein: Schwitzkur (1996), S. 320.
8 Vgl. Brändli, Sebastian: Die Retter der leidenden Menscheit. Sozialgeschichte der Chirurgen und Ärzte auf der Zürcher Landschaft. 1700 - 1850, Zürich 1990, S. 55.
Machtkampf? „Chirurgi“ und „Medici“ 3
Arbeit zitieren:
Hagen Schönherr, 2003, Machtkampf um Blut und Körper - Rivalität und Zusammenarbeit zwischen gelehrter Medizin und Handwerksärzten in der frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Preußischen und Bayerischen Militärreformen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Konfessionalisierung vs. Säkularisierung?
Zur Rolle der Religion im Proz...
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Wandel als Widerspruch - Angriffe auf die dialektische Philosophie zu ...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Die Geschichte der DDR in ihren Grundzügen
Politik - Politische Systeme - Historisches
Hausarbeit, 24 Seiten
Der Augsburger Religionsfrieden und seine Folgen - Die Auseinandersetz...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Theseus als Nationalheld der Athener
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 21 Seiten
Roms Aufstieg zur Seemacht im Ersten Punischen Krieg
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 15 Seiten
Die SED zwischen dem VI. und VIII. Parteitag
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Auswirkung der Niederlagen bei Jena und Auerstedt
Preußische Heeresreform
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit, 24 Seiten
Das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaf...
Vorbedingungen und Kerngedanke...
Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Exegese: Die Heilung eines Gelähmten und die Heilung eines Blinden bei...
Theologie - Biblische Theologie
Seminararbeit, 26 Seiten
Die Reform der gymnasialen Oberstufe von 1972 - Die Beschlüsse und die...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Verlauf des Ersten Punischen Krieges
Vom Kampf um Messana bis zum L...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Referat (Ausarbeitung), 21 Seiten
Die Verhandlungen zum Augsburger Religionsfrieden von 1555
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 17 Seiten
Hagen Schönherr hat den Text Machtkampf um Blut und Körper - Rivalität und Zusammenarbeit zwischen gelehrter Medizin und Handwerksärzten in der frühen Neuzeit veröffentlicht
Hagen Schönherr hat einen neuen Text hochgeladen
Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und Früher Neuzeit
Bernhard Dietrich Haage, Wolfgang Wegner
Repräsentationen der islamischen Welt im Europa der Frühen Neuzeit
Gabriele Haug-Moritz, Ludolf Pelizaeus
Selbstverwaltung in der Geschichte Europas in Mittelalter und Neuzeit
Tagung der Vereinigung für Ver...
Helmut Neuhaus
Der Patient und sein Behandler
Die Perspektive der Medical Hu...
Dominik Groß, Michael Rosentreter
0 Kommentare